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Günter Grass führt in seinem 1995 erschienenen Buch Ein weites Feld explizit folgendes an: “Die Gestalt des Tallhover, die in dem vorliegenden Roman als Hoftaller fortlebt, entstammt dem 1986 bei Rowohlt/Reinbek erschienenen Roman Tallhover von Hans Joachim Schädlich” (WF 784).[i] Diese Anmerkung erscheint am Ende des Buches, nicht mehr als Teil der Erzählung, sondern als eigenständiger Teil nach dem Inhaltsverzeichnis.
Im Folgenden untersuche ich die Figur Hoftaller, die laut Grass’ Angaben schon vor dem Verfassen von Ein weites Feld als Tallhover existierte. Ich gehe auf die Vorgeschichte der Figur Hoftaller ein und werde deutlich machen, inwieweit die Figur Tallhover in Hans Joachim Schädlichs Roman Tallhover (1986) derjenigen bei Grass ähnelt und inwiefern sie von ihr abweicht. Es handelt sich bei dieser Untersuchung um eine vergleichende Studie, deren Ziel die Aufdeckung der literarischen Verweise bei Grass auf eine andere fiktive Figur von einem anderen Autoren ist.[ii] Es stellt sich die Frage, warum Grass gerade diese Figur hat weiterleben lassen wollen. Sie erfüllt eine besondere Funktion in Tallhover als auch im Kontext der Geschichte Ein weites Feld,[iii] worauf ich am Ende dieser Arbeit näher eingehe.
Grass benutzt sowohl die Namen “Hoftaller” als auch “Tallhover.” Jedoch wird die gegenwärtige Figur, die in der Zeit des Romangeschehens (1989-1991) aktiv ist, meistens mit Hoftaller bezeichnet. Überhaupt läßt sich sagen, daß die Bezeichnung Hoftaller sehr viel häufiger vorkommt als Tallhover. Der Name Tallhover wird zum einen in Momenten benutzt, in denen die Erzählung in der Vergangenheit spielt, besonders die Zeit vor dem von Schädlich geplanten Tod (1955) von Tallhover. Zum anderen bedient sich besonders der Protagonist Theo Wuttke/Fonty dieser Anrede, wenn er der Figur ihre Spitzeltätigkeit vorwirft und ihr gegenüber negative Gefühle zeigt. Besonders in Momenten, in denen Wuttke/Fonty sich in die Enge gedrängt fühlt, nennt er die Figur meist Tallhover und nicht Hoftaller.
Als Beispiel dient zum einen die Ruderboot-Szene von Fonty und Hoftaller, in der Fonty ärgerlich wird: “Zur Sache! Beginnen wir mit dem Verhör . . . Ist die Spinne noch immer unzufrieden? Nun denn, Tallhover, saugen Sie, saugen Sie mich aus. Bin glücklich, meinen letzten Saft hergeben zu dürfen” (WF 403). In einer anderen Situation wird ebenfalls deutlich, daß Fonty seinen Begleiter besonders dann mit Tallhover anredet, wenn er ihm seine Spionagetätigkeit vorwirft und seinen Unmut über derartiges Verhalten zum Ausdruck bringt:
Fonty hatte seinen Ton gefunden. Jetzt wieder standhaft, rief er mit anklagender Geste, deren Fingerzeig abwärts wies: ‘Das war doch Ihr Werk, Tallhover! Sie haben das gedeichselt . . . Sie waren das, vielgestalt Sie. In immer größerer Erfolgsauflage: Sie, Sie und Sie.’ (WF 598)
Die Idee zu der Namensgebung “Hoftaller” bei Grass liegt eventuell in einer Szene verborgen, die in Schädlichs Roman auftaucht. In einem Gespräch zwischen Tallhover und einer anderen Person, versteht diese Person seinen Namen nicht und redet ihn mit “Sehr richtig, Herr Tall” an (T 176).[iv] Woraufhin Tallhover mit der Erwähnung der zweiten und dritten Silbe seines Namens die Anrede vervollständigen will. Er sagt: “Hover.” Der andere fragt: “Wie?” und Tallhover berichtigt sein Gegenüber, indem er sagt: “Tallhover.” Bezüglich der Namensgebung in Grass’ Roman ist in diesem Kontext auch der Deckname zu nennen, der Tallhover als westlichem Spion gegeben wird: “Lief drüben unter gewendetem Namen. Wurde als ‘Revolat’ geführt” (WF 17). Hierbei handelt es sich abermals um die Veränderung des ursprünglichen Namens Tallhover. Jedoch werden an dieser Stelle nicht der erste mit dem letzten Teil vertauscht, sondern der Name wird komplett umgekehrt: REVOLAT ist die Umkehrung von TALOVER.
Nach diesem kurzen Exkurs zur Bennenung der Figur gehe ich nun auf die Charakterisierung und Beschreibung der Figur ein. Nachdem uns Grass den Protagonisten Theo Wuttke vorgestellt hat, beschreibt er gleich anschließend Fontys “Tagundnachtschatten” (WF 11).[v] Die erste Erwähnung dieser das Buch hindurch wichtigen Figur wird ausführlich gemacht:
Ludwig Hoftaller, dessen Vorleben unter dem Titel Tallhover auf den westlichen Buchmarkt kam, wurde zu Beginn der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts tätig, stellte aber seine Praxis nicht etwa dort ein, wo ihm sein Biograph den Schlußpunkt gesetzt hatte, sondern zog ab Mitte der fünfziger Jahre unseres Jahrhunderts weiterhin Nutzen aus seinem überdehnten Gedächtnis, angeblich der vielen unerledigten Fälle wegen, zu denen der Fall Fonty gehörte (Ibid.).
Der Leser und die Leserin erfahren viele Details über Hoftallers Leben, ohne sein Innenleben jemals kennenzulernen. Hinsichtlich der Gemeinsamkeiten mit Schädlichs Figur gibt es schon hier eine Menge zu sagen, denn nicht nur der Vorname beider Figuren ist identisch.
Wollte und will ich mir die unbedingte Sympathie für Herrn Kotzebue, den unbedingten Haß gegen seinen Mörder, Ludwig Sand erklären, so fand und finde ich nur den einen Grund: Sand, der den gleichen Vornamen wie ich trug, stach Herrn von Kotzebue in der Stunde meiner Geburt ins Herz, weil er meine Liebe zum reinen, unbedingten Staat, die Liebe seines Gegenbildes, treffen wollte. (T 270)
Grass’ Hinweis, daß Schädlichs Buch auf dem westlichen Buchmarkt zu kaufen war, deutet offensichtlich auf einen Autoren aus der ehemaligen DDR, dessen Bücher dort verboten waren. Tatsache ist, daß Hans Joachim Schädlich 1977 aus der DDR ausgebürgert wurde und in den Westen kam.[vi] Die Information, daß Tallhover in den Vierzigern des letzten Jahrhunderts anfing zu arbeiten und noch immer arbeitet, mutet unwirklich an. Im Unterschied zu den Plänen seines Biographen, womit Grass auf Schädlich hinweist, überlebt Tallhover und existiert noch immer in Ein weites Feld.[vii] In Schädlichs Buch wird Tallhover im Jahr 1819 geboren, fängt mit 23 Jahren an zu arbeiten und stirbt (möglicherweise) 1955 im Alter von 136 Jahren.
Es wird nicht ganz eindeutig beschrieben, ob Tallhover in Schädlichs Buch tatsächlich stirbt. Der Held inszeniert eine Gerichtsverhandlung, bei der er selbst die Rollen des Anklägers, Verteidigers und Richters übernimmt, spricht sich schuldig und verurteilt sich zum Tode.[viii] Am Ende des Romans sitzt Tallhover in seinem Keller, den zweiten Tag ohne etwas gegessen zu haben, neben seiner Guillotine, die er sich selbst gebaut hat. Die letzten Sätze des Romans deuten auf einen Selbstmord hin:
Er schließt den Mund, öffnet den Mund, sagt etwas, hört seine Stimme nicht. Er schreit, aber hört sich nur flüstern, Warum kommt niemand! Warum hilft mir keiner! Genossen! Kommt! Helft mir! Tötet mich! (T 283)
Den Wunsch, daß eine literarische Figur wie Tallhover nicht sterben solle, äußerte Günter Grass schon kurz nachdem er das Manuskript des Romans 1986 gelesen hatte, als er für sechs Monate in Calcutta lebte. Er erwähnt es in seinem Buch Zunge zeigen[ix]: “In Gedanken, nicht abzustellen, bin ich bei Schädlichs Tallhover. Immer wieder das Romanende variiert: Tallhover, unsterblich, lebt nun im Westen, führt neue Erkennungsmethoden durch, wird Rasterfahnder . . .” (Zunge zeigen, 38).[x] Die Idee von Tallhovers Unsterblichkeit bietet sich an, da Schädlich ihn doppelt so alt werden läßt wie einen normalen sterblichen Menschen. Frauke Meyer-Gosau schreibt in ihrem Artikel über Tallhover: “Scheinbar gehört dem Geheimpolizisten das ewige Leben, seine Erscheinung ist ubiquitär” (Meyer-Gosau 42). Es handelt sich also vielmehr um die Verkörperung eines Prinzips, das nicht unterzukriegen ist.[xi]
Irmgard Elsner Hunt hat kürzlich einige Aspekte der intertextuellen Beziehung zwischen Tallhover und Ein weites Feld aufgezeigt. So schreibt sie:
Die Erzählerebene Tallhover-Hoftaller nach Schädlich-Grass wird als Geschichte des deutschen Spitzelwesens zur Warnutopie . . . Die paranoische Angst um Staatssicherheit schürte ein perfektioniertes Spitzelwesen . . . Tag und Nacht wird das Objekt weiterhin beschattet, eine Gruselidee mit der Warnung: Diese faschistische Praxis muß weg. (Elsner Hunt 201-202)
Elsner Hunt geht allerdings nicht weiter auf die feineren Unterschiede zwischen den Figuren bei Schädlich und Grass ein.
Die Einbeziehung der Tallhover/Hoftaller Figur ist Grass außerordentlich gut gelungen. Er bettet sie in das Geschehen ein, indem er immer wieder neue Verknüpfungspunkte zwischen der Tallhover Figur und Theodor Fontanes Leben zieht. Beide leben ebenso wie Wuttke und Fonty in Berlin bzw. später in Ost-Berlin (T 58 und 236). So wird beschrieben, daß Tallhover auf seiner Reise nach London-deren Ziel es war, Karl Marx und andere zu beschatten-zur gleichen Zeit in England war wie Fontane (WF 90). Grass erwähnt des öfteren, daß es Gemeinsamkeiten zwischen Tallhover und Fontane gab, beispielsweise weil Tallhover Georg Herwegh beschatten sollte (T 22) und Fontane sich für Herwegh interessierte und im Herwegh-Fieber gegen die Monarchie war (WF 37).[xii]
Des weiteren gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Schädlichs Tallhover und Grass’ Hoftaller hinsichtlich ihres privaten Lebens. Wir erfahren bei keiner der Figuren, wo sie in welchen Häusern oder Wohnungen leben. Die Leser und Lerserinnen erfahren, daß
Hoftallers Zuhause-denn irgendwo mußte er wohnhaft sein-nur karg möbliert war. In Tallhovers Biographie wird ein Haus und dessen Küche erwähnt, desgleichen ein Keller, in dem er sich, wenn auch vergeblich, zum Tode verurteilt hat, außerdem ist von einer alten Frau die Rede, die wöchentlich einmal putzt; mehr nicht, kein Bezirk, keine Straße. (WF 694)[xiii]
Schädlichs Tallhover kauft sich, auch als er schon älter ist, gerne Puzzles: “Tallhover, der zu alt ist für den Kauf eines Puzzle-Spiels, aber der zu jung ist für den Kauf eines Puzzle-Spiels für einen Sohn, betritt einen Laden für Spielwaren” (T 13). Ein Verweis auf dieses Hobby gibt es auch in Ein weites Feld. Fonty schenkt Hoftaller ein Puzzle: “. . . hatte Fonty noch kürzlich Hoftaller zu seinem Siebzigsten ein Geschenk präsentiert, das schon Tallhovers Biograph als geeignet nachgewiesen hatte: Dem Geburtstagskind gefiel das vielteilige Puzzle” (WF 39).
Sowohl Schädlichs Tallhover als auch Hoftaller rauchen. Während Schädlichs Tallhover “Zigaretten” (T 231) und “Zigarillos” (T 255) raucht, steckt sich Grass’ Hoftaller des öfteren eine kubanische “Zigarre” an. Bei Grass heißt es aus Sicht der Erzähler:[xiv] “Wie schon Tallhover von seinem Biographen als Zigarilloraucher beschrieben wird, so können wir Hoftaller als Zigarrenraucher bestätigen” (WF 133-4). Darüber hinaus wird von beiden Autoren auf die Lebensmittel eingegangen, die Tallhover und Hoftaller zu sich nehmen. Tallhover ißt in der Mittagspause “Fleischwurst-Brot” aus der “Brotbüchse” und trinkt “Kaffee” aus der “Thermosflasche” (T 226). Außer dem Essen bei McDonald’s in Ein weites Feld wird Hoftaller auch eine Vorliebe für die schnelle Mahlzeit aus Brotbüchse und Thermosflasche zugeschrieben. Fonty sagt über ihn: “Kenne ihn nur mit Thermoskanne und Mettwurststullen in einer Blechdose, sein Proviant, wenn er Außendienst hatte . . .” (WF 695).[xv]
Tallhovers schwieriges Verhältnis zu Frauen wird bei Grass nicht so deutlich problematisiert wie bei Schädlich. Bei letzterem heißt es:
Wem soll Tallhover es sagen? Er bleibt, wie es das Handwerk, das er erlernen will, es nach seiner Ansicht verlangt, streng für sich. Einen Freund hat er in der großen Stadt Berlin nicht, weil er keinen haben will. Aus gleichem Grund keine Freundin. Niemandem will er Antwort geben müssen auf Fragen nach seiner Beschäftigung, damit er verläßlich sein kann. Mit keiner Freundin sich einlassen auf vertrauliches Gerede. (T 15)
Sein Bedürfnis nach menschlicher Zuneigung und sexueller Befriedigung kann Tallhover nicht so wie viele andere Menschen ausleben, da er keine intimen Kontakte zu Mitmenschen aufkommen läßt und bindungsunfähig ist. An späterer Stelle geht Schädlich noch ein weiteres Mal auf Tallhovers Unnahbarkeit und seine Entsagung jeglicher menschlicher Zuneigung ein.
Immer in größeren Städten sucht Tallhover Straßen auf, in denen er Mädchen und Frauen begegnet, die ihn mit der Anrede Pst! oder Hallo! oder Bleib doch stehen! zu kurzen Gesprächen anhalten. Er möge doch mitkommen. Gleich dort, schräg gegenüber, gebe es ein Zimmer. Eine halbe Stunde Zeit werde er doch finden. Es werde ihm gefallen, verwöhnt zu werden. Er werde sehen.
Tallhover schüttelt den Kopf, das Mädchen dreht sich abrupt um, sagt, Dann eben nicht!, und geht drei Schritte von Tallhover fort. (T 48)
Das Bedürfnis, (sexuell) begehrt zu werden, lebt Tallhover im Umkreis von Prostituierten aus. Offensichtlich geht Tallhover absichtlich zu Straßen, in denen sich Prostituierte aufhalten. Hoftallers Beziehung zu Frauen wird bei Grass nur nebenbei durch Fonty kommentiert: “Keine Ahnung, wer für ihn sorgt. Von Frauen war bei ihm nie die Rede” (WF 694-5). Durch diese asexuelle Beschreibung bei Grass bleibt die Hoftaller Figur neutraler und die psychischen Störungen hinsichtlich Hoftallers Geschlechtlichkeit und zwischenmenschlichen Beziehungen werden nicht so deutlich.
Grass übernimmt noch andere Fakten von Schädlichs Modell wie beispielsweise die Hinweise auf Tallhovers Arbeit. Es werden nicht nur Herweghs Verfolgung und die Überwachung von Lenins Bahnreise durch Deutschland in Ein weites Feld wieder aufgenommen.[xvi]
Wie sein Biograph versichert, hat Tallhover in jener Phase seiner Tätigkeit dem Reichssicherheitshauptamt zugearbeitet: so dem Amt Zwei mit einem Memorandum zur Überwachung der Kirchen jeglicher Konfession. Ab 43 betreute er, im Auftrag des Amtes Fünf, prominente Gefangene im KZ Sachsenhausen, darunter den kriegsgefangenen Sohn Stalins. (WF 69)[xvii]
Bei Schädlich steht der kaltblütige Mord, den Tallhover als ein Angehöriger und Spitzel der Nationalsozialistischen Partei an sowjetischen Kriegsgefangenen begeht, im Vordergrund. Bei Grass werden die Morde, die Tallhover begeht, nicht im Detail beschrieben, sie werden nur angedeutet. In Ein weites Feld bekommt man den Eindruck, daß Hoftaller/Tallhover nur Betreuer der KZ Gefangenen war, während bei Schädlich ausdrücklich gesagt wird, daß Tallhover als Unterstützer der Nazis Morde an Kriegsgefangenen beging. Wahrscheinlich will Grass seine Figur nicht zu abschreckend darstellen und unterläßt daher eine direkte Anspielung auf Folterungen und Morde im KZ.
Über das Mißgeschick, daß Stalins Sohn Dschugaschwili im KZ Sachsenhausen wegen ungenügender Vorsicht auf Seiten des Bewachungspersonals zu Tode kam, heißt es folgendermaßen:
Tallhover sagt, Dschugaschwili hätte gar nicht über den Stolperdraht steigen dürfen. Er hätte gar nicht bis zum elektrischen Zaun kommen dürfen. Mehr sagt Tallhover nicht. Tallhover denkt, Sie hätten auf jeden Fall verhindern müssen, daß Dschugaschwili sich umbringt oder erschossen werden muß. (T 211)
Tallhovers Mangel an Mitgefühl tritt bei Schädlich sehr viel stärker in den Vordergrund als bei Grass’ Hoftaller. Tallhover will mit “unerbittlicher Strenge” verfahren (T 80) und spricht sich für die Todesstrafe aus: “Todesstrafe muß sein. Sie ist sogar etwas Humanistisches. . . Weil sie den Staat schützt und das Leben der Bürger. Das ist ein Gebot der Gerechtigkeit” (T 220). Schädlich kritisiert in seinem Roman den Überwachungsstaat der DDR, aus der er 1977 geflohen ist. Wie Walter Hinck sehr treffend bemerkt, demonstriert das Buch Tallhover “die Manipulation des Menschen bis zu seiner letztmöglichen Selbstverachtung, die im völligen Gegensatz zur Ideologie von der sozialen und geistigen Befreiung des Menschen steht” (Hinck 40).
Tallhover spielt außerdem Henker und ermordet in seinem Keller drei von ihm verurteilte Oppositionelle mit der Guillotine.
Er bindet die Fußgelenke des Monteurs, legt dessen Hände auf dem Rücken zusammen und bindet die Handgelenke. Der Monteur muß aufstehen, Tallhover geleitet ihn zu der schmalen, mannslangen Holzplatte. Er versetzt dem Monteur einen Stoß in den Rücken, der Monteur fällt vornüber. . . . Tallhover tritt zurück und löst das Seil, das über die Rolle läuft. Das Metallgewicht, achtzigpfündig, an dessen Unterseite eine schräge, feingeschliffene Schneide eingelassen ist, weist an jeder Seite zwei Rädchen auf . . . (T 236)
Die eiskalte Beschreibung dieses Mörders Tallhover ist anders als die-der Figur Hoftaller gut gesonnene-Erzählerstimme in Ein weites Feld. Fontys Einschätzung von Hoftaller in einem Brief an seine Enkelin Madeleine sieht nicht so negativ aus und macht außerdem deutlich, daß es einen gravierenden Unterschied zwischen Schädlichs skrupellosem Tallhover und dem menschlicheren Hoftaller bei Grass gibt.[xviii]
Gewiß, Vorsicht ist immer geboten. Hoftaller wie Tallhover waren und sind schlimme Finger . . . Übrigens ist Hoftaller besser als Tallhover . . . So hinderlich er dem freien Redefluß gewesen ist, so regelmäßig hat er bei drohender Gefahr das Sprungtuch gespannt. (WF 544)
Grass entwirft als Gegenpol zu Fonty eine Figur, die nicht nur negative Züge, sondern auch einige positive Aspekte verkörpert. Einen anderen wertenden Vergleich macht der Rezensent Martin Lüdke in Die Woche, wo es heißt: “Schädlichs Tallhover [wirkt] auf Dauer blutleer und blaß, tatsächlich als Prinzip. Bei Grass jetzt (sic) wird die Figur sofort wieder lebendig” (Negt 383).
Das Buch Tallhover ist sehr viel schwieriger zu lesen als Ein weites Feld. Die grammatikalischen Strukturen sind oft verdreht und erschweren das Lesen und den Fluß der Erzählung: “Eine Ordnung muß auch sein in der Pause, der Lehrer Sänger will in dem Lehrerzimmer sitzen in der Pause und nicht in dem Klassenzimmer, aber in dem Klassenzimmer muß eine Ordnung sein” (T 9). Die Stellung der Verben “sein” und “sitzen” sollte eigentlich der Zeitbestimmung “in der Pause” folgen. Durch die Verdrehung des Satzes wird die Lesbarkeit beeinträchtigt, und es werden andere Satzteile betont. Darüber hinaus gibt es viele Wiederholungen, die teilweise überflüssig erscheinen. Sybille Cramer spricht von den “repetitiven Strukturen seines [Schädlichs] Erzählens” (Cramer 32).
Schädlich erklärt Tallhovers Ende mit dessen unangemessenem Verhalten nach den Ereignissen am 17. Juni 1953, welche seine Entlassung und den daraus resultierenden depressiven Zustand erklären: “Sie sind mit Wirkung von heute aus dem Dienst entlassen. Sie können, wenn Sie es noch wollen, im Staatsarchiv arbeiten. Als Angestellter. Nicht mehr als unser Mitarbeiter” (T 225). Über Tallhovers nicht begangenen Selbstmord läßt Grass die Figur Hoftaller des öfteren spekulieren und versucht, dem Leser zu erklären, warum eine literarische Figur, die gestorben ist, plötzlich wieder da ist und weiterlebt. Hier übernimmt Grass die Aussage über Tallhovers Tätigkeit im Staatsarchiv:
Untilgbar hing ihm der 17. Juni an: ‘Wurde strafversetzt. Saß im Staatsarchiv rum. Rutschte in ne depressive Stimmungslage . . . Nein, Tallhover hat nicht Schluß gemacht, hat nur die Seite gewechselt, war drüben gefragt. Das hat mein Biograph leider nicht glauben wollen, hat die im Westen gängige Freiheit fehleingeschätzt, hat mich ohne Ausweg gesehen, mir ne Todessehnsucht angedichtet, als könnte unsereins Schluß machen. Für uns, Fonty, gibt’s kein Ende!’ (WF 17)
Grass übernimmt viele Beschreibungen von Tallhovers Leben und besonders diejenigen, die am Ende des Romans Tallhover auftauchen. Vor den allerletzten Sätzen in Schädlichs Roman, die am Anfang dieser Untersuchung angeführt wurden, heißt es über Tallhover:
Tallhover sitzt auf dem feuchten Zementfußboden, weil der Stuhl, den er an der Wand des großen Kellerraumes für den Angeklagten Tallhover aufgestellt hat, dem Verurteilten Tallhover nicht zusteht. Es ist Sonntag, der dreizehnte Februar Neunzehnhundertfünfundfünfzig. Es ist kalt in der Hauptstadt. Die Heizung in Tallhovers Haus ist erloschen. (T 283)
Grass präsentiert ein fast identisches Bild, wenn sein Hoftaller sich an die Zeiten von Tallhover zurückerinnert.
Doch im Rückblick verlieren meine dienstlichen Tätigkeiten zunehmend ihren Sinn, falls sie jemals sinnvoll gewesen sind … Eigentlich hatte ich schon Mitte der fünfziger Jahre Schluß machen wollen … All diese unerledigten Fälle … Bewohnte damals ein Haus ganz für mich und saß oft im Keller … Rechnete mit mir ab … War am Ende … Schrie: Warum hilft mir keiner! An einem Sonntag war das … Die Heizung kalt … Aber ich habe dann doch weitergemacht, weil es mir um die Sache, nur um die Sache ging. … (WF 705)
Von unerledigten Fällen wird auch in Schädlichs Tallhover gesprochen: “Wie soll ich die Fälle, die noch vor mir liegen, bewältigen, fragt Tallhover sich. Ich zweifle daran, daß meine Kraft ausreicht. Ich hätte früher anfangen sollen. Ich bin zu alt” (T 269).
Die ‘Sache,’ deren Wichtigkeit von Hoftaller immer wieder betont wird, läßt sich auch beim Vorbild Schädlich finden, wenn Tallhover sagt: “Die Sache ist die Sache. Das braucht nicht geschmückt zu werden. Nicht bei mir. Die Sache ist immer dieselbe Sache. Dazu sind wir da. Dazu bin ich da. Mein ganzes Leben lang . . . Wenn ich etwas tue, dann tue ich es für die Sache” (T 243-4). Sowohl Schädlich als auch Grass benutzen die Figur Tallhover/Hoftaller, um den Mangel an Freiheit und Idealen auszdrücken.
Während Tallhover von der detailgenauen Fixierung von Wirklichkeit besessen ist, zu kriegerischen Zwecken gewissermaßen, ist der Kompositeur Schädlich damit beschäftigt, sie zu transponieren, damit sichtbar wird, was er erkennen will. Durch die Form, die so entsteht, wird erkennbar, was Tallhover nie sehen wird: der aggressive deutsche Untertan, der Ordnung gehorsamster Diener, dem die Sache über alles geht, ganz gleich, welchen Namen sie trägt und welchen Zielen sie folgt. (Hervorhebungen im Original, Meyer-Gosau 45)
Ein weiteres Motiv, das sich bei Schädlich nachweisen läßt, ist das Beharren auf Ordnung. Tallhover ist dem “Kampf gegen die Un-Ordnung” dienlich (T 54), er hat einen “Sinn für Ordnung” (T 228) und ihm ist die “Ordnung des Staates voll Wert” (T 253). In Ein weites Feld gehen Fonty und Hoftaller an der teilweise eingerissenen, mit Spray-Kunst versehenen Berliner Mauer entlang und Hoftallers Eindrücke werden kommentiert: “Nein, das war nichts für Hoftaller. Diese Mauerkunst war nicht nach seinem Geschmack; und doch mußte er ansehen, was ihn schon immer angewidert hatte. ‘Chaos!’ rief er. ‘Nichts als Chaos!’” (WF 15). Im Anschluß an diese Unterhaltung äußert sich Hoftaller abermals zum Thema Ordnung: “Wird man eines Tages lesen können, unseren Bericht über den Zerfall staatlicher Ordnung. Wurde nicht zur Kenntnis genommen” (WF 15). Hoftallers Frustration über die Lage der Geheimdienste kommt auch in Tallhover zum Ausdruck:
Es wird die Zeit kommen, da das Versagen der Dienste in aller Ausführlichkeit dargestellt werden wird. Aus diesen Darstellungen werden berufenere Mitarbeiter als ich die richtigen Schlüsse ziehen. Das wird die Zeit sein, in der die Arbeit der Überwachung von Aufsässigen einen höheren Grad der Vollkommenheit besitzen wird. (T 274)
Jemand, der von der Überwachung und Unterdrückung Aufsässiger spricht, kann eigentlich niemals eine demokratische Regierung unterstützen. Es sei denn, sie bdient sich undemokratischer Methoden. Tallhovers Gedanken richten sich jeweils gegen diejenigen, die das bestehende System kritisieren. Er personifiziert das ‘Prinzip der Systemerhaltung,’ egal um welches System es sich handelt. Deshalb ist es für Grass’ Hoftaller auch sehr schwierig, die Existenz von Aufsässigen zu akzeptieren. Der Hoftaller in Ein weites Feld muß von Schädlichs Tallhover abweichen, da letzterer in viel extremeren Systemen arbeitet als sein “Nachfolger” Hoftaller, der neue Arbeitsmärkte bzw. neuen Bedarf für sein Berufsfeld nach der Demokratisierung von Ost-Deutschland finden muß.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß Hans Joachim Schädlichs Tallhover in Tallhover zwar als Schablone für Günter Grass’ Hoftaller in Ein weites Feld dient, daß es aber trotz vieler Gemeinsamkeiten auch eine Reihe von Abweichungen zwischen den Figuren gibt. In dieser vergleichenden Figurenanalyse habe ich gezeigt, welche Aspekte und Motive Grass von Schädlich übernommen hat. Dabei sind folgende Ähnlichkeiten deutlich geworden: die ähnliche Benennung beider Charaktere; ähnliche Lebensgeschichten; ähnliche Rauch- und Eßgewohnheiten; der gemeinsame Wohnort Berlin; das Puzzle-Spiel als Hobby beider Figuren; ähnliche politische und moralische Einstellungen; die gemeinsame Vorliebe für Ordnung; Parallelen zwischen Aufenthaltsorten von Tallhover und Theodor Fontane und übereinstimmende Aussagen über Tallhovers und Hoftallers Arbeit für verschiedene Geheimdienste.
Andererseits sind auch Unterschiede hervorgetreten. Beispielsweise, daß Schädlichs Tallhover große Probleme hat, zwischenmenschliche Kontakte zu Frauen zu entwickeln, während dieser Punkt bei Grass nicht so ausdrücklich behandelt wird. Schädlichs Tallhover wird als eiskalter Mörder von Oppositionellen sowie Kriegsgefangenen und Unterstützer der Nationalsozialisten dargestellt, während Hoftallers Vergangenheit stärker im Dunkeln bleibt und nur in Andeutungen erwähnt wird. Das Ende von Schädlichs Tallhover, der angeblich 1955 stirbt, weicht von Hoftaller ab, der bei Grass unsterblich ist. Obwohl Grass die Gründe für einen eventuellen Selbstmord und die letzten Momente vor Tallhovers Ende minutiös kopiert, überlebt die Figur als Hoftaller diese depressive Phase. Letztendlich läßt sich sagen, daß Hoftaller tatsächlich positiver dargestellt wird als Schädlichs Tallhover. Grass entwickelt aus Tallhover die eigenständige Figur Hoftaller, die ihre Rolle als unsterbliches Gegenüber von Fonty in Ein weites Feld hervorragend einnimmt.
Brandes, Ute. Günter Grass. Berlin: Edition Colloquium im Wissenschaftsverlag Spiess, 1998.
Cramer, Sybille. “Schädlichs Autor: Hans Joachim Schädlichs Erzählen vom Erzählen.” Text und Kritik: Zeitschrift für Literatur 125 (1995): 30-37.
Dissidenten?: Texte und Dokumente zur DDR-Exil-Literatur. Berlin: Volk und Wissen, 1991.
Elsner Hunt, Irmgard. “Erinnerung an die Zukunft: Über das utopische Moment in der deutschen ‘Wende-Literatur.’” Zeitgenössische Utopieentwürfe in Literatur und Gesellschaft: Zur Kontroverse seit den achtziger Jahren. Hg. Rolf Jucker. Amsterdam: Rodopi, 1997. 191-208.
Grass, Günter. Zunge zeigen. Darmstadt: Luchterhand, 1988.
---. Ein weites Feld. Göttingen: Steidl, 1995.
Günter Grass: Die Deutschen und ihre Dichter. Hg. Daniela Hermes. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1995.
Hinck, Walter. “Mit Sprachphantasie gegen das Trauma: Hans Joachim Schädlich. Der Schriftsteller und sein Werk.” Auskünfte von und über Hans Joachim Schädlich. Hg. Wulf Segebrecht. Bamberg: [o.V.], [1995]. 33-43.
Meyer-Gosau, Frauke. “In deutschen Diensten: Hans Joachim Schädlichs Tallhover.” Text und Kritik: Zeitschrift für Literatur 125 (1995): 38-46.
Negt, Oskar. Der Fall Fonty: Ein weites Feld von Günter Grass im Spiegel der Kritik. Göttingen: Steidl, 1996.
Neuhaus, Volker. Schreiben gegen die verstreichende Zeit: Zu Leben und Werk von Günter Grass. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1997.
Schädlich, Hans Joachim. Tallhover. Reinbek: Rowohlt, 1986.
---. “Selbstvorstellung.” Auskünfte von und über Hans Joachim Schädlich. Hg. Wulf Segebrecht. Bamberg: [o.V.], [1995]. 5-7.
[i] Die
Abkürzung WF steht im Folgenden für Ein weites Feld.
[ii] Es
würde über den Rahmen dieser Arbeit hinausgehen auch noch auf die Bearbeitung
der Tallhover Figur bei Hans Christoph Buch einzugehen. Vgl. Negt 380.
[iii] Zur
Rezeption des Romans in den Medien siehe Oskar Negt. Einen guten Überblick über
die umstrittene Kritik von Marcel Reich-Ranicki im Spiegel und im Literarischen
Quartett und deren Konsequenzen siehe Volker Neuhaus 224-233.
[iv] Die Abkürzung T steht im Folgenden für Tallhover.
[v] Die
Bezeichnung “Fontys Tagundnachschatten” für Hoftaller kommt im Text sehr oft
vor, vgl. WF 506.
[vi] Vgl.
Dissidenten? 132-33.
[vii] Grass
spricht meistens von Tallhovers “Biographen” und nennt den tatsächlichen Namen
des Autors ganz selten. Außer in der Anmerkung am Ende des Buches taucht der
Name Schädlich an einer Textstelle auf, wo es um die Vermutung geht, daß Fonty
mit vielen bekannten Schriftstellern und Schriftstellerinnen der DDR
Briefkontakt hat: “Doch dieser und andere Briefwechsel, wie etwa mit dem
“Tallhover”-Autor Schädlich, sind nicht belegt und nur zu vermuten” (WF 350).
[viii] “Ich
klage mich an!” (T 275). Die Art der
Anklage erinnert an Geschichten von Franz Kafka. Sybille Cramer äußert sich
über den Roman Tallhover
folgendermaßen: “. . . der Roman [funktioniert] nach dem Muster einer Falle.
Keine Rettung für den Menschen, der in der deutschen Geschichte installiert
wird und ihren ungeraden Kurs gerade durchläuft” (Cramer 33).
[ix] An
einer Stelle äußert sich Grass sehr eingehend zu Schädlichs Buch: “Tallhover. Hans Joachim Schädlich gab
mir ein Umbruchexemplar auf die Reise mit. Ein Buch, das ausweglos seinem
Grundeinfall folgt: der schier unsterbliche Agent, Spitzel, Geheimdienstmann
überlebt alle Systeme. Ein Experte in Sachen Staatssicherheit, der während der
Kaiserzeit, in der Weimarer Republik, solange das Dritte Reich dauert und-ohne Übergang-während der Entstehungszeit der Deutschen Demokratischen Republik
(bis zum 17. Juni 1953) unablässig Dienstpflichten nachgeht, immer um die Sache
besorgt. Die Sache, das ist die jeweilige Staatsordnung. Aus dieser Sicht
werden hundert Jahre deutsche Geschichte zum Dauerfall, zur nicht
abgeschlossenen, nicht abzuschließenden Akte. Ein raffiniert einfaches Buch,
das den Fixierungen seines Helden vertraut und-abgesehen von steifen Kunstprosapassagen zu Beginn und im
Schlußteil des Textes-Sprache aus
erkennungsdienlichen Vorgängen entlehnt, das heißt aus banalen und
geschichtsträchtigen Fällen (Lenins Reise nach Rußland). Systemwechsel als
fließende Übergänge in Geheimdossiers. Dabei stellt sich keine individuelle
Person vor; die Figur Tallhover entsteht, deren private Biographie, bis auf
Andeutungen, ausgespart bleibt. Der Leser kann sich selbst in den
Geschichtsverlauf und dessen Aktenordnung einfädeln oder als Ablage begraben.
Er kann sich als Tallhover erfolgreich erfolglos erleben und-wäre der Schluß nicht: Tallhovers
Selbstverurteilung-als unsterblich
begreifen. Ein kompliziert überhöhtes Finale. Der vorher zwangsläufig so
genauen Sprache wird Bedeutung draufgesattelt. Der Autor gibt seinen Helden
auf: nicht Tallhover, dessen beschlossener Tod mutet erfunden an. Ich werde
Schädlich schreiben: nein, Tallhover kann nicht sterben” (Zunge zeigen, 26-7). Vgl. auch Günter
Grass 239.
[x] Auch
in den Interviews, die kurz nach Veröffentlichung von Ein weites Feld geführt wurden, äußerte sich Grass hinsichtlich der
Tallhover Figur auf ähnliche Art und Weise. Grass sagt in einem FAZ-Interview: “Hans Joachim Schädlichs Tallhover, [ist] ein[] Buch, das ich
bewunderte. Gleichwohl kam mir der Schluß widersinnig vor: eine Person, die in
ihrer Spitzeltätigkeit auf Unsterblichkeit angelegt ist, kann nicht so enden .
. . Tallhover bittet die Genossen, ihn zu töten. Schädlichs Buch macht nicht
ganz klar, ob er enthauptet wird, es bleibt offen” (Negt 449).
[xi] Vgl.
eine Buchbesprechung in Die Woche
“Tallhover verkörperte seinerzeit ein Prinzip: das der konspirativen Tätigkeit”
(Negt 383). Schädlich äußert sich auf ähnliche Art und Weise zu seiner Figur
noch vor dem Erscheinen von Ein weites
Feld: “Tallhover verkörpert das Prinzip der perfekten Überwachung
Andersdenkender, das Prinzip der personellen und institutionellen Kontinuität
der Verfolgung von Oppositionellen unter allen deutschen Regimen von der Mitte
des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts” (“Selbstvorstellung” 7).
[xii] Vgl.
WF 123.
[xiii] Siehe
auch T 220: “Die Alte, die samstags
das Haus saubermacht, sagt, Es ist alles ruhig.” Zur Beschreibung des Hauses
und Kellers vgl. T 235.
[xiv] In
Ein weites Feld handelt es sich um
eine Anzahl von Stimmen, die die Position des Erzählers übernehmen. Sie kommen
z.T. im Plural (wir) oder im femininen Singular zu Wort. Vgl. Neuhaus 221 und
Brandes 92, von denen letztere vom “Potsdamer Erzählerkollektiv” spricht.
[xv] Vgl.
auch “Und als Hoftaller seine Aktentasche öffnete und mit Milchkaffee aus der
Thermosflasche und Mettwurstbroten aus der Blechdose zum Imbiß einlud, gaben
sie zu dritt ein ziviles Bild ab” (WF 730).
[xvi] Vgl.
WF 490.
[xvii] Schädlichs Tallhover wird zu Zeiten der DDR über seine Tätigkeit während des 2. Weltkrieges befragt. “Ob er Kenntnis habe von einem Vorfall in Berditschew bei Shitomir. Im Dezember Zweiundvierzig. Als er im Reichssicherheitshauptamt gewesen sei” (T 237). Den Hinweis auf die Arbeit im Reichssicherheitshauptamt übernimmt Grass ebenfalls von Schädlich.