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Die umfangreiche und theoretisch wie textanalytisch im wesentlichen
ansprechende Arbeit über "Goethe-Parodien" hält sogar noch mehr, als
der Untertitel – "Wirkungsgeschichte eines Klassikers" – verspricht.
Waltraud Wende1
legt darüberhinaus eine zusammenfassende Analyse des jeweilig
relevanten kulturellen, sozialen und politischen Umfeldes – mit dem
Schwerpunkt Literaturbetrieb – der Goethezeit bis zur Gegenwart vor.
So werden die Goethe-Parodien aus dem Kontext heraus interpretiert, mit
Blick auf die Goethe-Rezeption und als eigenständiger Ausdruck
zeitgenössischer literarischer Intention.
In Kapitel III, das mit 260 Seiten fast Zweidrittel des Buches ausmacht
(118–388), finden sich die Interpretationen der – oft wohlbekannte –
Parodien, die eingebettet sind in die Darstellung der Literaturkritik,
des Kanonisierungsprozeßes ("Goethe oder Schiller? 202–218) und der
politischen Strömungen des 19. Jahrhunderts (118–295): Politische
Restauration, Zensur, "Entfaltung des Presse- und Zeitschriftenwesens",
sowie Trivialisierungstendenzen und nach 1848/49 der resignierte
"Rückzug ins Private" (257), der mit der Betonung der komischen
Intention statt des kritischen Gehalts der Parodie einhergeht.
An Zeitgenossen Goethes, bzw. Autoren der ersten Hälfte des 19.
Jahrhunderts kommen C.F. Nicolai, J.M.R. Lenz, A.v. Kotzebue, H. Heine,
J.v. Eichendorff, K. Immermann und J.F.W. Pustkuchen im
interpretatorischen Teil der Arbeit zu Wort. Die theoretischen
Überlegungen der Romantiker jedoch werden im historisch poetologischen
Abriß zur Parodie im I. Kapitel, wie zum Beispiel die
Athenäums-Fragmente von Friedrich Schlegel, oder Ludwig Tiecks und
Clemens Brentanos parodistische Komödien unverständlicherweise völlig
ignoriert. Auch die in Titel und Untertitel dezidiert gegen Goethe
gerichtete Farce Johann Daniel Falks "Der Jahrmarkt zu Plundersweilern.
Parodie des Göthischen", 1801, findet keine Erwähnung. Eine
Untersuchung im Zusammenhang mit der Goethe-Rezeption wäre gerade auch
deshalb interessant gewesen, weil die Parodie eigentlich als
Streitschrift gegen die Romantiker, die Goethe verehrten, gerichtet war
und daher noch einen etwas anderen Aspekt der Wirkungsgeschichte
Goethes beleuchtet hätte.
In dieses Kapitel III hat Verf. auch das 20. Jahrhundert integriert und
stellt auf knapp 90 Seiten (296–388) Goethe-Parodien der Klassischen
Moderne, des Dadaismus vor, bis hin zur programmatischen
Infragestellung sogenannter "Origineller Literatur", parodierender
Unsinns-Poesie und Sprachexperimenten von C. Morgenstern bis zu E.
Jandl.
Zusätzlich skizziert sie dabei "mein Verständnis von Literatur und
Literaturwissenschaft" (116), das sich ausgehend von der
Literaturgeschichtsschreibung im 19. Jahrhundert, über die
Politisierung der Wissenschaften in den Sechziger und Siebziger Jahren
dieses Jahrhunderts (307ff.) bis zum Methodenpluralismus heutiger
Literaturwissenschaft (vgl. 49) entwickelt.
Im letzten, IV. Kapitel kommt als "Exkurs" der Parodist Goethe
abschließend selbst zu Wort. Auch wenn der Dichterfürst eingangs als
vehementer Gegner, als "Todfeind" der Parodie zitiert wird (17ff.), so
hat er doch in seinen Jugendjahren des "Sturm und Drang" kritische, ja
polemische wie auch "unterhaltend-spielerische" (393) Literatursatiren
verfaßt. Verf. begründet mit Bezug auf die psychoanalytische Studie
Eisslers fast entschuldigend diese Invektiven Goethes als
"literarisierte Antwort auf vorangegangene Kränkungen und
Verärgerungen" (397) und mußte doch kurz zuvor das Gegenteil
feststellen, fand doch durch "Goethes Reaktion auf den Roman [von
Friedrich H. Jacobi "Woldemar"] [...] das anfänglich durchaus
freundschaftlich gestaltete Verhältnis zwischen beiden Autoren rasch
ein von Goethe provoziertes – abruptes und jähes – Ende" (395).
Wende stellt nun weniger bekannte Frühwerke Goethes vor: Das Gedicht
"An den Kuchenbäcker Hendel" von 1767 (390ff.) ist eine Imitation (!)
des "gelehrt-professoralen Ausdrucksstils der Gelegenheitspoesie" von
Christian A. Clodin (390), die Goethe in seinem autobiographischen
Spätwerk "Dichtung und Wahrheit" ausführlichst kommentiert. Nur kurz
geht Verf. auf die "'dramatische Grille'" "Triumpf [bzw. Triumph!, wie
in der Hamburger Ausgabe] der Empfindsamkeit" (1778) ein, wobei ihr in
der Anmerkung 16 (394) ein verräterischer Fehler in der Titelangabe
unterläuft: "Triumpf der Einsamkeit [!]"2.
Wendes Interpretation, daß es sich hier um eine selbstironische
Bezugnahme auf den "Werther" handle, möchte ich dahingehend
relativieren, daß hier doch eher satirisch Kritik an der Rezeption des
"Werther" geübt wird und an der "schale[n] Sentimentalität" des
zeitgenössischen Publikums3.
Die bereits erwähnte "'Woldemar'-Parodie" (395ff.), auf die sich Verf.
drei Seiten lang bezieht, ist nicht als Text, sondern nur anonym und im
anekdotischen Zusammenhang mit Goethe überliefert. Es handelt sich hier
auch nicht um eine Parodie in literarischer Form, sondern um die
satirisch überzeichnete Präsentation, das Vorlesen des Originaltextes
(395), dessen sentimentaler Schluß der Überlieferung nach dahingehend
geändert wurde, "daß Woldemarn der Teufel hole"4
und nach einer "Standrede über das schlechte Buch [...] endlich zur
wohlverdienten Strafe und andren zum abschreckenden Beyspiel [Goethe
das Buch] an beyden Enden der Decke an die Eiche genagelt"5.
Es handelt sich hier gewissermaßen um eine idealtypische Parodie mit
minimaler Akzentsetzung und detaillierter Adaptation der Vorlage, die
aber naturgemäß nur unzuverlässig überliefert ist und sicher in diesem
Kontext kein idealer Untersuchungsgegenstand6.
Verf. gibt bedauerlicherweise nur einen minimalen Überblick über die
bekannteren literarischen Satiren wie die Farce "Götter, Helden und
Wieland", "Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern" und geht auch nicht
in ihren Anmerkungen auf die Forschung zu diesen Werken ein.
Da Verf. die Rezeptionsästhetik als Bestandteil der von ihr favorisierten kommunikationstheoretischen Methode7
zu Untersuchung bevorzugt, stehen die Leser ("Literatursystem",
"Rezeptionsgeschichtliche Akzentsetzung" und "Leserprofile und
Printmedien") im Zentrum ihres Interesses. Wende gibt damit den
historischen Rahmen vor, um die leitmotivischen Fragen der
Parodieforschung beantworten zu können: Wie gegenwärtig war das Werk
Goethes, welche Werke wurden wie und mit welcher Intention parodiert
und als Parodie erkannt und rezipiert. Verf. unternimmt eine
Rekonstruktion des Vorwissens, das für das "Funktionieren" einer
Parodie, die die Kenntnis der parodierten Vorlage voraussetzt,
notwendig war und ist.
In ihrem Forschungsüberblick "Zur Theorie der Parodie" (Kapitel I,
7–110) stellt sie zu Beginn die Begriffsgeschichte von Quintilian über
J.W.v. Goethe, F. Nietzsche bis P. Rühmkorf dar. Dem folgen "aktuelle
Theorien zur Parodie" (27ff.) von der kulturkritischen Theorie der
russischen Formalisten Anfang dieses Jahrhunderts bis zu David Roberts
postmoderner Interpretation der Parodie (1986) als "Selbstzerstörung"
(88f.). Etwas unvermittelt demonstriert Wende zwischendurch (80–87)
verschiedene Intentionen der Parodie (textkritisch, instrumental,
trivial) am Beipiel dreier Parodien auf Friedrich Schillers Gedicht
"Würde der Frauen".
Der literaturwissenschaftlichen Methode "Intertextualität" widmet sie
nur wenige Seiten (57–61) und berücksichtigt deren Forschungsergebnisse
nur bis zum Jahr 1987 (!), so daß sie zum Beispiel auch die für ihr
Thema einschlägige Dissertation von Beate Müller8
nicht behandelt. Dennoch stellt sie fest: es muß "davon ausgegangen
werden, daß sie sich [die Intertextualität] – in einem Ausmaß wie in
kaum einer anderen Textsorte – [...] in parodistisch inszenierten
Texten manifestiert [...] als bewußte und intendierte Referenz auf
einen oder mehrere Prätexte" (58). Auch wenn sie immer wieder
terminologische Anleihen bei diesem methodischen Ansatz vornimmt (53f.,
111 und 305f.) und bei näherer Auseinandersetzung gerade in dieser
Arbeit deutlich wird, daß die Konzentration auf intertextuelle Bezüge
eine genaue Beschreibung der Autor-Intention wie der vorausgesetzten
Lesererwartung und der im Text angelegten Rezeption möglich macht,
ignoriert Verf. im weiteren die "Intertextualität". Die Arbeit von
Susanne Holthuis9 macht deutlich, daß auch Wende beide
Ansätze – Rezeptionsästhetik und Intertextualität – zum gegenseitigen
Nutzen hätte kombinieren können.
Wendes Vorbehalte gegen diese Methode sind für mich nicht
nachvollziehbar, denn der methodisch und terminologisch klar
abgrenzbare "Apparat" der Intertextualität, erweist sich in der Analyse
des Text-Text-Bezuges innerhalb der Einzeltextreferenz und der Bezüge
zwischen Text und Gattung und Text und Stofftradition innerhalb der
Systemreferenz als besonders hilfreich. Auch wenn ich die von der
Strukturalisten her bekannte Theorie der Intertextualität, daß sich
Texte aus dialogischen Beziehungen zwischen dem eigenen und dem fremden
Wort, in das sich Grundmuster (Codes) einer Epoche und (literarische)
Traditionen "einschreiben", durchaus reizvoll finde, ja gewissermaßen
die Welt selbst als ein Gewebe von (Text-) Strukturen verstanden /
gelesen werden kann – so müssen und können doch diese Theorien der
Intertextualität "operationalisierbar", ja "disziplinierbar" gemacht
werden. Ein sehr enges Verständnis von intertextuellen
Text-Text-Beziehungen mit entsprechend deutlichen Markierungen im
jeweiligen Text kann ohne Widerspruch für die detaillierte
intertextuelle Textanalyse vorausgesetzt werden10.
Eine genaue Beschreibung des Umgangs mit Textvorlagen als Adaptation,
Transposition oder Transformation, als Kontamination verschiedener
Quellen und eben doch in den seltensten Fällen als reine Parodie, hätte
Verf. vielleicht etwas mehr für die doch deutlichen Unterschiede der
Rezeption einzelner Goethe-Texte sensibilisiert. Beispielsweise ist die
"anonym erschienene Parodie 'Stella, ein Schauspiel für Liebende von
J.W. Goethe, sechster Akt" (1876) eine Adaption des Dramas in Form
einer Fortsetzung mit parodistischen Zügen, aber keine Parodie im
engeren Sinne (281); vergleichbar auch mit dem literarischen Skandal
der "Wilhelm Meister" -Varianten und Fortsetzungen im Jahre 1821 von
Johann Fr. W. Pustkuchen (152ff.), die zuerst sogar – da anonym
erschienen – fälschlich für ein Werk Goethes gehalten werden11.
Über Wendes Kategorisierung als "Fortsetzungsparodie" (153) ließe sich
trefflich streiten, da diese Goethe-Rezeption auch keine
komisch-witzige Intention verfolgt, sondern didaktisch verbessernd, ja
als Korrektiv des Originals auftreten will.
Wende gibt eine sehr knappe, kaum eine halbe Seite umfassende
Zusammenstellung der parodierten Originaltexte (113), und spätestens
hier vermißt man eine überblicksartige Auflistung der Texttitel Goethes
und ihrer entsprechenden Parodien mit Autor, Titel und
Entstehungsdatum; ganz zu schweigen davon, daß ein Stichwort- oder
wenigstens Personen- und Titelverzeichnisses die Arbeit mit diesem Werk
erheblich erleichtern würde.
Auch wäre neben der chronologischen Abfolge der vorgestellten
parodistischen Bearbeitungen wenigstens eine exemplarisch durchgeführte
Untersuchung als vergleichende Analyse einer Vorlage und ihrer
Parodien, bzw. der Parodien untereinander, aufschlußreich gewesen.
Eines der am häufigsten parodierten Gedichte, "Mignon" – "Kennst du das
Land, wo die Zitronen blühn ..." (1782/83) wird quer durch die Epochen
rezipiert und parodiert: von Johann K. Nänny unter dem Titel "Das
Roman-Land" (1840/41) (179), von Friedrich von Sallet
"Sehnsuchtsanfall. Inspiriert durch die Europäische Pentarchie" (1835)
(243f.), Friedrich Carl Castelhun "Kennt ihr das Land" (1848) (248),
Friedrich Dingelstedt "Mignon als Volkskammersängerin" (1851) (253), in
einer anonymen Bearbeitung "für die kleineren Bühnen" (1869) (265),
"Kennst du das Land, wo die Kanonen blühen?" von Erich Kästner (1927)
(315f.), als Albert Vigoleis Thelens Parodie von 1979 "Kennst du das
Land, wo Ziegen barfuß gehen?" (329ff.), und von Julie Schrader "Kennst
du das Land" (ohne Jahr) (343). Schon diese (Titel-) Aufstellung, die
mühsam zusammengesucht werden mußte, gibt einen Eindruck von der
unterschiedlichen politischen Funktionalisierung und dem witzigen
Umgang mit "normativer" Dichtung. Wende erschöpft sich in ihren
Analyse, neben einer Darstellung der jeweiligen Entstehungs- und
Rezeptionsgeschichte der Parodie (und falls vorhanden einer
Zusammenfassung des Forschungsstands) in überwiegend inhaltlichen
Vergleichen, ohne formale Elemente besonders zu berücksichtigen.
Selbst wenn bei der üblichen Lücke zwischen Verfassen einer Arbeit und
ihrer Drucklegung mehr als ein bis zwei Jahre vergehen können, hätten
einige Worte in der Einleitung genügt, auf die oben erwähnten neueren
Arbeiten zur Parodie im Interesse einer möglichst vollständigen
Darstellung des Phänomens aufmerksam zu machen. Statt dessen ist die
Begegnung mit dieser Arbeit auf den ersten Blick wenig einladend, denn
es gibt keine noch so kurz gehaltenen allgemeinen einleitenden
Bemerkungen, die den Leser über das Vorhaben der Verf. in Kenntnis
setzen würden.
Hier fragt man sich, warum Verf. nicht das nur knapp sechs Seiten
umfassende und damit unproportional kurze, eigenständige Kapitel II,
die "Abgrenzung des Analysefeldes" (111–117), als Einleitung an den
Beginn stellte, in der sie über Thema, These, untersuchten Textkorpus
und methodischen Ansatz "zusammenfassend" (116) informiert.
Konsequenterweise fehlt auch eine Schlußbemerkung, in der Verf. die
(nun verpaßte) Gelegenheit für ein Resümee ihrer Thesen gehabt hätte.
Statt dessen endet die Arbeit etwas kryptisch und abrupt ohne jeden
Kommentar der Verf. mit einer Paraphrase eines Kommentars Goethes zur
Parodie aus "Dichtung und Wahrheit": "Er wird nicht müde, den nicht
eigenständigen, von der Vorlage abhängigen Charakter des parodistischen
Schreibens zu betonen" (398). Einerseits ist dies eine oft wiederholte
Banalität, denn die Parodie entsteht definitionsgemäß nur aus dem engen
Bezug zu einer Vorlage. Doch – wie Wende in vorhergehenden Zitaten aus
"Dichtung und Wahrheit" etc. belegt (17f., 398) – ist sich Goethe sehr
wohl des produktiven Prozeßes bei der "Aneignung" und
Auseinandersetzung mit der Vorlage bewußt und gesteht der Parodie das
Moment einer "trefflichen Erfindung" durchaus zu. Im Kontext des oben
genannten Zitats12
betont er die Dominanz der Vorlage, aber ihm hier zu unterstellen, er
spräche einer Parodie jegliche Eigenständigkeit, jeden "eigenen Sinn"
ab, führt wohl zu weit.
Der Leser muß – wie die Verf. – feststellen, daß (kurze) Gedichte und
Balladen als Prätexte für parodistische Bearbeitungen deutlich
überrepräsentiert sind, während die Prosawerke seltener und die Dramen
kaum parodiert werden. Daran schließt sich beispielsweise die Frage an,
warum denn die Lyrik so häufig vertreten ist – sind es die durch die
Jahrhunderte bekanntesten Werke Goethes – bekannter als "Faust"13?
Oder macht die Kürze der Gattung das Gedicht in seinen Kernaussagen und
formal jederzeit für den Leser abrufbar? Erweist sich daher Lyrik für
die in der parodistischen Bearbeitung vermittelten tagespolitischen
bzw. gebrauchsliterarischen Funktion oder als literaturkritische und
experimentell witzige Adaption am geeignetsten? – Fragen, die leider
nicht beantwortet werden.
Abschließend, nach dem anfänglichen Lob und der deutlichen Kritik
möchte ich doch festhalten, daß Waltraud Wendes Werk über
Goethe-Parodien eine interessante, fleißige und manchmal leider
oberflächliche Studie zu Goethe, zur Goethe-Rezeption und zur
Parodieforschung ist. Trotz sicher nicht unerheblicher Fragen zur
Methode, konkreten Umsetzung und zur sparsamen Gliederung des Werkes –
eine lohnende und bereichernde Lektüre!
Waltraud Wende. Goethe-Parodien. Zur Wirkungsgeschichte eines Klassikers. Stuttgart: M & P Verlag für Wissenschaft und Forschung, 1995. 436 Seiten.