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German Review - A journal of Germanic Studies

"diese Geschichte, die vielleicht anders war, die vielleicht noch ganz anders war und vielleicht noch ganz anders anders".
Das Werk Ulla Berkéwicz' – insbesondere Mordad
Ruth Petzoldt

Ulla Berkéwicz (im folgenden abgekürzt als U.B.) hat nach vier kurzen
Erzählungen 1992 ihren ersten Roman dem Publikum präsentiert, "Engel
sind schwarz und weiß", das sich mit der Zeit des Nationalsozialismus,
seinen mythischen und subjektiv faszinierenden Hintergründen in der
Person des der "deutschen Idee" verfallenen, doch zunehmend durch die
Kriegereignisse desillusionierten Protagonisten Reinhold Fischer
ambivalent auseinandersetzt.1
U.B. kommentiert die Situationen und das Erleben ihres Protagonisten
nicht, sondern wie in ihren anderen Werken besteht ihr Erzählen in
Nachempfinden und in subjektivem sprachlichem Nachschöpfen, das die ihm
eigene Ambivalenz – wie der Titel – ohne Wertung und immer einer
sprachlichen Ästhetik folgend in sich tragen sollte. Mehrere
Perspektiven, Stimmen und Erzählformen wie das schwärmerisch pubertäre
Tagebuch Reinholds, das Pathos der Nazi-Reden, und parallel dazu
auktoriales Erzählen voller Symbole, Anspielungen und Metaphern sollen
das Unsagbare hinter dem Geschriebenen vermitteln. Die Kritik hat
seinerzeit die als unangemessen empfundene Kunstsprache als distanzlos
und im "bombastischen Wörterrausch" erstickend nahezu einhellig
abgelehnt – so deutlich, daß 1994 eine Arbeit über dieses Phänomen des
allseits verteufelten Werkes erschien mit Tilman Mosers
"Streitschrift", so der Untertitel, "Literaturkritik als Hexenjagd.
U.B. und ihr Roman 'Engel sind schwarz und weiß'".
Eine Konsequenz der massiven Kritik an dem ehrgeizigen und bisher
umfangreichsten Werk ihrer 16-jährigen Laufbahn als freie
Schriftstellerin2 mag gewesen sein, daß U.B.' neuestes Werk Mordad
in Umfang, Form, Thema und Sprache wieder deutlich an ihre früheren
Arbeiten anknüpft. Mit knapp 120 Seiten in großzügigem Schriftformat
und in eine Vielzahl von Absätzen unterteilt folgt es im Lay-Out schon
dem ersten Werk Josef stirbt, 1982, das akribischen das
Sterbens des "Alten" beschreibt. 1984 folgte die monologische Erzählung
"Michel, sag ich". Diese Titelzeile wird von einer Frau beschworen, die
vom Land aufbricht, um in einer Großstadt mit apokalyptischen Zügen
ihren Geliebten Michel zu suchen, der sich einer Gruppe Revolutionäre
angeschlossen hat. "Michel, sag ich. Ja, sagt er", lauten die letzten
Zeilen. Die Begegnung mit der fremden, destruktiven Stadtwelt
kontrastiert mit der klaren, wenn auch nicht idyllischen Dorfwelt. Der
Weg der nach ihrer Liebe Suchende ist geprägt von Visionen,
Erinnerungen, Träumen und distanzierter und desto genauerer
Beobachtung. Ort und Zeit bleiben, auch wenn die Stadt als Frankfurt
(13) identifiziert wird, seltsam wage, wie eine metaphorisch
symbolische Darstellung aller Städte heutiger Zeit. Sie erlebt intuitiv
und in fast mythischen Metaphern- und Assoziationsketten die
metaphyischen Urzustände des in moderne Zeiten katapultierten Menschen
in einer anonymen, menschenfeindlichen Umgebung, beinahe als sei sie
die Besucherin von einem anderen Stern, so unvertraut erscheint das
sonst geläufige Bild der Stadt. Ihre Sprache ist von poetischer
Naivität, eine Prosa, die zeitweise die suggestive Intensität eines
Gedichts erreicht:
Ich flimmre in der Sonne. Ist das die Sonne? Es rauscht und schwillt.
Ist das der Lärm vom Licht? Seh mich um, seh mich, seh wie ich mich
umseh, seh mich ringsum, zehn, zwanzigmal. Da bin ich in der Mitte oder
wo. Da hängen die Spiegel, da ist ein Platz mit hohen Häusern, die
Häuser sind von oben bis unten mit Spiegeln vollgehängt. (13)
Licht – Dunkel, Natur – Stadt, Leben – Tod, Vertrauen – Anonymität,
Liebe, Glaube und Hoffnung – Verlust, Verrat und Trauer prägen die
Suche der Frau, die unaufhaltsam durch das Labyrinth der Stadt in der
Hitze des Spätsommers irrt.
Der Leser erfährt nie den Namen der Ich-Erzählerin. Dies gilt auch für
die vier anderen Erzählbände; sogar die Geschlechtszugehörigkeit des
anonymen Erzählers in Mordad
enthüllt sich erst auf den letzten Seiten durch die Perspektive einer
anderen Figur, die fragt "Aber wer ist die Frau da, die andere? Der
Arzt zeigte auf mich." (111), während sie zuvor immer neutral als
"Schriftsteller" (13), als "Zuschauer" (101) bezeichnet wurde. Von
autobiographischem Schreiben zu sprechen, würde zu weit führen, denn
dieses Erzählen ist zu phantastisch und artifiziell, zu zeit- und
ortlos. Aber die konsequente Innensicht und perspektivische Fokusierung
der Erzählerin und Autorin, insbesondere in den metafiktionalen
Kommentaren des neuesten Werkes, sind sicher als "Credo der Autorin
selbst [zu lesen, denn] nur indem sie von sich selbst ausgeht, kann sie
über andere schreiben" (KLG3 4); nur indem sie selbst alle
Rollen auf der unendlich variationsreichen literarischen Bühne
durchspielt, kann sie ihre Geschichten erzählen.
Aus der Sicht der Protagonistin, eine Schauspielerin4, wird im dritten Werk von 1989 Adam
ihr Warten auf den einen großen Geliebten, den für sie bestimmten
"Adam" geschildert. Zwischen den Auftritten und in ihrem Rollenspiel
als eine der großen Liebenden oder Teil eines Paares, die die
Weltliteratur und Mythen kennen, und in Begegnungen mit Paaren des
alltäglichen Lebens werden Lorelay (55), Goethes Stella (52), Maria
(158), die unglücklich Liebenden Phädra und Alexis aus einem Film (106)
und das sich über den Tod hinaus liebende jüdische Paar Leo und Lea
(29) zitiert oder als Beispiel einer Liebe episodisch beschrieben. Die
Perspektive aus der Innensicht, die zeitweise dem "stream of
consciousness" folgt, und die alles dominierende Rolle der Erzählerin
sind so konsequent beibehalten, daß auch Dialoge nur durch ihre
Zeugenschaft und Zitate ohne orthographische Kennzeichnung in den
fließenden Text integriert sind. Beschreibung und Gedanken, Kommentar
und Handlung fließen in den Strom des Erzählens.
Das vierte Werk Maria, Maria, 1988, setzt das
Porträt einer Schauspielerin fort und erzählt in surrealen Bildern von
der großen, unerfüllten Liebe des "Fräulein Doktor Faußt". Hier
schwingen noch deutlicher eine Vielzahl literarischer Anspielungen als
Werkzitate, als Anlehnungen an Motive und Vorlagen (Goethes Wahlverwandtschaften, Rilkes Sonette an Orpheus)
mit, so daß allmählich immer deutlicher wird, daß "Literatur (und
Schreiben) [...] das eigentliche Thema dieser Texte" (KLG 4) sind.
Alle Erzählungen verbinden gemeinsame Motive, die gleichsam als
Selbstzitat und unendlich fortgeschriebene Geschichte einer Frau immer
wieder auftauchen. Das große Thema Liebe dominiert und mit ihm die
Suche nach ihrer Verkörperung im idealen Gegenüber, der "fehlenden
Hälfte des Ganzen": dem Mann Adam – sei es als Titelfigur "Adam" oder
als den "eben erst ins Leben gefallenen Adam" eines Freskos, "den
nackten Adam, der mich [die Erzählerin] nicht unberührt ließ" (17). In Mordad
erlebt die Ich-Erzählerin nicht selbst eine Liebesgeschichte, sondern
beobachtet, ja erfindet verschiedene Paarmodelle und Liebesbeziehungen.
Ort der Handlung wie in allen Erzählungen ist eine Großstadt und die
besonderen Nischen dieser Stadt, in denen sich das Leben zugleich
beruhigt und konzentriert, in "Mordad" das Villenviertel mit
verträumten Gärten, in dem die Erzählerin einige Wochen als
Untermieterin einer Einliegerwohnung lebt (14). Verschiedene Figuren,
die aus früheren Erzählungen seltsam vertraut sind, treten wie ihre
eigenen Schatten wieder auf: so einer der Nachbarn, dessen Garten "mit
dem Grabstein seiner Eltern" an den der Erzählerin grenzt, der "Alte"
(18) (aus Josef stirbt), und ein ähnlich seltsames Geschwisterpaar, das sich wie jenes namenlose Paar in U.B.' bisher einzigem Schauspiel Nur wir5
vor der Welt verbarrikadiert. Das "Alter ego" der Erzählerin, die zum
egozentrisch skurrilen Figurenrepertoire passende "uneheliche
Schwestertochter, die in der Welt herumreise, ihren Lebensunterhalt als
Trödlerin verdiene" (18), informiert diese über die anderen Personen.
Ihre Auftritte zu Beginn und nach ihrer Rückkehr von einer vierwöchigen
Reise in den Orient gegen Ende der Erzählung bieten eine Art
Handlungsrahmen und grenzen die aktiven und dialogischen Bezugnahmen
der Erzählerin zur Außenwelt ein. Das namenlose und daher exemplarisch
anmutende Paar, "der Mann und die Frau" (26), das in einem zum Atelier
umgebauten Gartenhaus im selben Garten wie die Erzählerin wohnt, wird
von ihr "als Randfigur mit Zuschauerpart und Fensterplatz" (8)
uneingeschränkt beobachten.
Man könnte Mordad als geglückte Synthese der
wesentlichsten Erzählstränge und erzählerischen Experimente
vorangegangener Werke bezeichnen, denn einerseits findet sich hier die
introspektive, poetische, in ihrer Wagheit phantasievolle Sprach- und
Metaphernwelt wieder, zum anderen ist die Handlung ereignisreicher und
spielerischer und setzt die früher schon anklingende
Selbstthematisierung des Erzählens und Schreibens in kunstvoller Weise
fort. Bedingt durch die die Spiegelung der Autorin U.B. selbst in der
Rolle der Erzählerin als Schriftstellerin ist Mordad ein sich
selbst potenzierendes Spiel mit Literatur, mit literarischen
Versatzstücken, mit Zitaten und Selbstzitaten, mit Anspielungen und
metafiktionalen Kommentaren über das Erzählen dieser Geschichte. Durch
ihre Subjektivität und den konsequenten Verzicht auf einen allwissenden
oder auktorialen Erzähler wird Mordad zum Spiel mit
Möglichkeiten, mit der unverbindlichen Deutung von Ereignissen, dem
Rollenspiel und Eigenleben der literarischen Figuren, an dem der Leser
sich mit immer größerem Vergnügen beteiligt.
Wie der mehrdeutige Titel schon ankündigt und jeder Verzicht auf eine
Gattungszurodnung im Untertitel nahelegt, können verschiedene, einander
ergänzende Modelle des Erzählens und Genres – nicht nur der Literatur –
hinein-/herausgelesen werden. Mordad
ist der persische Name des Monats Juli, der Hitzezeit und eine Periode
der Anstrengung und Erschöpfung, die die Protagonistin entgegen ihrer
sonstigen Gewohnheit zur Nachtschreiberin werden läßt, da die Hitze
tagsüber jede nicht unbedingt notwendige Tätigkeit lähmt. Schon in
"Adam" war die flimmernde Hitze ein Medium entgrenzender Wahrnehmung
und hier wird sie zu einem allgegenwärtigen Motiv (11, 75, 82, 95), das
einen nicht geringen Anteil an der Eskalation der Ereignisse hat: die
Geschichte ausbrütet. Anknüpfend an diese orientalische Atmosphäre mit
ihrer elegischen Ruhe, der Anspielung an das sich ins Unendliche
fortsetzende Erzählen von 1001 Nacht, schwingt aber auch das Wort Mord,
Mordtat mit und findet seine Erfüllung in der
vielleicht/wahrscheinlich/ziemlich sicher geschehenen Ermordung an dem
jungen, orientalisch wirkenden Mann der überraschend zum störenden
Dritten in der Beziehung des allnächtlich beobachteten
Künstlerehepaares wird und atmosphärisch an den Adam des Freskos
erinnert.
Bedeutungsvoller als die eigentliche, unklar bleibende Handlung sind
die eingestreuten Reflexionen über das Erzählen und die manchmal
elliptische, dann wieder ausufernd bildhafte, beinahe theatralisch
pathetische Sprache, in die die Erinnerung an jene Juliwochen gekleidet
wird. Die Erzählerin saß stundenlang, schließlich ganze Nächte am
Fenster und beobachtete die sich wiederholenden, dann hitzig
überschlagenden Geschehnisse im Garten und im Gartenhaus zwischen dem
Bildhauer und seiner ewig und monoton dasselbe Klavierstück Liszts
spielenden Frau, das antizipatorisch die morbide Stimmung als Totentanz
mit seinem "Csardas Macabre", ein "Endspiel" (62) spiegelt. Die Person
ist Schriftsteller, Autor(-in) von historischen Romanen, deren Inhalte
in Bibliotheken und auf Reisen in den Orient recherchiert werden. Doch
nach einer Krise soll hier, zurückgezogen von der äußeren, aus
vergangegenen Geschichten gespeisten Welt ein Werk entstehen, das ganz
aus sich selbst geschöpft ist. Der Autor isoliert sich immer mehr,
reduziert seine zunehmend passive Existenz auf Beobachtung (100f.) und
nächtliches In-sich-hinein-horchen und verfällt der Eigendynamik der
Geschichte, verliert jede Kontrolle über die Geschichte, während sie
versucht, dem "Einfall" (29) nachzulauschen, denn da "gab es Tage, an
denen mir vorkam, ich selber sei mir eingefallen [... und alles sei]
bloß Dekor für meinen Einfall gewesen" (7). Dieses Motiv des Erzählers,
der sich auf der Suche nach einer noch nicht geschriebenen Geschichte
in einer Geschichte verliert, die aus Versatzstücken geläufigen
Erzählens zusammengesetzt scheint, taucht immer wieder auf (20f., 95,
64f., 79, 55, 41). Die Krise der Erzählerin gipfelt in einer
Identitätskrise (41f., 53), die im Rückblick durch die Rekonstruktion
der Geschichte und im Erzählen zu bewältigen versucht.
Der Leser beobachtet seinerseits diese von der Hitze anscheinend wie
gelähmt verharrende Figur, die ihm zugleich durch die perspektivisch
vorgegebene Ich-Erzählung bis in ihre Gefühle und Erinnerungen vertraut
wird. Aber wer sich hier blind auf die Zeugenschaft des erzählenden
Beobachters verläßt, wird in die Irre geführt.
Von Anfang an und sich in Wochen zermürbender (Selbst-) Beobachtung
wiederholendhäufen sich morbide Abdeutungen eines
"Katastrophenvorgefühl[s]" (28): das Fresko mit den "Gräber[n] des
Jüngsten Gerichts" (17), die unterdrückte Gewalttätigkeit der
betreffenden Personen, ihrer Kommunikationslosigkeit, die Metapher des
verdorrenden Garten, die in seltsamer Eigendynamik, unaufhaltsam wie
das ewig gleiche Klavierspiel zur Katastrophe führende Handlung: ein
Mord geschieht – oder doch nicht? Wer ist der Täter/-in oder sind es
die Täter? Wer ist das Opfer und was geschah? Es gibt ein halbes
Dutzend Varianten der Tat, vom "Würgespiel" (49, 105) bis zum Todschlag
mit einer Axt oder Erstechen mit dem Messer (112f.), von der bis
zuletzt unklar bleibt, ob sie wirklich geschehen ist.
Spielerisch vielsagend sind die offenen Formgrenzen, die durch den
Ich-Erzähler und die Motivketten zusammengehalten wird. Es finden sich
in dieser vergleichsweise kurzen Erzählung strukturelle und inhaltliche
Anklänge an das Genre der Novelle mit symbolisch sinnstiftenden
Leitmotiven (Hitze, Garten, Adam, orientalische Misbaha-Kette), als
Höhepunkt ereignet sich am Ende der spannungsvoll allmählich
eskalierenden Handlung der Mord. Die Rolle der Ich-Erzählerin ist so
deutlich als Beobachterin durchgeführt, daß man fast von einer
Rahmenfigur sprechen kann, die als Zeugin die "eigentliche" Aktion, das
Leben des destruktiven Künstlerpaares, wiedergibt und so Anklänge an
die novellistische Rahmenerzählung schafft.
Deutlich sind auch die Versatzstücke einer Kriminalerzählung: ein
Verbrechen geschieht, das sich lange vorher ankündigt. Die
Erzählerfigur stellt sich auf den ersten, den Rückblick einleitenden
Seiten als Zeuge vor (7), aus ihrer Sicht wird der Leser geführt, sie
dient als Identifikationsfigur. Zum Schluß versammeln sich alle aus dem
begrenzten Personenkreis in klassischer A. Christie-Manier in einem
Raum, um den Mörder zu überführen. Doch sie scheitern und die
Geschichte behält in irritierender Weise jenen Rätselcharakter, der das
Genre bestimmt, denn jeder erzählt von einem anderen Mord und meint
doch denselben. Einerseits werden die sozialen Umstände und der
"Spielraum" realistisch beschrieben, zugleich aber existiert eine
mehrdeutige, Zeichen und Chiffren anspielungsreich verwebende zweite
Ebene, die kausale Verknüpfungen fragwürdig werden läßt und der
Erzählerin eine neue Form der Wirklichkeitserfahrung ermöglicht.
Vor allem die poetische Sprache schafft die Atmosphäre eines Märchens.
Der verträumt magische Spielraum des Gartens, der heiße Sommer, die
Abgeschiedenheit und magische Erlebnisse wie die Gartentür, die kaum
hinaus- aber immer hereinläßt, und die Vielzahl düsterer Anspielungen,
in denen die Erzählerin ihre Empfindungen mit Metaphern: "wie das Kind
im Baumhaus, [...] bang, aber todbereit, die Nacht zu durchschauen"
(22), programmatisch beschreibt. Wie im Märchen erweisen sich die
Erlebnisse dieses Sommers für die Protagonistin als Prüfung, als Weg
der Selbstfindung, den sie suchend, beobachtend und schreibend
unternimmt, um
den eigenen Engrammen auf die Spur zu kommen, die eigenen
Gedächtnisspuren aufzuspüren, eigenen Wegzeichen Bahn zu brechen das
Eigene zum Ereignis zuzulassen, einen Einfall zu haben, eine Geschichte
zu erfinden [... voll Angst] das Eigene könnte durch die jahrelange
überlagerung mit dem anderen erdrückt sein. (8f.)
Die Erzählweise erinnert an das oft von unvermittelten
Schnitten (Absätzen) durchbrochene, auf die jeweilige Szenen begrenzte
Erzählen eines Films, in dem jeder Zuschauer die Rolle des Beobachters
und Zeugen einnimmt und seine Informationen wie die Ich-Erzählerin nur
aus dem, was sie wahrnimmt, sieht und vielleicht noch kombiniert,
gewinnen kann, denn kein allwissender Erzähler verfügt hier freigebig
über Hintergrund- und Zusatzwissen. Einige Sequenzen erinnern an die
Kameraführung z.B. so berühmter Krimi-Thriller wie Hitchcocks Ein Fenster zum Hof,
auch hier wird der Zuschauer/Leser gemeinsam mit dem wenig heldenhaften
Protagonisten Zeuge eines Mordes – ohne daß er deshalb Bescheid weiß
über die Tat und ihre Hintergründe. Und ähnlich wie der berühmte
japanische Film, in dem ein Verbrechen aus der jeweils ganz
unterschiedlichen Perspektive der beteiligten, Opfer und Täter, und der
Zeugen nacheinander dargestellt wird, weiß zum Schluß am allerwenigsten
der Zuschauer, was "wirklich" geschah.
Die Sprache ist einfach, klar strukturiert und gewinnt dann in sich
Schubweise geradezu überschlagenden Sätzen an Eigendynamik, ergeht sich
in assoziativen Reihungen, Variationen eines Motivs, spielerischem Hin-
und Herwenden eines wohlvertrauten Wortes oder Neologismen – gerade
wenn die Ich-Erzählerin den Blick nach innen richtet auf die eigenen
Motive, die eigene Geschichte, auf das zentrale Motiv, sich "in meiner
eigenen Wirklichkeit behaupten" (96) zu wollen. Während die Erzählerin
sich als Schriftstellerin noch auf der Suche nach einer neuen
Geschichte glaubt und sich fragt:
Und was war mit den abgebrochenen Geschichten derer mit Schreibstau,
Bildriß, Wortbruch, Kopfinfarkt? [...] Hatte ich alte Felder angezapft,
Gedankenformen abgerufen, Wirklichkeitstransformation mittels
Leereenergie betrieben? [...] War sie etwas die Folge jenes von vielen
Schreibern, die das Schreiben beschreiben? (92)
hat sich die Geschichte als Teil einer unendlich
variantenreichen Geschichte schon selbst geschrieben. Die
Widersprüchlichkeiten der eigenen Existenz werden in der Suche nach der
Wahrheit deutlicher und unaufhebbar, sei es in der mimetischen
Abbildung der Welt als "Zuschauer" (101) und in der schöpferischen
Freiheit des Künstlers und des sogar von seinem Schöpfer unabhängigen
Kunstwerkes. So fragt sich die Erzählerin, "hatte diese von mir selbst
herbeigeschriebene Handlung sich meiner selbst bemächtigt" (96), wenn
sie den schöpferischen Prozeß des Schreibens und die eigenen
Formulierungen hinterfragt: "Warum hatte ich Einfall gesagt, warum
nicht Erfindung?" (29) und schließlich feststellen muß, daß die
"Handlung sich ereignete" (95). Verunsichert kann sie sich nah der
konfrontation mit einem fremden Gesicht nur noch fragen: "War mir das
Gesicht eingefallen? gehört das Gesicht einer Figur? Wollte sich um die
Figur herum ein Gesichtsfeld bilden, ein Individuationsfeld" (42), um
dann in diesem Verwirrspiel das eigene Gesicht gespiegelt zu sehen
(44). Sie muß feststellen, daß sie "keinen Einfluß auf den Ausgang der
Geschichte" (100) nehmen kann, aber zugleich "alles Einfluß hat" (100),
wie unbedeutend es auch scheinen mag.
So wird "Mordad" zu einer Geschichte der Geschichten über das Geschichtenerzählen.
Ulla Berkéwicz. Mordad. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1995. 119 Seiten.
Anmerkungen
1. Es fällt auf, daß sich in den letzten 12 Monaten in einer
Reihe von Neuerscheinungen gerade jungen Autoren bzw. Autoren, die
deutlich nach dem Krieg geboren sind (U.B. 1951; C. Ransmayr 1954, M.
Beyer 1965 – Autoren, deren neuste Werke in späteren Rezensionen in NGR
vorgestellt werden sollen), mit dem Phänomen des Nationalsozialismus,
seines subjektiven Erlebens im Alltag und der Verführbarkeit der
Zeitgenossen beschäftigen.
2. U.B. erhielt 1980 den
Ingeborg-Bachmann-Preis, später weitere Stipendien und Preise und lebt
in Frankfurt a.M.
3. Sylvia Adrian über Ulla Berkéwicz, in: Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, Seite 1–6, Literaturnachweis A–D.
4. Schauspielerin war auch der Beruf von U.B.' (eigentlich Ursula
Schmidt), bevor sie sich zur Schriftstellerin berufen fühlte.
5. Das Theaterstück erschien 1991, wie alle Werke U.B.' im
Suhrkamp Verlag Frankfurt a.M.; uraufgeführt wurde es im April 1991 an
den Münchner Kammerspielen unter der Regie von Urs Troller.
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