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Fink führt Krieg-jedoch: nicht der Mensch Fink, sondern “dieser grauenhafte Beamte Fink” (88), dem Unrecht geschehen war von seinen Vorgesetzten, dem Herrn Staatssekretär Tronkenburg. Martin Walser hat mit Finks Krieg wie schon zuvor mit Verteidigung der Kindheit[i] einen Roman geschrieben, der anhand einer individuellen, akribisch recherchierten Fallstudie ein exemplarisches “deutsches Leben” schildert: die Leidensgeschichte des Beamtenf. Dieser Stefan Fink ist keine obrigkeitsgläubige Marionette, sondern ein gebildeter, kommunikativer Diener seines Staates, ein Familienvater mit einem vertraut anmutenden, scheinbar stabilen sozialen Umfeld aus Kollegen, Freunden und Gesprächspartnern. Bliebe er auf seinem Posten-als Verbindungsmann der Landesregierung zu den Kirchen-, in dem er sich in 18jähriger Arbeit Kompetenz und, wie er selbst meinte, Unentbehrlichkeit erworben hat-es gäbe keine Geschichte. Doch wie es schon so oft geschah und noch öfter geschehen wird: die Herren wechseln und das Fußvolk mit ihnen, ob es nun will oder nicht.
Finks Krieg liegt ein authentischer Fall zugrunde, eines von ebensolchen Willkürmaßnahmen betroffenen Ministerialrats, der nach dem Machtwechsel der hessischen Landesregierung 1988 “nicht befördert” wird, wie er eben noch hoffte, “sondern umgesetzt werden” (11) soll. Ein Schlüsselroman ist Walsers Werk deswegen nicht, auch wenn eine Vielzahl authentischer Namen und Personen aus dem politischen Umfeld auftauchen, sie bilden vielmehr ein realistisches Gegengewicht zu den wahnhaften Erfahrungen des Protagonisten.
Der Beamte Fink fühlt sich mißhandelt, verraten und auf schändliche Weise funktionalisiert. Er sieht sich in einen Krieg geschickt, in dem er um seine Existenz, um sein Leben kämpfen muß: “Eine Wahl zu haben, stelle ich mir vor, mußte der Inbegriff von Luxus sein” (94)-aber diese Wahl glaubt er nicht mehr zu haben. Plötzlich ist er nicht mehr der treue Staatsdiener, sondern doch nur noch eine “Marionette”, die noch dazu “von einem Dilettanten [Fink selbst] gespielt wird” (117). Fink kämpft auf dem Schlachtfeld seiner Beamtenehre: Er plant langfristige Strategien, Intrigen und Manipulationen werden aufgedeckt, Freunde als Feinde entlarvt, Siege und Verluste vermerkt, ja es werden alle Personen ausschließlich “nach Maßgabe ihrer Unrechtsfunktion” be- und verurteilt-wie es in schönstem Beamtendeutsch heißt. Fink benutzt die Waffen, die ihm zur Verfügung stehen: Aktennotizen und Archivierung samt mehrfacher Kopien sämtlicher Vorgänge, er klagt vor Gericht, wendet sich an die Öffentlichkeit, schreibt Berichte, verfolgt eine kalkulierte Informationspolitik, kämpft an allen Fronten-und verliert, obwohl er formal gesiegt hat.
Rückblickend gibt Fink sich selbst von den sechs Jahren seiner Fehde Rechenschaft, während der der vielseitige, sympathische Mensch Stefan Fink völlig von dem von seinem Recht besessenen Beamten Fink absorbiert wurde. Allmählich wandelt sich die Figur: aus dem detailversessene Kämpfer auf seinem täglichen Feldzug wird der kommentierende, sich von dieser “Unperson” selbst distanzierende Ich-Erzähler. Er beobachtet den in seine Opferrolle und die Bürokratie verstrickten Fink manchmal geradezu angeekelt bei seinem Aktionismus: “Ja, so weit war der Beamte Fink jetzt. Ihm tat es schon gut, wenn er hoffen konnte, dem Gegner weh zu tun” (113).
Der Leser wird in ermüdender Langatmigkeit zum Zeugen dieser Schlacht und kann sich einer eigenen Stellung- und Parteinahme nicht mehr entziehen, während der Sprach-Krieg bis zum martialischen “Unflat” entgleist. Dieser Kriegszustand mag an kafkaeske Kämpfe eines einzelnen Ohnmächtigen gegen die Macht erinnern. Aber mehr noch als von der abgründigen Tragik eines zuletzt dem Recht geopferten und sich opfernden Kohlhaas, auf den öfters angespielt wird, sehen wir hier einen pathetischen Don Quichote-jedoch leider ohne dessen (Selbst-) Ironie und Witz. Wie seine Freunde in der langjährigen Schlacht Finks ermüden und sich der Funktionalisierung in diesem einsamen, sich verselbständigenden Kampf entziehen, so versagt auch der erschöpfte Leser im zweiten Drittel des dreihundertseitigen Buches dem Protagonisten seine Sympathie und seine mitfühlende Unterstützung. Das Martyrium verwandelt sich in die Krankengeschichte eines von “Rechtshypochondrie” (306) Infizierten. Da Fink dies aber selbst scharfsinnig analysiert, wird Walsers Roman zuguterletzt doch noch zu einem Lehrstück über Macht, Machtmißbrauch und Ohnmacht. Zum Schluß muß Fink erkennen, daß er nur noch gegen sich selbst kämpft-und das scheint der schwerste Kampf mit dem größten Opfer zu sein.
Walser experimentiert nicht mit Sprache, sondern wählt eine ambitionierte Rollenprosa: die des inneren Monologs, des berichtenden, dann die eigene Person und ihre Sprache selbst reflektierenden Ich-Erzählers. Engagiert kommt erst ein bürokratisches und dann kriegerisches Vokabular zum Zuge, das zum Schluß der sanften Nachdenklichkeit des um sein eigentliches Selbst ringenden Fink weicht, der sich schließlich nicht anders zu helfen weiß, als in ein Kloster zu flüchten. Auf der Suche nach innerem Frieden formuliert er selbstkritische Einsichten in das eigene reduzierte Leben: “Die peinlichen, schmerzlichen, grausamen Reize aus der Berufswelt bewirkten, daß wir, der Beamte Fink und ich, für jeden anderen Reiz nur empfänglich waren, wenn er verwertbar war für unser Berufsproblem”-“Beruf und Leben waren bei uns offenbar in einer, wie ich jetzt weiß, gefährlichen Weise ineinander übergegangen” (290f.).
[i] Walser, Martin: Die Verteidigung der Kindheit. Roman. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag, 1991. In den letzten Jahren war Walser außerordentlich produktiv. 1997, im Jahr seines 70. Geburtstages, erschienen die Werke in zwölf Bänden. Hg. v. Helmuth Kiesel unter Mitwirkung von Frank Barsch. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag, 1997. Auch Walsers Dissertation über Kafka Beschreibung einer Form von 1951 ist nun in dem Band Leseerfahrungen, Liebeserklärungen. Aufsätze zur Literatur wieder leicht zugänglich und wird durch den ebenfalls 1997 im Suhrkamp Verlag Frankfurt a.M. publizierten Sammelband Ansichten, Einsichten. Aufsätze zur Zeitgeschichte, auch als Band 11 und 12 der Werkausgabe, vervollständigt. Sechzehn Interviews aus den Jahren 1991 bis 1997 sind in dem von Rainer Weiss herausgegebenen Taschenbuch “Ich habe ein Wunschpotential”. Gespräche mit Martin Walser (Frankfurt: Suhrkamp Verlag, 1998) abgedruckt.
Martin Walser hat sich immer gesellschaftskritisch und provokativ zur deutschen Geschichte geäußert. Sein neuester Roman behandelt, autobiographisch in der Figur des Alter Ego Johann gespiegelt, die Kindheit und Jugend des 1920 geborenen: Ein springender Brunnen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag, 1998. Im selben Jahr erhielt er den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Die Reaktion auf seine aus diesem Anlaß gehaltene Rede, publiziert als Sonderdruck im Suhrkamp Verlag unter dem Titel Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede, war in den Medien extrem heftig, aggressiv bis unsachlich geführt worden und bewies, welch sensiblen Punkt Walser (wieder einmal) angesprochen hatte. Seine Rede beschäftigte sich unter anderem mit dem immer je eigenen und unverfügbaren Gewissen des Einzelnen, mit dem “Vertrauen in Sprache” (26) und damit zusammenhängend mit der “Instrumentalisierung unserer Schande” (18), der Schande des Holocaust; in der Folge der Diskussion um das Berliner Holocaust-Denkmal werde jedoch eine “Monumentalisierung der Schande” (20) betrieben, die nichts mehr mit einer gewissenhaften Auseinandersetzung zu tun habe, sondern nur noch einem “Meinungsdienst” “mit vorgehaltener Moralpistole” (25) nahe komme.