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German Review - A journal of Germanic Studies

Johann Beers Die kurzweiligen Sommer=Täge und die Tradition des Pikaresken Romans.
Eine vergleichende Analyse.
Martina E. Eidecker
I Einleitung

Die hier vorliegende Arbeit macht es sich zur Aufgabe, den Text Johann Beers Die kurzweiligen Sommer=Täge1
in ein Verhältnis zur pikarischen Romantradition zu setzen und ihn auf
dem Hintergrund dieser Tradition zu bewerten. Wenn ein solcher
Vergleich gelingt, ist es möglich, Aussagen daröber zu machen, auf
welche Weise mit der Form des Pikarischen gespielt wird, welchen
Zwecken die Form dienen kann und inwieweit ihre jeweilige Ausgestaltung
das Anliegen der Zeit ausdröckt. Es kann so auch möglich werden, öber
die Form des Romans als literarische Gattung zu reflektieren, die ja
noch bis weit ins 18. Jahrhundert als nicht gleichberechtigt gegenöber
dem Drama und der Lyrik betrachtet wurde.
Um dieses zu erreichen, ist es notwendig, zunächst zu definieren, was
hier unter dem Pikarischen zu verstehen ist. Da die Forschung sich
schon seit langem um eine solche Definition bemöht, soll hier zunächst
ein kurzer Forschungsbericht gegeben werden, auf dessen Hintergrund
dann methodisch abgesichert eine Bewertung der Kurzweiligen Sommer=Täge versucht werden soll.
II Der Pikaro- oder Schelmenroman

Will man nicht Gefahr laufen, eine allzu weite oder allzu enge
Begriffsbestimmung des Pikarischen vorzunehmen, ist es unabdingbar, auf
die klassischen Pikaroromane und ihre inhaltliche und formale Struktur
hinzuweisen und diese als Maßstab zu benutzen, um dann Abweichungen von
dieser klassischen Form herauszuarbeiten und in ihren Funktionen zu
bestimmen.
Pellon und Rodriguez-Luis sprechen von zwei Hauptströmungen innerhalb der Definition des Pikarischen:
We might call the first approach "extrinsic" or "historic" because it
tends to see picaresque narrative primarily in its historical context:
as a segment in the development of the novel and as an episode in the
social and literary history of Spain. It is primarily positivistic and
sees picaresque fiction as a predominantly "closed" phenomenon.
Conversely, the second approach is "open" because it tends to lift
picaresque narrative out of its geographical location in space and its
historical location in time and sees it as a developing and influential
form or convention which the novelist has at his disposal, or as a
tradition inside of which he may work and on which he may build.2
För die ältere Forschung läßt sich belegen, daß sie "historisch"
vorgeht, aber in den letzten Jahren wird mehr und mehr der Versuch
gemacht, die Elemente zu benennen, die man als "pikarisch"3
bezeichnen könnte, um in einem weiteren Schritt herauszuarbeiten, auf
welche Weise diese Elemente in den Romanen bis zum Ende des 20.
Jahrhunderts erscheinen. Ulrich Wicks hat sich intensiv mit der Frage
des Umgangs mit den uns vorliegenden pikaresken literarischen
Dokumenten befaßt und kommt in seinem Forschungsbericht zu folgendem
Ergebnis:
Parker focuses on the very segment of picaresque fiction
which all of the critics we have mentioned focused on, though his study
is comparative and thus not restricted to Spanish literature alone. His
thesis is "to suggest that an important section in the history of the
European novel needs to undergo revision." It is the vagueness of the
term "picaresque" and what he finds included in the category—as well as
excluded from it—that concern Parker, and he attempts to refocus the
picaresque novel. His first step is to reject "rogue" as an equivalent
for picaro. The second approach is ahistorical because it tends to
deemphasize them in favor of what can be learned about picaresque
fiction from the works themselves and not from their contexts in time
and place. [...] The nature of the picaro and his psychology,[4]
the concept of the "hero" in picaresque fiction, and studies of the
picaresque personality—all become legitimate subjects of inquiry apart
from the specific social context. [...] One of the central concerns of
this second tendency in the criticism on picaresque fiction is the
concept of a picaresque tradition and continuum. [...] Is there a
narrative form that can be called "picaresque" apart from (though not
denying) complicated literary-historical ties to a particular place,
time or cultural milieu? Is there a distinction to be made between the
picaresque genre (historical) and the picaresque narrative tradition
(ahistorical)? The focus is no longer exclusively Spanish; it becomes
comparative and ranges from strict confinement of direct influences
between literatures on the one hand, to the vague popular usage of the
term in contemporary criticism—where almost all historical context is
lost—on the other.5
Diese These ist nicht ganz so neu: Verschiedene Autoren haben schon am
Ende der 60er Jahre eine Neubestimmung des Begriffes und auch eine
Neubestimmung des germanistischen Standpunktes bezöglich dieser Frage
unternommen.
Claudio Guillén versucht eine ausgesprochen differenzierte Analyse des
Pikaresken und trifft eine Unterscheidung von vier verschiedenen, aber
eng miteinander verbundenen Aspekten der Betrachtung:
...erstens der Gattung des Pikaresken, zweitens einer Gruppe von
Romanen, die gewöhnlich in Übereinstimmung mit dem ursprönglichen,
spanischen Vorbild stehen und die im strengen Sinne des Wortes als
pikaresk zu bezeichnen wären, drittens einer Gruppe von Romanen, die
nur im weiteren Sinne pikaresk genannt werden können, und viertens und
letztens dem Mythos des Pikaresken, einer aus den Romanen selbst
abgeleiteten Grundsituation, bzw. eines Bedeutungsgeföges.6
Daß man es eigentlich schon bei den spanischen "klassischen"
Pikaroromanen mit einer Gattung zu tun hat, die sich selbst aus
gewissen literarischen Traditionen ableitet – man denke sowohl an den
antiken Roman als auch an das mittelalterliche Epos7
– rechtfertigt eine Vorgehensweise, die sich einem modernen, offeneren
Begriff des Pikaresken verschreibt, denn schon die ersten deutschen
Pikaroromane mössen als Varianten ihrer spanischen Vorbilder begriffen
werden.
Was nun aber diese pikarischen Charakteristika sind, läßt sich zunächst
wie folgt umreißen: Es handelt sich grundsätzlich bei den ersten
pikarischen Romanen um fiktive Autobiographien, die in der
Retrospektive erzählt werden. Fast immer entsteht dabei ein
vertrauliches Verhältnis zwischen Leser und Erzähler8.
Der Bau der Romane ist offen. Das heißt aber nicht, daß die
Pikaroromane strukturlos sind. Auch wenn alle Autoren von
Episodenhaftigkeit sprechen und manche glauben, man könne die Episoden
beliebig einfögen oder auslassen, denke ich, daß gerade die tatsächlich
auffällige Episodenreihung9 selbst ein Strukturprinzip
darstellt, denn das Leben des Picaro oder der Picara wird ja als Folge
von Episoden dargestellt und nicht als zusammenhängende, einer Synthese
zustrebende Entwicklung. Dieser Offenheit im Aufbau steht aber – und
darauf ist in der Forschung wiederholt hingewiesen worden10
– eine geschlossene Ideologie gegenöber: Der Lebensbericht ist linear
angelegt, seine Raumbewegung ist horizontal, die Gesellschaft, die
beschrieben wird, wird vertikal durchwandert11, ist sie doch
auch vertikal aufgebaut. Der Blick des Ich-Erzählers im klassischen
Pikaroroman ist von unten nach oben gerichtet. Der Ich-Erzähler, der
sich oft seiner Herkunft gar nicht so sicher sein kann, aber in den
meisten Fällen den unteren Schichten entstammt, berichtet ab ovo,
von Anfang bis Ende, wobei er von dem Standpunkt seines persönlichen
Lebensendes als reflektierender Autobiograph spricht. Dadurch entsteht
eine Doppelperspektive, die dem didaktischen Anspruch des Pikaroromans
entgegenkommt: Auf der einen Seite wird das turbulente Leben erzählt,
was oft unterhaltenden Charakter hat – nämlich den Zweck einer
"verzuckerten Pille"12 erföllt – und so dem Prinzip des delectare
entspricht, wobei der Genuß am Lesen aber scheinbar der didaktischen
Funktion untergeordnet ist, was im Gegensatz zur aristotelischen Poetik
oder der des Horaz steht, wo beide Funktionen als gleichwertig
verstanden werden. Auf der anderen Seite steht die Perspektive des nun
gealterten und an Erfahrungen reicheren Erzählers. Damit wird die
moralische Mission erföllt. Man könnte hier auch poetologisch vom prodesse sprechen.
Die beschriebene Doppelperspektive erföllt noch eine weitere Funktion:
Sie ermöglicht Satire und Mehrdeutigkeiten, spielt mit den Begriffen
von Wahrheit und Wirklichkeit, die eben nicht mehr unreflektiert im
Raum stehen, kann komplexes Wissen öber die Welt vermitteln und
suggeriert zu Zeiten epische Allwissenheit, die aber manchmal eine
Störung erfährt, womit Distanz zum Berichteten geschaffen werden kann
und in vielen Fällen das satirische Element in den Roman eindringt. Was
satirisch entlarvt wird, ist die Dichotomie von Schein und Sein, ein
weiteres antithetisches Konstrukt des Barock.
Das Fortuna-Motiv wie auch das Thema der Unsicherheit und
Unbeständigkeit des menschlichen Lebens findet sich in den
Schelmenromanen bis ins 20. Jahrhundert hinein. Miller glaubt, die
Struktur der Schelmenromane unterstötze den Inhalt: "It reflects a
total lack of structure in the world, not merely a lack of ethical or
social structure"13.
Trotz aller Reflektiertheit des Helden kann man aber nicht von einer
wirklichen Entwicklung sprechen. Das erzählende Ich ist zwar
welterfahren und zur Selbsterkenntnis fähig, bleibt aber immer
typenhaft. Es wird keine Entwicklung durchgemacht, höchstens eine
Verwandlung14, die sich zumeist als Bekehrung beschreiben läßt.15
In allen Schelmenromanen besteht ein Konflikt zwischen Held und
Gesellschaft. In der Sekundärliteratur wird der Held – oder besser
Anti-Held – deshalb häufig als "outcast" bezeichnet. Das stimmt aber
nur begrenzt, denn der Pikaro bleibt immer Teil der Gesellschaft und in
Auseinandersetzung mit ihr, bis er der Welt Adieu sagt und zum
Einsiedler wird16.
Zum Teil nutzt er diese regelrecht aus und erlaubt sich mit ihr einen
Spaß. Dieser Spaß ist aber kein Selbstzweck; auch er dient der
Desillusionierung und Entlarvung gesellschaftlicher Verhaltensweisen
und Bedingungen. Damit wird die Gattung des Schelmenromans zum
"konkurrenzfähigen Medium der Erkenntnis"17. Daß diese
Romanform in ganz Europa ungefähr zeitgleich angenommen und adaptiert
wurde, wird als weiteres Indiz för die Relevanz dieser Form begriffen.
III Beers Die Kurzweiligen Sommer=Täge im Vergleich

Die Kurzweiligen Sommer=Täge Beers18 sind Teil des Doppelromans, der aus diesem Roman und dem Roman Die teutschen Winter=Nächte besteht19, die beide unter dem gleichen Pseudonym veröffentlicht wurden und deshalb auch die Willenhag-Dilogie
– nach dem "Verfasser" Wolfgang von Willenhag – genannt werden. Auch
die Figurenkonstellation und das Lokalkolorit sind identisch und
schaffen eine äußere Zusammengehörigkeit der Romane20. Das Vagantenleben, das in den Deutschen Winter=Nächten
geschildert wird, wird zumeist aufgenommen, wenn persönliche Krisen
anders nicht lösbar scheinen. Hochzeiten, auf denen die
Lebensgeschichten verschiedener junger Leute des Kreises vorgetragen
werden, scheinen demgegenöber immer am Ende einer Krise zu stehen. Die
Einsiedelei wird als bloßes Spiel betrieben, ebenso wirken die
moralischen Einlagen wie bloßer Zierat, von dem man sich noch nicht
ganz verabschieden kann. Auch der auf dem Titelblatt angeköndigte
moralische Nutzen der Lektöre kann nicht davon ablenken, daß es sich
nur noch um die Einhaltung gewisser stilistischer und formaler
Prinzipien handelt, nicht mehr aber um ein vom Autor ernstgenommes
Bedörfnis nach moralischer Belehrung des Lesepublikums.
Das Leben der Gesellschaft aus adeligen Kreisen ist bunt und lebhaft,
durchsetzt von Liebesgeschichten und -abenteuern, die vermischt sind
mit Berichten von Streichen aus dem Vorleben, Abenteuern aller Art und
kuriosen Begebenheiten. Der Autor, der sich selbst immer auch in die
Vorgänge einbringt, durchlebt zwar eine Phase des Wunsches nach Röckzug
aus der Welt, die er aber nie endgöltig verläßt. Das Eremitendasein
selbst ist nur eine Fortsetzung unterhaltsamer Tätigkeiten. Diese sind
Mittel, dem Geföhl der Langeweile, aber auch dem der Melancholie zu
entfliehen, welche eine wirkliche Bedrohung des Wohlergehens der
Figuren darstellen, nicht mehr aber Krieg, Not, Leiden, Hunger und Tod,
wie sie in den pikarischen Schriften eines Grimmelshausen geschildert
werden. Die Gesellschaft junger Adeliger, welche die nur manchmal
pikarisch anmutenden Lebensschilderungen der Besucher als Unterhaltung
begreifen, versuchen am Ende aber, diese Personen in ihren Kreis zu
integrieren, um eine mögliche Bedrohung – sei sie nun materieller oder
psychologischer Art – auszuschließen.
Schon am Beispiel der Teutschen Winter=Nächte wird
deutlich, daß das Pikarische eine neue Funktion gewonnen hat, abhängig
von ganz anderen Themen- und Problemkreisen, denen sich die
Gesellschaft ausgesetzt sieht. Auch scheinen die Ständeschranken etwas
flexibler geworden zu sein, bedenkt man, daß es jetzt möglich ist,
einen gesellschaftlichen Aufstieg zumindest in der Literatur zu denken.
Der andere Teil des Doppelromans – Die kurzweiligen Sommer=Täge – der in den großen Zögen parallel konstruiert ist und eine Fortsetztung der Winter=Nächte darstellt, soll hier differenziert untersucht werden und den pikarischen Schriften Grimmelshausens, die ja die
klassischen deutschen Pikaroromane sind, immer dann gegenöbergestellt
werden, wenn die Unterschiede auf eine neue Weltsicht hindeuten, die
durch die neuen historischen Konstellationen bedingt sind.
Auch in den Kurzweiligen Sommer=Tägen ist es eine
ganz neue soziale Gruppe, die in den Pikaroroman Eingang gefunden hat.
Das Leben einer adeligen Gruppe steht im Vordergrund, deren einzelne
Mitglieder als Individuen – und nicht mehr als Typen – vorgestellt
werden, die sich alle viel in der Welt herumgetan haben21,
was zunächst sehr an das Leben der Gestalten bei Grimmelshausen
erinnert. Nur handelt es sich hier nicht um ein Herumgetrieben-Sein wie
bei Grimmelshausen, sondern um Reiselust, also den persönlichen Wunsch
nach neuen Erfahrungen und Erlebnissen. Auch hier, ebenso wie in den Winter=Nächten,
nimmt das erzählende Ich am Geschehen teil, spricht den Leser immer
wieder direkt an und tritt förmlich in einen Dialog mit diesem22. Sein didaktisches Ziel ist nicht mehr moralische Belehrung, sondern Freundschaft, eine "sichere Vertraulichkeit"23,
wobei die Darstellung der Freundschaft der Romanfiguren Vorbildfunktion
för den Leser haben soll. Dies ist der neue moralische Wert einer
Literatur, die nicht mehr bekehren will. Dies gesteht der Autor offen
ein: "Was ich durchaus discurriere, gebe ich vor keine allgemeine
Lebensregeln aus, sondern nur vor gewisse Meinungen, die damalen unter
uns vorgelaufen sind"24. Schon im Titelkupfer wird ein neues Konzept deutlich, das ironisch die Horaz'sche Formel des prodesse et delectare
wieder aufnimmt, aber damit spielt: Das Buch solle "fröhlich" und
"unschädlich" sein, das heißt, der positive Aspekt ist die Abwesenheit
von Schaden, nicht mehr der mögliche Nutzen. Barocke Formeln wie die
Wandelbarkeit des menschlichen Lebens25, die Versicherung, das Elend begleite den Menschen von der Wiege an26, die Versicherung, die Figuren seien gewillt, "das wilde Wesen zu quittieren und eine andere Lebensbahn einzutreten"27 mit dem Ziel, ein einsiedlerisches Leben zu föhren, bleiben unglaubwördig und wirken wie eine literarische Pflichtöbung.
Dazu gehört auch das Versprechen, sich eine Zeitlang von den Frauen fernzuhalten, denn sie halten von dem ab, was "ewig ist"28.
Genau wie bei Grimmelshausen halten die Frauen die Männer vom Gutsein
ab und verföhren sie. In ihrer Nähe blöhen Schlechtigkeit und
Orientierung auf das rein Irdische. Frauenfeindlichkeit findet sich
allerdings in fast allen pikarischen Schriften, auch dort, wo
Frauengestalten zu Heldinnen erhoben werden29. Didier Souiller spricht in bezug auf dieses Phänomen von den "phobies d'une époque"30.
Im Laufe des Romans werden individuell verschiedenste Ziele eines
erföllten Seins formuliert, die von den bei Grimmelshausen formulierten
stark abweichen. Dazu gehört der Wille, "das Gemöt zu verändern"31 und "Maß zu halten"32. Ein neues Ziel ist die Erreichung "innerer Ruhe"33.
Vordergröndig als fromm oder gut auslegbare Verhaltensweisen werden
entlarvt und damit die Schein-Sein-Problematik modifiziert:
Aber sie sagten hinwiederum, daß nicht das Kloster,
sondern vielmehr eine eilfertige Andacht einen perfecten Mönch mache,
und daß ein Weltmann, der in der zeitlichen Verachtung begriffen ist,
viel ein bessers Leben föhre als ein solcher Mensch, der zwar die Welt
äußerlich geflohen, nichtsdestoweniger aber diejenigen Affecten noch
nicht verlassen hätte, mit welchen er derselben innerlich zugetan
wäre.[...] Darum mössen wir unser Leben nicht sowohl von außen als von
innen reinigen und in wahrer Demut nicht auf einen solchen Grund bauen,
der bald umfallen kann, sondern vielmehr sehen auf ein solch Fundament,
daran all unser Heil und Segen hanget,...34
Es erfolgt hier gegenöber Grimmelshausen eine deutlichere
Unterscheidung zwischen Innen und Außen – und damit eine
differenziertere, weniger auf Typenhaftes reduzierte Darstellung des
menschlichen Wesens.
Das Thema "Einsamkeit" und damit zusammenhängend der Röckzug aus der
Welt in die Einsiedelei wird neu bewertet. Zunächst findet diese
Bewertung auf dem Hintergrund der Innen-Außen-Spannung statt, damit
einhergehend wird Einsamkeit als eine "Lust"35 beschrieben, was das Einsiedlerdasein und seine Bedeutung in Grimmelshausens Simplizissimus doch sehr relativiert und sogar als Ausdruck egoistischer Motive wertet.
Eine Stelle aus den Kurzweiligen Sommer=Tägen möge dies – geschrieben mit direktem Bezug auf das Einsiedlerleben – belegen:
Und es bestehet auch in diesem Leben nicht das Wesen eines Christen
allein, sondern, wie du vorhin löblich gedacht hast, vielmehr in der
Ausreutung der Laster, welche man aus dem innern Herzensgrund ausreißen
und hinwegwerfen muß.36
Neben dieser Verlagerung der Betonung der inneren Welt und Frömmigkeit
steht die Einsicht, daß eine wirkliche Weltflucht nicht mehr möglich
ist. Selbst die Einsiedelei bietet nicht mehr die Möglichkeit zu
stiller Andacht und Buße, was in ausgesprochen ironischem Ton
beschrieben wird:
...ich will auch lieber ein Schelm als noch länger so in
einer rauhen und filzigen Kutte stecken, in welcher an voll Kot und
Läuse wird. Ich habe zwar in derselben ein andächtig Buch aufgesetzet,
aber sobald ich drei Zeilen geschrieben hatte, mußte ich mich wieder
eine gute Viertelstund im Buckel krauen. Ich glaube nicht, daß so viel
Totschläge in Teutschland geschehen sind, als in diesem Sommer nur
allein in meiner Mönchskutte begangen habe.37
Hier wird erstmals die Vorstellung hinterfragt, daß wirkliches
Frommsein nur in der Armut stattfinden kann. Ja, vielmehr bedarf es
jetzt eines gewissen Maßes an materiellem Wohlstand, Andacht zu halten
und fromme Handlungen auszuföhren, was ein neues Bewußtsein deutlich
macht. Sich aus der Welt zu entfernen, um der eigenen "Lust" – nicht
mehr der Selbstversagung – zu frönen, wird auch von anderer Seite
kritisch kommentiert. Wenn man selbst nicht handelt, schiebt man die
Verantwortung auf andere ab, die die "schmutzige Arbeit" dann erledigen
mössen:
Ein anderer armer Teufel muß seine junge Haut daran
stecken, zu Pferde sitzen und dem Feind die Spitze bieten. Du aber
sitzest indessen auf dem Turm und siehest die Schlachtordnung im
Kupferstich an.38
All diese Beobachtungen gipfeln in der Aussage, der Mensch sei ein Tier, zur Gesellschaft geschaffen39.
Der Ich-Erzähler leidet nach eigenen Aussagen in der Einsiedelei; und
es ist gerade diese Sehnsucht nach Menschen, die ihn am Ende dazu
bewegt, die Einsamkeit zu verlassen und in die Gesellschaft
zuröckzukehren40. Als er zum letztenmal den Versuch
unternimmt, sich endgöltig aus der Gesellschaft zu entfernen und als
Einsiedler zu leben, gesteht man ihm dies von außen, das heißt von
Seiten der Gesellschaft, nicht zu. Auch die Einsiedelei kann die
vormals versprochene Ruhe nicht mehr garantieren, die Simplizissimus
noch auf einer der einsamen Inseln finden kann, welche aber –
historisch gesprochen – nun nach und nach neu entdeckt werden und
tatsächlich keine Röckzugsmöglichkeit mehr bieten:
... Denn der Zulauf mehrete sich fast von Tag zu Tag, und
je mehr meine Lebensart in dem Land bekannt war, je mehr besuchten mich
in der Klause, also daß sich auch endlich gemeine Börger und Bauern
gelösten ließen, mich zu besuchen und zu sehen, was vor ein Leben ich
in dem Wald föhrte.41
Dies aber ist nicht alleine der Grund, warum die Einsiedelei ihre
Funktion verliert. Das erzählende Ich entsagt wiederum nicht wirklich
der Welt, sondern es behält seine materielle Sicherheit, die in Form
von in den Rocksaum eingenähtem Geld dem Einsiedler jederzeit verfögbar
ist.
Ungleich dem "klassischen" Pikaroroman scheint es, als trete eine
differenzierte Weltsicht und differenziertere moralische Vorstellungen
in den Vordergrund. Auch entsteht eine ironische Distanz zum
(Anti?-)Helden. Die Ansichten werden von größerem Pragmatismus und
weniger von einer Schwarz-Weiß-Malerei bestimmt, welche die Werke
Grimmelshausens kennzeichnet.
Die Ereignisse um die pikarischen Figuren, die im Text auftreten, sind
zumeist nicht direkt geschildert, sondern werden immer erst durch eine
Erzählung – einem Subtext – ins Bewußtsein gehoben, eine Methode, die
viel stärker auf Sprache und Mittelbarkeit von Welt reflektiert, als es
die Texte Grimmelshausens tun. Grimmelshausen, der selbst das "Adieu
Welt"-Motiv entliehen hatte, wird zum Beispiel in Form einer Variante –
dem "o Welt" – zitiert42.
Dies geschieht in einer sich öber mehrere Seiten erstreckenden Reihung.
Diese extreme Häufung von parallel konstruierten Sätzen läßt den
Eindruck entstehen, es handele sich eher um eine Satire als um die
ernste Anrufung Gottes.
Generell fällt eine größere Reflektiertheit in Bezug auf Literatur auf,
im besonderen auch eine starke Selbstreferenzialität. Beer verteidigt
an einem Ort quasi das eigene Genre, wenn er eine Figur sagen läßt:
"Ich muß von diesem Jungen noch etliche Stöcklein erzählen, welche, ob
sie gleich nicht von großen Sachen handeln, dennoch kurzweilig zu hören
sind"43. Literatur wird zur Bekämpfung von Langeweile sowohl konsumiert44 als auch produziert45.
Selbst innerhalb des einsiedlerischen Lebens findet ein, wenn auch
vermittelter Diskurs zwischen den Freunden statt. Weiterhin mit allen
finanziellen Mitteln versorgt, stellen sie einen Boten an, der die
Kommunikation der Freunde durch Briefe aufrecht erhält. Diese Briefe
beinhalten neben persönlichen Mitteilungen Traktate, Aufsätze, Essays
und werden von den Freunden för die Freunde verfaßt46. Die Einsiedelei wird in eine "literarische Gesellschaft" umfunktioniert, die Grabschriften sammelt47, und sich mit literarischen Fragen auseinandersetzt48.
Innerhalb des Romans erscheint dann auch ein Komödientext, der von den
Freunden verfaßt ist, in der eine Satire auf Gesellschaftsklatsch
gegeben wird49. Dieser erhöhte Grad an Nachdenken öber Kunst
und speziell Literatur innerhalb eines fiktiven Textes ist neu und
zeigt gleichzeitig, daß die Form des Romans bewußt gewählt wurde, weil
sie eine größere Fähigkeit zur Integration der in den anderen Gattungen
nicht zuläßigen Gedanken und Fragekomplexe erlaubt. Damit wird indirekt
eine Aufwertung der Romanform impliziert.
Die verschiedenen sozialen Gruppen und Stände interagieren in diesem
Roman, wenngleich die Perspektive hier von oben nach unten gerichtet
ist. Ebenso wie die zahlreichen pikarischen Lebensbeschreibungen in die
Handlung integriert werden und einen wichtigen Bestandteil des Lebens
und der Unterhaltung för den Adel bilden, werden also die unteren
Stände zumindest als Randfiguren in die Welt des Adels eingelassen,
wenngleich ihre Funktion natörlich noch häufig die der Belustigung ist50.
In einem Gespräch, das um die Dummheit der einfachen Leute kreist,
kontert der Student dieser Position jedoch dezidiert: "'Es gibt',
antwortete der Student, 'auch viel Narren auf Schlössern!'"51
Damit kommt neben den einfachen Leuten, bei denen eine Aufwärtsbewegung
zu sehen ist, auch Bildung als ein Moment von gesellschaftlicher
Aufstiegsmöglichkeit ins Bild, die sich einen Platz in der Gesellschaft
sichert, wo der Adel allmählich versagt52.
Es ist an dieser Stelle nicht nur wichtig zu fragen, wer in der
Gesellschaft fönfzig Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg langsam zu
Ansehen kommt, sondern man kann auch umgekehrt vorgehen und ermitteln,
wer denn in der von Beer beschriebenen Gesellschaft als "Schelm"
gesehen wird.
Bei Grimmelshausen hingen die Figuren völlig von Außeneinflössen ab,
nämlich den Kriegswirren, von denen noch jeder zum Schelmsein gezwungen
werden konnte, egal aus welchem Stand er ursprönglich stammte. Er war
ein Gelegenheitsdieb, Vagant, gehörte dem fahrenden Gewerbe an und
hatte viele Wechsel seines persönlichen Glöcks erleben mössen. Jede Art
kleinkrimineller Handlung wurde nur dann veröbt, wenn der Schelm sich
materiellen Bedrohungen – besonders Hunger – ausgesetzt sah. Da seine
Haltung durch Armut und nicht etwa durch Gerissenheit oder
Schlechtigkeit motiviert war, waren diese Schelme liebenswerte
Gestalten, die sich immer der Zuneigung des Lesers sicher sein konnten.
In den Kurzweiligen Sommer=Tägen, die den Blick von außen auf den Schelm richten, wird derjenige als Schelm tituliert, der ein wirklicher Krimineller ist53.
Daß die Wurzel för kriminelles Handeln schon in der Kindheit angelegt
werden, behauptet der Ich-Erzähler, der unmittelbar ein pädagogisches
Traktat anschließt54.
Neben wirklich kriminellen Handlungen stehen Streiche, die aus keinem
anderen Grund gespielt werden, als um sich einen Spaß zu machen, das
heißt den Leser gut zu unterhalten. Das Fabulieren steht bis zum Ende
des Romans im Mittelpunkt. Der Schabernack, der gespielt wird,
beinhaltet aber durchaus an verschiedenen Punkten ein kritisches
Moment, wenn zum Bespiel der Page gegen Ende des Romans von einem Unfug
berichtet, den er den Kunden einer Apotheke, in der er beschäftigt war,
gespielt hatte, indem die Angestellten zum Beispiel blasphemische
Schriften benutzten, um die Medikamente för "Pfaffen" darin zu verpacken55.
Bis ans Ende des Romans wird die Versicherung gegeben, man habe die
Geschichten, die autobiographischen Subtexte, der nur noch bedingt
pikarisch zu nennenden Erzähler nur gegeben, weil sie "kurzweilig" oder
"zeitkörzend"56
seien. Selbst, wenn es an einigen Stellen zu moralischen Überlegungen
kommt, bleibt der Unterhaltungswert vom Erzählten im Mittelpunkt, wie
schon der Titel ausdröcklich belegt.
Auch der scheinbar allerletzte Röckzug von Wolffgang in den Wald wird
in der Kapitelöberschrift des 14. Kapitels als literarischer Topos
entlarvt, der keine Anbindung an die außerliterarische Realität mehr
besitzt:
XIV. CAPITUL. Wolffgang, nachdem er seine Göter erbmäßig
öbergeben und der Welt ganz abgesagt hatte, begibt sich wieder in den
Wald und macht also dieser ganzen Sommergeschichte ein ENDE.57
Wolffgangs Lebensgeschichte findet hier keinen Abschluß, sondern nur
diese Geschichte, das heißt der vorliegende Roman, was die These von
erhöhter Selbstreferenzialität der literarischen Produkte Beers
unterstötzt und deutlich macht, daß Beer sehr klar zwischen
literarischen Welten und der Realität zu unterscheiden gelernt hatte.
Innerhalb des 14. Romans wird dann noch einmal explizit ausgedröckt,
daß sich die Haltung des Einzelmenschen gegen die Welt versöhnlich
ausnimmt. Der letzte Satz des Romans ist zwar barock in der
Aufforderung zur Gottesfurcht und in der Erinnerung an das memento
mori, ist aber nicht mehr abhängig von eigenem gesellschaftlichen Rang
und Standeszugehörigkeit58.
IV Bewertung

Die Analyse des Romans Die kurzweiligen Sommer=Täge
kann tatsächlich nur auf dem Hintergrund einer genauen Darstellung
dessen, was wir als die charakteristischen Eigenschaften des
Schelmenromans verstehen wollen, gelesen werden. Nur so können nämlich
auch die spezifischen Unterschiede zu den "klassischen" Pikaroromanen
sichtbar werden. Die hier herausgearbeiteten Differenzen zur Grundform
lassen einen Wandel des Bewußtseins, besonders des börgerlichen,
erkennen.
Richard Alewyn, der im Lebenslauf Beers konstatiert, es habe einen
Zusammenstoß des Könstlers mit einer allzu engen Börgerwelt gegeben,
sieht im Werk Beers eine Reaktion auf eben diese engen Verhältnisse59. Er hält das pikarische Werk Beers för den Gipfel der Pikarodichtung zusammen mit Simplizissimus60,
macht aber den Fehler, weniger die unterschiedlichen Repräsentation
gesellschaftlicher Wirklichkeit zu beschreiben und anzuerkennen,
sondern sie auf einer Stufe – als seien sie zeitgleich erschienen – zu
behandeln:
An geistigem Gewicht und symbolischem Gehalt, an Ernst
und an Tiefe ist Grimmelshausen ihm [Beer] vielleicht voraus. An
spielerischer Anmut und schäumendem Übermut, an Reichtum der Erfindung
und Behendigkeit der Erzählung sucht Beer seinesgleichen bis in die
Tage der Brentano und Eichendorff.61
Mit dieser Bewertung nimmt sich Alewyn die Möglichkeit, den Eigenwert
der Werke beider Autoren anzuerkennen, um so wertvolle Informationen
öber die Unterschiede in der Repräsentation historischer Wirklichkeit
zu erhalten.
Auch seine Aussagen öber das Ende des Pikaroromans sind in diesem
Kontext eher fragwördig, sieht er doch den Schelmenroman als rein
historisches Phänomen62.
Wenn er diese Haltung jedoch durchgängig beibehielte, mößte er auch dem
Pikaroroman Beers – was am Ende dieser Analysen theoretisch getan
werden könnte – seine pikarischen Eigenschaften absprechen. Das tut er
allerdings nicht, sondern vergleicht quantitativ beide Autoren:
Damit hat Beer mit ungefähr fönfhundert Wörtern ungefähr
dreimal so viel gesagt wie Grimmelshausen mit zwölfhundertfönfzig
Wörtern.63
Diese Feststellung mag durchaus richtig sein, aber daß Grimmelshausen
die Notwendigkeit sieht, wenig Geschehen relativ differenziert
darzustellen, ist allein schon der Betrachtung wert. Auch die Aussage,
Grimmelshausen fehle es an Dichte64,
kann nur auf dem Hintergrund von Alewyns Verteidigungsversuchen
verstanden werden, da er derjenige war, der Beer wieder dem
Lesepublikum zugeföhrt hatte. So sieht er den Unterschied zwischen Beer
und Grimmelshausen auch auf inhaltlicher Ebene65.
Grimmelshausen nämlich suche das Grelle, nicht das Schlichte. Er wolle
nicht das Gewöhnliche, sondern das Abnorme, nicht das Naheliegende,
sondern das Ferne darstellen. Er ignoriere die einfache Wirklichkeit,
suche demgegenöber aber die gesteigerte, geblähte, verzerrte. Diesen
Vorwurf macht Alewyn dem gesamten Barock, aber Grimmelshausen weiterhin
am vehementesten. Die oben entworfene Stilart, die Alewyn mit dem
Begriff des Naturalismus im Gegensatz zum Realismus belegt, sei för das
Barockzeitalter typisch, argumentiert Alewyn und hält den
idealistischen Roman för die "Umkehrung"66 des
naturalistischen Romans, der von einer Komik und Satire/Kritik erföllt
sein kann, die dem idealistischen Roman fehle. Dieser extremen
Dichotomie von Naturalismus und Realismus setzt Beer etwas Neues
entgegen, einer Synthese beider Formen gleichkommend:
Erst in den Jahren, in denen Beer auftritt, beginnt eine
Wendung. Der hochbarocke Dualismus nähert sich seinem Verfall, indem
gleichzeitig der Idealismus und der Naturalismus sich auflösen, die
Spannung sich lockert und in der Mitte, also stilistisch in einem
Realismus, stofflich auf dem Boden des Börgertums, ein Ausgleich sich
anbahnt.67
Damit jedoch trifft Beer eine Feststellung, die relevant ist. Denn die
antithetische Denkweise des Barock (Schein/Sein, Welt/Überwelt,
Außenwelt/Innenwelt, Sinnlichkeit/Geistigkeit etc.) spiegelt sich
demnach auch in den beiden inhaltlich und formal gegensätzlichen Formen
des barocken Romans, welche aber am Ende dieser Epoche ihre klare
Struktur auflösen und dadurch die Möglichkeit zu neuem
Formenpluralismus liefern. Dies konnte besonders gut an dem pikarischen
Roman Beers Die kurzweiligen Sommer=Täge belegt werden.
Nicht nur im Hinblick auf die pikarischen Romane Grimmelshausens zeigen
sich gravierende Abweichungen; seine drei Schelmenromane zeigen
unabhängig voneinander große Differenzen in der Realisierung der oben
aufgewiesenen Charakteristika68.
Dies ist Ausdruck einer Erweiterung gattungspoetischer Möglichkeiten
und zeigt eine neugewonnene Freiheit in poetologischer Hinsicht, die
der fröhe Barock und dessen Hauptvertreter Grimmelshausen – und wohl
auch Andreas Gryphius – nicht för sich in Anspruch nehmen konnten.
So ist auch die zugrundeliegende Intention in Beers Schelmenroman Die kurzweiligen Sommer=Täge eine ganz andere als bei Grimmelshausen:
His purpose in telling stories is to entertain his reading audience,
not to instruct them or to improve their morals. Indeed, it can be
surmised that many of his stories were originally communicated orally
to his friends. It is obvious that his written style is more or less
identical with his spoken style . . . 69
Nicht nur, daß die Geschichten jeweils berichtet werden, so daß der
Leser nur "mittelbar" erfährt, welche Erlebnisse die pikaresken
Gestalten Beers durchleben: nein, auch die Erfahrungswirklichkeit des
(Anti-)Helden bei Grimmelshausen kann nur noch durch ein Nachspielen
dessen erreicht werden, was im Simplizissimus
noch als notwendige Konsequenz aus dem Leben gezogen wurde, das durch
den Dreißigjährigen Krieg bestimmt war, nämlich die Einsiedelei oder
das Einsiedlerdasein.
Der Roman Die kurzweiligen Sommer=Täge ist
demnach als exemplarisch för die Romanentwicklung im 17. Jahrhundert zu
verstehen. Er zeigt eindeutige Zöge des Pikarischen, daneben nimmt er
aber auch Elemente des Höfischen Romans auf und erlaubt damit das
Eindringen anderer gesellschaftlicher Schichten in eine Romanform, die
sich der Darstellung des Lebens der unteren Schichten verpflichtet
geföhlt hatte. Damit wird aber außerhalb der Textebene etwas öber eine
Gesellschaft ausgesagt, die Tendenzen – und das Verlangen – zur
sozialen Mobilität zum erstenmal aufweist, was sich im inhaltlichen wie
strukturellen Aufbau des Romans zeigt. Daß dies so ist, läßt
Röckschlösse auf den Wert des Romans als literarischer Gattung zu. Er
ist aufgrund seiner durch keine normative Poetik bestimmte Struktur
wohl am besten dazu geeignet, Aussagen öber eine sich im Wandel
befindliche Gesellschaft im 17. Jahrhundert zu machen.
Das Pikararische aber lebt fort und taucht immer dort wieder auf, wo
Wandel und Veränderung gewisse gesellschaftliche Gruppen in Krisen und
Auseinandersetzungen mit eben jener Gesellschaft störzen, deren
Verlierer sie sind. Auf welche Weise dies geschieht, bleibt eine
analytische Aufgabe för eine Germanistik, die zwar normativ denkt, aber
Abweichungen von eben dieser Norm als erkenntnistheoretische
Herausforderung begreift.
Anmerkungen
1. Beer, Johann. Die teutschen Winter=Nächte & Die kurzweiligen Sommer=Täge. Frankfurt am Main: Insel Verlag, 1963.
2. Pellon, Gustavo/Rodriguez-Luis, Julio. ed. Upstarts, Wanderers or Swindlers: Anatomy of the Picaro. A critical Anthology. Amsterdam: Rodopi, 1986.
3. Die Grundlage für diese Versuch bilden sicherlich die
spanischen Romane. In dieser Arbeit wird die "klassische" Form der
Gattung des Schelmenromans jedoch von den ersten deutschen
Picaroromanen abgeleitet.
4. Es ist für diese Arbeit nicht weiter zu verfolgen, aber es
haben sich große Psychologen wie C.G. Jung u.a. mit dem Pikaroroman
auseinandergesetzt und ihn als Ausdruck von früheren, elementareren
Bewußtseinsstufen gewertet, die im Rezeptionsprozeß wiedererkannt
werden. Hierzu: Jung, C.G. "Zur Psychologie der Schelmenfigur".
Heidenreich, Helmut ed. Pkarische Welt. Schriften zum europäischen Schelmenroman. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1969, S.245–254.
5. Wicks, Ulrich. "Picaro, Picaresque:
The Picaresque in Literary Scholarship." Pellon, Gustavo/
Rodriguez-Luis, Julio. Upstarts, Wanderers or Swindlers. Anatomy of the Picaro. A critical Anthology. Amsterdam: Rodopi, 1986, S.33ff.
6. Guillén, Claudio. "Zur Frage der Begriffsbestimmung des Pikaresken." Heidenreich, Helmut ed. Pikarische Welt. Schriften zum europäischen Schelmenroman. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1969, S.376.
7. siehe Roskothen, Johannes. Hermetische Pikareske. Beiträge zu einer Poetik des Schelmenromans. Frankfurt am Main: Peter Lang, 1992, S.22.
8. Ehrenzeller, Hans. Studien zur Romanvorrede von Grimmelshausen bis Jean Paul.
Bern: Francke, 1955, hat sich ausführlich mit dem
Erzähler-Leser-Verhältnis von Grimmelshausen bis zu Jean Paul
beschäftigt und diese als eine in den Roman eingedrungene
Vorredefunktion verstanden.
9. Begriff der Episodenreihung: s. Wagener, Hans. "Simplex, Felix, Oskar und andere...", S.118.
10. Zuletzt bei Claudio Guillen: "Zur
Frage der Begriffsbestimmung des Pikaresken". Heidenreich, Helmut ed. Pikarische Welt...., S.387.
11. siehe auch Wagener, Hans. "Simplex, Felix, Oskar und andere...", S.118–119.
12. Dies ist selbstverständlich ein ganz barocker Topos.
13. Miller, Stuart. The Picaresque Novel. Cleveland:
The Press of Case Western Reserve University, 1967, S.131; auch wenn
man nicht so weit wie Miller gehen will, ist der Zusammenhang zwischen
Textstruktur und Inhalt offensichtlich.
14. vgl. Schmidt, Lothar. "Das Ich im 'Simplizissimus'". Heidenreich, Helmut ed. Pikarische Welt. Schriften zum europäischen Schelmenroman. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1969, S.359–360.
15. Das läßt sich deutlich für Simplizius sagen.
Courasches Widerstand gegen jede Bekehrung dient aber zur Bewußtmachung
der Notwendigkeit einer Umkehr beim Leser und ist damit nur ein kluger
Kunstgriff, steht aber in keiner Weise im Gegensatz zum Simplizissimus.
16. Beer macht sich ein besonderes Vergnügen daraus, selbst die
Einsiedelei als Spiel abzutun, das keine wirkliche Verpflichtung
beinhaltet. Der Zusammenhang der Einsiedelei mit der Welt auch
weiterhin wird immer wieder ironisch kommentiert [siehe Punkt III
dieser Arbeit].
17. Roskothen, Johannes. Hermeneutische Pikareske. Beiträge zu einer Poetik des Schelmenromans. S.19.
18. vgl. biographische Angaben zu Beer bei Wagener, Hans. The German Baroque Novel. New York: Twayne, 1973, S.66/67ff.
19. Beer, Johann. Die teutschen Winter=Nächte & Die kurzweiligen Sommer=Täge. Frankfurt am Main: Insel Verlag, 1963.
20. Wagener, Hans. The German Baroque Novel. New York: Twayne, 1973: S.73, weist darauf hin, daß das Lokalkolorit mit dem aus Beers eigener Jugend übereinstimme.
21. Beer, Sommer=Täge. S.420.
22. ibid.
23. ibid. S.421.
24. ibid. 422.
25. ibid. 423.
26. ibid. 424.
27. ibid.
28. ibid. 425.
29. Grimmelshausens Courasche beispielsweise dient als negatives Exempel eines Frauenlebens, das rein von Trieben und egoistischen Wünschen bestimmt scheint.
30. Souiller, Didier. Le roman Picaresque. Paris:
Presses Universitaires de Paris, 1980: S.15: denn Frauen sind
"séductrice", "corruptrice", "imitiatrice" und wenn sie jung sind,
meint Souiller, seien sie "diabolique". Frauen werden damit die
gleichen Eigenschaften zugeordnet, die eigentlich eine
Gesamtgesellschaft während Krisen- und Notzeiten auszeichnet. Sie
erhalten damit Sündenbockfunktion – besonders im Hinblick auf
Sexualität.
31. ibid. 427.
32. ibid. 435.
33. ibid. 427; ein sehr
individualistisches Ziel; diese "innere Ruhe" stammt nicht mehr aus dem
Glauben.
34. ibid. 429.
35. ibid.
36. ibid. 437.
37. ibid. 440.
38. ibid. 441.
39. vgl. ibid. 442.
40. ibid. 467.
41. ibid. 786.
42. ibid. 771ff.
43. ibid. 642.
44. ibid. 554.
45. ibid. 469.
46. ibid. 433ff.
47. ibid. 517.
48. ibid. 476ff. hier wird die Satire als literarische Form besprochen.
49. ibid. 577 und 581ff.
50. ibid. 501; der Adel macht sich einen Spaß mit dem Pöbel;
etwas, das sich an vielen Stellen in der Barockliteratur findet, sieh
z.B. die Dramen Weises.
51. ibid. 653; als Narren wurden sonst ja immer die
pikarischen Gestalten tituliert; ein weiteres Zeichen für erhöhte
gesellschaftliche Mobilität.
52. Die Französische Revolution einhundert Jahre später
sollte ein Ausdruck dafür sein, daß das Staatsgebilde nicht mehr
effektiv vom Adel geführt werden konnte, sondern nur noch von gut
ausgebildeten, spezialisierten Mitgliedern des gebildeten Bürgertums.
53. ibid. z.B. 668.
54. ibid. 640ff; sieh auch S.672:"...wo man den Baum nicht in
seiner zarten Jugend vorbeuget, so wird ein übles und krummes Gewächse
daraus. Wer den Kindern gar zu frühzeitig aufpfeifet, dem tanzen sie
hernach solche Sarabanden. [...] Allzu scharf macht hässig, allzu lind
macht lässig...".
55. ibid. 800; aber auch andere
Gesellschaftsgruppen werden mit den entsprechenden "Verpackungen"
bedient.
56. ibid. 818.
57. ibid. 842.
58. ibid. 847.
59. Alewyn, Richard. Probleme und Gestalten. Essays. Frankfurt am Main: Insel, 1974, S.62.
60. Alewyn, Richard. "Der Roman des Barock". Heidenreich,Helmut ed. Pikarische Welt. Schriften zum europäischen Schelmenroman. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1969, S.399.
61. Alewyn, Richard. Probleme und Gestalten. Essays. Frankfurt am Main: In sel, 1974, S.74.
62. ibid. S.131–32:"Wenn dann gegen Ende des Barock die
pathetischen Spannungen sich lockern, wenn vom Pikaroroman der
"Politische Roman" und vom Heroischen Roman der "Galante Roman" sich
abzweigt und zwischen den entgegengesetzten Polen die soziale,
ästhetische und ethische Mitte erforscht und zögernd besiedelt wird,
dann ist der Roman des Barock zu Ende."
63. Alewyn, Richard. Deutsche Barockforschung. Dokumentation
einer Epoche. Köln/Berlin: Kiepenheuer und Witsch, 1970, S.364.
64. ibid. S.365.
65. ibid. S.367; alle nachfolgenden Dichotomien so bei Alewyn.
66. ibid. S.368.
67. ibid. S.369.
68. Sieh hierzu: Wagener, Hans. The German Baroque Novel.
New York: Twayne, 1973, S.68. Auch betont Wagener die Unterschiede in
der Lebensauffassung, die die unterschiedliche geschichtliche Situation
sicherlich stark beeinflußt hat, nämlich den Dreißigjährigen Krieg, der
das Leben Grimmelshausens bestimmte, während Beer ein sorgenfreies
Leben führte, weil er sein Auskommen bei Hofe hatte , was sich in
seinen Romanen sowohl auf inhaltlicher als auch struktureller Ebene
widerspiegelt: Sieh ibid., S.71.
69. ibid. S.72.
Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Beer, Johann. "Jucundus Jucundissimus". Van Ingen, Ferdinand/Roloff, Hans-Gert. ed. Johann Beer. Sämtliche Werke. Berlin/Frankfurt am Main/New York/Paris/Wien: Peter Lang, 1992.

———. Die teutschen Winter=Nächte & kurzweiligen Sommer=Täge. Frankfurt am Main: Insel Verlag, 1963.

———. Das Narrenspital. Hamburg: Rowohlt, 1957.

Grimmelshausen, Hans Jakob Christoph von. Die Landstreicherin Courage. Wiesbaden: Emil Vollmer Verlag, 1970..

———. Der
seltsame Springinsfeld. Lebensbeschreibung eines einst frischen und
tapferen Soldaten, nunmehr aber ausgemergelten, abgelebten und doch
dabei verschlagenen Landstreichers und Bettlers. Wiesbaden: Emil Vollmer Verlag, 1970.

———. Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch. Stuttgart: Reclam, 1961.

Sekundärliteratur

Alewyn, Richard ed. Deutsche Barockforschung. Dokumentation einer Epoche. Köln/Berlin: Kiepenheuer und Witsch, 1970.

———. Probleme und Gestalten. Essays. Frankfurt am Main: Insel, 1974.

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Geulen, Hans. Erzählkunst der fröhen Neuzeit. Zur Geschichte epischer Darbietungsweisen und Formen im Roman der Renaissance und des Barock. Töbingen: Lothar Rotsch, 1975.

Heidenreich, Helmut ed. Pikarische Welt. Schriften zum europäischen Schelmenroman. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1969.

Hoffmeister, Gerhart ed. Der deutsche Schelmenroman im europäischen Kontext: Rezeption, Interpretation, Bibliographie. Amsterdam: Rodopi, 1987.

———, ed. Der moderne deutsche Schelmenroman. Interpretationen. Amsterdam: Rodopi, 1985/1986.

Jakobs, Jörgen. Der deutsche Schelmenroman. Eine Einföhrung. Mönchen und Zörich: Artemis, 1983.

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Parker, Alexander. Literature and the Delinquent. The Picaresque Novel in Spain and Europe 1599–1753. Edinburgh: University Press, 1967.

Pellon, Gustavo / Rodriguez-Luis, Julio. ed. Upstarts, Wanderers or Swindlers: Anatomy of the Picaro. A Critical Anthology. Amsterdam: Rodopi, 1986.

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Wagener, Hans. "Simplex, Felix, Oskar und andere – Zur barocken Tradition im zeitgenössischen Bildungsroman." Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik. vol. 24 (1988): 117–158.

———. The German Baroque Novel. New York: Twayne, 1973.
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