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Sally Patterson Tubach. Memoirs of a Terrorist. (Albany: SUNY Press, 1996.)

Rezension von Brigitte Steyer

Wenn man den Forschungsschwerpunkt innerhalb des zur Zeit sehr populären Gebietes Trauma Studies näher betrachtet, wird man feststellen, daß besonders weibliche Autoren sich dort mit der Opferseite auseinander­setzen und speziell an dem Problem der sprachlichen Umsetzung trauma­tischer Erfahrungen interessiert sind. Dies gilt gleichermaßen für fiktionale Texte wie für psychologische und historische Sekundärliteratur.[i] Es schien mir daher ein interessanter Einzelfall einer Geschichte über die Täterseite, als ich den Titel Memoirs of a Terrorist sah. Gleiches schien auch die Zusam­menfassung im Einband zu versprechen:

Memoirs of a Terrorist is a gripping experimental novel about a young woman raped at the age of fifteen by her father: Having repressed this crime from her conscious awareness, Megan Lloyd’s short intensive life becomes a quest for sexual and human identity. ... The heroine’s internal story is told by her fragmentary diaries and stories that her father retrieves after her death as a suspected terrorist in Europe.

Etwas überrascht darüber, daß der “Terrorist” eine Frau war, fesselte mich jedoch der Aufbau des Romans und ich begann zu lesen. Die Idee, zwei Erinnerungsspuren zuück in die Vergangenheit zu verfolgen-die der Tochter anhand der Tagebücher und anderer Notizen, und die des Vaters, welcher die gesammelten Materialen kommentiert-schien mir ein span­nendes Geflecht zweier Lebensgeschichten zu versprechen, die auf einen gemeinsamen, fatalen Punkt zulaufen.

Der Roman beginnt mit einem “Prologue in Hell”, geschrieben vom Vater an seinen Freund Gordon, datiert vom 1. Dezember 1990. Zusam­men mit dem “Epilogue”, ebenfalls an Gordon gerichtet, ist somit ein Rahmen für die Geschichte geschaffen. Informiert darüber, daß Arthur Lloyd, Megans Vater, im Sterben liegt und das Manuskript über Megans Le­ben nun dem Freund Gordon anvertrauen möchte, beginnt der Leser nun mit dem ersten Kapitel, das Leben dieser als angeblichenTerroristin endenden Frau nachzuvollziehen-gleichsam parallel mit dem Vater, dessen Einschübe ab dem Ende dieses ersten Kapitels die Tagebücher kommen­tieren. Während die Tagebuch-Fragmente ab dem zweiten Kapitel mit Da­tum versehen sind, ist die Geschichte von Megans Kindheit in der Ober­schicht Californiens ohne zeitliche Angaben und nur durch Abschnitte gegliedert erzählt (1. Kapitel). Die Ereignisse sind im Tempus der Ver­gangenheit, mitunter sehr detailliert geschildert, und erscheinen eher wie fiktive Geschichten denn als Tagebuch-Eintragungen. Allerdings wird im Verlauf des Romans klar, daß Megan früh Interesse am Schreiben hatte, so daß dieser Tatbestand dadurch zunächst erklärt scheint. Im weiteren Verlauf ziehen die langen Tagebuch-Passagen den Leser zwar immer mehr in den Bann, werden aber gerade durch den bereits erwähnten fiktionalen Charak­ter und ihre kohärente Erzählweise als Tagebuch-Fragmente immer un­glaubwürdiger. Die Episode vom Feuer in Malibu (4. Kapitel) ist ein Beispiel dafür. Über 12 Seiten erstreckt sich die Beschreibung dieses Ereig­nisses, daß als Trauma[ii] trotz des Tempuswechsels zum Präsens nicht über­zeugen kann und dessen Funktion im Leben Megans bzw. im Roman daher nicht ganz klar wird. Zwar ist bekannt, daß Opfer traumatischer Ereignisse diese retrospektive im Erzählen oft nochmals durchleben und dann auf mitunter verblüffend nüchterne Art das gesamte Geschehen wiedergeben können, doch haben wir es bei diesem Roman mit einem literarischen Kon­strukt zu tun, bei dessen Teilen und Teil-Geschichten sich leider nicht im­mer der Sinn im Gesamtzusammenhang erschließt. Darüberhinaus scheint besonders dieser Abschnitt zu sehr auf Dramaturgie und Effekthascherei aus und man ist geneigt, den Vater zu bedauern, daß er eine Phantasie-Geschichte-als nichts anderes mutet sie an-seiner Tochter für bare Münze hält. In der psychologischen Trauma-Literatur wird immer wieder der fragmentarische Charakter traumatischer Erinnerungen als typisches Merkmal betont, wovon sich diese Erinnerungsspuren von alltäglichen Er­innerungsleistungen grundlegend unterscheiden:

Traumatic memories lack verbal narrative and context; rather, they are encoded in the form of vivid sensations and images. ... Kardiner also recognized that a constrictive process kept traumatic memories out of normal con­sciousness, allowing only a fragment of the memory to emerge as an intrusive symptom. ... Nowhere is it written that the recovery process must follow a linear, uninter­rupted sequence.[iii]

Wie bereits erwähnt, ist von solchen Lücken oder scheinbar sinnlosen Zusammenhängen in dieser Malibu-Episode nichts zu spüren.

Enttäuschend sind auch andere Stationen in Megans Leben. So wirken ihre in den Anfangs-Passagen der Tagebücher beschriebenen studentischen Erlebnisse in Berkeley zu klischéehaft und undifferenziert. Solche General­isierungen ganzer Gruppen finden eine noch enttäuschendere Steigerung in den Abschnitten, in denen Megans Rückkehr nach Deutschland beschrieb­en wird. Außer daß den Eintragungen nun keine Daten mehr vorausgehen (89ff.), erleidet die Traumatisierte aufgrund des Jetlags eine Vision, die ihr die deutschen Autobahnen als Kriegs-Inferno darstellt, und das sie als weibliches Opfer der deutschen, männlichen Nazi-Brutalität zeigt: “One thing gave me momentary hope, or at least satisfaction. I noticed that not infrequently the Nazi planes collided with each other and spiraled to earth after a hideous crash.” (90), und weiter: “But suddenly, out of nowhere, a racing Messerschmitt roared up alongside the bulldozer. Just before we all entered the clouds, it accelerated and dove diagonally towards me as of to say, ‘Out of my way, you old fart, she’s mine’”(91). Dieser völlig aus dem Nichts gegriffene Nexus zwischen dem Geschehen auf deutschen Auto­bahnen und der Nazivergangenheit, eingebettet in die Geschichte vom traumatischen Leben der Megan Lloyd, ist nicht nur ärgerlich in seiner inadäquaten Art, sondern wird ab der dritten Seite zudem noch langweilig. Hat man sich durch die endlosen Beschreibungen von Nazi planes und der German Luftwaffe bis zur Hitler-Rede (93) durchgekämpft, muß man sich al­lerdings fragen, ob das Ganze eine Parodie (aber worauf bloß?) oder das Traum-Gespinst einer Irren ist:

We will wipe the vermin from the German skies forever. No sacrifice is too great for the Fatherland. Already, the new secret Jewish-communist weapon, the insidious maintenance of Tempo 100, has succeeded in seriously hampering our glorious Luftwaffe. But our superiour Aryan air technology will restore the inalienable National Socialist right of the German Volk to fly at supersonic speeds over against the decadent tendencies of inferior races to fly at seductively slow speeds... (93).

Der Versuch, hierin eine Umsetzung elementarer Traumsymbolik zu sehen, die in der Bedrohung der Ich-Figur durch die Maschinerie der deutschen Nazis die allgemeine Unterdrückung der Frau in der patriarchalen Gesell­schaft sieht, wäre so platt und in der Motivwahl so an den Haaren herbei­gezogen, daß jede Allusion mit geglückten Ausarbeitungen solcher Ver­knüpfungen diese herabwürdigt.[iv] Die Wahl einer allegorischen Darstellung des Bösen durch die Verwendung der Chiffre “Nazis” ist kein ungewöhn­liches Stilmittel, und auch kein generell unzulässiges, doch bedarf es eines vorsichtigen Umgangs damit. Als unvorstellbarer und doch reeller Teil der deutschen Geschichte dieses Jahrhunderts ist es ein machtvolles Aus­drucksmittel, welches sich als Allegorie des Bösen weithin etabliert hat, nicht nur in der deutschen Literatur. Die plötzliche Verwendung dieser Chiffre in Tubachs Text jedoch trifft den Leser völlig unvorbereitet. Zudem paßt dieses drastische Ausdrucksmittel nicht zum banalen Auto­bahngeschehen, und schließlich wird überhaupt nicht klar, welches trauma­tische Erlebnis damit eigentlich dargestellt werden soll. Damit wird die alle­gorische Figur entwertet, die Brutalität ihrer Ausdruckskraft verpufft im Lächerlichen, und das texteuelle Spiel mit der traumatischen Vergangenheit nähert sich einer gefährlichen Trivialität.

Auch die kontextuale Verknüpfung dieser Episode mit Dantes Inferno durch die Voranstellung eines Zitates daraus (89) wirkt artifiziell. Abgesehen von den literatischen Bedenken fragt man sich außerdem, wieso der Pro­tagonistin diese Visionen nicht bei einer Autofahrt auf den Straßen von Paris gekommen sind, deren Verkehrschaos die assoziierte deutsche Lust an der Geschwindigkeit bei weitem in den Schatten stellt.

Aber auch die Station Paris entbehrt nicht der Klischees, wie sie bereits bemängelt wurden. So wird das wilde Liebesleben Megans in der Stadt der Liebe und des guten Essens kurz und einfach ein wenig zu schön wie folgt zusammengefaßt: “When we weren’t in bed or in church, we ate oysters and other fruits de mer in wonderful restaurants. When we were in bed, he filled me with his abundant masculinity” (98). Ist die fade Plattheit dieser Seiten nun auf das triviale Produkt von Megans verwirrter Fantasie, oder schlicht auf die ungeübte Hand der Romanautorin zurückzuführen? Da der Dschungel von Fiktion und Erlebtem in Megans Dokumenten immer un­durchsichtiger wird, ja das ganze Manuskript am Ende durch den Brief ihres ehemaligen Professors als Fiktion dargestellt wird, sind solche Fragen mehr als müßig.

Patterson Tubachs Versuch, den Genremix vieler kontemporärer Texte besonders weiblicher Autoren aufzugreifen, ihn mit einem Christa Wolf-Zitat hier und einem Dante oder Shakespeare-Sprüchlein dort zu verzieren, um sich so dem komplexen und sehr diffizilen Thema der Trauma­verarbeitung zu widmen, endet für mein Dafürhalten leider in einem Chaos, dem ein durchgängiges, graduell sich zu einer geschlossenen Komposition formendes Gewebe fehlt. Der sehr unpersönliche Erzählstil trägt nicht dazu bei, diese Genre-Vielfalt als gelungene Widerspiegelung eines fragmentierten, traumatisierten Lebens zu sehen, wie der wohl­meinende Dozent vorschlägt (160). Sein abschließendes Urteil, dem Manuskript den Titel “The Chronicles of a Life without Meaning” zu ge­ben, könnte einerseits als postmoderne Lesart des Romans verstanden wer­den, bei dem jeder Versuch einer Sinnkonstitution vergeblich bleibt, oder als kritischer Verweis gegen den traditionellen Opferdiskurs, der den Opfern der (männerdominieten) Gesellschaft noch einen gewissen Sinn zuschreibt, den sie allerdings nicht haben. Beide Varianten wirken jedoch aufgrund des isolierten Charakters dieser Textstelle mager.

Es reicht nicht, Chaos als äußere Form zu wählen, um ein psychisches Chaos darzustellen. Dem Text fehlt Plausibilität und vor allem Feingefühl in der Art der Darstellungsmittel. Als Beispiel für einen gelungenen Versuch der Darstellung solch einer Leidensgeschichte kann Ingeborg Bachmann Roman Malina gelten, in welchem der Nexus zwischen privatem Trauma (Inzest) und kollektivem Trauma (Holocaust) innerhalb eines Traumkapitels sorgfältig ausgearbeitet ist und sich an Freuds Traumkonzepten orientiert.[v] Darüber hinaus sind diese Träume in Bachmanns Text durch ein langes er­stes Kapitel in einem fein gesponnenen Textwerk aus posttraumatischer Symptomatik, historischer wie topographischer Kontextualisierung sowie hunderten von subtil eingearbeiteten Zitaten und Verweisen aus andere Autoren mit ähnlicher Geisteshaltung überzeugend vorbereitet.

Besonders störend in Tubachs Roman ist außerdem die Verwendung einer pseudopsychologischer Terminologie, wie sie in vielen Kommentaren des Vaters wie auch in besagtem Brief des Dozenten enthalten ist: “The events that overtook her-and me-had such an inevitable, compulsive direction to them that there was no use tinkering with them after the fact” (80, Hervorhebungen durch B.S.)[vi], sowie:

I finally understood something about her terrible gaze so long ago. She was not simply looking through me. Rather, she was obliteating me and my deed from her conscious mind. She eradicated her own crime in the Munich hotel in the same way, and this mental surgery left a tragic blind spot in the center of her being. (153)

Eine Fußnote mit dem Verweis auf die entsprechende Stelle bei Freud zum Thema “Rückkehr des Unterdrückten” oder “Teilamnesie bei Trauma­opfern” würde die aufklärende Passage komplett und die langen detaillier­ten Schilderungen Megans vollends überflüssig machen. Statt den gesamten psychologischen Hintergrund am Ende schulmeisterlich auszubreiten, hätten etwa Beschreibungen der emotionalen Disposition Megans mehr dazu beigetragen, ihre Handlungen nachvollziehen zu können. Die Erklär­ungen lassen den Verdacht nicht ruhen, daß Patterson Tubach hier noch schnell wettzumachen versucht, was ihr im narrativen Teil nicht gelungen ist. Leider trägt eine solch nüchterne, ja fast sterile Bestandsaufnahme eines seelisch kranken Menschen nicht dazu bei, dessen Leiden besser zu ver­stehen.

Notes


 



[i] Stellvertretend seien hier genannt: Judith Herman, Cathy Caruth, Shoshana Feldman, Lenore Terr, und Hannah S. Decker.

[ii] An verschiedenen Stellen wird indirekt auf die Einstufung dieser Ereignisse als traumatisch verwiesen: zum einen durch die einleitenden Worte des Vaters (wieder als Brief an Gordon), der keine Ahnung hatte von dem, was seine Tochter damals durchgemacht hat, denn “I would have remembered it” (62), zum anderen durch die Tatsache, daß der Flug über dem Brandgebiet automatisch die Erinnerung an das zu Anfang des Romans beschriebene Drama aus der Kindheit wachruft, als ein ihr unbekannter Onkel in den Flammen seines Flugzeugwracks umkam (62).

[iii] Herman, Judith. Trauma and Recovery. The Aftermath Of Violence-From Domestic Abuse To Political Terror. New York: Basic Books, 21997, 3 und 174-5.

[iv] Gedacht sei hier an Gedichte von Sylvia Plath oder Ingeborg Bachmanns Roman Malina, wo die Motiv-Verknüpfung von privatem (Inzest)Trauma und Holocaust-Szenario auf zulässige Art und Weise vollzogen wird.

[v] Meine Dissertation behandelt die Darstellung von Trauma und seine Implikationen für die Verknüpfung von Inzest und Holocaust in Ingeborg Bachmanns (1926-73) Roman Malina (1971) aus ihrem “Todesarten”-Projekt.

[vi] Nicht nur an dieser Stelle scheint die Verantwortung für Megans Tod mehr dem Schicksal, dem Unausweichlichen zugeschrieben zu werden, als daß der Vater sich zu seiner Täterrolle bekennt (vgl. “fate” S.153).

Sally Patterson Tubach. Memoirs of a Terrorist. (Albany: SUNY Press, 1996.)

Rezension von Brigitte Steyer

Wenn man den Forschungsschwerpunkt innerhalb des zur Zeit sehr populären Gebietes Trauma Studies näher betrachtet, wird man feststellen, daß besonders weibliche Autoren sich dort mit der Opferseite auseinander­setzen und speziell an dem Problem der sprachlichen Umsetzung trauma­tischer Erfahrungen interessiert sind. Dies gilt gleichermaßen für fiktionale Texte wie für psychologische und historische Sekundärliteratur.[i] Es schien mir daher ein interessanter Einzelfall einer Geschichte über die Täterseite, als ich den Titel Memoirs of a Terrorist sah. Gleiches schien auch die Zusam­menfassung im Einband zu versprechen:

Memoirs of a Terrorist is a gripping experimental novel about a young woman raped at the age of fifteen by her father: Having repressed this crime from her conscious awareness, Megan Lloyd’s short intensive life becomes a quest for sexual and human identity. ... The heroine’s internal story is told by her fragmentary diaries and stories that her father retrieves after her death as a suspected terrorist in Europe.

Etwas überrascht darüber, daß der “Terrorist” eine Frau war, fesselte mich jedoch der Aufbau des Romans und ich begann zu lesen. Die Idee, zwei Erinnerungsspuren zuück in die Vergangenheit zu verfolgen-die der Tochter anhand der Tagebücher und anderer Notizen, und die des Vaters, welcher die gesammelten Materialen kommentiert-schien mir ein span­nendes Geflecht zweier Lebensgeschichten zu versprechen, die auf einen gemeinsamen, fatalen Punkt zulaufen.

Der Roman beginnt mit einem “Prologue in Hell”, geschrieben vom Vater an seinen Freund Gordon, datiert vom 1. Dezember 1990. Zusam­men mit dem “Epilogue”, ebenfalls an Gordon gerichtet, ist somit ein Rahmen für die Geschichte geschaffen. Informiert darüber, daß Arthur Lloyd, Megans Vater, im Sterben liegt und das Manuskript über Megans Le­ben nun dem Freund Gordon anvertrauen möchte, beginnt der Leser nun mit dem ersten Kapitel, das Leben dieser als angeblichenTerroristin endenden Frau nachzuvollziehen-gleichsam parallel mit dem Vater, dessen Einschübe ab dem Ende dieses ersten Kapitels die Tagebücher kommen­tieren. Während die Tagebuch-Fragmente ab dem zweiten Kapitel mit Da­tum versehen sind, ist die Geschichte von Megans Kindheit in der Ober­schicht Californiens ohne zeitliche Angaben und nur durch Abschnitte gegliedert erzählt (1. Kapitel). Die Ereignisse sind im Tempus der Ver­gangenheit, mitunter sehr detailliert geschildert, und erscheinen eher wie fiktive Geschichten denn als Tagebuch-Eintragungen. Allerdings wird im Verlauf des Romans klar, daß Megan früh Interesse am Schreiben hatte, so daß dieser Tatbestand dadurch zunächst erklärt scheint. Im weiteren Verlauf ziehen die langen Tagebuch-Passagen den Leser zwar immer mehr in den Bann, werden aber gerade durch den bereits erwähnten fiktionalen Charak­ter und ihre kohärente Erzählweise als Tagebuch-Fragmente immer un­glaubwürdiger. Die Episode vom Feuer in Malibu (4. Kapitel) ist ein Beispiel dafür. Über 12 Seiten erstreckt sich die Beschreibung dieses Ereig­nisses, daß als Trauma[ii] trotz des Tempuswechsels zum Präsens nicht über­zeugen kann und dessen Funktion im Leben Megans bzw. im Roman daher nicht ganz klar wird. Zwar ist bekannt, daß Opfer traumatischer Ereignisse diese retrospektive im Erzählen oft nochmals durchleben und dann auf mitunter verblüffend nüchterne Art das gesamte Geschehen wiedergeben können, doch haben wir es bei diesem Roman mit einem literarischen Kon­strukt zu tun, bei dessen Teilen und Teil-Geschichten sich leider nicht im­mer der Sinn im Gesamtzusammenhang erschließt. Darüberhinaus scheint besonders dieser Abschnitt zu sehr auf Dramaturgie und Effekthascherei aus und man ist geneigt, den Vater zu bedauern, daß er eine Phantasie-Geschichte-als nichts anderes mutet sie an-seiner Tochter für bare Münze hält. In der psychologischen Trauma-Literatur wird immer wieder der fragmentarische Charakter traumatischer Erinnerungen als typisches Merkmal betont, wovon sich diese Erinnerungsspuren von alltäglichen Er­innerungsleistungen grundlegend unterscheiden:

Traumatic memories lack verbal narrative and context; rather, they are encoded in the form of vivid sensations and images. ... Kardiner also recognized that a constrictive process kept traumatic memories out of normal con­sciousness, allowing only a fragment of the memory to emerge as an intrusive symptom. ... Nowhere is it written that the recovery process must follow a linear, uninter­rupted sequence.[iii]

Wie bereits erwähnt, ist von solchen Lücken oder scheinbar sinnlosen Zusammenhängen in dieser Malibu-Episode nichts zu spüren.

Enttäuschend sind auch andere Stationen in Megans Leben. So wirken ihre in den Anfangs-Passagen der Tagebücher beschriebenen studentischen Erlebnisse in Berkeley zu klischéehaft und undifferenziert. Solche General­isierungen ganzer Gruppen finden eine noch enttäuschendere Steigerung in den Abschnitten, in denen Megans Rückkehr nach Deutschland beschrieb­en wird. Außer daß den Eintragungen nun keine Daten mehr vorausgehen (89ff.), erleidet die Traumatisierte aufgrund des Jetlags eine Vision, die ihr die deutschen Autobahnen als Kriegs-Inferno darstellt, und das sie als weibliches Opfer der deutschen, männlichen Nazi-Brutalität zeigt: “One thing gave me momentary hope, or at least satisfaction. I noticed that not infrequently the Nazi planes collided with each other and spiraled to earth after a hideous crash.” (90), und weiter: “But suddenly, out of nowhere, a racing Messerschmitt roared up alongside the bulldozer. Just before we all entered the clouds, it accelerated and dove diagonally towards me as of to say, ‘Out of my way, you old fart, she’s mine’”(91). Dieser völlig aus dem Nichts gegriffene Nexus zwischen dem Geschehen auf deutschen Auto­bahnen und der Nazivergangenheit, eingebettet in die Geschichte vom traumatischen Leben der Megan Lloyd, ist nicht nur ärgerlich in seiner inadäquaten Art, sondern wird ab der dritten Seite zudem noch langweilig. Hat man sich durch die endlosen Beschreibungen von Nazi planes und der German Luftwaffe bis zur Hitler-Rede (93) durchgekämpft, muß man sich al­lerdings fragen, ob das Ganze eine Parodie (aber worauf bloß?) oder das Traum-Gespinst einer Irren ist:

We will wipe the vermin from the German skies forever. No sacrifice is too great for the Fatherland. Already, the new secret Jewish-communist weapon, the insidious maintenance of Tempo 100, has succeeded in seriously hampering our glorious Luftwaffe. But our superiour Aryan air technology will restore the inalienable National Socialist right of the German Volk to fly at supersonic speeds over against the decadent tendencies of inferior races to fly at seductively slow speeds... (93).

Der Versuch, hierin eine Umsetzung elementarer Traumsymbolik zu sehen, die in der Bedrohung der Ich-Figur durch die Maschinerie der deutschen Nazis die allgemeine Unterdrückung der Frau in der patriarchalen Gesell­schaft sieht, wäre so platt und in der Motivwahl so an den Haaren herbei­gezogen, daß jede Allusion mit geglückten Ausarbeitungen solcher Ver­knüpfungen diese herabwürdigt.[iv] Die Wahl einer allegorischen Darstellung des Bösen durch die Verwendung der Chiffre “Nazis” ist kein ungewöhn­liches Stilmittel, und auch kein generell unzulässiges, doch bedarf es eines vorsichtigen Umgangs damit. Als unvorstellbarer und doch reeller Teil der deutschen Geschichte dieses Jahrhunderts ist es ein machtvolles Aus­drucksmittel, welches sich als Allegorie des Bösen weithin etabliert hat, nicht nur in der deutschen Literatur. Die plötzliche Verwendung dieser Chiffre in Tubachs Text jedoch trifft den Leser völlig unvorbereitet. Zudem paßt dieses drastische Ausdrucksmittel nicht zum banalen Auto­bahngeschehen, und schließlich wird überhaupt nicht klar, welches trauma­tische Erlebnis damit eigentlich dargestellt werden soll. Damit wird die alle­gorische Figur entwertet, die Brutalität ihrer Ausdruckskraft verpufft im Lächerlichen, und das texteuelle Spiel mit der traumatischen Vergangenheit nähert sich einer gefährlichen Trivialität.

Auch die kontextuale Verknüpfung dieser Episode mit Dantes Inferno durch die Voranstellung eines Zitates daraus (89) wirkt artifiziell. Abgesehen von den literatischen Bedenken fragt man sich außerdem, wieso der Pro­tagonistin diese Visionen nicht bei einer Autofahrt auf den Straßen von Paris gekommen sind, deren Verkehrschaos die assoziierte deutsche Lust an der Geschwindigkeit bei weitem in den Schatten stellt.

Aber auch die Station Paris entbehrt nicht der Klischees, wie sie bereits bemängelt wurden. So wird das wilde Liebesleben Megans in der Stadt der Liebe und des guten Essens kurz und einfach ein wenig zu schön wie folgt zusammengefaßt: “When we weren’t in bed or in church, we ate oysters and other fruits de mer in wonderful restaurants. When we were in bed, he filled me with his abundant masculinity” (98). Ist die fade Plattheit dieser Seiten nun auf das triviale Produkt von Megans verwirrter Fantasie, oder schlicht auf die ungeübte Hand der Romanautorin zurückzuführen? Da der Dschungel von Fiktion und Erlebtem in Megans Dokumenten immer un­durchsichtiger wird, ja das ganze Manuskript am Ende durch den Brief ihres ehemaligen Professors als Fiktion dargestellt wird, sind solche Fragen mehr als müßig.

Patterson Tubachs Versuch, den Genremix vieler kontemporärer Texte besonders weiblicher Autoren aufzugreifen, ihn mit einem Christa Wolf-Zitat hier und einem Dante oder Shakespeare-Sprüchlein dort zu verzieren, um sich so dem komplexen und sehr diffizilen Thema der Trauma­verarbeitung zu widmen, endet für mein Dafürhalten leider in einem Chaos, dem ein durchgängiges, graduell sich zu einer geschlossenen Komposition formendes Gewebe fehlt. Der sehr unpersönliche Erzählstil trägt nicht dazu bei, diese Genre-Vielfalt als gelungene Widerspiegelung eines fragmentierten, traumatisierten Lebens zu sehen, wie der wohl­meinende Dozent vorschlägt (160). Sein abschließendes Urteil, dem Manuskript den Titel “The Chronicles of a Life without Meaning” zu ge­ben, könnte einerseits als postmoderne Lesart des Romans verstanden wer­den, bei dem jeder Versuch einer Sinnkonstitution vergeblich bleibt, oder als kritischer Verweis gegen den traditionellen Opferdiskurs, der den Opfern der (männerdominieten) Gesellschaft noch einen gewissen Sinn zuschreibt, den sie allerdings nicht haben. Beide Varianten wirken jedoch aufgrund des isolierten Charakters dieser Textstelle mager.

Es reicht nicht, Chaos als äußere Form zu wählen, um ein psychisches Chaos darzustellen. Dem Text fehlt Plausibilität und vor allem Feingefühl in der Art der Darstellungsmittel. Als Beispiel für einen gelungenen Versuch der Darstellung solch einer Leidensgeschichte kann Ingeborg Bachmann Roman Malina gelten, in welchem der Nexus zwischen privatem Trauma (Inzest) und kollektivem Trauma (Holocaust) innerhalb eines Traumkapitels sorgfältig ausgearbeitet ist und sich an Freuds Traumkonzepten orientiert.[v] Darüber hinaus sind diese Träume in Bachmanns Text durch ein langes er­stes Kapitel in einem fein gesponnenen Textwerk aus posttraumatischer Symptomatik, historischer wie topographischer Kontextualisierung sowie hunderten von subtil eingearbeiteten Zitaten und Verweisen aus andere Autoren mit ähnlicher Geisteshaltung überzeugend vorbereitet.

Besonders störend in Tubachs Roman ist außerdem die Verwendung einer pseudopsychologischer Terminologie, wie sie in vielen Kommentaren des Vaters wie auch in besagtem Brief des Dozenten enthalten ist: “The events that overtook her-and me-had such an inevitable, compulsive direction to them that there was no use tinkering with them after the fact” (80, Hervorhebungen durch B.S.)[vi], sowie:

I finally understood something about her terrible gaze so long ago. She was not simply looking through me. Rather, she was obliteating me and my deed from her conscious mind. She eradicated her own crime in the Munich hotel in the same way, and this mental surgery left a tragic blind spot in the center of her being. (153)

Eine Fußnote mit dem Verweis auf die entsprechende Stelle bei Freud zum Thema “Rückkehr des Unterdrückten” oder “Teilamnesie bei Trauma­opfern” würde die aufklärende Passage komplett und die langen detaillier­ten Schilderungen Megans vollends überflüssig machen. Statt den gesamten psychologischen Hintergrund am Ende schulmeisterlich auszubreiten, hätten etwa Beschreibungen der emotionalen Disposition Megans mehr dazu beigetragen, ihre Handlungen nachvollziehen zu können. Die Erklär­ungen lassen den Verdacht nicht ruhen, daß Patterson Tubach hier noch schnell wettzumachen versucht, was ihr im narrativen Teil nicht gelungen ist. Leider trägt eine solch nüchterne, ja fast sterile Bestandsaufnahme eines seelisch kranken Menschen nicht dazu bei, dessen Leiden besser zu ver­stehen.

Notes


 



[i] Stellvertretend seien hier genannt: Judith Herman, Cathy Caruth, Shoshana Feldman, Lenore Terr, und Hannah S. Decker.

[ii] An verschiedenen Stellen wird indirekt auf die Einstufung dieser Ereignisse als traumatisch verwiesen: zum einen durch die einleitenden Worte des Vaters (wieder als Brief an Gordon), der keine Ahnung hatte von dem, was seine Tochter damals durchgemacht hat, denn “I would have remembered it” (62), zum anderen durch die Tatsache, daß der Flug über dem Brandgebiet automatisch die Erinnerung an das zu Anfang des Romans beschriebene Drama aus der Kindheit wachruft, als ein ihr unbekannter Onkel in den Flammen seines Flugzeugwracks umkam (62).

[iii] Herman, Judith. Trauma and Recovery. The Aftermath Of Violence-From Domestic Abuse To Political Terror. New York: Basic Books, 21997, 3 und 174-5.

[iv] Gedacht sei hier an Gedichte von Sylvia Plath oder Ingeborg Bachmanns Roman Malina, wo die Motiv-Verknüpfung von privatem (Inzest)Trauma und Holocaust-Szenario auf zulässige Art und Weise vollzogen wird.

[v] Meine Dissertation behandelt die Darstellung von Trauma und seine Implikationen für die Verknüpfung von Inzest und Holocaust in Ingeborg Bachmanns (1926-73) Roman Malina (1971) aus ihrem “Todesarten”-Projekt.

[vi] Nicht nur an dieser Stelle scheint die Verantwortung für Megans Tod mehr dem Schicksal, dem Unausweichlichen zugeschrieben zu werden, als daß der Vater sich zu seiner Täterrolle bekennt (vgl. “fate” S.153).



 

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