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Harald Hagemann, Hg. Zur deutschsprachigen wirtschaftswissenschaftlichen Emigration nach 1933. (Marburg: Metropolis, 1997.)

Rezension von Brigitte Steyer

Die Frage nach der Tiefe der Zäsur, welche die Emigration so bedeutender deutschsprachiger Schiftsteller wie Thomas Mann, Berthold Brecht oder Lion Feuchtwanger bedeutete, ist innerhalb der Literaturwissenschaft oft gestellt und diskutiert worden. Leicht vergißt man dabei die vielen anderen Fachgebiete, für welche die Flucht hochrangiger Wissenschaftler vor dem NS-Regime deutliche Verluste brachte. Am ehesten denkt man hierbei wohl noch an Siegmund Freud und die Stagnation erfolgversprechender Entwicklungen in der Kernphysik.

Das vorliegende Buch gibt in 21 Einzelbeiträgen einen sehr detaillierten und zugleich umfangreichen Einblick in die Folgen, welche die Vertreibung deutschsprachiger Wirtschaftswissenschaftler nach 1933 (bzw. 1938) für die Entwicklung der Forschung hatte. Auch wird die Frage aufgeworfen, ob und wieweit im jeweiligen Fall tatsächlich eine Zäsur vorlag.

Der besondere Wert dieses Buches liegt zum einen in der Bandbreite seiner Themen (je nach dem besprochenen Fachgebiet innerhalb der Öko­nomie) und in der unterschiedlichen Art des Zugangs, welcher vom tradi­tionellen Wissenschaftsessay bis hin zur autobiographischen Studie reicht, von der Zeitschriftenanalyse bis zur Institutionengeschichte einzelner Uni­versitäten oder “Schulen”.

Zum anderen sind es die Autoren selbst, die aus diesem Buch ein wert­volles historisches Dokument machen: acht von ihnen wurden vor dem 1. Weltkrieg geboren und waren aufgrund ihrer Herkunft oder politischen Ge­sinnunng selbst von der Emigration betroffen, die restlichen gehören der (meist unmittelbaren) Nachkriegsgeneration an, womit natürlich eine andere Perspektive gewonnen ist, was nicht zuletzt in der unterschiedlichen Art ihrer Ausbildung und der Konzentration auf neue Teilgebiete begründet ist (z.B. die Entwicklungsökonomie, welche erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges entstand, vgl. 17).

Je nachdem, in welche Länder die Ökonomen der älteren Generation geflohen sind, erhält der Leser Informationen über deren Einfluß auf die dortige wirtschaftswissenschaftliche Entwicklung (England, Türkei, Israel, USA), wie auch über den internationalen Forschungsstand, den sie mitge­prägt haben. Dabei werden persönliche Erfahrungen der emigrierten Wis­senschaftler bei der Assimilation ebenso diskutiert wie die Frage, ob der Standortwechsel fruchtbar für die Entwicklung neuer Ansätze sowie den Austausch kritischer Ideen war (vgl. 8). Da die Emigranten in den einzelnen Ländern Regierungen unterschiedlicher Staats- und Wirtschaftssysteme und damit unterschiedlicher Wertesysteme vorfanden, konnte dies neue Prob­lemkreise und damit Fachgebiete aufwerfen, die sich in den Wirtschafts­systemen der Heimatländer so nicht gestellt hatten (z.B. innovative Beiträge in der Konjunkturtheorie, vgl. 16).

Schließlich wird auch untersucht, wie viele der Ökonomen nach Kriegs­ende in ihre Heimat zurückgekehrt sind, wie sie aufgenommen wurden und in wiefern sie beim Wiederaufbau eine Rolle spielten bzw. von ihrem Außenseiter-Status und der daraus resultierenden kritischen Distanz profitieren konnten. Auch dem Problem der ‘inneren Emigration’ am Beispiel des Ökonomen Alfred Weber ist ein Beitrag gewidmet.

Wie aus der angedeuteten Vielfalt bereits klar wird, erlaubt die Kom­plexität der Fragestellungen keine allgemeingültigen Antworten. Jeder Bei­trag für sich gibt eine sehr um Ausgewogenheit bemühte Teilantwort für den jeweiligen Untersuchungsgegenstand, so daß sich lediglich Trends abzeichnen können, die jedoch klar auf schwere Verluste innerhalb der deutschen Ökonomie nach 1933 verweisen, welche sich nicht nur in einer “durchschnittlichen Entlassungsquote von rund einem Viertel” (21) zeigte, sondern vor allem in qualitativer Hinsicht.

Der einleitende Beitrag von Harald Hagemann gibt eine gute allgemeine Einführung in die Thematik und die sie begleitenden Fragestellungen, er­klärt die Vorteile der unterschiedlichen Zugänge und umreißt die einzelnen Beiträge grob, so daß sich Aufbau und Zusammenhang des Buches besser erschließen.

Claus-Dieter Krohn geht in seinem Beitrag auf die frappanten Unter­schiede bei den Entlassungen an verschiedenen deutschen Universitäten ein, sowie auf die Altersstruktur und die Zufluchtsländer. Er macht darauf aufmerksam, daß es regelrechte Vertreibungszentren gab, also Universitäten, wo rund die Hälfte des Lehrkörpers entlassen wurde (z.B. Frankfurt, Heidelberg und Kiel, vgl. 40-43). Auf der anderen Seite zeigt seine Studie aber auch Tendenzen bei den Aufnahme-Universitäten, wo größere Grup­pen deutscher Ökonomen wieder aufeinander trafen und ihre Forschung fortsetzten (z.B. der New School for Social Research in New York, vgl. 40).

Richard Musgrave schildert in seinem Beitrag seine eigene Emigration, die ihn von Heidelberg an die Harvard University brachte. Er sieht sich dabei durchaus als Emigrationsgewinner, da er von der stärker theoretisch ausge­prägten Tradition des angelsächsischen Raumes profitierte.

Jürgen Backhaus widmet sich dem Teilgebiet der Finanzwissenschaft, wozu er einen Fragenkatalog von zehn Punkten entwickelt hat. Richard Musgrave, der renommierteste und einflußreichste Finanzwissenschaftler der Nachkriegszeit, nimmt zu diesen Fragen ausführlich Stellung, was dem Titel seines eigenen Beitrags, “Crossing Traditions”, einen interessanten Nebeneffekt verleiht.

Ohne im einzelnen auf alle Beiträge einzugehen, zeichnet sich hier bereits die große Transparenz ab, welche durch die Rückbezüge und Quer­verweise der einzelnen Beiträge entsteht. Mehrere der selbst emigrierten Ökonomen trafen sich im Ausland, besonders in Harvard, wieder, gründ­eten neue Schulen und entwickwelten bedeutende Theoreme (etwa das ‘Stopler-Samuelson-Theorem’). Auch wird man beim Lesen feststellen, daß einige der Emigrierten im Ausland bei ebenfalls emigrierten Ökonomen promovierten, so daß sich unter der Oberfläche der Einzelschicksale ein Netzwerk von Namen, Geschichten und Theorien entwickelt, das beinah noch spannender als der Haupttext ist.

Für den ökologisch ausgebildeten Leser stellt dieses Buch eine reiche historische wie faktische Quelle dar, mit Hilfe derer viele Entwicklungen innerhalb der Ökonomie verständlicher werden (z.B. die keynesianische Revolution), und durch welche die Namen hinter den Theoremen eine menschliche Dimension gewinnen, wie man sie während des Studiums nur selten kennenlernt. Die mit diesen Schicksalen verbundenen Wertesysteme sind als Einflußfaktoren für die großen Wirtschaftstheorien aber ebenso wichtig wie Kalkulationen und Diagramme. Als Begleittext für das BWL oder VWL-Studium bestens zu empfehlen!

Für den in der Ökologie nur laienhaft bewanderten Leser sind einige Beiträge äußerst schwer verständlich und daher in ihrer fachspezifischen Terminologie ungeeignet. Die Mehrzahl der Beiträge enthält jedoch so viel interessantes, narratives biographisches Material bzw. allgemeine Fakten, daß sie jedem eine Bereicherung sein können. Die Zusammenfassungen am Ende des Buches machen es leicht, die schwierigen Beiträge auszusondern und Prioritäten zu setzen. Besonders die autobiographischen (Teil-)Berichte stellen bedeutende Aspekte der deutschen Geschichte dar-nicht nur der ökonomischen. Durch den Aufbau des Buches von in sich geschlossenen Aufsätzen eignet es sich durchaus zur episodischen Lektüre, die manchen Krimi Konkurrenz machen könnte.



 

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