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Ein Blick aus dem Schloß: Zwei Ansichten von Uwe Johnson

Gregory S. Zlotin

Diese Erzählung von Uwe Johnson erschien 1965. Im Gegensatz zu Mutmassungen über Jakob (1959) und Das dritte Buch über Achim (1961) wird die Gattung der Zwei Ansichten nicht als Roman bezeichnet. Im Zentrum dieses Prosatextes steht die Beziehung zwischen einem jungen Herren B., Pressefotografen aus einer mittelgroßen Landstadt Holsteins, und einer Krankenschwester D. aus Ostberlin. Die Namensabkürzungen B. und D. für den Bundesrepublikaner und die Bürgerin der Deutschen Demokratischen Republik sind wohl Anspielungen auf die Buchstaben B und D in Staatsnamen BRD und DDR. Zugleich aber wird sich darin wie in der allgemeinen (und der grundsätzlichen, wie sich bald herausstellt) Namenlosigkeit der Erzählung möglicherweise die Absicht des Autors geäußert haben, einen konkreten Fall ins Typische zu steigern. Aus dem bewußten Verzicht auf jegliche Namen ergeben sich sowohl formale als auch inhaltliche Probleme. Richard Alewyn bemerkt mit Recht, daß die völlige Abwesenheit von Eigennamen – nur wenige Figuren werden mit Initialen angedeutet – die syntaktischen Beziehungen im Text und somit auch das Verstehen desselben erheblich erschwert.
      Die Komposition der Erzählung ist nicht allzu verwickelt: der Text besteht aus zweimal fünf Abschnitten, die von 1 bis 10 numeriert sind und in denen die Ansichten sowie Lebensumstände der beiden Protagonisten abwechselnd zur Sprache kommen. Die Darstellung erfolgt in Form der erlebten Rede aus den Perspektiven dieser zwei Menschen und zugleich aus der Sicht eines allwissenden Beobachters, eines Erzählers, der allerdings erst gegen Ende des Buches auftaucht und, wie er selbst erklärt, alles erfunden hat. Rein äußerlich hat man deswegen mit einem Bericht in Er- bzw. Sie-Form zu tun, wobei die Stellung des Autors zu seinen Protagonisten weit weniger distanziert ist, als man erwarten könnte, und vor allem in Ironie und Mitleid ihren Ausdruck findet.
      Der junge Herr B. arbeitet als freier Pressefotograf in einer holsteinischen Mittelstadt. Er verkauft vorteilhaft einen Sammelband von seinen Fotografien und ersteht für den Ertrag einen eleganten Sportwagen. Mit der Beschreibung dieser scheinbar belanglosen Begebenheit beginnt die Geschichte. "Leider war das Geschäft erst zustande gekommen, nachdem B. verzichtet hatte auf einige Bilder, die die städtischen Hilfen für Alte und Bedürftige zeigten wie sie waren. Tage danach noch beim Rasieren wandte er den Kopf, wenn er im Spiegel auf die eigenen Augen traf" (S. 7), – bemerkt der Autor darauffolgend. Dieser kleine Zwischenfall ist symptomatisch für die ganze Erzählung. B. empfindet ständige Gewissensbisse wegen der Verpflichtungen, die er, seiner Meinung nach, D. gegenüber eingegangen ist. Verursacht ihm schon der Besitz eines schönen Autos ein dumpfes Gefühl des begangenen Unrechts, so bedeutet das Leben im wohlständigen Westen eine permanente und peinliche Empfindung des Mitleids für die im Osten und im Stich gelassenen Menschen.
      Als in Westberlin B.'s neuer Luxus-Wagen gestohlen wird, muß er als Fotolaborant und Verkäufer zurück in jene Drogerie, in der er früher gearbeitet hat, um – und dies ist ausdrücklich betont – das Geld für ein neues Auto zu sparen. Durch diese erste Berlinreise, die B. nicht zuletzt unternimmt, um D. wieder zu treffen, bekommt der Leser die Einsicht in die Struktur des Buches. Weder der Versuch ein sorgloses und sorgenfreies Leben im Westen zu führen, noch das Trachten des B. durch die Vereinigung mit D. sein Gewissen zu beruhigen will glücken; der B. aber versucht beides zu erreichen, und sein pendelartiges Hin- und Widergehen erinnert sehr an den spiralförmigen Weg des Kafkaschen K. aufs Schloß: vor allem weil das Ziel erst dann erreicht oder zumindest erreichbar wird, wenn es dem einst Strebenden als völlig belanglos erscheint.
      Eine weitere Parallele zu Kafkas Roman Das Schloß findet sich darin, daß es sich im Fall des Pressefotografen B. wie beim Landvermesser K. um einen ausgesprochen schlichten, ja durchschnittlichen Mann handelt. Selbst an seinem Beruf liegt es dem B. nicht sonderlich viel, auch ist er als Fotoberichterstatter für die lokale Presse nicht sehr erfolgreich gewesen. Sein Interesse gilt vielmehr jungen Frauen (das kann man wohl auch über K. sagen!) und schönen, auffallenden Autos.
      Sowohl der Beruf als auch die Auto-Obsession des B. sind gewiß symbolisch zu verstehen. Die Arbeit des Pressefotografen erscheint als Gleichnis der am Haben orientierten Existenzweise (Erich Fromm). B.'s Fotografien sind nichts anderes als verdinglichte Fixierungen der Wirklichkeitsfragmente. Hinzu kommt folgendes:

Statt zu dokumentieren, was ist, wirkt [...] B. qua Stellung im Produktionsprozeß am "schönen Schein" mit, mit dem sich die Gesellschaft, in der er lebt, wie mit einem Schleier zu umgeben bemüht ist. Wiederum das Geld, das B. für die Produktion dieses "schönen Scheins" erhält, [...] legt [... er] selbst im Sog des gleichen "schönen Scheins" an,wenn er sich den Waren-Fetisch Sportwagen anschafft. (Neumann 233)

      Bernd Neumann bemerkt, daß auch "B.'s Beziehung zu D. die Zeichen einer Art politischen Fetischismus trägt" (241), daß also die D. für B. gewissermaßen auch eine Ware ist, die eine Aufwertung erfährt, indem sie durch den Mauerbau schwerer erreichbar (erhältlich!) wird. Andererseits glaubt Neumann, B. leistet seine Hilfe durch den "kommerziellen" und "menschenhändlerischen" (ibidem) Fluchthelfer, nur, "um sein Gewissen zu beruhigen und – was im Falle B.'s identisch ist – um in den Augen der anderen nicht als jemand dazustehen, der seine gefangen gesetzte Prinzessin in den Händen der Räuber zu belassen gewillt ist" (ibidem). Im letzten Zitat fehlt nur das Wort "Schloß", um vollends festzulegen, daß die Waren-Identität des jungen Herrn B., die seiner geradezu karikierten Gestalt zweifellos eigen ist, mit geheimnisvoll-märchenhaften, kafkaesken Charakterzügen konfliktfrei koexistiert.
      B. und D. haben sich zufällig in Berlin kennengelernt, als die Stadt noch einig war. Von großer Liebe war nie die Rede. Es sind die äußeren Ereignisse, die dieses mehr oder weniger oberflächliche Verhältnis an Bedeutung gewinnen lassen. Wie bereits bemerkt, geht es in diesem sehr präzise und streng gegliederten, symmetrischen Text um äußerst blasse, durchschnittliche, ja man kann fast sagen – mittelmäßige Menschengestalten. Ihre Schicksale sind typisch – oder als typisch hingestellt worden. Alles Krasse, Ungewöhnliche, Einzigartige und Einmalige wird ihnen konsequent genommen. Dadurch verliert der Text einerseits an Spannung, gewinnt aber andererseits an Allgemeingültigkeit. Betrachtet man diese Besonderheit als die Verwirklichung des dichterischen Unternehmens Typen statt Porträts darzustellen, dann entsteht freilich die Frage, inwiefern (und ob überhaupt) diese Figuren für ihre Gesellschaftsysteme (und "Ansichten") repräsentativ sind.
      Der 13. August 1961 bildet die Wasserscheide der Erzählung. Durch den Bau der Berliner Mauer finden sich im Grunde fremde Menschen plötzlich und auf seltsame Weise miteinander verbunden. Die gewaltsame Spaltung Deutschlands und Berlins wird von beiden als persönliches Unglück empfunden. Besonders deutlich kommt es in den dem Herrn B. gewidmeten Kapiteln zum Ausdruck:
Er fühlte sich selbst gekränkt durch die Einsperrung der D. in ihrem Berlin, er hatte eine private Wut auf die Sperrzone, Minenfelder, Postenketten, Hindernisgräben, Sichtblenden, Stacheldraht, Vermaurung, Schießbefehle und Strafandrohung für den Versuch des Übergangs [...] Angesichts der hilflosen Lage, in die ihre Staatsmacht sie versetzt hatte, war ihm bange vor einer undeutlichen Verpflichtung, die er eingegangen war, bevor sie ihm klargemacht wurde. (25)

Im Zusammenhang mit dem soeben angeführten Zitat sei auch insbesondere auf die Anonymität der "Staatsmacht" hingewiesen.
      Die Analogie zum Schloß darf dabei natürlich nicht übersehen werden, denn für Kafka scheint es überhaupt nur zwei wirkliche Größen gegeben zu haben: das anonyme, allmächtige Übergroße und die Seele dessen, der es erleben und erleiden muß. Und doch äußert sich der Anspruch und zugleich das größte Problem dieses Texts darin, daß sehr konkrete, identifizierbare Ereignisse der jüngsten deutschen Geschichte auf eine verallgemeinerte, gleichnishafte Art behandelt werden. Das Genaue und Bekannte des historischen Rahmens widerspricht dem vagen Charakter der Beschreibung einer persönlichen Situation.
      Die Errichtung der Mauer führt auch für die D. einen inneren Bruch herbei:
Sie hatte in diesem Staat gelebt wie in einem eigenen Land, zu Hause, im Vertrauen auf offene Zukunft und das Recht, das andere Land zu wählen. Eingesperrt in diesem, fühlte sie sich hintergangen, getäuscht, belogen; das Gefühl war ähnlich dem über eine Kränkung, die man nicht erwidern kann. [...] (47)

Es ist bezeichnend, daß die Protagonisten selbst "ihre" Staaten niemals bei Namen nennen. Sowenig ist auch von anderen politischen Realien der Zeit die Rede, oder, besser gesagt, sie werden nur insofern berücksichtigt, als sie unmittelbar ins Blickfeld der Protagonisten geraten, wenn die letzteren mit ihnen etwas zu tun bekommen. Der Autor findet somit einen durchaus legitimen Ausweg, um dem obenangedeuteten Widerspruch zwischen den genau erkenntlichen historischen Tatsachen und den nur allgemein umrissenen Charakteren zu entgehen. Es geht um die Feststellung historischer Wahrheit – mit literarischen Mitteln. Johnson interessiert weder die dokumentar-politische Information in ihrer (ohnehin unerreichbaren) Gesamtheit noch die bis ins Letzte detailliert dargestellte Psyche seiner Helden – ihm liegt es an der Kollision der beiden. Die selektive Aufnahme der historischen Realien ermöglicht außerdem manches über die handelnden Personen zu verstehen. In ihrer Kurzsichtigkeit den erlebten Vorgängen gegenüber zeigt sich ihre politische Indifferenz, ihre unreflektierte Gleichsetzung des Landes mit dem Staat und ihre naive Ansicht, daß sie mit dem Staat nichts zu tun haben:
Lange Zeit war der Staat für sie eine Einrichtung der Erwachsenen gewesen, der Beamten wie der Lehrer, gegen die sie sich verteidigen mußte mit Größerwerden, den gewünschten Zeugnissen, der vorgeschriebenen Arbeit. Zu mehr als Arbeit für den Staat war sie nicht gekommen, nachdem sie ihn bei Lügen ertappt hatte, auch aus Gleichgültigkeit gegen Politik. [...] (46)

      Mit dieser Einstellung der Krankenschwester D. wäre sowohl der Landvermesser K. als auch der Prokurist Josef K. einverstanden gewesen. Doch müssen die Helden der Zwei Ansichten eine gewisse innere Wandlung durchmachen. Für beide vollzieht sich im Laufe der Erzählung eine persönliche Entstaatlichung, eine Privatisierung des Geistes. Nicht nur das physische, sondern auch nur das gedankenmäßige Überwinden der Mauer führt dazu, daß der Staat in ihnen aufhört zu existieren: sie lernen unabhängiger zu denken und gegebenenfalls auf eigene Faust zu handeln. Man darf nicht vergessen, dass die Beiden noch sehr jung sind. In diesem Sinne gibt Zwei Ansichten ein eigenartiges Beispiel des modernen Bildungs- oder Sozialisationsromans: zwei Menschen vom Lande, Am-ha-Arez – um den Ausdruck von Max Brod zu gebrauchen –, zwei geistig Unmündige und Unpolitische erleben öffentliche Mißstände durch und als private Krisenerfahrung. Die Ostberlinerin D. erleidet zum ersten Mal das Ghettogefühl, das Dasein des Lagers. Sie bekommt die Repressalien des ostdeutschen Parteistaates um so deutlicher zu spüren, als sie die Tochter eines Offiziers der deutschen Wehrmacht und angeblich eines "Kriegsverbrechers" ist. In Wirklichkeit gehörte es zu Stalins Politik und somit zu den Grundsätzen des sozialistischen Lagers, daß die Kinder für ihre Eltern büßen mußten. So muß auch D. als Krankenschwester arbeiten, allein weil sie als Tochter eines Verbrechers an keiner ostdeutschen Universität studieren darf.
      Die gegenseitige Neigung zwischen den beiden wird, wie gesagt, als nicht übermäßig stark dargestellt. Jedenfalls reichen ihre Gefühle nicht aus, um wirklich bewußte und aktive Handlungen auszulösen. Bei B. bleibt jeder Durchbruch zur geistigen Reife und Mündigkeit aus. Abgesehen von der immerhin ständigen Empfindung einer unbeglichenen Schuld, lebt B. nach wie vor passiv dahin, ist einer scharfen Analyse des Geschehenen unfähig und einem entschlossenen Handeln nicht gewachsen.
      Es passiert in Trunkenheit und nur halb gewollt, daß er einen Brief an D. schreibt. In diesem Brief fühlt er sich, wenn auch halbherzig, aus moralischen Gründen verpflichtet, seine Hilfe für die Flucht anzubieten. "Leute in der Kneipe", die zu einer Organisation der berufsmäßigen Fluchthelfer gehören, fabrizieren für die D. einen gefälschten österreichischen Paß. Es gelingt ihr Ostdeutschland als Touristin zu verlassen. Sie reist zunächst nach Dänemark und von dort aus nach Westberlin. Es folgen Verhöre im Flüchtlingslager und Versuche, Arbeit und Unterkunft in der neuen Umgebung zu finden. Erst nachdem sich herausstellt, daß B. infolge eines Autounfalls in einem Krankenhaus liegt, begegnet sie dem B. wieder. Während ihres Besuchs macht er ihr einen Heiratsantrag. Sie verspricht es sich zu überlegen. Mehr kann sie allerdings nicht versprechen. Die Erzählung endet prosaisch und unsentimental. Die etwaige Analogie zu Romeo und Julia trügt: das Verhältnis erlischt grau und lautlos, wie begonnen:
[...] diese Liebe, begonnen als Bekanntschaft zum beliebigen Vergessen, wächst sich erst nach der Trennung und eigentlich durch sie aus, als immer mehr verstiegene, eben nicht überprüfbare Einbildung von Zusammengehörigkeit und Verpflichtung; [...] sie ist so kräftig nicht, daß die Getrennten sich an jedem Ort [...] vereinigen wollen: ihm fällt ein Leben im Osten nicht ein, sie kann sich nur noch im Westen eins denken. [...] Es kann nicht ausbleiben, daß das Ende anders ausfällt, als in den Fassungen bisher. (Gerlach 219)

      Erst als das Hindernis überwunden ist – die Beiden befinden sich nun in einem der beiden Berlin – erblickt vor allem D. die seelische Barriere zwischen ihnen. Für sie zumindest hat sich der Ausgang aus der Unmündigkeit vollzogen. Der Beziehung ist damit aber nicht geholfen. An dieser Stelle muß bemerkt werden, daß die Gestalten von B. und D. mit sehr ungleicher Schärfe dargestellt sind. In einem enttäuschend höheren Maße als D. soll B. nicht einen konkreten Menschen sondern eine personifizierte Ansicht repräsentieren, wobei aber auch das Letztere mißlingt:
Kann die D. durchaus als ein Typ aus der jüngeren DDR-Generation mit ihrem Verantwortungsgefühl und zugleich ihrer Distanziertheit gegenüber den staatlichen Klischees gelten, so ist B. kein Typus der jüngeren Generation im Westen, vielmehr eine Karikatur. [...] Als Holsteiner Pressefotograf ist B. nicht überzeugend. Als Gegengewicht zu D. ist er nicht ernst zu nehmen, nicht genug durchgestaltet. (Riedel 139)

      Durch seine Passivität und sein Versagen wirkt er eher negativ und kann auch deshalb nicht als eine gleichberechtigte Antithese, als eine vollwertige "Ansicht" in Kauf genommen werden. B.'s immerhin wenige persönliche Züge, über die berichtet wird, sind eher abstoßend und unsympathisch; in seiner Gesamtheit aber erscheint er viel blässer, schematischer und lebloser als D., die, dem grausam-öden Alltag des "ersten deutschen sozialistischen friedliebenden Arbeiter-und-Bauern-Staates" ausgesetzt und preisgegeben, Nischen suchend und sich wehrend als die einzige nicht blutarme Gestalt des Buches erscheint. Mag das daran liegen, daß der Autor, selbst im Osten aufgewachsen, zur Zeit der Erscheinung dieser Erzählung sich den Westen eher vorstellte als ihn verstand?
Gemessen an dem vielschichtigen, realitätsgesättigten Bild der ostdeutschen Seite, wirkt die westdeutsche Dependance merkwürdig blaß und flächig. Das soziologische Feld, das in der Figur der D. sichtbar wird, gibt eine ganze Welt frei: diese treue, kleinbürgerliche Mißratenheit preußischen Sozialismus'. Das soziologische Feld, das der Norddeutsche B. mitbringt, wirkt dagegen ärmlich. (Krüger 147)

      Die Stärke der Zwei Ansichten liegt in der Atmosphäre, die der Autor in diesem Text wiedergibt. Die Namenlosigkeit, der allgegenwärtige Erzähler, die alptraumhaften, seitenlangen Sätze, die manchmal wie Reden eines Monomanen wirken (man denke an Kalkwerk von Thomas Bernhard) und die Lektüre erheblich erschweren, kreieren einen eigenartigen, man könnte sagen – Kafkaesken Raum. Die schmeichelhafteste Interpretation würde diese Erzählung als eine Geschichte von zwei Menschen (nicht "Ansichten"!) bewerten, die einander verfehlen und sich verlieren, weil einer sich ständig auf dem Wege zum Schloß (=Sperre) befindet, während die andere diesem Schloß entflieht. Die Schwäche der Erzählung wurzelt in dem nicht sonderlich geglückten Versuch, eine "alltägliche Geschichte" (Gerlach 219) von ihrem konkret-historischen Hintergrund loszulösen und durch gerade dieselbe Namenlosigkeit zum Gleichnis zu erheben.
      Die relative Leblosigkeit der Gestalten dieser Erzählung hat freilich noch einen weiteren Grund. Die Protagonisten sind nicht nur (fast!) namenlos, sie sind auch (fast) sprachlos. Sie sind auch deshalb keine Porträts, weil ihnen die Sprachkompetenz fehlt; hier verliert dieser Text sehr im Vergleich zum Kafkaschen Roman. Statt die Gespräche direkt wiederzugeben, wie es Kafka im Schloß tut, werden nahezu sämtliche Unterredungen in Zwei Ansichten vom Erzähler summiert und wie in einer Chronik aufgezeichnet. Wenn man dabei in Betracht zieht, daß diese Summierung betont sachlich, in einem nominalen Kanzleistil erfolgt, so wird verständlich, warum das Ganze so schematisch wirkt:
Angesichts der Gefahr, daß die Verständlichkeit und Lesbarkeit seines Buches leiden könnte, simplifiziert Johnson seine epische Technik. Seinen Willen zur Form beweist er allein durch den strengen Aufbau des Buches. Als Ergebnis aber steht ein Werk vor uns, bei dem die Wahrheitsfindung wegen der zu starken Vereinfachung der Perspektiven mißlingt. (Riedel 136)

      Diesem Befund kann man mit dem Vorbehalt zustimmen, daß weder die formelle Einfachheit noch die leichte Lesbarkeit selbst auf Kosten der "Vereinfachung der Perspektiven" (ibidem) erreicht worden ist. Es scheint, daß alle Ingredienzien des Kafkaschen Stils in diesem Text zu finden sind; nur werden sie geradezu umgekehrt angewandt. Bei Kafka ist die Situation fantastisch, Zeit und Ort sind belanglos und nicht identifizierbar, die Helden hingegen weisen in ihren Begegnungen und Konflikten auch einmalige, ihnen allein eigene Züge auf. Das Gleichnishafte entsteht aus dem archetypisch menschlichen Benehmen in einer chiffreartigen, d.h. schließlich in einer jeden, X-beliebigen Situation. Gerade das Letztere steht einer restlos überzeugenden Kafka-Interpretation im Weg: das X des Kafkaschen Raums läßt sich nach Autors Absicht durch jede denkbare Epoche und Gegend, ja jede Lebenslage ersetzen, die äußeren Umstände sind nicht das Wichtigste, es kommt einzig und allein auf die innere "Verwandlung" an. Bei Johnson ist dies aus dem Charakter des zugrundeliegenden historischen Stoffes heraus unmöglich: der äußere Rahmen ist von vornherein und notwendig stabil. Die Benutzung eines "ewigen" Sujets ist in solch einem Fall an sich schon problematisch. Aber der Autor unterlag, scheint mir, der Versuchung, die wirklich täglichen, zeitgenössischen Ereignisse inmitten einer konkreten politischen Realität zum Ewig-Menschlichen emporzustilisieren.
      Das Kafkasche X hat daher nicht den geschichtlichen Kontext, sondern die Persönlichkeiten ersetzt. Es ist diese bewußte Typisierung, die beabsichtigte Verschwommenheit der Konturen, die dem gesamten Unternehmen einen nur mäßigen Erfolg gebracht hat.

Literaturverzeichnis

Gerlach, Rainer (Hg.). Uwe Johnson. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1984.

Johnson, Uwe. Zwei Ansichten. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1965.

Krüger, Horst (Hg.). Ende einer Utopie. Olten und Freiburg, 1963.

Neumann, Bernd. Utopie und Mimesis. Zum Verhältnis von Ästhetik, Gesellschaftsphilosophie und Politik in den Romanen Uwe Johnsons. Kronberg: Athenaeum, 1978.

Riedel, Ingrid. Wahrheitsfindung als epische Technik. Analytische Studien zu Uwe Johnsons Texten. München: UNI-Druck, 1971.

Ein Blick aus dem Schloß: Zwei Ansichten von Uwe Johnson

Gregory S. Zlotin

Diese Erzählung von Uwe Johnson erschien 1965. Im Gegensatz zu Mutmassungen über Jakob (1959) und Das dritte Buch über Achim (1961) wird die Gattung der Zwei Ansichten nicht als Roman bezeichnet. Im Zentrum dieses Prosatextes steht die Beziehung zwischen einem jungen Herren B., Pressefotografen aus einer mittelgroßen Landstadt Holsteins, und einer Krankenschwester D. aus Ostberlin. Die Namensabkürzungen B. und D. für den Bundesrepublikaner und die Bürgerin der Deutschen Demokratischen Republik sind wohl Anspielungen auf die Buchstaben B und D in Staatsnamen BRD und DDR. Zugleich aber wird sich darin wie in der allgemeinen (und der grundsätzlichen, wie sich bald herausstellt) Namenlosigkeit der Erzählung möglicherweise die Absicht des Autors geäußert haben, einen konkreten Fall ins Typische zu steigern. Aus dem bewußten Verzicht auf jegliche Namen ergeben sich sowohl formale als auch inhaltliche Probleme. Richard Alewyn bemerkt mit Recht, daß die völlige Abwesenheit von Eigennamen – nur wenige Figuren werden mit Initialen angedeutet – die syntaktischen Beziehungen im Text und somit auch das Verstehen desselben erheblich erschwert.
      Die Komposition der Erzählung ist nicht allzu verwickelt: der Text besteht aus zweimal fünf Abschnitten, die von 1 bis 10 numeriert sind und in denen die Ansichten sowie Lebensumstände der beiden Protagonisten abwechselnd zur Sprache kommen. Die Darstellung erfolgt in Form der erlebten Rede aus den Perspektiven dieser zwei Menschen und zugleich aus der Sicht eines allwissenden Beobachters, eines Erzählers, der allerdings erst gegen Ende des Buches auftaucht und, wie er selbst erklärt, alles erfunden hat. Rein äußerlich hat man deswegen mit einem Bericht in Er- bzw. Sie-Form zu tun, wobei die Stellung des Autors zu seinen Protagonisten weit weniger distanziert ist, als man erwarten könnte, und vor allem in Ironie und Mitleid ihren Ausdruck findet.
      Der junge Herr B. arbeitet als freier Pressefotograf in einer holsteinischen Mittelstadt. Er verkauft vorteilhaft einen Sammelband von seinen Fotografien und ersteht für den Ertrag einen eleganten Sportwagen. Mit der Beschreibung dieser scheinbar belanglosen Begebenheit beginnt die Geschichte. "Leider war das Geschäft erst zustande gekommen, nachdem B. verzichtet hatte auf einige Bilder, die die städtischen Hilfen für Alte und Bedürftige zeigten wie sie waren. Tage danach noch beim Rasieren wandte er den Kopf, wenn er im Spiegel auf die eigenen Augen traf" (S. 7), – bemerkt der Autor darauffolgend. Dieser kleine Zwischenfall ist symptomatisch für die ganze Erzählung. B. empfindet ständige Gewissensbisse wegen der Verpflichtungen, die er, seiner Meinung nach, D. gegenüber eingegangen ist. Verursacht ihm schon der Besitz eines schönen Autos ein dumpfes Gefühl des begangenen Unrechts, so bedeutet das Leben im wohlständigen Westen eine permanente und peinliche Empfindung des Mitleids für die im Osten und im Stich gelassenen Menschen.
      Als in Westberlin B.'s neuer Luxus-Wagen gestohlen wird, muß er als Fotolaborant und Verkäufer zurück in jene Drogerie, in der er früher gearbeitet hat, um – und dies ist ausdrücklich betont – das Geld für ein neues Auto zu sparen. Durch diese erste Berlinreise, die B. nicht zuletzt unternimmt, um D. wieder zu treffen, bekommt der Leser die Einsicht in die Struktur des Buches. Weder der Versuch ein sorgloses und sorgenfreies Leben im Westen zu führen, noch das Trachten des B. durch die Vereinigung mit D. sein Gewissen zu beruhigen will glücken; der B. aber versucht beides zu erreichen, und sein pendelartiges Hin- und Widergehen erinnert sehr an den spiralförmigen Weg des Kafkaschen K. aufs Schloß: vor allem weil das Ziel erst dann erreicht oder zumindest erreichbar wird, wenn es dem einst Strebenden als völlig belanglos erscheint.
      Eine weitere Parallele zu Kafkas Roman Das Schloß findet sich darin, daß es sich im Fall des Pressefotografen B. wie beim Landvermesser K. um einen ausgesprochen schlichten, ja durchschnittlichen Mann handelt. Selbst an seinem Beruf liegt es dem B. nicht sonderlich viel, auch ist er als Fotoberichterstatter für die lokale Presse nicht sehr erfolgreich gewesen. Sein Interesse gilt vielmehr jungen Frauen (das kann man wohl auch über K. sagen!) und schönen, auffallenden Autos.
      Sowohl der Beruf als auch die Auto-Obsession des B. sind gewiß symbolisch zu verstehen. Die Arbeit des Pressefotografen erscheint als Gleichnis der am Haben orientierten Existenzweise (Erich Fromm). B.'s Fotografien sind nichts anderes als verdinglichte Fixierungen der Wirklichkeitsfragmente. Hinzu kommt folgendes:

Statt zu dokumentieren, was ist, wirkt [...] B. qua Stellung im Produktionsprozeß am "schönen Schein" mit, mit dem sich die Gesellschaft, in der er lebt, wie mit einem Schleier zu umgeben bemüht ist. Wiederum das Geld, das B. für die Produktion dieses "schönen Scheins" erhält, [...] legt [... er] selbst im Sog des gleichen "schönen Scheins" an,wenn er sich den Waren-Fetisch Sportwagen anschafft. (Neumann 233)

      Bernd Neumann bemerkt, daß auch "B.'s Beziehung zu D. die Zeichen einer Art politischen Fetischismus trägt" (241), daß also die D. für B. gewissermaßen auch eine Ware ist, die eine Aufwertung erfährt, indem sie durch den Mauerbau schwerer erreichbar (erhältlich!) wird. Andererseits glaubt Neumann, B. leistet seine Hilfe durch den "kommerziellen" und "menschenhändlerischen" (ibidem) Fluchthelfer, nur, "um sein Gewissen zu beruhigen und – was im Falle B.'s identisch ist – um in den Augen der anderen nicht als jemand dazustehen, der seine gefangen gesetzte Prinzessin in den Händen der Räuber zu belassen gewillt ist" (ibidem). Im letzten Zitat fehlt nur das Wort "Schloß", um vollends festzulegen, daß die Waren-Identität des jungen Herrn B., die seiner geradezu karikierten Gestalt zweifellos eigen ist, mit geheimnisvoll-märchenhaften, kafkaesken Charakterzügen konfliktfrei koexistiert.
      B. und D. haben sich zufällig in Berlin kennengelernt, als die Stadt noch einig war. Von großer Liebe war nie die Rede. Es sind die äußeren Ereignisse, die dieses mehr oder weniger oberflächliche Verhältnis an Bedeutung gewinnen lassen. Wie bereits bemerkt, geht es in diesem sehr präzise und streng gegliederten, symmetrischen Text um äußerst blasse, durchschnittliche, ja man kann fast sagen – mittelmäßige Menschengestalten. Ihre Schicksale sind typisch – oder als typisch hingestellt worden. Alles Krasse, Ungewöhnliche, Einzigartige und Einmalige wird ihnen konsequent genommen. Dadurch verliert der Text einerseits an Spannung, gewinnt aber andererseits an Allgemeingültigkeit. Betrachtet man diese Besonderheit als die Verwirklichung des dichterischen Unternehmens Typen statt Porträts darzustellen, dann entsteht freilich die Frage, inwiefern (und ob überhaupt) diese Figuren für ihre Gesellschaftsysteme (und "Ansichten") repräsentativ sind.
      Der 13. August 1961 bildet die Wasserscheide der Erzählung. Durch den Bau der Berliner Mauer finden sich im Grunde fremde Menschen plötzlich und auf seltsame Weise miteinander verbunden. Die gewaltsame Spaltung Deutschlands und Berlins wird von beiden als persönliches Unglück empfunden. Besonders deutlich kommt es in den dem Herrn B. gewidmeten Kapiteln zum Ausdruck:
Er fühlte sich selbst gekränkt durch die Einsperrung der D. in ihrem Berlin, er hatte eine private Wut auf die Sperrzone, Minenfelder, Postenketten, Hindernisgräben, Sichtblenden, Stacheldraht, Vermaurung, Schießbefehle und Strafandrohung für den Versuch des Übergangs [...] Angesichts der hilflosen Lage, in die ihre Staatsmacht sie versetzt hatte, war ihm bange vor einer undeutlichen Verpflichtung, die er eingegangen war, bevor sie ihm klargemacht wurde. (25)

Im Zusammenhang mit dem soeben angeführten Zitat sei auch insbesondere auf die Anonymität der "Staatsmacht" hingewiesen.
      Die Analogie zum Schloß darf dabei natürlich nicht übersehen werden, denn für Kafka scheint es überhaupt nur zwei wirkliche Größen gegeben zu haben: das anonyme, allmächtige Übergroße und die Seele dessen, der es erleben und erleiden muß. Und doch äußert sich der Anspruch und zugleich das größte Problem dieses Texts darin, daß sehr konkrete, identifizierbare Ereignisse der jüngsten deutschen Geschichte auf eine verallgemeinerte, gleichnishafte Art behandelt werden. Das Genaue und Bekannte des historischen Rahmens widerspricht dem vagen Charakter der Beschreibung einer persönlichen Situation.
      Die Errichtung der Mauer führt auch für die D. einen inneren Bruch herbei:
Sie hatte in diesem Staat gelebt wie in einem eigenen Land, zu Hause, im Vertrauen auf offene Zukunft und das Recht, das andere Land zu wählen. Eingesperrt in diesem, fühlte sie sich hintergangen, getäuscht, belogen; das Gefühl war ähnlich dem über eine Kränkung, die man nicht erwidern kann. [...] (47)

Es ist bezeichnend, daß die Protagonisten selbst "ihre" Staaten niemals bei Namen nennen. Sowenig ist auch von anderen politischen Realien der Zeit die Rede, oder, besser gesagt, sie werden nur insofern berücksichtigt, als sie unmittelbar ins Blickfeld der Protagonisten geraten, wenn die letzteren mit ihnen etwas zu tun bekommen. Der Autor findet somit einen durchaus legitimen Ausweg, um dem obenangedeuteten Widerspruch zwischen den genau erkenntlichen historischen Tatsachen und den nur allgemein umrissenen Charakteren zu entgehen. Es geht um die Feststellung historischer Wahrheit – mit literarischen Mitteln. Johnson interessiert weder die dokumentar-politische Information in ihrer (ohnehin unerreichbaren) Gesamtheit noch die bis ins Letzte detailliert dargestellte Psyche seiner Helden – ihm liegt es an der Kollision der beiden. Die selektive Aufnahme der historischen Realien ermöglicht außerdem manches über die handelnden Personen zu verstehen. In ihrer Kurzsichtigkeit den erlebten Vorgängen gegenüber zeigt sich ihre politische Indifferenz, ihre unreflektierte Gleichsetzung des Landes mit dem Staat und ihre naive Ansicht, daß sie mit dem Staat nichts zu tun haben:
Lange Zeit war der Staat für sie eine Einrichtung der Erwachsenen gewesen, der Beamten wie der Lehrer, gegen die sie sich verteidigen mußte mit Größerwerden, den gewünschten Zeugnissen, der vorgeschriebenen Arbeit. Zu mehr als Arbeit für den Staat war sie nicht gekommen, nachdem sie ihn bei Lügen ertappt hatte, auch aus Gleichgültigkeit gegen Politik. [...] (46)

      Mit dieser Einstellung der Krankenschwester D. wäre sowohl der Landvermesser K. als auch der Prokurist Josef K. einverstanden gewesen. Doch müssen die Helden der Zwei Ansichten eine gewisse innere Wandlung durchmachen. Für beide vollzieht sich im Laufe der Erzählung eine persönliche Entstaatlichung, eine Privatisierung des Geistes. Nicht nur das physische, sondern auch nur das gedankenmäßige Überwinden der Mauer führt dazu, daß der Staat in ihnen aufhört zu existieren: sie lernen unabhängiger zu denken und gegebenenfalls auf eigene Faust zu handeln. Man darf nicht vergessen, dass die Beiden noch sehr jung sind. In diesem Sinne gibt Zwei Ansichten ein eigenartiges Beispiel des modernen Bildungs- oder Sozialisationsromans: zwei Menschen vom Lande, Am-ha-Arez – um den Ausdruck von Max Brod zu gebrauchen –, zwei geistig Unmündige und Unpolitische erleben öffentliche Mißstände durch und als private Krisenerfahrung. Die Ostberlinerin D. erleidet zum ersten Mal das Ghettogefühl, das Dasein des Lagers. Sie bekommt die Repressalien des ostdeutschen Parteistaates um so deutlicher zu spüren, als sie die Tochter eines Offiziers der deutschen Wehrmacht und angeblich eines "Kriegsverbrechers" ist. In Wirklichkeit gehörte es zu Stalins Politik und somit zu den Grundsätzen des sozialistischen Lagers, daß die Kinder für ihre Eltern büßen mußten. So muß auch D. als Krankenschwester arbeiten, allein weil sie als Tochter eines Verbrechers an keiner ostdeutschen Universität studieren darf.
      Die gegenseitige Neigung zwischen den beiden wird, wie gesagt, als nicht übermäßig stark dargestellt. Jedenfalls reichen ihre Gefühle nicht aus, um wirklich bewußte und aktive Handlungen auszulösen. Bei B. bleibt jeder Durchbruch zur geistigen Reife und Mündigkeit aus. Abgesehen von der immerhin ständigen Empfindung einer unbeglichenen Schuld, lebt B. nach wie vor passiv dahin, ist einer scharfen Analyse des Geschehenen unfähig und einem entschlossenen Handeln nicht gewachsen.
      Es passiert in Trunkenheit und nur halb gewollt, daß er einen Brief an D. schreibt. In diesem Brief fühlt er sich, wenn auch halbherzig, aus moralischen Gründen verpflichtet, seine Hilfe für die Flucht anzubieten. "Leute in der Kneipe", die zu einer Organisation der berufsmäßigen Fluchthelfer gehören, fabrizieren für die D. einen gefälschten österreichischen Paß. Es gelingt ihr Ostdeutschland als Touristin zu verlassen. Sie reist zunächst nach Dänemark und von dort aus nach Westberlin. Es folgen Verhöre im Flüchtlingslager und Versuche, Arbeit und Unterkunft in der neuen Umgebung zu finden. Erst nachdem sich herausstellt, daß B. infolge eines Autounfalls in einem Krankenhaus liegt, begegnet sie dem B. wieder. Während ihres Besuchs macht er ihr einen Heiratsantrag. Sie verspricht es sich zu überlegen. Mehr kann sie allerdings nicht versprechen. Die Erzählung endet prosaisch und unsentimental. Die etwaige Analogie zu Romeo und Julia trügt: das Verhältnis erlischt grau und lautlos, wie begonnen:
[...] diese Liebe, begonnen als Bekanntschaft zum beliebigen Vergessen, wächst sich erst nach der Trennung und eigentlich durch sie aus, als immer mehr verstiegene, eben nicht überprüfbare Einbildung von Zusammengehörigkeit und Verpflichtung; [...] sie ist so kräftig nicht, daß die Getrennten sich an jedem Ort [...] vereinigen wollen: ihm fällt ein Leben im Osten nicht ein, sie kann sich nur noch im Westen eins denken. [...] Es kann nicht ausbleiben, daß das Ende anders ausfällt, als in den Fassungen bisher. (Gerlach 219)

      Erst als das Hindernis überwunden ist – die Beiden befinden sich nun in einem der beiden Berlin – erblickt vor allem D. die seelische Barriere zwischen ihnen. Für sie zumindest hat sich der Ausgang aus der Unmündigkeit vollzogen. Der Beziehung ist damit aber nicht geholfen. An dieser Stelle muß bemerkt werden, daß die Gestalten von B. und D. mit sehr ungleicher Schärfe dargestellt sind. In einem enttäuschend höheren Maße als D. soll B. nicht einen konkreten Menschen sondern eine personifizierte Ansicht repräsentieren, wobei aber auch das Letztere mißlingt:
Kann die D. durchaus als ein Typ aus der jüngeren DDR-Generation mit ihrem Verantwortungsgefühl und zugleich ihrer Distanziertheit gegenüber den staatlichen Klischees gelten, so ist B. kein Typus der jüngeren Generation im Westen, vielmehr eine Karikatur. [...] Als Holsteiner Pressefotograf ist B. nicht überzeugend. Als Gegengewicht zu D. ist er nicht ernst zu nehmen, nicht genug durchgestaltet. (Riedel 139)

      Durch seine Passivität und sein Versagen wirkt er eher negativ und kann auch deshalb nicht als eine gleichberechtigte Antithese, als eine vollwertige "Ansicht" in Kauf genommen werden. B.'s immerhin wenige persönliche Züge, über die berichtet wird, sind eher abstoßend und unsympathisch; in seiner Gesamtheit aber erscheint er viel blässer, schematischer und lebloser als D., die, dem grausam-öden Alltag des "ersten deutschen sozialistischen friedliebenden Arbeiter-und-Bauern-Staates" ausgesetzt und preisgegeben, Nischen suchend und sich wehrend als die einzige nicht blutarme Gestalt des Buches erscheint. Mag das daran liegen, daß der Autor, selbst im Osten aufgewachsen, zur Zeit der Erscheinung dieser Erzählung sich den Westen eher vorstellte als ihn verstand?
Gemessen an dem vielschichtigen, realitätsgesättigten Bild der ostdeutschen Seite, wirkt die westdeutsche Dependance merkwürdig blaß und flächig. Das soziologische Feld, das in der Figur der D. sichtbar wird, gibt eine ganze Welt frei: diese treue, kleinbürgerliche Mißratenheit preußischen Sozialismus'. Das soziologische Feld, das der Norddeutsche B. mitbringt, wirkt dagegen ärmlich. (Krüger 147)

      Die Stärke der Zwei Ansichten liegt in der Atmosphäre, die der Autor in diesem Text wiedergibt. Die Namenlosigkeit, der allgegenwärtige Erzähler, die alptraumhaften, seitenlangen Sätze, die manchmal wie Reden eines Monomanen wirken (man denke an Kalkwerk von Thomas Bernhard) und die Lektüre erheblich erschweren, kreieren einen eigenartigen, man könnte sagen – Kafkaesken Raum. Die schmeichelhafteste Interpretation würde diese Erzählung als eine Geschichte von zwei Menschen (nicht "Ansichten"!) bewerten, die einander verfehlen und sich verlieren, weil einer sich ständig auf dem Wege zum Schloß (=Sperre) befindet, während die andere diesem Schloß entflieht. Die Schwäche der Erzählung wurzelt in dem nicht sonderlich geglückten Versuch, eine "alltägliche Geschichte" (Gerlach 219) von ihrem konkret-historischen Hintergrund loszulösen und durch gerade dieselbe Namenlosigkeit zum Gleichnis zu erheben.
      Die relative Leblosigkeit der Gestalten dieser Erzählung hat freilich noch einen weiteren Grund. Die Protagonisten sind nicht nur (fast!) namenlos, sie sind auch (fast) sprachlos. Sie sind auch deshalb keine Porträts, weil ihnen die Sprachkompetenz fehlt; hier verliert dieser Text sehr im Vergleich zum Kafkaschen Roman. Statt die Gespräche direkt wiederzugeben, wie es Kafka im Schloß tut, werden nahezu sämtliche Unterredungen in Zwei Ansichten vom Erzähler summiert und wie in einer Chronik aufgezeichnet. Wenn man dabei in Betracht zieht, daß diese Summierung betont sachlich, in einem nominalen Kanzleistil erfolgt, so wird verständlich, warum das Ganze so schematisch wirkt:
Angesichts der Gefahr, daß die Verständlichkeit und Lesbarkeit seines Buches leiden könnte, simplifiziert Johnson seine epische Technik. Seinen Willen zur Form beweist er allein durch den strengen Aufbau des Buches. Als Ergebnis aber steht ein Werk vor uns, bei dem die Wahrheitsfindung wegen der zu starken Vereinfachung der Perspektiven mißlingt. (Riedel 136)

      Diesem Befund kann man mit dem Vorbehalt zustimmen, daß weder die formelle Einfachheit noch die leichte Lesbarkeit selbst auf Kosten der "Vereinfachung der Perspektiven" (ibidem) erreicht worden ist. Es scheint, daß alle Ingredienzien des Kafkaschen Stils in diesem Text zu finden sind; nur werden sie geradezu umgekehrt angewandt. Bei Kafka ist die Situation fantastisch, Zeit und Ort sind belanglos und nicht identifizierbar, die Helden hingegen weisen in ihren Begegnungen und Konflikten auch einmalige, ihnen allein eigene Züge auf. Das Gleichnishafte entsteht aus dem archetypisch menschlichen Benehmen in einer chiffreartigen, d.h. schließlich in einer jeden, X-beliebigen Situation. Gerade das Letztere steht einer restlos überzeugenden Kafka-Interpretation im Weg: das X des Kafkaschen Raums läßt sich nach Autors Absicht durch jede denkbare Epoche und Gegend, ja jede Lebenslage ersetzen, die äußeren Umstände sind nicht das Wichtigste, es kommt einzig und allein auf die innere "Verwandlung" an. Bei Johnson ist dies aus dem Charakter des zugrundeliegenden historischen Stoffes heraus unmöglich: der äußere Rahmen ist von vornherein und notwendig stabil. Die Benutzung eines "ewigen" Sujets ist in solch einem Fall an sich schon problematisch. Aber der Autor unterlag, scheint mir, der Versuchung, die wirklich täglichen, zeitgenössischen Ereignisse inmitten einer konkreten politischen Realität zum Ewig-Menschlichen emporzustilisieren.
      Das Kafkasche X hat daher nicht den geschichtlichen Kontext, sondern die Persönlichkeiten ersetzt. Es ist diese bewußte Typisierung, die beabsichtigte Verschwommenheit der Konturen, die dem gesamten Unternehmen einen nur mäßigen Erfolg gebracht hat.

Literaturverzeichnis

Gerlach, Rainer (Hg.). Uwe Johnson. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1984.

Johnson, Uwe. Zwei Ansichten. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1965.

Krüger, Horst (Hg.). Ende einer Utopie. Olten und Freiburg, 1963.

Neumann, Bernd. Utopie und Mimesis. Zum Verhältnis von Ästhetik, Gesellschaftsphilosophie und Politik in den Romanen Uwe Johnsons. Kronberg: Athenaeum, 1978.

Riedel, Ingrid. Wahrheitsfindung als epische Technik. Analytische Studien zu Uwe Johnsons Texten. München: UNI-Druck, 1971.
 

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