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In rund 4000 Einzelartikeln hat Gero von Wilpert Informationen rund um Goethes Leben und Literatur zusammengetragen. Die Artikel, die sehr knapp gehalten sind und häufig etwa acht Zeilen, selten mehr als zwei Seiten umfassen, beschäftigen sich überwiegend mit Personen aus dem Umfeld Goethes in alphabetischer Reihenfolge: von wichtigen bis zu eher marginalen Zeitgenossen, von Autoren, die Goethe las und erwähnte (von Bernhard Abeken bis Johann R. Zumsteg, ersterer ein Philologe, der Werke Goethe rezensierte und Goethe besuchte, der zweite ein Konzertmeister, Freund Schillers und Bekannter Goethes, 1224), über mythologisches Personal bis zu literarischen Figuren vornehmlich aus Goethes Werk.
Es werden die Orte, Städte und Landschaften, (von Aachen bis Zweibrücken, 1225), die Goethe besuchte und die ihn prägten, wie auch die Schauplätze seiner Dichtungen (etwa Belriguardo aus “Torquato Tasso”, 94) erläutert. Natürlich gelten allen wichtigen größeren Werke eigene Einträge und auch poetologisch oder wirkungsgeschichtlich bedeutenden Gedichte, wie auch Gattungsnamen (Romane, 904), Genres (Erziehungsroman, 286) und ihr jeweiliges Verständnis bei Goethe finden Berücksichtigung (“Gingo biloba”, 381, das Liebesgedicht “Nachtgedanken”, 740, oder etwa das Logengedicht “Symbolum”, 1038, “Das Tagebuch”, 1041).
Stoffe und Motive aus seinen Werken werden kontextuiert-so finden sich etwa zum Stichpunkt “Iphigenie” drei Einträge: zuerst werden der Hintergrund der griechischen Sage und ein Überblick über die Rezeption als Drama und Oper skizziert (512f.); darauf folgend faßt Wilpert die Entstehungsgeschichte der “Iphigenie auf Tauris” mit ihren verschiedenen Fassungen zusammen und gibt einen knappen interpretatorischen Einblick in das “Seelendrama” (513ff.). Der dritte Eintrag gilt “Iphigenie in Delphi”, einem nur konzipierten Drama Goethes, das seiner “Iphigenie auf Tauris” vorangeht. Abschließend sind jeweils in Kurzform eine Auswahl der wichtigsten bibliographischen Titel chronologisch aufgeführt, die etwa den Zeitraum von 1900 bis 1990 bzw. 1997 umfassen, aber natürlich keine Vollständigkeit beanspruchen. Wilperts Darstellungen basieren nahezu ausschließlich auf Primärquellen, die er auch immer wieder zitiert, und lassen die wissenschaftliche Literatur außen vor. Auch die Einträge rund um “Faust” sind entsprechend gehalten, von Goethes Werken, über den historischen Faust, das Faustbuch, bis zum Fauststoff, -Illustrationen und -Vertonungen (305-318).
Unter den Stichworten tauchen auch Kunstwerke auf, wie die Büste “Zeus von Otricoli” (1216); besonders hilfreich sind jene Einträge, die sich-je nach ihrer zentralen Bedeutung mehr oder weniger umfangreich-mit Begriffen beschäftigen, die zur Weltsicht, zum gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und philosophischen Gedankengut Goethes gehören, wie etwa “Botanik” (128), “Entopische Farben” (272), “Jagd” (525), “Judentum” (538f.), “Majolika” (664), “Regenbogen” (874), “Religion” (884f.), “Selbstmord” (983) etc. beschäftigen. Neben den Titeln der Goetheschen Werke werden auch andere für Goethes Dichtung relevante literarische, wie auch wissenschaftliche und populäre Werke behandelt, sowie die wichtigsten zeitgenössischen Journale genannt.
Einzelne Formulierungen wirken hin und wieder etwas antiquiert, so etwa die Beschreibung von Goethes Schwester Cornelia als “von edlem Gemüt, aber unsinnlich” (393)-was auch immer dies bedeuten mag. Die Anmerkungen zur Tragödie (1082) enthalten einen gleichsam populär formulierten negativen Eintrag, da Goethe “von Natur und Temperament kein Tragiker war”; auch wenn man ähnliches wohl von der Bedeutung der Komödie für Goethe sagen könnte, vermißt man doch einen entsprechenden Vermerk, wie auch Einträge zum Schauspiel, zu Schwank und Komik fehlen, die doch für den Sturm-und-Drang-Dramatiker Goethe nicht irrelevant waren.
Einige Anmerkungen Wilperts entbehren nicht des Humors-obwohl dieser doch bei Goethe als einem deutschen (!) Klassiker “weder vorausgesetzt noch erwartet” werde (496):
G[oethe] hat es glücklicherweise vermieden, Macht und Kraft des Ewig-Weiblichen im Faust (v.12110) näher zu erläutern und zu beschreiben, und hat es unglücklicherweise seinen Interpreten überlassen, den Begriff nach G.s oder eigenem Ermessen zu definieren, was mitunter sehr viel weniger Hinanziehendes [sic!] aufweist. (294)
Alles in allem wird dieses Buch seinem Titel Goethe-Lexikon gerecht und vermag auch für den Goethekenner den einen oder anderen Hinweis enthalten, der nicht geläufig war. Das gewichtige Buch, das wie alle Bände dieser Kröner Taschenausgaben im Format Klein-Octav immer noch handlich ist, ist eine Bereicherung für jeden, der sich mit Goethe und der Goethezeit beschäftigt und verleitet-trotz oder gerade wegen der disparaten Mischung aus Fiktion und Fakten und der Verknüpfung von Zeitgenossenschaft und Geschichte-jenseits der Recherche nach einzelnen Stichworten zum Blättern und Weiterlesen.