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“Der Bock blieb stehen mitten zwischen den Gleisen”
Die Tierwelt als Indikator des Tragischen in Gerhart Hauptmanns novellistischer Studie Bahnwärter Thiel.

Christina J. Wegel

Gerhart Hauptmann schrieb sein erstes bedeutendes und heute noch weit­hin bekanntes Werk Bahnwärter Thiel zu Beginn der naturalistischen Lit­eraturepoche im Deutschland des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Mittler­weile in die Gattung der Novelle eingeordet, nannte der Dichter aus Berlin sein Werk wohlweislich eine “novellistische Studie”. So, wie auch Annette von Droste-Hülshoff ihre Judenbuche als ein “Sittengemälde aus dem gebirgichten Westfalen” bezeichnete und damit auf den sozial-kritischen Aspekt ihrer Novelle hinwies, so wurde auch mit dem Topos “novellistische Studie” jener Idee bedacht, die Studie eines Menschen, der langsam in den Wahnsinn gleitet, darzustellen. Jedoch wird sich das Hauptaugenmerk dieses Aufsatzes auf das Verhalten der Tiere in Dorf und Wald, deren sym­bolische Bedeutung und Rolle als Vorankünder von Geschehnissen, die eben zu jenem Wahnsinn führen, konzentrieren. Dabei soll der Idee, daß man auch hier einmal mehr “das Wesen gewöhnlich aus dem Namen lesen” kann, Rechnung getragen werden. Tiere-im übertragenden als auch direkten Sinne dargestellt-übernehmen mindestens drei Funktionen in der Novelle: erstens, die der Vorankünder von tragischen oder dramatischen Ereignissen und Geschehnissen, zweitens, die der symbolischen alter egos zum Menschen und drittens verdeutlichen sie, daß es-trotz aller Neu­erfindungen und technischen Entwicklungen-noch immer eine “natürliche Seite” zum Leben gibt in all ihren Schattierungen. Dieser Auffassung zu­mindest in einer Hinsicht deutlich entgegengesetzt, betonen Berverly Driver und Walter K. Francke in ihrem Aufsatz, daß “the village stands for the outer world. Everything in it is described in concrete naturalistic terms. In the forest, however, nature takes on subjective, symbolic overtones” (47). Jedoch soll in diesem Aufsatz-wie schon oben angedeutet-gezeigt wer­den, daß man auch bei den Tieren im Dorf “das Wesen gewöhnlich aus dem Namen lesen” kann.

Wenn auch naturalistische sowie symbolische Ideen einen beachtlichen Platz einnehmen, so läßt sich doch der Aspekt des sozial-kritischen Schreibens, wie in der Judenbuche, so auch im Bahnwärter Thiel von Anfang an erkennen; so offensichtlich Hauptmanns Studie auch in den Naturalismus zu passen scheint, lassen sich doch Ankläge an die Epoche des psycholo­gischen Realismus und auch an den Impressionismus feststellen. Beim Bahnwärter Thiel liegt demnach mit gutem Recht eine “Schwellensituation” der deutschen Prosa vor. Fritz Martini bemerkte zu diesem Aspekt, daß es Hauptmann “um die noch stark poetisch durchtönte Vergegenwärtigung eines zeitgenössischen Vorgangs [ging], der zu einer bürgerlichen, physis­chen und seelischen Katastrophe hinzwingt, zur Zerstörung einer Familie durch zweifachen Mord” (66). Hauptmanns Bahnwärter Thiel als Schritt in die Moderne, nicht nur im Bereich der Literatur, sondern auch in Hin­sicht auf die Bedrohung des Menschen in der industriellen Welt. Ganz im Sinne eines zeitgenössischen Werks des 20. Jahrhunderts vereint diese Novelle von 1887 mannigfaltige Erzähltechniken in sich, wie zum Beispiel innerer Monolog, praesens historicum und Stile verschiedener Literatur­epochen.

Während das erste Kapitel vom Rahmen eingenommen wird, in welchem der “Bahnwärter von allen, die ihn kennen, als ein Musterbild bür­gerlicher Existenz gewertet [wird]: als ein Musterbild der Ordnung und Gewissenhaftigkeit” (Martini 66) und alles in ruhiger Gewöhnlichkeit seinen Lauf zu nehmen scheint, schleichen sich im zweiten Kapitel erste tierische Vorboten auf die Katastrophe ein. Als Thiel “an einem Juni­morgen gegen sieben Uhr” (Hauptmann 9) vom Nachdienst nach Hause kommt, widmet er seine ganze Aufmerksamkeit gewohnheits­gemäß seinem ältesten Sohn Tobias.

Die genaue Zeitangabe, die diese zärtliche Vater-und-Sohn Episode einleitet, lenkt durch ihr Faktisches von der abergläubischen Bedeutung der “zudringlichen Fliegen” (9), die Tobias’ Bett umkreisen, ab. Im Handwörter­buch des deutschen Aberglaubens heißt es nämlich zum Stichwort Fliegen, daß der “Krankheitsdämon in Fliegengestalt (Peindämon) zum Verständnis der Fliege als Teufelsepiphanie [führt]. Der Glaube an die Fliegenepiphanie des Teufels hat sich bis in die Gegenwart erhalten. Als Fliege dringt der böse Geist in den Mund des Opfers” (Bd. 2, 1626). Auch im Falle dieser Novelle scheint der Krankheitsträger Fliege sein Werk zu verstehen. Tobias, ebenso wie beispielsweise Hauke Haiens kleine Tochter Wienke in Storms Schimmel­reiter, ist ein körperlich, wohl auch geistig zurückgebliebenes Kind, wodurch die Idee des Krankeitsdämon ihre Logik erfährt. Anders als Wienke bleibt Tobias jedoch einzig die Liebe seines Vaters, da seine Stiefmutter Lene nach der Geburt ihres eigenen Sohnes eine “unverkennbare Abneigung” gegen ihn entwickelt.

Zu Beginn der Novelle allerdings ist Thiel noch in der Lage, seinen hilflosen Sohn zu beschützen und die Fliegen, symbolisch für das Bedroh­liche, zu verjagen. Das Blatt soll sich jedoch bald wenden. Gleichzeitig wird die Hilflosigkeit Thiels gegenüber der brutalen Weiblichkeit Lenes ans Tageslicht gezerrt werden. Denn schon zu diesem Zeitpunkt bemerkt Thiel die Spuren der körperlichen Mißhandlung seines Sohnes, da “sich auf der rechten, ein wenig angeschwollenen Backe einige Fingerspuren weiß in rot abzeichneten” (10), doch bleibt es bei einer stummen, für Tobias’ Wohlsein fatalen Feststellung seinerseits. Duckmäuserisch verhält sich Thiel dem lärmenden Wesen seiner Frau gegenüber.

Lenes Gekeife soll auch erst mit dem Eisenbahnunglück verstummen. Jene Tragödie, die schließlich im Doppelmord eskaliert, findet ihren Anfang darin, daß Thiel den Pfad der Gewohnheit verläßt, von seinem zeitlich streng geregelten Tagesplan abweicht. Ohne große Gemütsregung realisier­end, daß er sein Butterbrot zu Hause vergessen hat, kehrt Thiel eines Tages auf halben Weg zur Arbeit um und ins Dorf zurück.

Mit dieser Umkehr im wörtlichen Sinne beginnt die schleichende De­struktion von Thiels “Waldeinsamkeit” (16), in der Rahmenhandlung noch näher an eine Idylle im Sinne der Tieckschen Romantik angelehnt. Am “milchigen Himmel” (13) heben sich nämlich die “Krähenschwärme” (13) schwarz ab. Das Bedrohliche von Tönen und Lauten kann vernommen werden, denn die Krähen, “unaufhörlich ihre knarrenden Rufe ausstoßend”, unterbrechen die mystische Stille. Farblich passend zum Schwarz der Krähen “[füllten] schwarze Wasserlachen die Vertiefungen des Weges und spiegelten die trübe Natur noch trüber wider” (13), wodurch gleichzeitig zur Idee des Bedrohlichen, ein Gefühl der Bodenlosigkeit, der mangelhaften Stabilität, hinzukommt.

Vollkommen ins Bodenlose stürzt Thiel mit den Erkenntnissen, die ihn kurz darauf zuhause überraschen. Schon im Dorf beherrscht nun mehr eindeutig die Farbe schwarz die Szenerie. Ganz besonders hier also muß Driver und Francke energisch widersprochen werden, die behaupten, daß “here [in the village] a poodle [is] merely a poodle” (47). Zum einen sollte man sich fragen, warum ausgerechtet ein Rassehund wie ein Pudel in einer “Kolonie an der Spree” (3) zuhause ist, und außerdem wird, wer jemals Goethes Faust gelesen hat, wohl kaum mehr einen Pudel ohne argwöhn­isches Mißtrauen anschauen können. Schwarz ist gewöhnlicherweise die Fellfärbung von Pudeln, ebenso wie in Faust, und so liegt also der “alte, schäbige Pudel des Krämers mitten auf der Straße” (13), Thiel förmlich im Weg, während “auf dem geteerten Plankenzaune [...] eine Nebelkrähe” (13) sitzt. Bis zu diesem Zeitpunkt ist die Stille in dem wie ausgestorbenen Dorf durch nichts gestört, schläfrige Idylle demnach.

Dann aber, als Thiel sich seinem Haus nähert, unterbricht “der Ton einer kreischenden Stimme die Stille so laut und schrill” (14), daß es ihm durch Mark und Bein fährt. Als deutlich wird, daß Lene ihren Stiefsohn verbal und physisch mißhandelt, bekommt das zuvor vernommene “ohrenzerreißende Krä-krä” (13) und der “pfeifende Flügelschlag” (13) der davonfliegenden Nebelkrähe eine größere Dimension. Gemeine Schimpfworte hageln auf den hilflosen Tobias nieder, gezielte Schläge tref­fen seinen kleinen Körper, angespuckt wird er von seiner Stiefmutter.

Lene, symbolisch dargestellt in der Gestalt der Nebelkrähe, einem Vogel, der als Begleiter des Teufels gilt oder als der Teufel selbst (vgl. Hand­wörterbuch, Bd. 5, 358), “befriedigt” in dieser Szene alle schlimmen Vorstel­lungen, die man von einer Stiefmutter nur haben kann. Nicht nur, daß sie Tobias völlig erniedrigt, läßt sie später noch nicht einmal ein Gefühl der Reue, eine Andeutung ihrer Schuld erkennen, sondern macht Thiel bittere Vorwürfe, daß er ihr nachspioniere: “was es denn heißen solle, daß er um diese ungewöhnliche Zeit nach Hause käme, er würde sie doch nicht etwa belauschen wollen. ‘Das wäre noch das Letzte’ [nicht ihre Mißhandlungen etwa], meinte sie, und gleich darauf: sie habe ein reines Gewissen und brauche vor niemand die Augen niederzuschlagen” (15). Somit paßt Lene weiterhin überzeugend in das Bild der Krähe im Volksaberglauben, welche “eigennützig, diebisch und ein Betrüger [ist]” (Handwörterbuch, Bd. 5, 353) und mit “ihr[em] Erscheinen Unglück” (ebd., 361) heraufbeschwört. Eine Vorausdeutung durch den Unglücksboten Krähe auf den Tod Tobias’, wie auch ein Beweis für die Mißhandlungen durch Lene und die Passivität Thiels, die ein immanentes Unglück für seinen Erstgeborenen bedeuten, liegen hier vor.

Lene als die Nebelkrähe findet ihre Opposition in Thiel, der sich, ebenso wie der Pudel, passiv verhält; die Schäbigkeit des Pudels bezieht sich folglich in Verbindung mit Thiel nicht mehr auf das Äußere, sondern auf den Charakter Thiels: Thiel, der Vater, tröstet seinen Sohn nicht, weist seine Frau nicht in die Schranken, steht nicht für Tobias ein, verhält sich also ge­wissermaßen schäbig seinem von seiner ersten Frau anvertrauten Sohn ge­genüber. Das heißt also, daß Thiel nicht das Versprechen hält, das er seiner Frau am Sterbebett gab, daß er “für die Wohlfahrt des Jungen zu jeder Zeit ausgiebig Sorge” (4) tragen wolle. Einzig Thiel zugute zu halten bezüglich seiner Passivität sind die alles beherrschende Triebhaftigkeit und Sexualität Lenes, denen er unterliegt und augenscheinlich machtlos gegenüber steht.

Die sexuelle Macht, mit der Lene Thiel beherrscht und ihm ihren Willen aufzwingt, wird durch einen nahezu identischen Wortschatz in Ver­bindung zur Bedrohlichkeit der Technik gebracht, der Thiel tagtäglich aus­gesetzt ist. “Leicht gleich einem feinen Spinngewebe und doch fest wie ein Netz von Eisen legte [die unbezwingbare Kraft Lenes] sich um ihn [Thiel], fesselnd, überwindend, erschlaffend” (16). Nur kurze zwei Zeilen später, auf Thiels “Insel der Illusion”, in seiner “Waldeinsamkeit” (16), erfährt der Leser, daß die Telegraphendrähte “wie das Gewebe einer Riesenspinne” (18) aussehen.

Spätestens seit Jeremias Gotthelfs Novelle Die schwarze Spinne haben selbst Spinngewebe eine negative Konnotation als gefängnisartige Falle, der nicht entflohen werden kann. Dabei ist anzumerken, daß Spinngewebe im Volksglauben weitverbreitet als ein “Liebesomen” (vgl. Handwörterbuch, Bd. 8, 283) gelten. Auf alle Fälle tritt die Spinne-besonders im Format der “Riesenspinne”-”in engste Beziehung zum Teufel, der gelegentlich auch ihre Gestalt annimmt” (ebd., 270). Aus dem Symbolischen ins Reale über­tragen, hat Thiel hier nach der sexuellen Bedrohung Lenes die dämonische Seite der Technik kennengelernt. So verwundert es auch nicht, daß die Lichter der Eisenbahn, die unter dem “Gewebe der Riesenspinne”-nämlich den Drähten-entlanglaufen, gleichsam bedrohlich und an Gotthelfs Wortwahl angelehnt, beschrieben werden. “Zwei rote, runde Lichter durchdrangen wie die Glotzaugen eines riesigen Ungetüms die Dunkelheit” (23). So steht Gotthelfs dämonische Spinne bei Hauptmann einige Jahr­zehnte später für die Gefährdung des Menschen durch die Technik, nach­dem sie schon für Pest, Gottlosigkeit und anderes mehr herhalten mußte.

Thiel zumindest ist alles andere als gottlos zu nennen und doch scheint er teuflische Tiergestalten magisch anzuziehen. Durch das purpurne Licht des Sonnenuntergangs nämlich beginnen “die Geleise zu glühen, feurigen Schlangen gleich” (18), und die Welt der Waldeinsamkeit wird in “Glut” (18) und einen “rötlichen Schimmer” (18) getaucht. Die Schlange als “dämon­ische[s] Wesen”, und als “das Tier des Teufels”, von diesem “besessen” (Handwörterbuch, Bd. 7, 1135) und seine Gestalt annehmend, wird doppelt bedrohlich im Plural genannt und bildet den “stabilen” Untergrund, auf dem die Eisenbahn unabänderlich und kraftvoll dahinrast. “Schlangen bringen Verderben und Tod” (ebd. 1136), heißt es weiter im Aberglauben, und so erscheint es folgerichtig, daß Tobias zwischen den Gleisen sitzend von der Eisenbahn erfaßt wird und nicht beispielsweise vom Luftsog ange­zogen, während er neben den Gleisen sitzt. Noch einmal einen Vergleich zu Gotthelfs Schwarzer Spinne herstellend, biegt der Zug nicht einfach um eine Kurve, sondern “zum Punkt eingeschrumpft”-gleich der Spinne und auch Christine-verschwindet er in der Ferne.

Nach dem Vergleich der Eisenbahnschienen mit Schlangen nutzt Hauptmann seine eindrucksvolle Gewalt der Wortwahl, um in einem wahren Inferno von Tönen und Farben zunächst das “rhythmische Geklirr (18) und das “dumpfe Getöse” (19) mit den “Hufschlägen eines heran­brausenden Reitergeschwaders” (19) in Analogie zu bringen und schließlich die tosende Dampflokomotive als “schwarze[s], schnaubende[s] Ungetüm” (19) darzustellen.

Sowie der Zug in der Ferne verschwindet, so entgleitet auch Thiel seine Ruhe, seine Tiecksche Waldeinsamkeit in dem Moment, in dem er Lene von dem ihm zur freien Verfügung stehenden Acker “in unmittelbare[r] Nähe des Wärterhauses” (10) berichtet, und sie daraufhin in “sein Heiligstes” (20) eindringt. So ist “Mißbehagen sein [Thiels] erstes Gefühl beim Anblick all der getroffenen Vorbereitungen” (26) zum Arbeitsausflug Lenes in Be­gleitung Thiels, des kleinen Tobias und ihrem gemeinsamen Kind. Von einem zweiten Gefühl Thiels erfährt der Leser nichts Konkretes bis zu dem Zeitpunkt, da Thiel auf Streckeninspektion geht und Lene, “von plötzlicher Besorgnis ergriffen” (29), davor warnt, Tobias nicht zu nahe an die Eisen­bahnstrecke gehen zu lassen.

Bevor es jedoch mit dem nächsten Zug zu jenem schrecklichen Tod des kleinen Tobias kommt, erscheint noch einmal die Gestalt des Teufels in Camouflage. Ein “braunes Eichhörnchen”, das emsig unter einer Kiefer herumstöbert, wird von Tobias bemerkt, der daraufhin seinen Vater wiß­begierig fragt: “Vater, ist das der liebe Gott?” Nein, aber sein Ge­genspieler, der Teufel, wäre wohl unsere Anwort gewesen, während “‘närrischer Kerl’ alles [war], was Thiel erwidern konnte”. Driver und Francke bemerken hierzu ganz richtig, daß eine Korrespondenz zwischen der Farbe von Tobias’ Plüschmützchen und dem Eichhörnchen besteht. Interessanter­weise hat Hauptmann braun als Fellfärbung des Eichhörnchens gewählt und nicht rot oder zumindest rotbraun, wie sie bei diesen Tieren in europäischen Breitengraden gang und gäbe ist. Trotzallem darf auch an dieser Stelle Gotthelfs Schwarze Spinne nicht außer acht gelassen werden, in welcher der Teufel in Gestalt des Eichhörnchens erscheint, um seinen Teil des teuflischen Vertrags zu erfüllen.

Als Thiel schließlich allein nach dem Eisenbahnunglück im Wald auf die Rückkehr Lenes mit Tobias wartet, zeigt sich erneut ein Eichhorn-das verniedlichende -chen ist verschwunden. Diesmal scharrt es jedoch nicht am Stamme eines Baumes herum, sondern “huscht...über die Strecke” (35). Auch das Eichhorn, wie später das Rehrudel, überlebt die potentiell ge­fährlichen Geleise. Weiter heißt es, daß “Thiel [sich] besann” und während er zunächst die kindhaften Tobias-Worte “Der liebe Gott springt über den Weg, der liebe Gott springt über den Weg” (35) vor sich hinspricht, kommt er mit einem Mal zur Erkenntnis seiner eigenen Verantwortung “im Bewußtsein seiner Machtlosigkeit” (35). Die Erkenntnis, wie unkontrollier­bar das Schicksal aller Lebewesen ist, da Tobias unterm Zug sterben mußte, während das Eichhörnchen sicher über die Strecke huscht, und das Vernehmen der Schreie seines Zweitgeborenen, lassen Thiel in den Wahnsinn gleiten.

Schon nachdem Thiel erstmals Zeuge der Mißhandlung Tobias’ durch Lene geworden war, ergriff ihm “plötzlich” die Erkenntnis von “Mitleid und Reue sowie auch eine tiefe Scham” (20), doch zum Handeln gegen Lene war er nicht in der Lage. Zum Handeln ist es jetzt natürlich viel zu spät. Thiel kann nur noch reagieren in seinem aufkeimenden Wahnsinn bis hin zur absoluten Katastrophe, dem Doppelmord an Frau und Kind. Thiel schiebt Lene die Verantwortung für Tobias’ Tod zu, “Rabenmutter” (36) schimpft er sie bezeichnenderweise in ihrer Abwesenheit. Ihr gemeinsames Kind versucht er schon hier im Wald zu erdrosseln, doch ist er noch soweit bei Verstand, daß er sein Unrecht, den versuchten Mord an einem un­schuldigen Säugling, rechtzeitig erkennt und vorläufig unterbindet.

Erst beim Anblick seines toten Sohnes-und als Leser wissen wir auch ohne explizite Worte, daß er ähnlich aussehen muß wie in Thiels vorausschauendem Traum (vgl. 23)-bricht der Mann mit der “her­kulischen Gestalt” (3) endgültig zusammen. Niemand war in der Lage, Tobiaschen zu retten; die Verletzungen, die ihm unter der Eisenbahn zu­gefügt worden waren, wogen zu schwer gegen seine sowieso schon zer­brechliche Statur. Auf die gleiche Art, wie zuvor die “Schmetterlinge lautlos zwischen dem leuchtenden Weiß der Stämme [flatterten und gaukelten]” (28), so wurde Tobias haltlos und schwerelos “wie ein Gummiball hin und her geworfen” (30) als “dunkle Masse” (30) unter der Eisenbahn. Das Schöne und Leichte, die Freude ist aus Tobias’ Gesicht auf immer verschwunden, “blaß, schlaff, blutrünstig” (31) mit “braun und blau geschlagen[er] Stirn, blaue[n] Lippen, über die schwarzes Blut tröpfelt” (31) liegt er im Sterben.

Lenes Reaktion an der Unglücksstelle entspricht ihrer tierischen Natur, die ebenso betont wird durch ihren einstigen Beruf, den einer “Kuhmagd” (4), beziehungsweise aufgrund der Beschreibung ihres Gesichts, das “ganz so grob geschnitten wie das seine [Thiels], nur daß ihm im Gegensatz zu dem des Wärters die Seele abging” (5) und ihrem “kreischenden Gekeif” (5). So heißt es folgerichtig in der Novelle, daß “ein Aufschrei die Luft von der Unglücksstelle her [zerreißt], ein Geheul folgt, wie aus der Kehle eines Tieres kommend” (30). Ohne weitere Erklärungen Hauptmanns ist offen­sichtlich, daß nur Lene zu solch einer Reaktion fähig ist. Thiel ist zu keinem Ausbruch seiner Verzweiflung fähig, sein Temperament ist anders gelagert, und so zeigt sich “sein Gesicht blöd und tot” (30).

Die Reisenden in den Eisenbahnwaggons bedauern alle das “arme, arme Weib, die arme, arme Mutter” (31), die “sich wie wahnsinnig [ge­bärdet]” (31) und mit dem sterbenden Tobias im Zug verschwindet, während Thiel allein zurückbleibt. Erstaunlich ist, daß Thiel von diesem Augenblick an, da er von allen verlassen ist, nie mehr in die Gemeinschaft zurückkehren wird. Selbst als Lene auf einem Kieszug mit dem toten Tobias zurückkehrt, erfolgt von Seiten Thiels weder eine verbale noch eine visuelle Reaktion. Vom Schmerz und von Trauer gezeichnet, mit “Spuren vertrockneter Tränen überall auf dem Gesicht, dazu ein unstetes Licht in seinen Augen” (37) ist Thiel zur unfähigen Masse zusammengefallen. Im Laufe dieser dramatischen Szene kommt es zum entscheidenden Augen­blick des Zusammenbruchs, und wieder einmal ist es das Verhalten von Tieren, das bei der literarischen Deutung hilft. Zum besseren Verständnis der nachfolgenden Stoffbehandlung sei der gesamte Abschnitt zitiert:

Eine Weile herrschte unheimliche Stille. Eine tiefe, ent­setzliche Versonnenheit hatte sich Thiel bemächtigt. Es wurde dunkler. Ein Rudel Rehe setzte seitab auf den Bahndamm. Der Bock blieb stehen mitten zwischen den Geleisen. Er wandte seinen gelenken Hals neugierig herum, da pfiff die Maschine, und blitzartig verschwand er samt seiner Herde. (37)

Die Atmosphäre im Wald und auch Thiels Gemütsstimmung sind sehr ein­drucksvoll beschrieben, und mit einem Male scheint zunächst unvermutet die Beschreibung eines Rudels Rehe den Erzählstrom zu unterbrechen.

Doch als der Bock auf der gefährlichsten Stelle, nämlich “mitten zwischen den Geleisen” (37) pausiert, wird die Signifikanz dieser Tierszene offenkundig. Der Bock steht einem Rudel Rehe, einer Gemeinschaft aus schwächeren Gliedern und Kitzen, vor, und ist in der Lage, auf es aufzu­passen. Sicher überquert das gesamte Rudel die Eisenbahnschienen zwischen denen Tobias wenige Stunden zuvor tödlich verunglückt ist. Thiel, der männliche Vorsteher und eigentliche Beschützer seiner Familie, war aufgrund seiner lähmenden Passivität nicht fähig, seinen Sohn vor Unheil zu beschützen. Nicht wie der Bock hat er den “gelenken Hals” (37) herumschwingen können, um das rasende Ungetüm Eisenbahn rechtzeitig zu sehen und Tobias von der Strecke zu zerren. Beschützt durch ihre Ge­meinschaft und nicht aus dem Familienkreis ausgestoßen, wie Tobias von Lene, können die Rehe überleben, mußte Tobias sterben.

Angesichts dieser Botschaft, die Hauptmann hier vermittelt, wird auch die Bedeutung des zum Anfang erwähnten Rehbocks deutlich, der von einem Schnellzug getötet wurde. Zum einen muß der moderne Leser die Unkontrollierbarkeit und Arbitrarität der Natur anerkennen und zum an­deren konnte der Rehbock offensichtlich nicht schnell genug entkommen, da er singulär auf sich alleine gestellt ein zu schwaches Glied seiner Ge­meinschaft war. So, wie Thiel in einem Augenblick, in welchem ein Rudel Rehe als Gemeinschaft nahebei vorüberzieht, der einsamste und ver­lassenste Mensch in der ganzen Welt zu sein scheint, so wird er es erst recht nach dem Doppelmord und der Einlieferung ins Irrenhaus sein. Das ein­zige, das diesem armen Menschen-oder mit den Worten Droste-Hülshoffs gesagt: diesem “arm verkümmert Sein”-geblieben ist, ist das “braune Plüschmützchen im Arm” (40), das Thiel “liebkoste ununterbrochen wie etwas, das Leben hat” (40).

Das Schicksal Thiels ist mit seiner Einlieferung in die psychiatrische Anstalt besiegelt, der Doppelmord des bis dahin passiven Vaters und Ehe­mannes wird noch lange das Gesprächsthema der kleinen Kolonie bleiben. Das so rational beschriebene Ende des Bahnwärters mag den Leser fast schon wieder die symbolischen Gehaltpunkte dieser novellistischen Studie vergessen machen. Doch so wenig, wie Tiere in eine Novelle aus dem Zeitalter der industriellen Revolution, in der es um die Gefährdung des Menschen durch die Technik geht, zu passen scheinen, so wenig wären sie wegzulassen, ohne daß die Novelle einen Qualitätspunkt verlieren würde.

Literaturverzeichnis

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