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German Review - A journal of Germanic Studies

Ein Blick aus dem Schloß: Zwei Ansichten von Uwe Johnson
Gregory S. Zlotin
Diese Erzählung von Uwe Johnson erschien 1965. Im Gegensatz zu Mutmassungen über Jakob (1959) und Das dritte Buch über Achim (1961) wird die Gattung der Zwei Ansichten
nicht als Roman bezeichnet. Im Zentrum dieses Prosatextes steht die
Beziehung zwischen einem jungen Herren B., Pressefotografen aus einer
mittelgroßen Landstadt Holsteins, und einer Krankenschwester D. aus
Ostberlin. Die Namensabkürzungen B. und D. für den Bundesrepublikaner
und die Bürgerin der Deutschen Demokratischen Republik sind wohl
Anspielungen auf die Buchstaben B und D in Staatsnamen BRD und DDR.
Zugleich aber wird sich darin wie in der allgemeinen (und der
grundsätzlichen, wie sich bald herausstellt) Namenlosigkeit der
Erzählung möglicherweise die Absicht des Autors geäußert haben, einen
konkreten Fall ins Typische zu steigern. Aus dem bewußten Verzicht auf
jegliche Namen ergeben sich sowohl formale als auch inhaltliche
Probleme. Richard Alewyn bemerkt mit Recht, daß die völlige Abwesenheit
von Eigennamen – nur wenige Figuren werden mit Initialen angedeutet –
die syntaktischen Beziehungen im Text und somit auch das Verstehen
desselben erheblich erschwert.
Die Komposition der Erzählung ist nicht allzu verwickelt: der Text
besteht aus zweimal fünf Abschnitten, die von 1 bis 10 numeriert sind
und in denen die Ansichten sowie Lebensumstände der beiden
Protagonisten abwechselnd zur Sprache kommen. Die Darstellung erfolgt
in Form der erlebten Rede aus den Perspektiven dieser zwei Menschen und
zugleich aus der Sicht eines allwissenden Beobachters, eines Erzählers,
der allerdings erst gegen Ende des Buches auftaucht und, wie er selbst
erklärt, alles erfunden hat. Rein äußerlich hat man deswegen mit einem
Bericht in Er- bzw. Sie-Form zu tun, wobei die Stellung des Autors zu
seinen Protagonisten weit weniger distanziert ist, als man erwarten
könnte, und vor allem in Ironie und Mitleid ihren Ausdruck findet.
Der junge Herr B. arbeitet als freier Pressefotograf in einer
holsteinischen Mittelstadt. Er verkauft vorteilhaft einen Sammelband
von seinen Fotografien und ersteht für den Ertrag einen eleganten
Sportwagen. Mit der Beschreibung dieser scheinbar belanglosen
Begebenheit beginnt die Geschichte. "Leider war das Geschäft erst
zustande gekommen, nachdem B. verzichtet hatte auf einige Bilder, die
die städtischen Hilfen für Alte und Bedürftige zeigten wie sie waren.
Tage danach noch beim Rasieren wandte er den Kopf, wenn er im Spiegel
auf die eigenen Augen traf" (S. 7), – bemerkt der Autor darauffolgend.
Dieser kleine Zwischenfall ist symptomatisch für die ganze Erzählung.
B. empfindet ständige Gewissensbisse wegen der Verpflichtungen, die er,
seiner Meinung nach, D. gegenüber eingegangen ist. Verursacht ihm schon
der Besitz eines schönen Autos ein dumpfes Gefühl des begangenen
Unrechts, so bedeutet das Leben im wohlständigen Westen eine permanente
und peinliche Empfindung des Mitleids für die im Osten und im Stich
gelassenen Menschen.
Als in Westberlin B.'s neuer Luxus-Wagen gestohlen wird, muß er als
Fotolaborant und Verkäufer zurück in jene Drogerie, in der er früher
gearbeitet hat, um – und dies ist ausdrücklich betont – das Geld für
ein neues Auto zu sparen. Durch diese erste Berlinreise, die B. nicht
zuletzt unternimmt, um D. wieder zu treffen, bekommt der Leser die
Einsicht in die Struktur des Buches. Weder der Versuch ein sorgloses
und sorgenfreies Leben im Westen zu führen, noch das Trachten des B.
durch die Vereinigung mit D. sein Gewissen zu beruhigen will glücken;
der B. aber versucht beides zu erreichen, und sein pendelartiges Hin-
und Widergehen erinnert sehr an den spiralförmigen Weg des Kafkaschen
K. aufs Schloß: vor allem weil das Ziel erst dann erreicht oder
zumindest erreichbar wird, wenn es dem einst Strebenden als völlig
belanglos erscheint.
Eine weitere Parallele zu Kafkas Roman Das Schloß
findet sich darin, daß es sich im Fall des Pressefotografen B. wie beim
Landvermesser K. um einen ausgesprochen schlichten, ja
durchschnittlichen Mann handelt. Selbst an seinem Beruf liegt es dem B.
nicht sonderlich viel, auch ist er als Fotoberichterstatter für die
lokale Presse nicht sehr erfolgreich gewesen. Sein Interesse gilt
vielmehr jungen Frauen (das kann man wohl auch über K. sagen!) und
schönen, auffallenden Autos.
Sowohl der Beruf als auch die Auto-Obsession des B. sind gewiß
symbolisch zu verstehen. Die Arbeit des Pressefotografen erscheint als
Gleichnis der am Haben orientierten Existenzweise (Erich Fromm). B.'s
Fotografien sind nichts anderes als verdinglichte Fixierungen der
Wirklichkeitsfragmente. Hinzu kommt folgendes:
Statt zu dokumentieren, was ist, wirkt [...] B. qua
Stellung im Produktionsprozeß am "schönen Schein" mit, mit dem sich die
Gesellschaft, in der er lebt, wie mit einem Schleier zu umgeben bemüht
ist. Wiederum das Geld, das B. für die Produktion dieses "schönen
Scheins" erhält, [...] legt [... er] selbst im Sog des gleichen
"schönen Scheins" an,wenn er sich den Waren-Fetisch Sportwagen
anschafft. (Neumann 233)
Bernd Neumann bemerkt, daß auch "B.'s Beziehung zu D. die Zeichen einer
Art politischen Fetischismus trägt" (241), daß also die D. für B.
gewissermaßen auch eine Ware ist, die eine Aufwertung erfährt, indem
sie durch den Mauerbau schwerer erreichbar (erhältlich!) wird.
Andererseits glaubt Neumann, B. leistet seine Hilfe durch den
"kommerziellen" und "menschenhändlerischen" (ibidem) Fluchthelfer, nur,
"um sein Gewissen zu beruhigen und – was im Falle B.'s identisch ist –
um in den Augen der anderen nicht als jemand dazustehen, der seine
gefangen gesetzte Prinzessin in den Händen der Räuber zu belassen
gewillt ist" (ibidem). Im letzten Zitat fehlt nur das Wort "Schloß", um
vollends festzulegen, daß die Waren-Identität des jungen Herrn B., die
seiner geradezu karikierten Gestalt zweifellos eigen ist, mit
geheimnisvoll-märchenhaften, kafkaesken Charakterzügen konfliktfrei
koexistiert.
B. und D. haben sich zufällig in Berlin kennengelernt, als die Stadt
noch einig war. Von großer Liebe war nie die Rede. Es sind die äußeren
Ereignisse, die dieses mehr oder weniger oberflächliche Verhältnis an
Bedeutung gewinnen lassen. Wie bereits bemerkt, geht es in diesem sehr
präzise und streng gegliederten, symmetrischen Text um äußerst blasse,
durchschnittliche, ja man kann fast sagen – mittelmäßige
Menschengestalten. Ihre Schicksale sind typisch – oder als typisch
hingestellt worden. Alles Krasse, Ungewöhnliche, Einzigartige und
Einmalige wird ihnen konsequent genommen. Dadurch verliert der Text
einerseits an Spannung, gewinnt aber andererseits an
Allgemeingültigkeit. Betrachtet man diese Besonderheit als die
Verwirklichung des dichterischen Unternehmens Typen statt Porträts
darzustellen, dann entsteht freilich die Frage, inwiefern (und ob
überhaupt) diese Figuren für ihre Gesellschaftsysteme (und "Ansichten")
repräsentativ sind.
Der 13. August 1961 bildet die Wasserscheide der Erzählung. Durch den
Bau der Berliner Mauer finden sich im Grunde fremde Menschen plötzlich
und auf seltsame Weise miteinander verbunden. Die gewaltsame Spaltung
Deutschlands und Berlins wird von beiden als persönliches Unglück
empfunden. Besonders deutlich kommt es in den dem Herrn B. gewidmeten
Kapiteln zum Ausdruck:
Er fühlte sich selbst gekränkt durch die Einsperrung der
D. in ihrem Berlin, er hatte eine private Wut auf die Sperrzone,
Minenfelder, Postenketten, Hindernisgräben, Sichtblenden, Stacheldraht,
Vermaurung, Schießbefehle und Strafandrohung für den Versuch des
Übergangs [...] Angesichts der hilflosen Lage, in die ihre Staatsmacht
sie versetzt hatte, war ihm bange vor einer undeutlichen Verpflichtung,
die er eingegangen war, bevor sie ihm klargemacht wurde. (25)
Im Zusammenhang mit dem soeben angeführten Zitat sei auch insbesondere auf die Anonymität der "Staatsmacht" hingewiesen.
Die Analogie zum Schloß darf dabei natürlich nicht
übersehen werden, denn für Kafka scheint es überhaupt nur zwei
wirkliche Größen gegeben zu haben: das anonyme, allmächtige Übergroße
und die Seele dessen, der es erleben und erleiden muß. Und doch äußert
sich der Anspruch und zugleich das größte Problem dieses Texts darin,
daß sehr konkrete, identifizierbare Ereignisse der jüngsten deutschen
Geschichte auf eine verallgemeinerte, gleichnishafte Art behandelt
werden. Das Genaue und Bekannte des historischen Rahmens widerspricht
dem vagen Charakter der Beschreibung einer persönlichen Situation.
Die Errichtung der Mauer führt auch für die D. einen inneren Bruch herbei:
Sie hatte in diesem Staat gelebt wie in einem eigenen Land,
zu Hause, im Vertrauen auf offene Zukunft und das Recht, das andere
Land zu wählen. Eingesperrt in diesem, fühlte sie sich hintergangen,
getäuscht, belogen; das Gefühl war ähnlich dem über eine Kränkung, die
man nicht erwidern kann. [...] (47)
Es ist bezeichnend, daß die Protagonisten selbst "ihre" Staaten
niemals bei Namen nennen. Sowenig ist auch von anderen politischen
Realien der Zeit die Rede, oder, besser gesagt, sie werden nur insofern
berücksichtigt, als sie unmittelbar ins Blickfeld der Protagonisten
geraten, wenn die letzteren mit ihnen etwas zu tun bekommen. Der Autor
findet somit einen durchaus legitimen Ausweg, um dem obenangedeuteten
Widerspruch zwischen den genau erkenntlichen historischen Tatsachen und
den nur allgemein umrissenen Charakteren zu entgehen. Es geht um die
Feststellung historischer Wahrheit – mit literarischen Mitteln. Johnson
interessiert weder die dokumentar-politische Information in ihrer
(ohnehin unerreichbaren) Gesamtheit noch die bis ins Letzte detailliert
dargestellte Psyche seiner Helden – ihm liegt es an der Kollision der
beiden. Die selektive Aufnahme der historischen Realien ermöglicht
außerdem manches über die handelnden Personen zu verstehen. In ihrer
Kurzsichtigkeit den erlebten Vorgängen gegenüber zeigt sich ihre
politische Indifferenz, ihre unreflektierte Gleichsetzung des Landes
mit dem Staat und ihre naive Ansicht, daß sie mit dem Staat nichts zu
tun haben:
Lange Zeit war der Staat für sie eine Einrichtung der
Erwachsenen gewesen, der Beamten wie der Lehrer, gegen die sie sich
verteidigen mußte mit Größerwerden, den gewünschten Zeugnissen, der
vorgeschriebenen Arbeit. Zu mehr als Arbeit für den Staat war sie nicht
gekommen, nachdem sie ihn bei Lügen ertappt hatte, auch aus
Gleichgültigkeit gegen Politik. [...] (46)
Mit dieser Einstellung der Krankenschwester D. wäre sowohl der
Landvermesser K. als auch der Prokurist Josef K. einverstanden gewesen.
Doch müssen die Helden der Zwei Ansichten
eine gewisse innere Wandlung durchmachen. Für beide vollzieht sich im
Laufe der Erzählung eine persönliche Entstaatlichung, eine
Privatisierung des Geistes. Nicht nur das physische, sondern auch nur
das gedankenmäßige Überwinden der Mauer führt dazu, daß der Staat in
ihnen aufhört zu existieren: sie lernen unabhängiger zu denken und
gegebenenfalls auf eigene Faust zu handeln. Man darf nicht vergessen,
dass die Beiden noch sehr jung sind. In diesem Sinne gibt Zwei Ansichten
ein eigenartiges Beispiel des modernen Bildungs- oder
Sozialisationsromans: zwei Menschen vom Lande, Am-ha-Arez – um den
Ausdruck von Max Brod zu gebrauchen –, zwei geistig Unmündige und
Unpolitische erleben öffentliche Mißstände durch und als private
Krisenerfahrung. Die Ostberlinerin D. erleidet zum ersten Mal das
Ghettogefühl, das Dasein des Lagers. Sie bekommt die Repressalien des
ostdeutschen Parteistaates um so deutlicher zu spüren, als sie die
Tochter eines Offiziers der deutschen Wehrmacht und angeblich eines
"Kriegsverbrechers" ist. In Wirklichkeit gehörte es zu Stalins Politik
und somit zu den Grundsätzen des sozialistischen Lagers, daß die Kinder
für ihre Eltern büßen mußten. So muß auch D. als Krankenschwester
arbeiten, allein weil sie als Tochter eines Verbrechers an keiner
ostdeutschen Universität studieren darf.
Die gegenseitige Neigung zwischen den beiden wird, wie gesagt, als
nicht übermäßig stark dargestellt. Jedenfalls reichen ihre Gefühle
nicht aus, um wirklich bewußte und aktive Handlungen auszulösen. Bei B.
bleibt jeder Durchbruch zur geistigen Reife und Mündigkeit aus.
Abgesehen von der immerhin ständigen Empfindung einer unbeglichenen
Schuld, lebt B. nach wie vor passiv dahin, ist einer scharfen Analyse
des Geschehenen unfähig und einem entschlossenen Handeln nicht
gewachsen.
Es passiert in Trunkenheit und nur halb gewollt, daß er einen Brief an
D. schreibt. In diesem Brief fühlt er sich, wenn auch halbherzig, aus
moralischen Gründen verpflichtet, seine Hilfe für die Flucht
anzubieten. "Leute in der Kneipe", die zu einer Organisation der
berufsmäßigen Fluchthelfer gehören, fabrizieren für die D. einen
gefälschten österreichischen Paß. Es gelingt ihr Ostdeutschland als
Touristin zu verlassen. Sie reist zunächst nach Dänemark und von dort
aus nach Westberlin. Es folgen Verhöre im Flüchtlingslager und
Versuche, Arbeit und Unterkunft in der neuen Umgebung zu finden. Erst
nachdem sich herausstellt, daß B. infolge eines Autounfalls in einem
Krankenhaus liegt, begegnet sie dem B. wieder. Während ihres Besuchs
macht er ihr einen Heiratsantrag. Sie verspricht es sich zu überlegen.
Mehr kann sie allerdings nicht versprechen. Die Erzählung endet
prosaisch und unsentimental. Die etwaige Analogie zu Romeo und Julia
trügt: das Verhältnis erlischt grau und lautlos, wie begonnen:
[...] diese Liebe, begonnen als Bekanntschaft zum
beliebigen Vergessen, wächst sich erst nach der Trennung und eigentlich
durch sie aus, als immer mehr verstiegene, eben nicht überprüfbare
Einbildung von Zusammengehörigkeit und Verpflichtung; [...] sie ist so
kräftig nicht, daß die Getrennten sich an jedem Ort [...] vereinigen
wollen: ihm fällt ein Leben im Osten nicht ein, sie kann sich nur noch
im Westen eins denken. [...] Es kann nicht ausbleiben, daß das Ende
anders ausfällt, als in den Fassungen bisher. (Gerlach 219)
Erst als das Hindernis überwunden ist – die Beiden befinden sich nun in
einem der beiden Berlin – erblickt vor allem D. die seelische Barriere
zwischen ihnen. Für sie zumindest hat sich der Ausgang aus der
Unmündigkeit vollzogen. Der Beziehung ist damit aber nicht geholfen. An
dieser Stelle muß bemerkt werden, daß die Gestalten von B. und D. mit
sehr ungleicher Schärfe dargestellt sind. In einem enttäuschend höheren
Maße als D. soll B. nicht einen konkreten Menschen sondern eine
personifizierte Ansicht repräsentieren, wobei aber auch das Letztere
mißlingt:
Kann die D. durchaus als ein Typ aus der jüngeren
DDR-Generation mit ihrem Verantwortungsgefühl und zugleich ihrer
Distanziertheit gegenüber den staatlichen Klischees gelten, so ist B.
kein Typus der jüngeren Generation im Westen, vielmehr eine Karikatur.
[...] Als Holsteiner Pressefotograf ist B. nicht überzeugend. Als
Gegengewicht zu D. ist er nicht ernst zu nehmen, nicht genug
durchgestaltet. (Riedel 139)
Durch seine Passivität und sein Versagen wirkt er eher negativ und kann
auch deshalb nicht als eine gleichberechtigte Antithese, als eine
vollwertige "Ansicht" in Kauf genommen werden. B.'s immerhin wenige
persönliche Züge, über die berichtet wird, sind eher abstoßend und
unsympathisch; in seiner Gesamtheit aber erscheint er viel blässer,
schematischer und lebloser als D., die, dem grausam-öden Alltag des
"ersten deutschen sozialistischen friedliebenden
Arbeiter-und-Bauern-Staates" ausgesetzt und preisgegeben, Nischen
suchend und sich wehrend als die einzige nicht blutarme Gestalt des
Buches erscheint. Mag das daran liegen, daß der Autor, selbst im Osten
aufgewachsen, zur Zeit der Erscheinung dieser Erzählung sich den Westen
eher vorstellte als ihn verstand?
Gemessen an dem vielschichtigen, realitätsgesättigten Bild
der ostdeutschen Seite, wirkt die westdeutsche Dependance merkwürdig
blaß und flächig. Das soziologische Feld, das in der Figur der D.
sichtbar wird, gibt eine ganze Welt frei: diese treue, kleinbürgerliche
Mißratenheit preußischen Sozialismus'. Das soziologische Feld, das der
Norddeutsche B. mitbringt, wirkt dagegen ärmlich. (Krüger 147)
Die Stärke der Zwei Ansichten liegt in der
Atmosphäre, die der Autor in diesem Text wiedergibt. Die
Namenlosigkeit, der allgegenwärtige Erzähler, die alptraumhaften,
seitenlangen Sätze, die manchmal wie Reden eines Monomanen wirken (man
denke an Kalkwerk von Thomas Bernhard) und die Lektüre
erheblich erschweren, kreieren einen eigenartigen, man könnte sagen –
Kafkaesken Raum. Die schmeichelhafteste Interpretation würde diese
Erzählung als eine Geschichte von zwei Menschen (nicht "Ansichten"!)
bewerten, die einander verfehlen und sich verlieren, weil einer sich
ständig auf dem Wege zum Schloß (=Sperre) befindet, während die andere
diesem Schloß entflieht. Die Schwäche der Erzählung wurzelt in dem
nicht sonderlich geglückten Versuch, eine "alltägliche Geschichte"
(Gerlach 219) von ihrem konkret-historischen Hintergrund loszulösen und
durch gerade dieselbe Namenlosigkeit zum Gleichnis zu erheben.
Die relative Leblosigkeit der Gestalten dieser Erzählung hat freilich
noch einen weiteren Grund. Die Protagonisten sind nicht nur (fast!)
namenlos, sie sind auch (fast) sprachlos. Sie sind auch deshalb keine
Porträts, weil ihnen die Sprachkompetenz fehlt; hier verliert dieser
Text sehr im Vergleich zum Kafkaschen Roman. Statt die Gespräche direkt
wiederzugeben, wie es Kafka im Schloß tut, werden nahezu sämtliche Unterredungen in Zwei Ansichten
vom Erzähler summiert und wie in einer Chronik aufgezeichnet. Wenn man
dabei in Betracht zieht, daß diese Summierung betont sachlich, in einem
nominalen Kanzleistil erfolgt, so wird verständlich, warum das Ganze so
schematisch wirkt:
Angesichts der Gefahr, daß die Verständlichkeit und
Lesbarkeit seines Buches leiden könnte, simplifiziert Johnson seine
epische Technik. Seinen Willen zur Form beweist er allein durch den
strengen Aufbau des Buches. Als Ergebnis aber steht ein Werk vor uns,
bei dem die Wahrheitsfindung wegen der zu starken Vereinfachung der
Perspektiven mißlingt. (Riedel 136)
Diesem Befund kann man mit dem Vorbehalt zustimmen, daß weder die
formelle Einfachheit noch die leichte Lesbarkeit selbst auf Kosten der
"Vereinfachung der Perspektiven" (ibidem) erreicht worden ist. Es
scheint, daß alle Ingredienzien des Kafkaschen Stils in diesem Text zu
finden sind; nur werden sie geradezu umgekehrt angewandt. Bei Kafka ist
die Situation fantastisch, Zeit und Ort sind belanglos und nicht
identifizierbar, die Helden hingegen weisen in ihren Begegnungen und
Konflikten auch einmalige, ihnen allein eigene Züge auf. Das
Gleichnishafte entsteht aus dem archetypisch menschlichen Benehmen in
einer chiffreartigen, d.h. schließlich in einer jeden, X-beliebigen
Situation. Gerade das Letztere steht einer restlos überzeugenden
Kafka-Interpretation im Weg: das X des Kafkaschen Raums läßt sich nach
Autors Absicht durch jede denkbare Epoche und Gegend, ja jede
Lebenslage ersetzen, die äußeren Umstände sind nicht das Wichtigste, es
kommt einzig und allein auf die innere "Verwandlung" an. Bei Johnson
ist dies aus dem Charakter des zugrundeliegenden historischen Stoffes
heraus unmöglich: der äußere Rahmen ist von vornherein und notwendig
stabil. Die Benutzung eines "ewigen" Sujets ist in solch einem Fall an
sich schon problematisch. Aber der Autor unterlag, scheint mir, der
Versuchung, die wirklich täglichen, zeitgenössischen Ereignisse
inmitten einer konkreten politischen Realität zum Ewig-Menschlichen
emporzustilisieren.
Das Kafkasche X hat daher nicht den geschichtlichen Kontext, sondern
die Persönlichkeiten ersetzt. Es ist diese bewußte Typisierung, die
beabsichtigte Verschwommenheit der Konturen, die dem gesamten
Unternehmen einen nur mäßigen Erfolg gebracht hat.
Literaturverzeichnis

Gerlach, Rainer (Hg.). Uwe Johnson. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1984.

Johnson, Uwe. Zwei Ansichten. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1965.

Krüger, Horst (Hg.). Ende einer Utopie. Olten und Freiburg, 1963.

Neumann, Bernd. Utopie und Mimesis. Zum Verhältnis von Ästhetik, Gesellschaftsphilosophie und Politik in den Romanen Uwe Johnsons. Kronberg: Athenaeum, 1978.

Riedel, Ingrid. Wahrheitsfindung als epische Technik. Analytische Studien zu Uwe Johnsons Texten. München: UNI-Druck, 1971.
Ein Blick aus dem Schloß: Zwei Ansichten von Uwe Johnson
Gregory S. Zlotin
Diese Erzählung von Uwe Johnson erschien 1965. Im Gegensatz zu Mutmassungen über Jakob (1959) und Das dritte Buch über Achim (1961) wird die Gattung der Zwei Ansichten
nicht als Roman bezeichnet. Im Zentrum dieses Prosatextes steht die
Beziehung zwischen einem jungen Herren B., Pressefotografen aus einer
mittelgroßen Landstadt Holsteins, und einer Krankenschwester D. aus
Ostberlin. Die Namensabkürzungen B. und D. für den Bundesrepublikaner
und die Bürgerin der Deutschen Demokratischen Republik sind wohl
Anspielungen auf die Buchstaben B und D in Staatsnamen BRD und DDR.
Zugleich aber wird sich darin wie in der allgemeinen (und der
grundsätzlichen, wie sich bald herausstellt) Namenlosigkeit der
Erzählung möglicherweise die Absicht des Autors geäußert haben, einen
konkreten Fall ins Typische zu steigern. Aus dem bewußten Verzicht auf
jegliche Namen ergeben sich sowohl formale als auch inhaltliche
Probleme. Richard Alewyn bemerkt mit Recht, daß die völlige Abwesenheit
von Eigennamen – nur wenige Figuren werden mit Initialen angedeutet –
die syntaktischen Beziehungen im Text und somit auch das Verstehen
desselben erheblich erschwert.
Die Komposition der Erzählung ist nicht allzu verwickelt: der Text
besteht aus zweimal fünf Abschnitten, die von 1 bis 10 numeriert sind
und in denen die Ansichten sowie Lebensumstände der beiden
Protagonisten abwechselnd zur Sprache kommen. Die Darstellung erfolgt
in Form der erlebten Rede aus den Perspektiven dieser zwei Menschen und
zugleich aus der Sicht eines allwissenden Beobachters, eines Erzählers,
der allerdings erst gegen Ende des Buches auftaucht und, wie er selbst
erklärt, alles erfunden hat. Rein äußerlich hat man deswegen mit einem
Bericht in Er- bzw. Sie-Form zu tun, wobei die Stellung des Autors zu
seinen Protagonisten weit weniger distanziert ist, als man erwarten
könnte, und vor allem in Ironie und Mitleid ihren Ausdruck findet.
Der junge Herr B. arbeitet als freier Pressefotograf in einer
holsteinischen Mittelstadt. Er verkauft vorteilhaft einen Sammelband
von seinen Fotografien und ersteht für den Ertrag einen eleganten
Sportwagen. Mit der Beschreibung dieser scheinbar belanglosen
Begebenheit beginnt die Geschichte. "Leider war das Geschäft erst
zustande gekommen, nachdem B. verzichtet hatte auf einige Bilder, die
die städtischen Hilfen für Alte und Bedürftige zeigten wie sie waren.
Tage danach noch beim Rasieren wandte er den Kopf, wenn er im Spiegel
auf die eigenen Augen traf" (S. 7), – bemerkt der Autor darauffolgend.
Dieser kleine Zwischenfall ist symptomatisch für die ganze Erzählung.
B. empfindet ständige Gewissensbisse wegen der Verpflichtungen, die er,
seiner Meinung nach, D. gegenüber eingegangen ist. Verursacht ihm schon
der Besitz eines schönen Autos ein dumpfes Gefühl des begangenen
Unrechts, so bedeutet das Leben im wohlständigen Westen eine permanente
und peinliche Empfindung des Mitleids für die im Osten und im Stich
gelassenen Menschen.
Als in Westberlin B.'s neuer Luxus-Wagen gestohlen wird, muß er als
Fotolaborant und Verkäufer zurück in jene Drogerie, in der er früher
gearbeitet hat, um – und dies ist ausdrücklich betont – das Geld für
ein neues Auto zu sparen. Durch diese erste Berlinreise, die B. nicht
zuletzt unternimmt, um D. wieder zu treffen, bekommt der Leser die
Einsicht in die Struktur des Buches. Weder der Versuch ein sorgloses
und sorgenfreies Leben im Westen zu führen, noch das Trachten des B.
durch die Vereinigung mit D. sein Gewissen zu beruhigen will glücken;
der B. aber versucht beides zu erreichen, und sein pendelartiges Hin-
und Widergehen erinnert sehr an den spiralförmigen Weg des Kafkaschen
K. aufs Schloß: vor allem weil das Ziel erst dann erreicht oder
zumindest erreichbar wird, wenn es dem einst Strebenden als völlig
belanglos erscheint.
Eine weitere Parallele zu Kafkas Roman Das Schloß
findet sich darin, daß es sich im Fall des Pressefotografen B. wie beim
Landvermesser K. um einen ausgesprochen schlichten, ja
durchschnittlichen Mann handelt. Selbst an seinem Beruf liegt es dem B.
nicht sonderlich viel, auch ist er als Fotoberichterstatter für die
lokale Presse nicht sehr erfolgreich gewesen. Sein Interesse gilt
vielmehr jungen Frauen (das kann man wohl auch über K. sagen!) und
schönen, auffallenden Autos.
Sowohl der Beruf als auch die Auto-Obsession des B. sind gewiß
symbolisch zu verstehen. Die Arbeit des Pressefotografen erscheint als
Gleichnis der am Haben orientierten Existenzweise (Erich Fromm). B.'s
Fotografien sind nichts anderes als verdinglichte Fixierungen der
Wirklichkeitsfragmente. Hinzu kommt folgendes:
Statt zu dokumentieren, was ist, wirkt [...] B. qua
Stellung im Produktionsprozeß am "schönen Schein" mit, mit dem sich die
Gesellschaft, in der er lebt, wie mit einem Schleier zu umgeben bemüht
ist. Wiederum das Geld, das B. für die Produktion dieses "schönen
Scheins" erhält, [...] legt [... er] selbst im Sog des gleichen
"schönen Scheins" an,wenn er sich den Waren-Fetisch Sportwagen
anschafft. (Neumann 233)
Bernd Neumann bemerkt, daß auch "B.'s Beziehung zu D. die Zeichen einer
Art politischen Fetischismus trägt" (241), daß also die D. für B.
gewissermaßen auch eine Ware ist, die eine Aufwertung erfährt, indem
sie durch den Mauerbau schwerer erreichbar (erhältlich!) wird.
Andererseits glaubt Neumann, B. leistet seine Hilfe durch den
"kommerziellen" und "menschenhändlerischen" (ibidem) Fluchthelfer, nur,
"um sein Gewissen zu beruhigen und – was im Falle B.'s identisch ist –
um in den Augen der anderen nicht als jemand dazustehen, der seine
gefangen gesetzte Prinzessin in den Händen der Räuber zu belassen
gewillt ist" (ibidem). Im letzten Zitat fehlt nur das Wort "Schloß", um
vollends festzulegen, daß die Waren-Identität des jungen Herrn B., die
seiner geradezu karikierten Gestalt zweifellos eigen ist, mit
geheimnisvoll-märchenhaften, kafkaesken Charakterzügen konfliktfrei
koexistiert.
B. und D. haben sich zufällig in Berlin kennengelernt, als die Stadt
noch einig war. Von großer Liebe war nie die Rede. Es sind die äußeren
Ereignisse, die dieses mehr oder weniger oberflächliche Verhältnis an
Bedeutung gewinnen lassen. Wie bereits bemerkt, geht es in diesem sehr
präzise und streng gegliederten, symmetrischen Text um äußerst blasse,
durchschnittliche, ja man kann fast sagen – mittelmäßige
Menschengestalten. Ihre Schicksale sind typisch – oder als typisch
hingestellt worden. Alles Krasse, Ungewöhnliche, Einzigartige und
Einmalige wird ihnen konsequent genommen. Dadurch verliert der Text
einerseits an Spannung, gewinnt aber andererseits an
Allgemeingültigkeit. Betrachtet man diese Besonderheit als die
Verwirklichung des dichterischen Unternehmens Typen statt Porträts
darzustellen, dann entsteht freilich die Frage, inwiefern (und ob
überhaupt) diese Figuren für ihre Gesellschaftsysteme (und "Ansichten")
repräsentativ sind.
Der 13. August 1961 bildet die Wasserscheide der Erzählung. Durch den
Bau der Berliner Mauer finden sich im Grunde fremde Menschen plötzlich
und auf seltsame Weise miteinander verbunden. Die gewaltsame Spaltung
Deutschlands und Berlins wird von beiden als persönliches Unglück
empfunden. Besonders deutlich kommt es in den dem Herrn B. gewidmeten
Kapiteln zum Ausdruck:
Er fühlte sich selbst gekränkt durch die Einsperrung der
D. in ihrem Berlin, er hatte eine private Wut auf die Sperrzone,
Minenfelder, Postenketten, Hindernisgräben, Sichtblenden, Stacheldraht,
Vermaurung, Schießbefehle und Strafandrohung für den Versuch des
Übergangs [...] Angesichts der hilflosen Lage, in die ihre Staatsmacht
sie versetzt hatte, war ihm bange vor einer undeutlichen Verpflichtung,
die er eingegangen war, bevor sie ihm klargemacht wurde. (25)
Im Zusammenhang mit dem soeben angeführten Zitat sei auch insbesondere auf die Anonymität der "Staatsmacht" hingewiesen.
Die Analogie zum Schloß darf dabei natürlich nicht
übersehen werden, denn für Kafka scheint es überhaupt nur zwei
wirkliche Größen gegeben zu haben: das anonyme, allmächtige Übergroße
und die Seele dessen, der es erleben und erleiden muß. Und doch äußert
sich der Anspruch und zugleich das größte Problem dieses Texts darin,
daß sehr konkrete, identifizierbare Ereignisse der jüngsten deutschen
Geschichte auf eine verallgemeinerte, gleichnishafte Art behandelt
werden. Das Genaue und Bekannte des historischen Rahmens widerspricht
dem vagen Charakter der Beschreibung einer persönlichen Situation.
Die Errichtung der Mauer führt auch für die D. einen inneren Bruch herbei:
Sie hatte in diesem Staat gelebt wie in einem eigenen Land,
zu Hause, im Vertrauen auf offene Zukunft und das Recht, das andere
Land zu wählen. Eingesperrt in diesem, fühlte sie sich hintergangen,
getäuscht, belogen; das Gefühl war ähnlich dem über eine Kränkung, die
man nicht erwidern kann. [...] (47)
Es ist bezeichnend, daß die Protagonisten selbst "ihre" Staaten
niemals bei Namen nennen. Sowenig ist auch von anderen politischen
Realien der Zeit die Rede, oder, besser gesagt, sie werden nur insofern
berücksichtigt, als sie unmittelbar ins Blickfeld der Protagonisten
geraten, wenn die letzteren mit ihnen etwas zu tun bekommen. Der Autor
findet somit einen durchaus legitimen Ausweg, um dem obenangedeuteten
Widerspruch zwischen den genau erkenntlichen historischen Tatsachen und
den nur allgemein umrissenen Charakteren zu entgehen. Es geht um die
Feststellung historischer Wahrheit – mit literarischen Mitteln. Johnson
interessiert weder die dokumentar-politische Information in ihrer
(ohnehin unerreichbaren) Gesamtheit noch die bis ins Letzte detailliert
dargestellte Psyche seiner Helden – ihm liegt es an der Kollision der
beiden. Die selektive Aufnahme der historischen Realien ermöglicht
außerdem manches über die handelnden Personen zu verstehen. In ihrer
Kurzsichtigkeit den erlebten Vorgängen gegenüber zeigt sich ihre
politische Indifferenz, ihre unreflektierte Gleichsetzung des Landes
mit dem Staat und ihre naive Ansicht, daß sie mit dem Staat nichts zu
tun haben:
Lange Zeit war der Staat für sie eine Einrichtung der
Erwachsenen gewesen, der Beamten wie der Lehrer, gegen die sie sich
verteidigen mußte mit Größerwerden, den gewünschten Zeugnissen, der
vorgeschriebenen Arbeit. Zu mehr als Arbeit für den Staat war sie nicht
gekommen, nachdem sie ihn bei Lügen ertappt hatte, auch aus
Gleichgültigkeit gegen Politik. [...] (46)
Mit dieser Einstellung der Krankenschwester D. wäre sowohl der
Landvermesser K. als auch der Prokurist Josef K. einverstanden gewesen.
Doch müssen die Helden der Zwei Ansichten
eine gewisse innere Wandlung durchmachen. Für beide vollzieht sich im
Laufe der Erzählung eine persönliche Entstaatlichung, eine
Privatisierung des Geistes. Nicht nur das physische, sondern auch nur
das gedankenmäßige Überwinden der Mauer führt dazu, daß der Staat in
ihnen aufhört zu existieren: sie lernen unabhängiger zu denken und
gegebenenfalls auf eigene Faust zu handeln. Man darf nicht vergessen,
dass die Beiden noch sehr jung sind. In diesem Sinne gibt Zwei Ansichten
ein eigenartiges Beispiel des modernen Bildungs- oder
Sozialisationsromans: zwei Menschen vom Lande, Am-ha-Arez – um den
Ausdruck von Max Brod zu gebrauchen –, zwei geistig Unmündige und
Unpolitische erleben öffentliche Mißstände durch und als private
Krisenerfahrung. Die Ostberlinerin D. erleidet zum ersten Mal das
Ghettogefühl, das Dasein des Lagers. Sie bekommt die Repressalien des
ostdeutschen Parteistaates um so deutlicher zu spüren, als sie die
Tochter eines Offiziers der deutschen Wehrmacht und angeblich eines
"Kriegsverbrechers" ist. In Wirklichkeit gehörte es zu Stalins Politik
und somit zu den Grundsätzen des sozialistischen Lagers, daß die Kinder
für ihre Eltern büßen mußten. So muß auch D. als Krankenschwester
arbeiten, allein weil sie als Tochter eines Verbrechers an keiner
ostdeutschen Universität studieren darf.
Die gegenseitige Neigung zwischen den beiden wird, wie gesagt, als
nicht übermäßig stark dargestellt. Jedenfalls reichen ihre Gefühle
nicht aus, um wirklich bewußte und aktive Handlungen auszulösen. Bei B.
bleibt jeder Durchbruch zur geistigen Reife und Mündigkeit aus.
Abgesehen von der immerhin ständigen Empfindung einer unbeglichenen
Schuld, lebt B. nach wie vor passiv dahin, ist einer scharfen Analyse
des Geschehenen unfähig und einem entschlossenen Handeln nicht
gewachsen.
Es passiert in Trunkenheit und nur halb gewollt, daß er einen Brief an
D. schreibt. In diesem Brief fühlt er sich, wenn auch halbherzig, aus
moralischen Gründen verpflichtet, seine Hilfe für die Flucht
anzubieten. "Leute in der Kneipe", die zu einer Organisation der
berufsmäßigen Fluchthelfer gehören, fabrizieren für die D. einen
gefälschten österreichischen Paß. Es gelingt ihr Ostdeutschland als
Touristin zu verlassen. Sie reist zunächst nach Dänemark und von dort
aus nach Westberlin. Es folgen Verhöre im Flüchtlingslager und
Versuche, Arbeit und Unterkunft in der neuen Umgebung zu finden. Erst
nachdem sich herausstellt, daß B. infolge eines Autounfalls in einem
Krankenhaus liegt, begegnet sie dem B. wieder. Während ihres Besuchs
macht er ihr einen Heiratsantrag. Sie verspricht es sich zu überlegen.
Mehr kann sie allerdings nicht versprechen. Die Erzählung endet
prosaisch und unsentimental. Die etwaige Analogie zu Romeo und Julia
trügt: das Verhältnis erlischt grau und lautlos, wie begonnen:
[...] diese Liebe, begonnen als Bekanntschaft zum
beliebigen Vergessen, wächst sich erst nach der Trennung und eigentlich
durch sie aus, als immer mehr verstiegene, eben nicht überprüfbare
Einbildung von Zusammengehörigkeit und Verpflichtung; [...] sie ist so
kräftig nicht, daß die Getrennten sich an jedem Ort [...] vereinigen
wollen: ihm fällt ein Leben im Osten nicht ein, sie kann sich nur noch
im Westen eins denken. [...] Es kann nicht ausbleiben, daß das Ende
anders ausfällt, als in den Fassungen bisher. (Gerlach 219)
Erst als das Hindernis überwunden ist – die Beiden befinden sich nun in
einem der beiden Berlin – erblickt vor allem D. die seelische Barriere
zwischen ihnen. Für sie zumindest hat sich der Ausgang aus der
Unmündigkeit vollzogen. Der Beziehung ist damit aber nicht geholfen. An
dieser Stelle muß bemerkt werden, daß die Gestalten von B. und D. mit
sehr ungleicher Schärfe dargestellt sind. In einem enttäuschend höheren
Maße als D. soll B. nicht einen konkreten Menschen sondern eine
personifizierte Ansicht repräsentieren, wobei aber auch das Letztere
mißlingt:
Kann die D. durchaus als ein Typ aus der jüngeren
DDR-Generation mit ihrem Verantwortungsgefühl und zugleich ihrer
Distanziertheit gegenüber den staatlichen Klischees gelten, so ist B.
kein Typus der jüngeren Generation im Westen, vielmehr eine Karikatur.
[...] Als Holsteiner Pressefotograf ist B. nicht überzeugend. Als
Gegengewicht zu D. ist er nicht ernst zu nehmen, nicht genug
durchgestaltet. (Riedel 139)
Durch seine Passivität und sein Versagen wirkt er eher negativ und kann
auch deshalb nicht als eine gleichberechtigte Antithese, als eine
vollwertige "Ansicht" in Kauf genommen werden. B.'s immerhin wenige
persönliche Züge, über die berichtet wird, sind eher abstoßend und
unsympathisch; in seiner Gesamtheit aber erscheint er viel blässer,
schematischer und lebloser als D., die, dem grausam-öden Alltag des
"ersten deutschen sozialistischen friedliebenden
Arbeiter-und-Bauern-Staates" ausgesetzt und preisgegeben, Nischen
suchend und sich wehrend als die einzige nicht blutarme Gestalt des
Buches erscheint. Mag das daran liegen, daß der Autor, selbst im Osten
aufgewachsen, zur Zeit der Erscheinung dieser Erzählung sich den Westen
eher vorstellte als ihn verstand?
Gemessen an dem vielschichtigen, realitätsgesättigten Bild
der ostdeutschen Seite, wirkt die westdeutsche Dependance merkwürdig
blaß und flächig. Das soziologische Feld, das in der Figur der D.
sichtbar wird, gibt eine ganze Welt frei: diese treue, kleinbürgerliche
Mißratenheit preußischen Sozialismus'. Das soziologische Feld, das der
Norddeutsche B. mitbringt, wirkt dagegen ärmlich. (Krüger 147)
Die Stärke der Zwei Ansichten liegt in der
Atmosphäre, die der Autor in diesem Text wiedergibt. Die
Namenlosigkeit, der allgegenwärtige Erzähler, die alptraumhaften,
seitenlangen Sätze, die manchmal wie Reden eines Monomanen wirken (man
denke an Kalkwerk von Thomas Bernhard) und die Lektüre
erheblich erschweren, kreieren einen eigenartigen, man könnte sagen –
Kafkaesken Raum. Die schmeichelhafteste Interpretation würde diese
Erzählung als eine Geschichte von zwei Menschen (nicht "Ansichten"!)
bewerten, die einander verfehlen und sich verlieren, weil einer sich
ständig auf dem Wege zum Schloß (=Sperre) befindet, während die andere
diesem Schloß entflieht. Die Schwäche der Erzählung wurzelt in dem
nicht sonderlich geglückten Versuch, eine "alltägliche Geschichte"
(Gerlach 219) von ihrem konkret-historischen Hintergrund loszulösen und
durch gerade dieselbe Namenlosigkeit zum Gleichnis zu erheben.
Die relative Leblosigkeit der Gestalten dieser Erzählung hat freilich
noch einen weiteren Grund. Die Protagonisten sind nicht nur (fast!)
namenlos, sie sind auch (fast) sprachlos. Sie sind auch deshalb keine
Porträts, weil ihnen die Sprachkompetenz fehlt; hier verliert dieser
Text sehr im Vergleich zum Kafkaschen Roman. Statt die Gespräche direkt
wiederzugeben, wie es Kafka im Schloß tut, werden nahezu sämtliche Unterredungen in Zwei Ansichten
vom Erzähler summiert und wie in einer Chronik aufgezeichnet. Wenn man
dabei in Betracht zieht, daß diese Summierung betont sachlich, in einem
nominalen Kanzleistil erfolgt, so wird verständlich, warum das Ganze so
schematisch wirkt:
Angesichts der Gefahr, daß die Verständlichkeit und
Lesbarkeit seines Buches leiden könnte, simplifiziert Johnson seine
epische Technik. Seinen Willen zur Form beweist er allein durch den
strengen Aufbau des Buches. Als Ergebnis aber steht ein Werk vor uns,
bei dem die Wahrheitsfindung wegen der zu starken Vereinfachung der
Perspektiven mißlingt. (Riedel 136)
Diesem Befund kann man mit dem Vorbehalt zustimmen, daß weder die
formelle Einfachheit noch die leichte Lesbarkeit selbst auf Kosten der
"Vereinfachung der Perspektiven" (ibidem) erreicht worden ist. Es
scheint, daß alle Ingredienzien des Kafkaschen Stils in diesem Text zu
finden sind; nur werden sie geradezu umgekehrt angewandt. Bei Kafka ist
die Situation fantastisch, Zeit und Ort sind belanglos und nicht
identifizierbar, die Helden hingegen weisen in ihren Begegnungen und
Konflikten auch einmalige, ihnen allein eigene Züge auf. Das
Gleichnishafte entsteht aus dem archetypisch menschlichen Benehmen in
einer chiffreartigen, d.h. schließlich in einer jeden, X-beliebigen
Situation. Gerade das Letztere steht einer restlos überzeugenden
Kafka-Interpretation im Weg: das X des Kafkaschen Raums läßt sich nach
Autors Absicht durch jede denkbare Epoche und Gegend, ja jede
Lebenslage ersetzen, die äußeren Umstände sind nicht das Wichtigste, es
kommt einzig und allein auf die innere "Verwandlung" an. Bei Johnson
ist dies aus dem Charakter des zugrundeliegenden historischen Stoffes
heraus unmöglich: der äußere Rahmen ist von vornherein und notwendig
stabil. Die Benutzung eines "ewigen" Sujets ist in solch einem Fall an
sich schon problematisch. Aber der Autor unterlag, scheint mir, der
Versuchung, die wirklich täglichen, zeitgenössischen Ereignisse
inmitten einer konkreten politischen Realität zum Ewig-Menschlichen
emporzustilisieren.
Das Kafkasche X hat daher nicht den geschichtlichen Kontext, sondern
die Persönlichkeiten ersetzt. Es ist diese bewußte Typisierung, die
beabsichtigte Verschwommenheit der Konturen, die dem gesamten
Unternehmen einen nur mäßigen Erfolg gebracht hat.
Literaturverzeichnis

Gerlach, Rainer (Hg.). Uwe Johnson. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1984.

Johnson, Uwe. Zwei Ansichten. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1965.

Krüger, Horst (Hg.). Ende einer Utopie. Olten und Freiburg, 1963.

Neumann, Bernd. Utopie und Mimesis. Zum Verhältnis von Ästhetik, Gesellschaftsphilosophie und Politik in den Romanen Uwe Johnsons. Kronberg: Athenaeum, 1978.

Riedel, Ingrid. Wahrheitsfindung als epische Technik. Analytische Studien zu Uwe Johnsons Texten. München: UNI-Druck, 1971.
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