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Die in Moskau geborene Berliner Autorin Irina Liebmann ist eine der erfolgreichsten
zeitgenössischen deutschen Schriftstellerinnen. Sie schreibt Lyrik und Theater- und
Prosastücke, ihre veröffentlichten Texte (Berliner Mietshaus: Begegnungen und
Gespräche, 1982; Mitten im Krieg, 1989; Quatschfresser: Theaterstücke,
1990; In Berlin, 1994 und kürzlich Letzten Sommer in Deutschland: eine
romantische Reise, 1997) nehmen – unterschwellig – Stellung zum ehemalig geteilten
Deutschland, ohne diese Teilung jedoch zuzulassen. Schauplatz von Irina Liebmanns Geschichten
ist meist das gegenwärtige Berlin, eine Stadt, die wie keine andere für Trennung und
(Wieder)vereinigung Deutschlands und der deutschen Literatur steht.
Ihr Aufenthalt in Los Angeles im Herbst 1995 als writer in residence der Villa
Aurora1, California Institute for European-American Relations, erweitert ihr
Bewusstsein und ihre Dichtung um eine Dimension, die nur die Distanz ermöglicht. Irina
Liebmann diskutierte mit Studenten und Fakultätsmitgliedern an der University of
California, Los Angeles das Thema von "Vereinigung und Literatur in Deutschland" und
formulierte persönliche Ansichten zu aktuellen und historischen Fragen.
Irina Liebmann, von Sabine Brandt, FAZ, als "Sprachmagierin" bezeichnet, ist eine
"wahrhaftige" Autorin und ein ebensolcher Mensch; ich bedanke mich an dieser Stelle auch im
Namen des NGR nochmals für das Gespräch mit ihr.
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Amelie Heinrichsdorff, Los Angeles im Oktober 1997
NGR: Es hat uns sehr gefreut, daß Sie in Ihrem Vortrag "Vereinigung und
Literatur in Deutschland: Persönliche Ansichten zu aktuellen Fragen" am 24. Oktober 1995
an der University of California, Los Angeles, ein Interesse am Wirken zukünftiger
Deutschlehrer und Germanistik Professoren zeigten. Welche Botschaft, in Bezug auf Ihr Thema –
deutsche Literatur während und nach der Mauer – würden Sie gerne übermittelt
sehen? In welcher Form?
IL: Meine Botschaft wäre, daß ein Germanist Zivilcourage haben soll. Und daß
er seine eigenen Ansichten, seine Meinung und seine eigene Erfahrung, die er als Mensch in
seiner Zeit, die er vor Augen hat, ernsthaft anwenden soll, auf die Literatur, auf das, was
Neues erscheint. Ich würde mir wünschen, daß die Germanistik sich abgrenzt von
der feuilletonistischen Kritik und daß sie nicht dem Erfolg hinterherläuft und
eigentlich nur die Wiedergabe von Wirkungen ist. Ich sehe in der Germanistik in Deutschland
schon sehr, sehr lange als vorherrschenden Trend, daß sie sich dem öffentlichen
Erfolg beugt. Ich habe z.B. einmal einen Germanisten gefragt, ob er ein bestimmtes Buch der
DDR-Literatur wirklich für ein gutes Buch hält. Ich kam damals aus dem Osten und er
war aus dem Westen. Die Frage war ihm sehr peinlich, weil er natürlich wußte – und
ich wußte das damals auch: er mit seiner Bildung und seinem Anspruch, er konnte nicht im
Ernst glauben, daß das wirklich ein sehr gutes Buch war, es war nur zu diesem Zeitpunkt gerade
ein sehr erfolgreiches Buch. Also hat auch die Germanistik sich damals auf die Seite des
Erfolges gestellt und so getan, als ob es auch ein sehr wichtiges Buch sei. Was ich mir
wünschen würde, ist, daß jemand, der so viel Zeit seines Lebens investiert
für ein Studium und für eigene Erfahrung, auch mit Lesen, der dann später als
Autorität gefragt wird, daß der genügend Bildung und genügend Courage hat,
um zu sagen, ich finde es nicht gut; ich habe hier ein anderes Buch, und es sieht niemand,
daß das gut ist, ich vertrete das, es hat einen Wert und ich erkläre jetzt einmal,
warum. Dieses "auf den Erfolg schielen", daß ist schade, weil uns Autoren fehlt dadurch
auch eine Kraft, ein Wissen, ein akademisches Wissen.
NGR: Wenn DDR Literatur diskutiert wird, scheint auch in Seminaren hier in Kalifornien, das
"Politikum DDR" immer im Vordergrund zu stehen, und eine Konzentration auf die Literatur selbst
und auf literarästhetische Kategorien ist fast unmöglich, während bei der
Betrachtung "westdeutscher" Texte diese Frage nicht auftritt. Sie gaben in Ihrem Vortrag das
Beispiel von Monika Maron, der momentan weniger aufgrund ihrer literarischen Leistung als
vielmehr wegen ihrer Stasi-Verbindungen enorme Aufmerksamkeit zuteil wird. Empfinden Sie das
als Reduktion – ärgert Sie das auch in Bezug auf Ihre eigenen Texte? Wie sollte man mit
solchen Informationen (besser) umgehen?
IL: Es ist ein Nicht-Ernstnehmen, und letzten Endes ist es eine Diskriminierung. Ich habe z.B.
folgendes erlebt: Ich habe einen Preis gekriegt, ein Mann hat einen Preis gekriegt. Wir wurden
beide interviewt und es war ganz typisch: ich wurde nur zu persönlichen Dingen gefragt,
und der Mann wurde nur nach seinem Werk gefragt. Das sind ganz spontane Entscheidungen, und so
ist es auch mit DDR und BRD. Es gibt immer die Variante A und die Variante A'. Alle
Strich-Varianten werden nach dem Strich befragt: als Frau, als Jude, als DDR oder als dritte
Welt... Das werden sie überall feststellen. Das ist wirklich eine Frage der Akzeptanz.
NGR: Sollte man Informationen wie z.B. die Stasi-Vergangenheit von Monika Maron u.a. dann
nicht berücksichtigen?
IL: Nein, das ist nun einfach ein aktuelles Thema. Aber es ist ein Unterschied, ob ich das
Thema habe: Staatssicherheit in der DDR oder Staatssicherheit in Deutschland oder
Staatssicherheit bei deutschen Autoren, dann ist das das Thema. Aber wenn ich über
Literatur sprechen möchte, über ein bestimmtes Buch oder eine bestimmte Autorin,
dann muß ich mir überlegen: Will ich sie ernst nehmen als Autorin, oder ist es
für mich nur ein Vorwand, um dann doch wieder über politische Sachverhalte zu
sprechen. Da sich das nun mal vermischt, kann man das kaum trennen, ich kann also nicht sagen:
nein, niemals. Indem man eine öffentliche Figur wird und sich in so etwas hereinbewegt,
muß man damit rechnen. Aber da zeigt sich auch die Schwäche der DDR Literatur,
nämlich daß es sehr oft Werke sind, die interessant genug sind, um Interesse zu
erwecken, aber nicht gut genug, um wirklich als internationale Literatur das hinter sich zu
lassen, wo sie herkommt. Als drittes kommt hinzu, daß der Journalismus überhaupt von
Leuten betrieben wird, die nur oberflächlich in die Bücher gucken und sich an den
äußeren Bedingungen sehr viel schneller festhalten. Ein Beispiel dafür ist das Buch
von Salman Rushdie, Satanische Verse, das ein großartiges Buch ist. Das Buch
müßte das alles in den Schatten stellen, all diese Fragen. Und das Gegenteil ist der
Fall. Alle reden nur über die "Todesbedrohung" und fragen ihn "Was haben Sie gemacht?",
"Haben Sie sich versteckt?" und "Wovor haben Sie Angst?", und niemand redet über das Buch,
weswegen er so anerkannt ist oder sein sollte. Die Medien mit ihrem Blickwinkel sind schon sehr
privat.
NGR: Hat die DDR Literatur aufgehört zu existieren – oder wird sie aufhören zu
existieren?
IL: (lacht) Ich hoffe, sie hört auf. Aufgehört hat sie noch nicht. Ja, ich weiß
es auch nicht. Ich habe gedacht, sie würde aufhören, aber ich sehe, daß eine
gewisse Spießigkeit wirklich einfach bleibt und als angenehm und mit
Wiedererkennungseffekt durchaus erstmal noch da ist.
NGR: Sie formulieren und kritisieren die Unfähigkeit von Literatur, DDR Literatur,
eine umfassende und authentische DDR Erfahrung wiederzugeben. Sie sagten beispielsweise, die
DDR Literatur sei nicht "wahrhaftig". Denken Sie, daß das ein spezifisches Problem
für die Ex-DDR auch im Spiegel der westdeutschen Medien ist oder sehen Sie das als
allgemeines Defizit von Literatur?
IL: Also, so wie ich es beschrieben und benannt habe, habe ich es auf die DDR bezogen, weil
das ist der einzige Raum, wo ich das beurteilen kann und wo ich auch weiß, daß in
den Ländern an unseren Grenzen, also in Polen und in der Tschechoslowakei, unter
ähnlichen Bedingungen ganz anders gearbeitet wurde.
NGR: Sie sprechen vom "Weglassen" bestimmter Bereiche in der DDR Literatur und von ihrer
"Gebremstheit", daß so "ein Teil der Offenheit" geraubt worden wäre. Fordern Sie
nachträglich eine offene Auseinandersetzung mit der DDR oder bezieht sich diese
Beobachtung auf die zukünftige deutsche Literatur?
IL: Es wäre sehr wichtig, darüber zu reden, was alles weggelassen wurde, falls wir
uns überhaupt noch erinnern. Aber wenn das geschehen würde, dann würden auch die
Westdeutschen miteinbezogen werden müssen in diese Diskussion, denn die haben ja auch sehr
viel weggelassen. Und ich glaube auch nicht, es ist also kein Vorwurf, daß die Leute
absichtlich [etwas weggelassen hätten] – na, sicher auch absichtlich – aber es ändert
sich ja das Zeitklima, es ändert sich auch das Blickfeld, und wir sind alle zwanzig,
dreißig Jahre älter geworden, das ist klar, aber wir kommen nicht 'ran an die
wirklichen Probleme in Deutschland, wenn da nicht offener und klarer die Dinge benannt werden.
Denn es ist ja auffallend, die deutsche Literatur hat nach 1935 so an internationaler
Strahlungskraft verloren, es wird ganz wenig übersetzt, sie gilt als uninteressant; das
muß ja Gründe haben. Es ist ja nicht so, daß Leute zu dumm sind oder
unfähig, es muß halt Gründe haben, warum so gedacht wird, so vorsichtig,
[warum] so wenig Freiraum jeder einzelne sich schafft. Und ich sehe das schon in Verwicklung –
also jeder einzelne, – so wie ich es selber auch an mir erkennen kann, und ich bin eben aus dem
Osten, aber es kann für den Westen auch nicht viel anders gewesen sein – [vertritt] dieses
Einverständnis mit bestimmten politischen Auffassungen, mit bestimmten Denkverboten, mit
bestimmten Wünschen, daß da kein allzu großer Raum bleibt.
NGR: Sie sagten, daß die DDR Literatur den Menschen eine "Identifikationsmöglichkeit"
bot. Denken Sie, daß Literatur – auch in Absetzung zur politischen Bewegung – im
Wiedervereinigungsprozess sinnstiftend fungieren kann und sollte?
IL: Nicht so sehr. Ich denke mir, ein gelungener Film, der kann mehr Leute erreichen, oder eine
Fernsehserie –, als Literatur... Und sinnstiftend..., ich habe nicht eine solche Vorstellung
von Literatur, daß sie nun unbedingt Sinn stiften soll. Sie hat die Aufgabe, etwas zu
begreifen, auch etwas zu formulieren.
NGR: Vielleicht anders, als ein Film das kann?
IL: Ja natürlich, die Sprache ist ja etwas ganz anderes. Es gibt immer noch genug Menschen,
denen ein Buch wirklich etwas geben könnte. Ein Buch weiß ich nicht, aber viele
Bücher! Geistig, ja das Geistige verschwindet; daran festhalten, das ist schon unsere
Aufgabe, umsonst ist der Schriftsteller nicht überall relativ geachtet, sogar in
Deutschland – und das ist so, weil es um etwas Geistiges geht, das jeder braucht und von uns
wird das in einer Form erwartet.
NGR: Sie loben Wolfgang Borchert fur seine spontane und unmittelbare Auseinandersetzung mit
den Geschehnissen des Zweiten Weltkriegs. Sie loben Günther Grass für die Offenheit,
mit der er zur Wiedervereinigung verkundet, er "habe die Nase voll" und Thomas Brussig für
seine humoristisch-befreienden Kommentare über die ehemalige DDR. Dies sind alles
persönliche Stellungnahmen, ehrliche vielleicht, aber kann das die Zukunft eines
literarischen Diskurses sein?
IL: Was jetzt?
NGR: Diese eher persönlichen, stark autobiographischen Kommentare; Bücher, die
eigentlich mehr eine persönliche Auseinandersetzung sind, und nicht literarisch, abstrakt
und eher abgehoben, wie man das im Rahmen eines bestimmten Literaturbegriffs erwarten
würde.2
IL: Ich zweifel überhaupt an dieser Abstraktionsebene... Nennen Sie mir mal ein Beispiel,
wo das gelungen ist in den letzten Jahren? Vielleicht ist das ein Literaturmodell, das
sozusagen ausgeleiert ist. Vielleicht, Joseph und seine Brüder, das wäre vielleicht
so etwas, also daß jemand auf einer ganz anderen Ebene versucht, was er sagen will, zu
sagen. Oder Kassandra, also für mich ist das grotesk. Dieses sich Hereinzuverwandeln in
etwas, was man nicht kennt, aber was allegorisch was darstellen soll. Ich zweifel daran, ob das
geht. Vielleicht im Science Fiction Roman, weil der nach vorne geht; der ist dadurch zwar
unreal, aber glaubwürdiger, als wenn er nach hinten geht. Ich frage mich, wer ohne
persönliche Lebendigkeit und Bezugspunkte auskommt, wenn er sich wirklich an
gegenwärtige Menschen richten will.
NGR: Welche Prognose haben Sie für die Post-Mauer Literatur in Deutschland und welches
Postulat stellen sie an sie?
IL: Was ist denn Post-Mauer Literatur? Meinen Sie jetzt die ganze Literatur oder nur eine
bestimmte, die sich auch damit beschäftigt, daß die Mauer weg ist?
NGR: Nein, die gesamte deutsche Literatur, die nach dem Mauerfall entstanden ist und noch
entstehen wird.
IL: Also meine Prognose ist, kurz gesagt, daß es sich unerhört beleben wird. Ich
glaube, daß die Zeit von, im Grunde, wann ist der Borchert gestorben, '47?, war ja
ungefähr auch schon das Ende der Offenheit in Deutschland, weil dann schon die beiden
deutschen Staaten gegründet wurden und jede Siegermacht im Grunde so getan hat, als ob
ihre Hälfte unschuldig war, und damit war eigentlich eine richtige Debatte auch um die
wirklichen Härten für die Generation, die ja noch lebte, die das alles verursacht
hatte, dieses Unglück, ausgeschaltet. Und dann hat erst die Generation derer Kinder, '68,
das wieder ins Rollen gebracht; das war schon eine vermittelte Sache unter ganz anderen
Bedingungen. Und dann mußte schon mitdiskutiert werden, was bis '68 in diesen
Ländern entstanden war; bei uns war die Diskussion ja auch durch die Ereignisse in Prag
'68 ganz anders, aber es war ebenfalls eine Krise des öffentlichen Bewußtseins. Ich
behaupte, daß auf beiden Seiten eine richtige Erstarrung der Emotionen stattgefunden hat,
von '48/'49 bis '89, die einfach nicht berührt wurden, oder nur oberflächlich, nach
einem allgemeinen Kanon abgehandelt wurden, wo es nicht tiefer ging. Das ist jetzt vorbei. Ich
bin überzeugt davon, daß die deutsche Literatur sich beleben wird, und
überhaupt erst einmal wieder Luft [bekommen] und durchblutet wird.
NGR: Eine sehr optimistische Aussicht, eigentlich.
IL: Ja. Es kann nicht sofort so sein, daß wir sofort die Bücher haben und so
schreiben können wie wir wollen, aber ich denke, daß wir ungefähr wissen,
jetzt plötzlich, wo wir hinwollen. Daß jetzt ganz anders darüber gesprochen
werden kann.
NGR: Daß man jetzt auch dahin kann, wo man hin will?
IL: Ja, aber man muß sich natürlich fragen, warum, das ist ja sehr interessant:
warum eigentlich? Es sind praktisch 50 Jahre vorbei nach '45, und diese 50 Jahre kann man
sozusagen zu diesen zwölf Jahren Drittes Reich dazu rechnen, einfach in der Schockwirkung
die diese zwölf Jahre hinterlassen haben, daß die regelrecht traumatisch gewirkt
haben. Und daß sozusagen dieses Trauma nachläßt. Daß wir jetzt die
ersten sind, die überhaupt mal gucken können, auf diese Landschaft, die der
Faschismus hinterlassen hat. Darum ist der Faschismus auch nicht "out", im Gegenteil, der wird
in einer neuen Weise als Thema erscheinen, weil wir jetzt beginnen können,
selbständig, wieder als Personen, daraufzublicken, und nicht nur als Opfer von Geschichte.
Heute kann ich sehen, ich bin immer noch nicht raus aus diesem schrecklichen Gebiet, ich bin
bloß am Rand. Und ich bin jetzt ganz alleine, es gibt keine Pappis und Mammis mehr, egal
ob sie russisch oder amerikanisch sind, die mich beaufsichtigen, ich bin wirklich ganz alleine
und stehe vor dieser Wüste. Das gibt ein ganz anderes Bewußtsein, auch eine
Freiheit.
NGR: Sie sind selber im Exil geboren – auch aufgewachsen? – und wohnen und arbeiten derzeit
im Hause eines Exilanten – Lion Feuchtwanger. Beeinflußt das Ihre Arbeit – in welcher
Form und in welchem Ausmaß? Beeinflußt das Ihre Lebenserfahrung in Los Angeles?
IL: Nee, ich bin nicht im Exil aufgewachsen, ich bin in der DDR aufgewachsen, wir sind '45 nach
Berlin gegangen. Also, meine Lebenserfahrung in Los Angeles beeinflußt es nur insofern,
als daß es ein sehr schönes Haus ist, in einer reichen Gegend, in dem ich wohne und
daß mir das bewußt ist. Aber was ich so denke, und meinen Blick auf Literatur
gerade aus dieser Zeit bereichert es schon sehr. Da bin ich froh, hier zu sein. Diese ganz
verschiedenen Ströme, wie sozusagen die deutsche Literatur zerschlagen wurde 1933, und wo
die stückweise geblieben ist und wie die dann zurückkam oder nicht zurückkam;
und die Ideologien, unter denen das geschah, auf der einen oder anderen Seite, das ist sehr
interessant. Wir hatten in der DDR ja eine ganz starke Brecht Rezeption, und Brecht war auch
mit Feuchtwanger befreundet. Und wie dieser Brecht, der für mich in meiner Jugend ein
Ideal war von einem aufgeklärten Autor, in meinen Augen zusehends zum Dogmatiker wird,
das ist mir nicht hier erst aufgefallen. Es ist auch sehr bewegend zu sehen, wie die Leute
versprengt wurden, und dann haben sie alle historische Sachen geschrieben und sind eigentlich
nie wieder richtig in die Realität 'reingekommen. Sehr merkwürdig.
NGR: Die waren ja hier in Pacific Palisades auch nicht grade am "Puls der Zeit", auch nicht, was Amerika angeht.
IL: Genau. Und da habe ich mich eben auch gefragt, wie ist das
möglich? Es geht nur, wenn man festhält an Dingen, an einer bestimmten
Ideologie, an einer bestimmten Literaturvorstellung auch, das ist für
mich besonders interessant. Warum haben die die nicht in Frage
gestellt? Ich verstehe überhaupt nicht, wie man in den 30er, 40er
Jahren in Amerika sein kann und seine Vorstellung von Literatur,
überhaupt vom Leben sozusagen, nicht ändern kann. Es muß doch eine
ziemliche Ideologisierung [geherrscht haben], nicht nur in Hinsicht auf
Marxismus; eine Dogmatisierung. Ein Mann wie George Grosz z.B., der
nach Amerika kam als Immigrant, der war so beeindruckt von den
Vereinigten Staaten, daß er völlig anders gezeichnet hat. Das verstehe
ich. Der war glücklich in Amerika zu sein und ein ganz anderes Leben zu
erleben, das [andere] hinter sich zu lassen: das ist für mich lebendig.
Aber hier, also praktisch am Ende der Welt zu leben und sich von nichts
beeindrucken lassen und diese historischen Sachen zu schreiben, daß
verstehe ich nicht. Das macht mich sehr mißtrauisch.
NGR: Die Exilliteratur stand vor einem ähnlichen Problem wie
die DDR und Post-Mauer Literatur, nämlich inwiefern sie auf ihre
Entstehungssituation und die politische Lage in Deutschland reagieren
konnte, bzw. sollte. Ist auch hier "Wahrhaftigkeit" ein Postulat und
wie vereinbart sich diese Forderung mit dem traditionellen
literarästhetischen Begriff einer Literatur, die unabhängig vom
Zeitgeschehen ist?
IL: Erklären Sie mir das mal, eine Literatur, die unabhängig vom
Zeitgeschehen ist. Ich meine, so wie ich das sehe, gibt es nichts, was
unabhängig ist, niemand kann aus seiner Zeit raus. Ich kann Ihnen
sofort beweisen, daß so ein Buch wie Henri Quatre, eine
Zeiterscheinung ist. Und daß er das in seiner Zeit und warum so
geschrieben hat, auch wenn er thematisch zurückgreift. Insofern geht
das gar nicht. [...]
Ich meine ein Mensch wie Brecht, der sich mit dem Galilei
beschäftigt, das ist ja "wahrhaftig" aus seiner Sicht. Jeder quält sich
mit Gedanken, jeder versucht, wahrhaftig zu sein – da kann man gar
nicht mit diesem Begriff herangehen.
NGR: Sie beschrieben eine fur sie wünschenswerte Literatur
als einen Text, den "man seinen Kindern geben kann und sagen kann:
'Wenn Du wissen willst, wie's war, lies das.'" Wie authentisch und
"wahrhaftig" kann Literatur Ihrer Meinung nach sein, ohne zum bloßen
Erfahrungsbericht zu werden?
IL: Ich will nicht, daß das verwechselt wird. Ich meine nicht
den Bericht, obwohl er schon interessant sein kann. Ich meine etwas,
was die Zeit darstellt, womit ich verstanden werde als Mensch. Diese
Erzählung Tonio Kröger, sie muß für ihre Zeit wirklich das
Lebensgefühl von Millionen Menschen wiedergegeben haben. Mir hat einmal
ein alter Mann gesagt: "Wir waren alle Tonio Krögers" – ob ich das
gelesen habe. Und das ist für mich so eine Novelle, die hat ein hohes
Niveau, es ist eine sehr schöne und wichtige Erzählung, und trotzdem
merkt man ihr auch die Zeit an, und wenn ich dann höre, daß das den
Nerv vieler Menschen getroffen hat, dann verstehe ich etwas von der
Generation meines Vaters. Das kommt sozusagen noch hinzu, trotzdem ist
es reine Literatur, es ist kein Bericht, hat überhaupt nichts
Dokumentarisches. Es muß auch keine Gegenwartsliteratur sein.
NGR: Wie sehen Sie das Problem der literarischen Repräsentanz
– daß es bestimmte Dinge gibt, die einfach nicht literarisch
dargestellt oder wiedergegeben werden können, wie z.B. der Holocaust?
IL: Stimme ich zu. Das geht doch gar nicht. Kunst beginnt doch
da, wo es um Verarbeitung geht, um etwas Geistiges, ästhetisches, wie
soll ich eine Folter in Kunst verwandeln? Das halte ich auch für
pervers. Es wird ja immerzu versucht, das ist ja in Deutschland ganz
schick – gerade im Theater. Ich bin grundsätzlich dagegen. Es gibt in
Deutschland viele Stücke über Ausländerfeindlichkeit. Wenn die dann
häufig gespielt werden, fragt man sich, ob etwa mehr
Ausländerfeindlichkeit auf den Bühnen stattfinde als in der
Wirklichkeit. Das ist dann auch gleich der Beweis, daß wir alle so gut
sind. Was tut die Kunst da eigentlich?
NGR: Darf Literatur demnach "über den Dingen stehen" – oder
soll sie eingreifen? Kann sie eingreifen? Und wie kurzfristig wäre ihre
Wirkung dann – wie nachhältig ihre Bedeutung?
IL: Das kann ich überhaupt nicht sagen – ich finde, Literatur
muß gut sein. Ich kann etwas ganz Ausgedachtes schreiben, etwas ganz
Symbolisches, wenn es gut ist, dann greift es ja irgendwo ein, wenn es
einen Menschen berührt. Ich habe alles mögliche geschrieben: ich habe
Sachen geschrieben, die ganz konkret sind und Sachen, die ganz
symbolisch sind. Ich kann nicht dazwischen unterscheiden – es ist eine
Frage der Form: was will ich ausdrücken? Und eigentlich nur eine Frage
der Qualität.
NGR: Ist Exilliteratur, z.B. die hier in Los Angeles entstandene, für Sie heute noch wichtig oder relevant? Wie bewerten Sie sie?
IL: Das ist eine harte Frage. Ich kann mich schwer davon
freimachen, daß die Leute, die hier saßen, so weit weg waren von den
anderen, die in Frankreich sich versteckt hielten, oder irgendwo auf
Schiffen untergegangen sind oder in der Sowjetunion in Lagern saßen. Es
ist immer so eine Sache: alles geschieht ja für die Bücher; das ganze
Leben, so wie es gelaufen ist: die Rechtfertigung ist das Werk. Und das
Werk muß es dann bringen.
NGR: Bringt's denn das Werk?
IL: Ich guck selten in die Bücher. Aber wer hat es schon
gebracht, in der Zeit? Ich kann das nicht so pauschal sagen. Die haben
ihre Literaturvorstellung nicht geändert und waren auch sehr weit weg –
da hat sich schon etwas verfestigt. Es ist gut, daß das überhaupt da
ist, natürlich – aber wir wissen gar nicht, was alles zerstört wurde.
Das ist eigentlich viel mehr mein Problem. Ich freue mich immer, wenn
ich mal wieder etwas finde – kleine Sachen, wo Menschen wirklich in
Konflikten waren. Es ist eine furchtbare Tragödie passiert, mit der
ganzen deutschen Literatur seit 1933. [...] Mir fehlt das Lebendige.
Jemand wie Klaus Mann hat sich das Leben genommen, daß wäre ja die
Generation, auf die es eigentlich angekommen wäre.
NGR: Wie verstehen Sie Ihre "Aufgabe" oder Ihre Betätigung
hier in Los Angeles, auch rückwirkend für Ihre Tätigkeit in Berlin? Was
werden Sie aus Los Angeles in die Partnerstadt Berlin zurückbringen?
IL: Ich freue mich sehr, daß ich hier bin und hier sein konnte.
Ich habe hier eine andere Art von Offenheit gesehen, von Bewegung. Ich
habe das Gefühl gehabt, daß ich hier näher dran bin an der Echtzeit,
sozusagen, auf der Höhe der Zeit, die wir haben. Ich dachte auch immer,
daß ich in Berlin sehr nahe dran bin, aber hier bin ich näher dran und
das war mir sehr angenehm und sehr wichtig; auch um in eine
Beweglichkeit 'reinzukommen. Und die Sache mit der Exilliteratur, das
beschäftigt mich, weil ich denke, daß wir einfach immer noch keinen
Begriff davon haben, was seit '33 oder schon viel früher geschehen ist,
kulturell in Deutschland und vielleicht auch in Mitteleuropa, und wir
können auch nicht weiterkommen, also ich zumindest nicht, wenn wir
keinen Boden unter den Füßen haben. Ich will wissen: wer sind meine
Vorgänger, in was für einer Reihe stehe ich, was setze ich fort. Und in
Deutschland, da schien es klar zu sein lange, und das ist nicht mehr
klar, für mich ist das nicht mehr klar. Ich denke, daß da ein ganz
schönes Umsortieren stattfindet.
NGR: Und unabhängig vom Exil, Los Angeles als Stadt, was gibt es da für Eindrücke?
IL: Es sind gute Eindrücke – nun habe ich die armen Teile der
Stadt nicht gesehen. Die Stadt gibt mir etwas wirklich Befreiendes –
ich möchte auch gerne wiederkommen.
NGR: Zum Abschluß noch eine eher praktische Frage: die Villa
Aurora, deren Stipendiatin, bzw. Writer in Residence Sie im Moment
sind, ist sicherlich ein Gewinn für den kulturellen Austausch in Los
Angeles. Wie wird man Stipendiatin bei der Villa Aurora, wie sieht der
Bewerbugsprozess aus und welches Gremium wählt einen aus?
IL: Ich weiß es nicht, denn ich habe mich nicht beworben, mir ist es angeboten worden. Aber von jetzt an muß sich jeder bewerben.
NGR: Vielen Dank für das Interview und die Zeit, die Sie sich dafür genommen haben.