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Zum Paradigma der Repräsentationskrise in der Experimentellen Literatur: Ein Methodendiskurs zur negativen Form Konkreter Poesie in der “Wiener Gruppe”

Clemens K. Stepina

“Die Textformen” Experimenteller Literatur “sind Resultat der sprach­experimentellen Verfahren, für die es aber eine wissenschaftsanaloge strenge Methodik nicht gibt” (Kallweit 660).[i] Die Erkenntnis, daß Text­interpretation im Status konventioneller Methode bestenfalls Annäherung an diese Art von Literatur sein kann, hat im Fall der Konkreten Poesie die zeitgenössische Literaturwissenschaft aber nicht etwa von sich aus erlangt, sondern ist Ergebnis eines jahrzehntelangen Verständigungsprozesses ge­wesen, in welchem die Vertreter konkreter Literatur-die zum Teil dem universitären Spezialistentum angehören[ii]-ihre eigenen literarischen Ar­beiten theoretisch gegenüber den oben genannten Ansätzen abgesichert haben.[iii] Erst aus dieser Eigeninitiative heraus, die eigene Literatur­produktion-die sowieso nur “auf Eigenverlage und meist nur kurzfristig erscheinende[n] Zeitschriften” ihr karges Existenzrecht einklagen durfte-theoretisch zu erklären und offen gegenüber einem restaurativen Kunstmarkt in den fünfziger und frühen sechziger Jahren verteidigen zu müssen,[iv] wurde es möglich, daß “Konkrete Poesie” nicht mehr als periphere und epherme literarische Erscheinung ab[getan]” (Kopfermann ix)[v] werden konnte.[vi] Deisem Umstand verdankt es sich auch, daß Textkritik sich heute in einem vermehrten Maße um diese-oft selbst literarisch an­gelegten-Theoriereflexionen bemüht: Theoretischer Anspruch und liter­arischer Vollzug werden aneinander geprüft; seriöserweise immer mit dem Diktum über experimentelle Dichtung versehen: “Soweit dies überhaupt möglich ist.” So steht-bis dato!-einer unreflektierten Auseinandersetzung um experimentelle Literatur an sich, die sich letztlich gewähr ihres her­meneutischen Defizits nur in emotionalisierter Form einer Polarisierung-strikte Ablehnung oder euphorische Annahme Konkreter Poesie-populistisch bewähren kann,[vii] einem wie oben skizzierten Verständ­niszugang gegenüber, über das theoretischische Selbstverständnis etwas von der dichterischen Praxis Konkreter Poesie hypothetisch aussagen zu können.[viii]

Ein exponiertes Beispiel für diese neue Theorie - Praxis - Reflexion ist die Anthologie Kopfermanns, die so etwas wie ein Standardwerk geworden ist. Hier stehen Konkrete Poeten mit theoretischen Reflexionen über ihre Lit­eratur progressiven Textkritikern gegenüber.[ix] Kopfermann selbst kommt in seiner Einführung, in der er zentrale Begriffe der Konkreten Poesie system­atisch analysiert,[x] zu dem erstaunlichen Resultat, daß sich die Theorie­reflexionen dieser experimentellen Literatur, wie schließlich diese selbst, durch das Paradoxon affirmativer Kritik an unserem technologischen Zeitalter auszeichnen.[xi] Obwohl der philosophische Kontext, aus dem dieses Statement hervorgeht, eigentlich bekannt sein müsste, wird er nur von wenigen Kritikern mitreflektiert:[xii] Dieser ist von der Habermas’schen Polemik wider die Technokratiethese bestimmt (Kopfermann XXXVIff.). Ihre Autoren, v.a. Gehlen, Freyer und Schelsky, haben “in den fünfziger und sechziger Jahren als Ergebnis einer Reihe von soziologischen Untersuch­ungen die Konsequenz einer unaufhaltsamen Verselbstständigung der Technik und damit einer zwangsläufigen Unterordnung der gesellschaft­lichen Entwicklung unter den Sachzwang technischer Operationen gezo­gen” (Honneth 274).[xiii] Habermas wirft den Konstrukteuren der Techno­kratiethese vor, daß diese “nur das falsche Bewußtsein eines richtig kon­statierten Sachverhaltes” (Honneth l.c.)[xiv] darstelle. Somit wäre die sozio­logische Deutung des technologischen Zeitalters selbst affirmativ und ent­behre eines wahrhaft gesellschaftskritischen Instrumentariums, wie es Habermas mit seiner Theorie des kommunikativen Handelns[xv] verwirklicht sieht. Anscheinend soll nun für Kopfermann die Habermas’sche Kritik an der Technokratiethese dasselbe leisten wie seine an der Konkreten Poesie: Hier wird nämlich in der Analyse von Kommunikationsstrukturen die realiter systemlegitimierende Funktion Konkreter Poesie behauptet, und ihr das Ideal eines “herrschaftsfreien Dialogs” (Kopfermann XXIV) ge­genübergestellt. Ganz abgesehen davon, daß es selbst Habermas nicht mit zwingender Logik gelungen ist, das Ideal kommunikativen (Sprach-)Han­delns widerspruchslos in die gegenwärtige soziologische Diskurslandschaft einzufügen,[xvi]-was schon im vorhinein gegenüber Kopfermanns Unter­fangen skeptisch macht, negative Kritik auf ein Ideal hin zu schema­tisieren-muß darüber hinaus sein Analogieschluß in zweierlei Hinsicht bezweifelt werden: Erstens einmal kann die funktionale Struktur der Dichtung nicht mit der der Philosophie verglichen werden. In diesem Fall heißt das, daß die Vertreter der philosophischen Technokratiethese anders­gerichtete Prozesse gesellschaftlicher Rationalisierung, denn jene zweck­rationaler und instrumenteller Handlungsformen nicht thematisieren. Selbst soziales und expressives Handeln wird systemaffirmativ in Begriffen der Zweckrationalität heteronom determiniert.[xvii]

Ist nun derselbe Vorwurf gegenüber der Konkreten Poesie geltend zu machen? Denn genau diese Geltendmachung führt zweitens bei Kopfer­mann zu einer Paradigmenverwirrung, da er selbst jenem Kardinalsfehler zum Opfer fällt, den er vermeintlich anhand des Textbegriffs Konkreter Poesie nachzuweisen glaubt: Denn nicht die Formen oder Techniken dieser Literaturgattung per se,[xviii] sondern die literaturwissenschaftliche Interpreta­tion der inhaltlichen Aussageintention, die er von ihr-beruhend auf ihrem Theoriematerial-erstellt, ist auf einen Ideologievorwurf zu hinterfragen.[xix] M. a. W.: Es gilt zu beweisen, daß das Paradigma des Technokratismus in diesem Kontext nur beschränktes zu leisten imstande ist, und durch ein leistungsfähigeres der Repräsentationskrise zu ersetzen ist. Wiewohl Kopfermanns Urteil über den rechten Flügel der Konkreten Poesie stim­men mag, nämlich daß dieser “immanent - verdeckt [und/oder] immanent - positiv” (XII-XXVII).[xx] affirmative Systemkritik oder gar -bejahung im Banne der Technokratiethese betreibe, -so sagt das noch nichts darüber aus, welcher sprachtheoretische Konnex ihr selbst zugrunde liegt.[xxi] Das gestalterische Faktum, daß in der Konkreten Poesie formalisierte Sprache technokratischer und instrumenteller Rationalitätsimplikation als Literatur­sprache an sich dargestellt wird, kann noch nicht zum Schluß über ihrer in­haltliche Grundinteniton führen; soferne eine solche experimenteller Lit­eratur überhaupt aufgezwungen werden kann. D.h., gewähr formalisierter Literatur die Sprachkrise der Moderne zu thematisieren, ist nicht a priori mit Systemaffirmation gleichzusetzen. Das zu überdenken, ist insoferne von größter Wichtigkeit, da bei der Wiener Gruppe das Gegenteil von System­affirmation zu behaupten der Fall ist. Denn sie-und diese Auslegung ist trotz spärlichen theoretischen Selbsterklärungen soweit möglich[xxii]-hat für sich den Begriff der Konkreten Poesie in ihrer literarischen Explikation tendentiell via negationis entwickelt. Das ist so zu verstehen, daß sie inhalt­lich den spätkapitalistischen Fortschrittsglauben an Technik und System im Formmedium Konkreter Poesie ad absurdum führen lässt, während Bense et consortes diesen gerade in der experimentellen Literatur als sprachlich zu sich gekommen hymnisch preisen. Um diese Behauptung stützen zu kön­nen, bedarf es einer Untersuchung darüber, was die Wiener Gruppe im konkreten unter dieser Literaturgattung verstand,[xxiii] wie zuvor, was im all­gemeinen darunter zu verstehen ist. Das aber wird im kommenden einen wie oben angedeuteten Paradigmenwechsel herbeiführen müssen.

Glaubte man dem mainstream der Forschung, nämlich daß der Begriff explizit von Gomringer in die moderne Literatur eingeführt worden ist, so böten sich Allgemeinplätze von diesem zu zitieren genug an.[xxiv] Jedoch ist Kessler schon 1974 der chronologische Nachweis gelungen, daß sich um “die Priorität” der Begriffseinführung “vier ‘Autoren’ streiten” können: Belloli (1944), Fahlström (1953), Gomringer (1953) und Noigandres (1955) (Kessler 93f.). So verschieden diese auch in ihren phänomenalen Ausricht­ungen sein mögen, so lässt sich doch ihr theoretisches Ideengut zur Konk­reten Poesie-und dies gilt auch im wesentlichen hinsichtlich späterer Ver­treter-zu folgender Generalbestimmung in Negation zur konventionellen Sprachauffassung bestimmen: Präsentation (Materialisierung) vs. Repräsent­ation der Sprache.[xxv] Erst vor wenigen Jahren wurde eine Beschreibung ge­braucht, die gut das deckt, was unter Konkreter Poesie im allgemeinen, in bezug auf die Gattung experimenteller Literatur überhaupt, zu verstehen ist:

Demgegenüber [scil. dem Repräsentationsprinzip des Real­ismus; Vf.] konzentrieren sich experimentelle AutorInnen nicht auf die Darstellung, sondern auf die Form, die der Darstellung vorausgeht, auf den materialen Aspekt der Sprache und Schrift, auf ihre phonetischen, grafischen, rhythmischen Qualitäten; kurz: Das vorrangige Interesse gilt dem Bedeutungsträger und nicht der konventional­isierten Bedeutung. Sprache ist weniger Mittel als vielmehr Material (am ausgeprägtesten zeigt sich dies in “Laut­gedichten”), experimentelle Literatur ist-vereinfachend gesagt-die Arbeit mit diesem Material.” (Steiner 8)

Damit ist in bezug auf die Konkrete Poesie gemeint, daß es “nicht um die literarische Abbildung außersprachlicher Wirklichkeit [geht], sondern in der Sprachreflexion um Präsentation von Sprache und Sprachelementen, deren Repräsentationscharakter deshalb methodisch abgebaut werden muß in einem positiv verstandenen Verdinglichungs- und Materialisationsprozeß” (Kopfermann X).[xxvi] Diese Generalbestimmung, und das ist die Hypothese dieser Arbeit, lässt sich in zwei Prinzipien aufteilen: In das der selbst­referentiellen Präsentation bei Gomringer und in das der negativen Präsen­tation bei der Wiener Gruppe. Um die begriffsgeschichtlichen Bedingungen unserer konkretisierten Generalbestimmung verstehen zu können-in die­sem Zusammenhang bietet sich eben nicht die Kopfermann’sche Lesart des Begriff von der Technokratiethese als Interpretationsinstrument an, son­dern der, diesen erst evozierenden, der Repräsentationskrise, wie er von Michel Foucault entwickelt worden ist[xxvii]-muß ihr Begründungsumfeld in eine philosophische Reflexion eingebunden werden: Schließlich gehört doch ihre negative Bestimmung der Sprache, nicht Repräsentation, sondern Präsentation ihrer selbst zu sein, in den modernen Diskurs über “die Vor­stellung der Inadäquatheit menschlicher Zeichensysteme” (Berger 31) und ist da erstmals bei Heidegger mit einer ontosemantisch gedeuteten Einkehr des Technischen belegt.[xxviii] Wenn also über die Konkrete Poesie, die-sowie die “experimentelle Literatur der neuen Avantgarde in den Nachkriegsjahr­zehnten” überhaupt-ihre traditionellen Wurzeln in “der historischen Avantgarde der zehner und zwanziger Jahre” unseres Jahrhunderts hat-, gesagt werden kann, daß in ihr “die Sprache anstatt eines symbolischen Be­zugsfeldes ihren Materialcharakter hervorkehrt, statt auf Re - präsentation auf ihrer nackte, dinglichen Präsenz besteht” (Berger 31) dann wird hier eine der zentralen Krisendebatten unserer Moderne - Postmoderne auf die Spitze getrieben, die in der zeitgenössischen Philosophie explizit bei Foucault unter dem Terminus Grenzen der Repräsentation (crise de la représentation [Foucault 269ff., 367ff.]) thematisiert wird. Foucaults Hy­pothese ist dabei die,

daß an der Schwelle zum 19. Jahrhundert, als die von der Zeichenförmigkeit der Wirklichkeit überzeugte Vor­stel­lungs­welt der Klassik daran zu scheitern beginnt, daß die Wissenschaften in der organischen Natur und in der sozialen Welt auf Phänomenbereiche eigener Art, also auf eine nicht ihrer Zeichenfunktion reduzierbare Realität stoßen, unvermittelt der Mensch in das Zentrum des kul­turellen Wahrnehmungsraumes rückt. (Honneth 130)

Denn “unter den ontologischen Voraussetzungen des neu entstandenen Weltbildes [wird] der Mensch zugleich als tätiges Subjekt der Erkenntnis­ordnung und als substantielles Element der Naturordnung begriffen [...]” (Honneth 131). Diese Aufsplitterung des Menschen in ein transzendentales Subjekt der repräsentativen Erkenntnis und in ein empirisches Objekt des präsentativen Seins ist es auch, die Foucault veranlasst, den epistemolog­ischen Bruch zwischen dem Zeitalter der Repräsentation (von der Neuzeit bis ins 18. Jahrhundert) und der Präsentation (ab dem 19. Jahrhundert) an der Dekonstruktion des zeichen­theoretischen Sprachbegriffs festzumachen. Konsequenterweise sieht Fou­cault somit in der auf-sich-selbst- bezogenen Sprache, wie das schon im Ansatz bei Nietzsche und Mallarmé zu konstatieren sei (367ff.), die formal­isierende Sprachform der Moderne, die mit der repräsentativen der klassis­chen Prämoderne kollidieren musste (404ff.). Die Frage allerdings, ob Grenze wie Krisis sprachlicher Repräsentation durch die Negation des formalisierend - präsentativen Sprachprinzips der Moderne tatsächlich auf­gehoben ist oder nicht, wird unbeantwortet gelassen. Foucault entschlägt sich ihr in kryptischer Andeutung über das Formalistische.[xxix]

Sie hat im Radikalen Konstruktivismus das kognitionstheoretische Konzept von sprachlich evozierter Wirklichkeit in bezug auf die Repräsent­ationsproblematik hervorgerufen: Sein zentrales Paradigma von der “in­dividuelle[n] mentale[n] Konstruktion” (Essl 1) von Wirklichkeit, das ja diametral dem des Habermas’schen Lösungsvorschlags qua Handlungs­theorie der kommunikativen Intersubjektivität entgegengesetzt ist (Haber­mas 1988, 327f.), muß hier einer genaueren Analyse unterworfen werden, zumal es in die formalistische Literaturwissenschaft eingegangen ist, und dort bezüglich experimenteller, resp. Konkreter Poesie mit dem Jargon autopoietischer, d.h. “individueller Konstruktion gesellschaftlicher Selbstwahrnehmung” (Schmidt 1992, 17) Aufsehen erregt hat.[xxx] Und das ist als um so bedenklicher einzuschätzen, da mit diesem Jargon die Front­stellung zwischen einem rechten und linken Flügel in der Konkreten Poesie, wie sie nur als Ergebnis eines intersubjektiven Widerstreits denkbar ist, niv­elliert ist; ergo ein dramatischer Rückfall hinter begriffsgeschichtliche Analysen über Technokratie und Repräsentationskrise zu konstatieren ist. Im wesentlichen ist der Radikale Konstruktivismus nichts anderes, als eine neurobiologistisch zu Ende gedachte Spielart der Evolutionären Erkenntnis­theorie, wobei die methodologischen Defizite jener nicht von dieser auf­ge­hoben, sondern vielmehr dupliziert worden sind.[xxxi] Erkenntnis wird im zeit­genössischen Evolutionsbiologismus in der Perspektive des Neo­darwin­ismus “als Ergebnis gattungsgeschichtlicher Selektion und Anpassung”, (Sandkühler 893) in völliger Außerachtlassung ihrer geschichtlichen Deter­mination, gesehen. Es herrscht somit die Auffassung, daß von Erkenntnis nur i. S. einer evolutiven Welt zu sprechen ist. In diesem Kontext macht sich der unfassbare Jargon, Evolution sei wert- und normfrei-d.h., letztlich nicht zielgerichtet-verständlich, da die zentralphilosophische Auffassung, daß die menschliche Gattung selbst im Laufe ihres Gestaltungsvollzuges die geschichtliche Welt erkennend geformt hat, nicht geduldet werden kann. So betrachtet, ist es für die fundamentalphilosophische Erkenntnistheorie keineswegs Denunziation, sondern kritische Feststellung, wenn sie in der Evolutionären Erkenntnistheorie “die schärfste nachkantische Ent­mündigung des Subjekts, Erkenntnistheorie ohne erkennendes Subjekt, Apologie einer sich bildenden Welt, eingeschlossen eine sich bildende Er­kenntnis, die sich aus sich selbst erklärt”, (895) sieht. In diesem Zusam­menhang verdient der Radikale Konstruktivismus seine Prädikation alleine dadurch, daß er das fatale Mißverständnis einer kopernikanische Wende im Evolutionsbiologismus-Erkenntnistheorie wäre nicht anthropozentrisch, sondern systemisch selbstreferentiell zu deuten-radikal weiterentwickelt: Hatte die Evolutionäre Erkenntnistheorie mit der Eliminierung des Sub­jekts den einfachen logischen Widerspruch “evoziert”, wie denn eine sub­jektlose Theorie über die außenweltliche Evolution Auskunft geben könne, so fällt er nun duplizierend weg, da das “Problem der Außenwelt und ihrer Objektivität” (895) hier sich nicht mehr stellt: Watzlawick et consortes wer­ben unermüdlich mit Parolen wie: “Wie wirklich ist die Wirklichkeit?” (Watzlawick, Wie wirklich 16), denen sie noch das Credo der “erfundenen Wirklichkeit” (Watzlawick, Erfundene pass.) zugesellen. Dabei zieht sich in münchhausenesker Manier der Evolutionsbiologismus als Radikaler Kon­struktivismus aus dem eigenen Sumpf begrifflicher Unzulänglichkeiten und macht so Furore bis in die Geisteswissenschaften, da die Literaturwissen­schaft insbesondere.[xxxii] Das offene Problem der Repräsentation wird zugunsten eines ungelösten Lösungsvorschlags der Selbstreferentialität fallengelassen. Gerade dadurch “entsteht die erkenntnistheoretische Prob­lematik, die der R[adikale] K[onstruktivismus] gelöst zu haben vorgibt”; nämlich wie denn “ein autopoietisches und selbstreferentielles System zu sich selbst in jene Distanz, die Beobachtung vom Beobachteten trennt”, treten könne-denn “das Selbstreferentielle kann sich nicht übersetzen” (Sandkühler 896).

Dies lässt sich auch-und für diesen Kontext: besonders-für die kon­struktivistische Literaturwissenschaft und ihren zentralen Gegenstand der Experimentellen Literatur, die konstruktivistisch determinierte Konkrete Poesie, nachweisen; wird doch aus diesem erkenntnistheoretischen Di­lemma eine “kognivistische” Tugend gemacht:[xxxiii] Schmidt et consortes sind seit Ende der sechziger / Anfang der siebziger Jahren bestrebt, mit ihrem Paradigma der Selbstreferentialität (Autopoiesis) den Literaturbegriff Kon­kreter Poesie heteronom dem Textbegriff des “Gomringerismus” an­zugleichen. Für Bense, Gomringer et al.-das lässt sich aus dem bisher Er­arbeiteten schließen-bedeutet Konkrete Poesie die ahistorische Aufhebung der Grenzen der Repräsentation in die grenzenlose Form der selbstreferentiellen Präsentation ihrer (die bis zum Lob der TV-Werbung reicht);[xxxiv] der Preis dafür ist ein entmündigter Gegendogmatismus vs. dem Dogma des abbildenden Realismus in der Literatur. Besonders an ihren theoretischen Selbstreflexionen kann abgelesen werden, wie sich hier Ex­perimentelle Literatur als “abmaterialisierter” Realismus unter verkehrten Vorzeichen herzuhalten hat.[xxxv] Nun ist zu prüfen, ob sich unter diese Defin­ition tatsächlich auch der Textbegriff der Wiener Gruppe subsumieren läßt; was letztlich auch eine Prüfung des von Schmidt in die neuere Literatur­wissenschaft eingeführten Paradigmas der Selbstreferentialität zur Folge haben wird.

Es ist in dieser Arbeit schon angedeutet worden, daß sich die Wiener Gruppe gegen diese doktrinäre Auffassung von Konkreter Poesie aus­gesprochen hat, wie daß sie aus der Ablehnung heraus einen dem­entsprechenden Literaturbegriff via negationis evoziert hat. Gerade das ist aber in der einschlägigen Fachliteratur, deren Methodik aus einer seltsamen Verquirrelung von Radikalem Konstruktivismus und positivistischer Quellenforschung entspringt, nur allzu gerne mit dem pauschalierten Ver­weis auf Aussagen von Rühm (1985, 24) und Wiener (1968, 241) un­thematisiert geblieben, daß sich experimentelle Formen der literarischen Arbeiten des Dichterzirkels schon a priori nicht auf die eine Konkreter Poesie verengen ließen (Vos 259ff.). So wundert es nicht, daß Arbeiten, die sich das konstruktivistisch-positivistische Analyseverfahren um das Oeuvre der Wiener Gruppe selbst zum Thema eines kritischen Methodendiskurses gemacht haben, hier dessen konsensuellen Akte der strategischen Inter­pretation am Leitfaden der autobiographisch-literarisch gefärbten Texte theoretischen Selbstverständnisses voran,[xxxvi] Seltenheitswert haben. Zu sehr hat doch anscheinend die schwierige Aufgabenstellung abgeschreckt, ver­stehenskonstitutive Paradigmen des Textbegriffes experimenteller Literatur aufzufinden und sie in die methodologische Diskussion einzuführen, als daß nicht tatsächlich der Versuchung nachgegeben hätte werden können, die literarisch gehaltenen Historiografien Bayers,[xxxvii] Rühms[xxxviii] und Wieners[xxxix] mit literaturwissenschaftlichem Jargon zu kolorieren, was als Ergebnis zweifelsohne “unzulässige Verkürzungen aufweist” (Vos 260). Anläßlich einer Philologentagung 1995 in Paris, die “Konflikte - Skandale - Dichter­fehden in der österreichischen Literatur”[xl] zum Thema hatte, resümierte Steinlechner in ihrem Beitrag über die Wiener Gruppe, daß diese in der zeitgenössischen Literaturwissenschaft “als ein Streit- und Vorzeigeobjekt in der Debatte um eine neue österreichische Literatur” (202ff.) gehandelt wird. Daß die Dichtergruppe diesen Status heute erlangt hat, kristallisiert sich als Resultat eines “Überdefinierungsprozesses” eines bislang, wenn nicht gerade verfehlten, so doch unzureichenden, Methodendiskurses heraus: In der Weise, wie sich die Literaturwissenschaft der ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte über das Paradigma der Repräsentationskrise gemäß des Realismusbegriffs Österreichischer Literatur wie der realiter nicht bekannten theoretischen Selbstreflexionen ihrer arealistischen Vertreter ig­norant zeigen wollte oder musste (208f.) (ergo “Progressivliteratur nach 1945”[xli] generell auf Selbstverlage oder allerkleinste Publikationsorgane beschränkt gewesen war)[xlii], verkommt es heute zum gomringerisch stil­isierten, ahistorischen Mythos der selbstreferentiellen Präsentation gewähr den inzwischen rezipierten autobiographisch - literarisch gehaltenen Theorietexten. Ganz abgesehen einmal davon, daß diese, wie etwa das “kanonisch gewordene [...] ‘vorwort’[xliii] Rühms 1967 zum Band die wiener gruppe”, gerade-was ja auch nicht Rühms und der anderen Vertreter Inten­tion gewesen sein mag![xliv]-“nicht so ohne weiteres als ein historisches Protokoll herangezogen und ausgewertet werden [können]” (Steinlechner 204), wie dies aber fast in der ganzen Sekundärliteratur so usus als Basis der allgemeinen “Konsensbildung” (203) geworden ist, geben sie keinen Anlaß, ihren Textbegriff Konkreter Poesie dem von Gomringer indifferent zu se­hen. Ganz im Gegenteil: Vos, der in seinen Forschungen besonders den verharmonisierenden Begriff der Selbstreferentialität (autopoietische Präsentation bei Gomringer)-welcher das offene Problem der (wie es wir nach Foucault benannt haben) Repräsentationskrise aufzuheben wähnt-, in der Konkreten Poesie kritisch analysiert hat (Vos 1984), ist es schon 1987 schlüssig nachzuweisen gelungen, daß die dogmatisch abgesegnete Lit­eraturkritik “fast ohne Ausnahme” (Vos 1987, 262) keinen Unterschied macht zwischen der Gomringerschen, und der bei dem eigentlichen Chef­theoretiker der Wiener Gruppe, Oswald Wiener,[xlv] angeführten, Be­griffsvariante.[xlvi] Gerade die “Reduktion” des Begriffs der Präsentation, der Materialisierung der Sprache bei Gomringer auf Autopoiesis haben Wiener cum suis veranlasst, einen Textbegriff Konkreter Poesie via negationis-negative Präsentation-zu entwickeln: “die Wiener Gruppe sollte sich nach ihm (Wiener) mit den [...] Bedingungen des Sprachsystems als Ganzem, inklusiv von Gomringer und anderen ausgeschlossenen Komponenten, wie die Beziehung Sprache - Welt und die (‘konventionelle’) kommunikative Verwendung der Sprache” (Vos 1987, 267f.) beschäftigen. Und diese Beschäftigung-die “Auseinandersetzungen mit diesen Bedingungen des Sprachsystems” (270)-ist nach Vos-der sich hier auf ein, in der heutigen Forschung völlig zu Unrecht vernachlässigtes, da authentisches, Dokument Bayers[xlvii] beruft-die gemeinsame und übergreifende methodologische Werkkategorie der Gruppe, die sich in ihren literarischen Formen: Dialektdichtung[xlviii], Montage[xlix] und Literarisches Cabaret,[l] die schon deshalb vielmehr als Schwellformen anzusehen sind, denn daß sie in einer konven­tionellen Texttypologie einreihbar wären, niedergeschlagen hat.[li] Es ging also der Dichtergruppe um die “Hinterfragung [...] der Bedingungen der Möglichkeit [...] [von] Sprache” (Stepina 1996, 5).

Das ist aber nur in der differenzierenden Konfrontation mit den tradi­tionellen Sprachmustern des Realismus i. S. einer Thematisierung der Repräsentationskrise als negative Präsentation in der Moderne möglich. Artmann, Achleitner und Rühm haben dies selbst theoretisch anhand ihrer Dialektdichtungen abgesichert; gewähr des gewaltigen Mißverständnisses ihres gemeinsamen Bandes hosn rosn baa (1959); freilich ohne dafür tieferes Verständnis geerntet zu haben.[lii] Selbst in der kritischen Fachliteratur wurde die Bezugsetzung von der Methodik negativen Konkretismus zu ihren liter­arischen Formen vornehmlich für die Montage und das Literarische Cabaret analysiert. Ihre historischen Wurzeln des Dadaismus und Surrealismus sind ja für sichere Beweisführung geradezu prädestiniert, wobei sich das Para­digma der Repräsentationskrise in bezug auf Technokratiekritik vorzüglich anbietet.[liii] So hat man sich bei der Interpretation der Dialektgedichte weit­gehend auf den Hinweis beschränkt, daß es sich bei ihnen um einen entschiedenen Bruch mit ihrer traditionellen Gattung handle und es im all­gemeinen damit belassen, daß es dabei “um eine Exemplifikation von Eigenschaften des Dialektes” (Vos 1987, 371) gehe. Was aber sind die Eigenschaften des Dialekts in bezug auf ihre via negativer Dialektik ge­wonnene konkrete Methodik? Wenn gesagt wird, daß es der eindeutige Ver­dienst der Wiener Gruppe gewesen sei, den Begriff “[n]euere[r] Mundart­literatur” (Fluck 1652) mit ihrer Entdeckung des Dialekts als Experimental­form in die bis dahin traditionell-volkstümlich determinierte Gattung ein­geführt und diese revolutioniert zu haben, so ist das nur analog des sprach­bearbeitenden Zugangs der Gruppe an sich verständlich zu machen. Anal­ysen, die sich hier auf teilwissenschaftliche Fragen der Morphologie und der Syntax versteifen, greifen wenig.[liv] Denn gerade und auch hier untersteht die Sprache der Methodik negativer Konkreter Poesie: Hinterfragung der Bedingungen von Möglichkeit der Sprache i. S. eines Materialisierungs- wie Präsentationsprozesses in Form von “(1) Montagen, (2) Konstellationen, (3) Sprachspiele[n], (4) Abkehr von Reim, festem Versmaß und Strophen­bindung, (5) radikal-phonetische Schreibweise, (6) weitgehende Reduktion auf die Sprache” (Fluck 1653) in Formulierung der Repräsentationskrise. Diese ist bei Artmann v.a. nach maritimen wie (alt)wiener Stoffen und Mo­tiven orientiert,[lv] wie das in dessen med ana schwoazzn dintn[lvi] (Salzburg 1958) nachzuvollziehen ist, oder nach formalistischen Ausrichtungen, wie das nicht nur,[lvii] sondern auch bei Achleitner und Rühm im weitaus radikaleren Gemeinschaftsbands hosn rosn baa[lviii] (Wien 1959)-in dem auch Artmannsche Gedichte veröffentlicht wurden, die zuvor der konservative Otto Müller Verlag sich nicht abzudrucken getraute-der Fall ist. Das über­greifende Moment zwischen eher poetischer oder eher formalistischer Bearbeitung des Dialekts ist die Arbeit mit dem Sprachmaterial an sich. Wird diese nicht als Teil der gesamten literarischen Arbeiten und sprach­philosophischen Reflexionen begriffen, gehen historisch bemühte Inter­pretationen um das Dialektgedicht der Dichtergruppe nur allzu leicht fehl.[lix] Theoretisch Aussagen Achleitners, wie: “eine dichtung, die sich auf die spezifischen möglichkeiten der sprache beruft, hat es auch wieder möglich gemacht, den dialekt zu gewinnen” (141) und Rühms, wie: “wir begannen uns [...], in einem stadium der auseinandersetzung mit der sprache, für den dialekt zu interessieren. er stellte für uns einen (in unserem sinne) noch un­entdeckten sprachbereich dar”, (143) die zwingend in das Interpretations­feld des Paradigmas der Repräsentationskrise verweisen, das sich als Hinter­fragung der Bedingungen der Möglichkeit von Sprache statuiert, können dann nicht mehr adäquat behandelt werden.[lx] Ebenso inadäquat verhält es sich auch bei derjenigen Interpretationslinie, die der Meinung ist, daß an­hand der “visuellen Qualitäten” von Dialektgedicht Achleitners und Rühms diese der (Gomringerschen) Auffassung Konkreter Poesie “im engeren Sinne zuzuordnen wären” (Fischer und Jäger, 629ff.). Gerade, wenn der Materialaspekt des Dialekts hier in der gängigen Fachliteratur zurecht be­tont wird, so darf doch aber nicht vergessen werden, daß seine Wurzeln keineswegs, wie das Gomringer bei Achleitner nachzuweisen versucht hat, (“charakteristika” 127)[lxi] in einer selbstreferentiellen Textfunktion liegen, sondern gerade in der via negationis gewonnenen Hinterfragung einer sol­chen.

Anmerkungen

Diese Arbeit wurde durch eine Subvention des Magistrats der Stadt Wien-Magistratsabteilung 7 (Kultur)-für den Verein inuit productions gefördert.


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[i] Aus der Fülle der Diplomarbeiten und Dissertationen, die vor lauter Euphorie über ihren Gegenstand nicht die methodologische Problematik seiner Erfassung sehen, heben sich wohltuend jene wenigen Arbeiten wie die von D. Kessler (pass.), S. Lenz (92ff.) und W. Haas (241ff.) ab, die sich mit der Rezeptions- wie Interpretationsproblematik der Konkreten Poesie ernsthaft auseinandersetzen.

[ii] Achleitner, Bense, Bremer, Döhl, Gappmayr, Gomringer, Heißenbüttel, Hj. Mayer, Mon, Rot, Rühm, Schäuffelein und Thomkins sind Universitäts-, bzw. Hochschulprofessoren, Dozenten, Akademische Räte und Univ.-Lektoren. (Quelle: Gomringer, pass.)

[iii] Cf.: Gomringer (1960) “es gibt immer wieder interpreten von konkreten gedichten, die glauben, dem gegenstand nur dadurch gerecht zu werden, dass sie ihn ausdeuten, so wie man konventionelle dichtung ausdeutet, das heisst, sie stellen ihn in historisch-kausale zusammenhänge [...]” (34f.). Von ihm stammt auch die schlagfertige Definition: “konkret dichten heißt [...] bewußt mit sprachlichem Material dichten” (32). Gomringer ist hier deshalb hervorzuheben, weil er ja bekanntlich seit Mitte der fünziger Jahre unermüdlich Vorträge gehalten und theoretische Reflexionen verfasst hat, was unter dem Textbegriff der Konkreten Dichtung zu verstehen ist (cf. die o.-zit. Anthologie). Ein ähnliches Engagement ist auch bei Rühm nachzuweisen, der seit Auflösung der Wiener Gruppe, hervorgerufen durch den tragischen Freitod Konrad Bayers (1964), immer wieder versucht, das durch die Boulevardpresse verzerrte Bild der Dichtergruppe zu rehabilitieren, sei es anhand von Vorträgen, biographisch gefärbten Theorietexten oder Symposien (cf. die Lit.ang. in analogen Fußnoten zum Text, pass.)

[iv] Einen guten Überblick über die damalige Situation gibt die Aufsatzsammlung Vom ‘Kahlschlag’ zu ‘movens’, in der einige Verteter Konkreter Poesie-u.a. Mon (“Meine fünfziger Jahre,” 37ff.), Heißenbüttel (“‘Meine’ oder die ‘die’ fünfziger Jahre”, 55ff.) und Rühm (“Zur ‘Wiener Gruppe’ in den fünfziger Jahren”, 62ff.)-über diese Zeit autobiographisch referieren.

[v] Wiewohl sie bis heute in Boulevardblättern, was sich paradigmatisch am Phänomen der Wiener Gruppe, zumal ihr im deutschsprachigen Literaturbetrieb der größte Öffentlichkeitsstatus in dieser experimentellen Richtung zuerkannt wird (cf. Kessler 141ff.), immer noch gern gesehener Gegenstand ist, um an ihr die Exempli des spießbürgerlich guten Geschmacks zu statuieren. Cf. dazu paradigmatisch, Jahre nach der Auflösung der Gruppe, den in den Printmedien hofierten Skandal um die Veröffentlichung des Gesamtwerks im Jahre 1967 (die wiener gruppe), ausgelöst von dem subventionierten Staatsdichtern Fink, wie in der Folge auch von Eisenreich. Die Kontroverse, in der Rühm und Wiener in bestechender Argumentation die wahren, d.h. intrigant-selbstgefälligen, Motive eines Fink “und die [der] zahlreichen andern vögel seines schlags” (Wiener, “Kontroverse”, 239) aufzudecken wussten, ist unter dem Titel: “Die Wiener Gruppe, Eine Kontroverse” im Neuen Forum wiedergegeben worden (dort kommen auch noch Fritsch und Achleitner zu Wort). Noch trauriger und beschämender als dieses Vorgehen ist, daß über die Veröffentlichung der Sämtlichen Werke von Konrad Bayer-eines Schriftstellers, “dessen genie ihn in jedem kulturland der erde zu einem der erfolgreichsten gemacht hätte”, und dessen Selbstmord nach Wiener “die hiesige kulturbande [1968; Vf.] [...] an erster stelle [...] zu verantworten hat” (Wiener, “Kontroverse”, 240)-noch 1985 ein Artikel veröffentlicht werden konnte, der in ehrenbeleidigendem Stil-Bayers Texte wären “schlicht und einfach schlecht”, reichten “kaum über das Niveau einer durchschnittlichen Maturazeitung” hinaus, seien “simpel als Ergebnis einer mehr oder minder b’soffenen Hetz [zu] verstehen” etc.-das Andenken Bayers in den Dreck zerrt (hair 70).

[vi] Wieweit das auch für Deutschland-es sei hier bloß an Bense und Gomringer gedacht, die die Konkrete Poesie z.B. auch in der Werbung hoffähig gemacht haben (cf. Kessler 110f.; cf. auch Anm. 34)-gelten mag, so hat sich die Kulturgebung in Österreich auch nach den Jahren der Repression, in den Siebzigern, nicht eindeutig genug zu dieser experimentellen Literaturform und ihren Vertretern bekannt: Zwar wurde Konkrete Poesie, wohl motiviert durch den großen Erfolg des Sprachbastelbuchs, in den späten siebziger Jahren in Österreich als elementarer Bestandteil experimenteller Literatur für den Deutschunterricht anempfohlen. Cf. dazu: Pichler, pass., und Gindelhumer. Der Umstand, verharmloste Versionen experimenteller Literatur in österreichisches Schulgut aufzunehmen, soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß den kompromißloseren Vertretern der Konkreten Poesie in Österreich, denen in der Wiener Gruppe-obwohl sie sich keineswegs alleine auf diese Literaturgattung beschränkten, auch noch Jahre nach ihrer Auflösung-fast jedwede staatliche Subvention versagt blieb, und überdies Rühm und Wiener, da sie seit den späten 60er Jahren ihre Arbeiten enger am Wiener Aktionismus banden, als latent staatsgefährdend angesehen wurden; und letztlich beide ihre künstlerischen Tätigkeiten nach Deutschland verlagern mussten, wo sie heute angesehene Plätze in der Literaturlandschaft einnehmen. Eine gute Übersicht zu diesem Thema bieten: G. Rühm, “von der wiener gruppe zum berliner kreis”, sowie: E. Fischer und G. Jäger, “Von der Wiener Gruppe zum Wiener Aktionismus.”

[vii] Strikte Ablehnung kennzeichnet sich dadurch aus, daß sie schon a priori darauf aus ist-wie das Friedrich in seinem Standardwerk Die Struktur der modernen Lyrik mustergültig für die konservative Literaturwissenschaft und Germanistik getan hat-Konkrete Poesie wie folgt zu denunzieren und aus der modernen Literatur auszustoßen: “Die sogenannte [!] ‘Konkrete Poesie’ mit ihrem maschinell ausgeworfenen Wörter- und Silbenschutt kann dank ihrer Sterilität alllerdings völlig außer Betracht bleiben” (13). Den Zusammenhang zwischen völligem Unverständnis gegenüber experimenteller Literatur und unreflektiert negativer Kritik haben besonders Kessler (9ff.) und Lenz (108ff.) herausgearbeitet. Dieser Zusammenhang, der bloß sein Vorzeichen in unreflektiert euphorische Kritik umwandelt, ist dem Rezipienten besonders bei Diplomarbeiten und Dissertationen nachvollziehbar, die das Grundproblem methodischer Texterfassung mit historisch umrankten Zusammenfassungen des Literaturbegriffs Konkreter Poesie-seine Wurzeln seien im Dadaismus und im Surrealismus zu finden etc.-umgehen: In diesem Kontext hat ja P. Bürger in seiner Theorie der Avantgarde schlüssig am Intentions- und Produktbegriff nachgewiesen, wie äußerst problematisch eine Geschichtsanalogie zwischen alter und neuer Avantgarde ist (80). Freilich gibt es auch hier sehr engagierte Arbeiten, wie paradigmatisch etwa die von A. Droschl.

[viii] Zum Theorie-Praxis-Problem der Konkreten Poesie, nämlich daß dem Rezipienten eine literarisierte Form von Theoriereflexionen gegenübersteht, deren “Addition der in ihnen enthaltenen Aussagen als Summe eine Theorie” (33) noch nicht ergibt, hat als einer der ersten Kritiker van der Auwera in seinem Aufsatz: “Theorie und Praxis Konkreter Poesie” abgehandelt.

[ix] Und genau das macht das Niveau eines Standardwerks aus, anstatt kommentarlos Texte unter dem Titel Konkreter Poesie u.ä. aneinanderzureihen, wie das in den neuesten Anthologien, etwa in den linzer notate[n]-positionen oder im Lotbuch a, leider so usus geworden ist. Denselben Vorwurf muß sich auch übrigens die von Gomringer für Reclam herausgegebene Anthologie konkrete poesie-deutschsprachige autoren gefallen lassen, zumal hier der Literaturbegriff Konkreter Poesie nur aus selbstreflexiv-literarischen Theorieansätzen von Gomringer u.a. (153ff.) erklärt wird, während ein korrektives Gegenüber kritischer Stimmen gänzlich fehlt. Neben Kopfermanns Anthologie ist noch die zweibändige Ausgabe von Text + Kritik, Zeitschrift für Literatur (Heft 25/Jan. 1970; Heft 30/April 1971) als empfehlenswerte Möglichkeit zur ausgewogenen Auseinandersetzung zu nennen.

[x] IX-LI handelt über die zentralen Theorie- Begriffe der Konkreten Poesie ab; die da sind: Konkrete Poesie; Realität; Subjekt; Sprache; Denkstrukturen.

[xi] Deswegen ein erstaunliches Resultat, da sich die Mehrheit interpretatorischer Ansätze weder, wie es hier der Fall ist, auf eine systemische Analyse der zentralen Begriffe dieser Literaturgattung einlässt, noch ein Werkparadigma zur Aufschlüsselung ihres begriffsgeschichtlichen Hintergrunds sucht, sondern sich rein auf eine deskriptiv - analytische Methode verlässt, die von historischen Aufarbeitungen der theoretisch - literarisierten Selbstreflexionen der Dichter, welche aber ihrerseits nicht als historisch vergütete Dokumente angesehen werden können, sondern als via negationis konventioneller Dichtung erarbeitete Rechtfertigungs- und Absicherungsstrategien, lebt. Cf. dazu paradigmatisch die hervorragende Arbeit Steinlechners, die am Beispiel der Wiener Gruppe schlüssig machen konnte, wie es in der zeitgenössischen Literaturwissenschaft zu solchen konsensuellen Akten der Theorieanalyse und Textinterpretation kommt.

[xii] Cf. neben der vorzüglichen Dissertation Kesslers auch die Co-Kritiker von Kopfermann: Kostal (113ff.), Helms (120ff.), Heinrichs (125ff.) und Hartwig (134ff.) wie van der Auwera (33ff.). Der Begriff technikästhetischen Arbeitens wurde in bezug auf das künstlerische Schaffen bei Max Bense erst neuestens einer Analyse unterzogen; cf.: C. K. Stepina, “Kunst als ideelle Produktion ökonomischer Verhältnisse” 130ff.

[xiii] Dazu konstatiert H. Moser daß “besonders seit 1945 vor allem auf Grund der industriellen Entwicklung unseres Jahrhunderts [...] die technische Fachsprache [...] der wichtigste Faktor in der Entwicklung der Lexik der deutschen Sprache ist”, wobei im heutigen Deutsch bereits jedes zehnte Wort aus der Technik stammt (1697).

[xiv] Habermas erste grundlegende Auseinandersetzung mit der Technokratiethese erfolgte in Technik und Wissenschaft als Ideologie, pass.

[xv] Cf. dazu: C. K. Stepina, “Darlegung der Lebensweltphilosophie von Jürgen Habermas.”

[xvi] Vor allem deshalb nicht, weil seine sprechakttheoretische Prämisse, daß verständigungsorientierter Sprachgebrauch Voraussetzung für erfolgsorientierten sei (Habermas [1981], I, 44ff.) ein kommunikationstheoretisches Ideal ist, daß sich nur äußerst bedingt an der empirischen Wirklichkeit systemischer Gesellschaftsbereiche, in der nun einmal Funktionalimperative deshalb vorherrschend sind, weil sie adäquate Leistungen erbringen, bewahrheiten könnte. Cf. dazu: McCarthy 532f. / 580ff.

[xvii] Habermas versuchte das nach seiner ersten Auseinandersetzung mit der Technokratiethese an sich (cf. Anm. 14) in ein systematisches Kritikkonzept bei Weber als paradigmatisches Grunddefizit der in der technologisch-wissenschaftlichen Revolution eingebetteten Sozialwissenschaft nachzuweisen, indem er ihr eine Verengung des Begriffs von Rationalität auf Zweckrationalität diagnostizierte (Habermas [1981], I, 225ff.).

[xviii] Folgende generalia sind hier zu erstellen: a) Textformen: Ideogramm, Konstellation, Dialektgedicht, Palindrom, Typogramm, Piktogramm und Raumgedicht (Gomringer, “charakteristika” 123ff.). Gomringer hat hier die wesentlichsten Formen angeführt; Mischformen, die performance, happening, fluxus oder environment tangieren, entgrenzten den Textbegriff derart, daß sie nicht unter diesem subsumiert werden (cf. auch: Gomringer, 1972, 6). b) Techniken: Am prägnantesten hat Kopfermann sie thematisiert: “Reduktions-, Reproduktions- und Kombinationsverfahren, aus denen die Konkretisierungsprozedur besteht: Reduktion auf Elemente, Reproduktion sprachlicher Versatzstücke (Vorformulierungen, Zitate) und Kombination der Elemente zu neuen Konstellationen” (Kopfermann XI).

[xix] Die Crux Konkreter Poesie ist ja die, daß Sprache in ihr nichts anderes darstellen oder zeigen soll, als sich selbst; d.h. ihr Material: Präsentation statt Repräsentation der Sprache; wobei hier aber zu unterscheiden ist zwischen einer Präsentation, die in Selbstreferentialität aufgehoben ist (Gomringer et al.) und einer, die auf der Basis der Repräsentationskrise sich vollzieht (Wiener Gruppe). D.h., Kopfermann steht-wie jedem Kritiker-letztlich zur Klärung der Bedeutungsebenen Konkreter Poesie alleine das literarisierte Theoriematerial gegenüber; wobei er allerdings die Differenz zwischen einer affirmativen Konkreten Poesie im Stile Gomringers und einer, dieser via negationis fundamentierten im Stile der Wiener Gruppe völlig übersieht (dementsprechend fahrlässig wurden auch die (Theorie-)“Texte [...] der konkreten Poeten der Wiener Gruppe [...] weniger berücksichtigt” (L).

[xx] Dort wird Kriwet als Galleonsfigur einer “immanent - verdeckt[en[“, Gomringer einer “immanent - positiv[en]” Position analysiert. Benses Position, die zwischen den beiden hin und her oszilliert, ist ausführlich bei Kessler (143ff.) wie jüngstens bei Stepina (1995, 133f.) dokumentiert. Wie weit Kopfermann sich dem selbsterzeugten Diktum, Konkrete Poesie sei kapitalistische Systemideologie, vollkommen unterwirft, ist anhand der dritten Positionsbestimmung, die “(immanent)-kritische” bei Heißenbüttel (XVIIff.) und Mohn (XXXVIIff.), endgültig ersichtlich: Er sieht sie von Freyer her gebunden; auch sie wird letztlich des Vorwurfs der Systemaffirmation nicht freigesprochen.

[xxi] Neben Benses (cf. Stepina, 1995, 133f.) und Kriwets (s. Anm. 20) theoretischen Äußerungen, lässt sich in besonderer Klarheit an einem Theorietext von Gomringer (1958, 21ff.) nachweisen, wie der Begriff der Technokratiethese auf Verengung von Rationalität auf Zweckrationalität, als in sich aufgehobene Präsentation qua Selbstreferenz, verweist und somit das Paradigma der Repräsentationskrise daselbst entmündigt: In der Proklamation heißt es, daß der Repräsentationscharakter der Sprache der “klassisch-humanistischen ganzheitsauffassung” mit ihrem Präsentationscharakter des “technologischen Spezialismus” der Moderne kollidiere (Pkt. 2, 3, 4) und so, Gomringer stützt sich hier auf Bense (Pkt. 5), eine “neue synthetische rationalität” (Pkt. 5, 6) auf den Plan rufe, die beide Charaktere in sich aufzuheben wüßte. Diese wird aber de facto nicht nach den Prinzipien interssubjektiver Kommunikations- und Verständigungsleistungen konzipiert, sondern nach den autopoietischen Regeln der Kybernetik und des Radikalen Konstruktivismus, deshalb ist der Dichter “berater des ingeneurs” (l.c.) einer systemisch dirigierten Welt. Insoferne gilt der Vorwurf Kopfermanns zurecht, muß aber im Lichte des in unserem Text ausgeführten Paradigmenwechsels betrachtet werden, zumal sich zeigen wird, daß die Wiener Gruppe die von Gomringer in dessen sprachphilosophischen Überlegungen ausgeschlossenen Elemente (Konvention, Tradition, Intersubjektivität etc.) in ihren Sprachreflexionen zugunsten der Thematisierung der Repräsentationskrise aufgenommen hat (cf. auch die Anm. 18, 23 u. 45ff.).

[xxii] Für das fast vollständige Aussetzen theoretischer Selbstreflexion während des Bestehens der Wiener Gruppe (Ausnahmen, cf. Anm. 36) hat sich in der Sekundärliteratur der Erklärungsversuch Hartungs durchgesetzt: “Im Vergleich zur deutschen und schweizer Linie des literarischen Experiments ist [bei der Wiener Gruppe; Vf.] die geringe Neigung zur Theoriebildung bemerkenswert. Das mag verschiedene Gründe haben: die Tendenz zur Provokation, die durch theoretische Vermittlung entschärft worden wäre; die direktere, sinnlichere Beziehung zum sprachlicheren Material, gefördert u.a. durch Beschäftigung mit nicht-literarischen Disziplinen wie Musik (Rühm) und Architektur (Achleitner); und nicht zuletzt die Tatsache, daß es für die theoretische Reflexion ein Ventil im Gruppengespräch gab” (75).

[xxiii] Ihre Vertreter haben sich dagegen immer verwehrt, daß ihr künstlerisches Schaffen alleine unter dem Begriff Konkreter Poesie i.S. eines auf Systemaffirmation reduzierten wie bei Gomringer et al. zusammengefasst werden könnte; wie darauf verwiesen, daß sich ihr diesbezüglicher Textbegriff in Negation dazu geformt hat. Neben eindeutigen Statements von Wiener (die wiener gruppe, 1985, 401; “die Wiener Gruppe-eine Kontroverse” 241) und Rühm (1985, 24)-hat sich vor nicht allzu langer Zeit Achleitner rückblickend im Namen der Gruppe dezidiert gegen “dieses Geläuterte, leicht Doktrinäre von Gomringer” ausgesprochen: “Ja, wenn sich ein solches System [!; scil.: die Dichtung Gomringers; Vf.] nicht selbst in Frage stellt, dann ist es nicht lebensfähig” (Schlösser 19). Es ist geradezu wegweisend, daß auch Heißenbüttel, der in einem ähnlichen Kontext zur Konkreten Dichtung steht, ebenfalls Gomringer angreift; und zwar dessen Elitebegriff vom Dichter als Ingenieur des Sprachformalismus schlechthin (133). (Hier trifft sich ja Gomringer exakt mit Bense; cf. Stepina 1995, l.c.).

[xxiv] Cf. die programmatischen Aufsätze Gomringers in seiner Anthologie, wie besonders das darin enthaltene, für den bundesdeutschen Literaturraum wegweisende Manifest: vom vers zur konstellation (7ff.), das nach Kessler (Gomringer hat dies persönlich bestätigt; cf. Kessler 105) eine erweiterte Fassung eines unbetitelten Artikels in der Neuen Züricher Zeit vom 31. 7. 1954 ist. In dieser Arbeit setzt sich Gomringer-für diese Zeit in Deutschland wohl neben Bense einmalig-mit der Konfrontation von Repräsentation und Präsentation der Sprache auseinander, wobei er für die letztere Darstellungsform, ausgehend von den Leistungen der Amerikaner “e. e. cummings und william carlos williams” (9), die Konstellation (pass; bes. 10) als paradigmatisch betrachtet.

[xxv] Cf. die zahlreichen Belege von Theorietexten Konkreter Poeten bei Kopfermann (93-112). (Dort auch Rühm, 93ff.). Cf. auch die beiden Bände von Text+Kritik über Konkrete Poesie, pass. Da sich diese Arbeit nicht als eine Einführung zur Konkreten Poesie, sondern als Beitrag zu ihrer Methodendiskussion versteht, fallen hier geschichtliche Abriße wie Textbeispiele weg. Diese sind bei Kessler systematisch vorgestellt wie analysiert worden. Der Literaturwissenschaftler S. J. Schmidt prägte für die extremste Form der Sprachpräsentation, in der “[d]as Material [...] zum Wortfragment, zum Buchstaben [...] oder zum Laut” reduziert wird, “den Begriff ‘Konkrete Semantik’ [in: Konkrete Dichtung: Theorie und Konstitution, I. 19f.; Vf.] und meint damit das Konzept der Konkretisierung durch Entfunktionalisierung sprachlicher Elemente, d.h. sie werden aus dem funktionalen Zusammenhang herausgenommen” (Kessler 205ff.).

[xxvi] Obwohl Kopfermann hier den Präsentationsbegriff eingeführt hat, führt er ihn nicht auf die historische Repräsentationskrise zwischen Neuzeit und Moderne zurück, sondern überträgt ihn zugleich auf das gomringerische Paradigma des Technokratischen (pass.). Zu den Formen und Techniken Konkreter Poesie: cf. Anm 18.

[xxvii] Die Ordnung der Dinge: Eine Archäologie der Humanwissenschaften, 7. In dieser Arbeit, die als Foucaults erstes Hauptwerk gilt (orig.: Les mots et les choses. Une archéologie des sciences humanes, Paris 1966), wird die Wissenschaft vom Menschen in das Zentrum seiner Überlegungen gestellt. In Rekurs auf sprachphilosophische Überlegungen wird diejenige Prämisse ausgezeichnet, daß der Mensch erst im 19. Jh. als empirischer Gegenstand der Wissenschaftsforschung wahrgenommen wird. Nach Foucault hat das im wesentlichen damit zu tun, daß die klassische Episteme und ihr Zeichenbegriff der Repräsentation im 19. Jh. von der modernen Episteme und ihrem Zeichenbegriff der Präsentation abgelöst werden. Als Pionierwissenschaften der Präsentation-d.h. Wissenschaften, die im Zuge der wissenschaftlich-technischen Revolution sich besonders als formalwissenschaftlichen Prinzipien geeignet herausgestellt haben-, werden v.a. die Ökonomie und die (Evolutions-) Biologie gesehen, die schon für das 20 Jh. im Ansatz eines bewiesen haben: Die eigentlichen Humanwissenschaften wie Anthropologie, Soziologie etc. geraten in Abhängigkeit zu jenen positivistisch ausgerichteten Ideologien ihrer, die nicht mehr den Menschen per se, sondern seine in gesellschaftlichen Strukturen eingeschriebene Identitäts- und Zeichenkrise thematisieren: So kommt es nach Foucault, der deswegen des Vorwurfs des Strukturalismus bezichtigt wurde (Vorwort zur deutschen Ausgabe, 15f.), daß in den formalisierten “Humanwissenschaften”, hier: die Ethnologie und die positivistische Sozialwissenschaft, vom Ende des Menschen, somit auch vom endgültigen Abschied seiner Repräsentationsfähigkeit als er, der er selbst sich vertritt, gesprochen wird. Wieweit diese Überlegungen sich in unserem Kontext um Konkrete Poesie-als Paradigma formalisierter Dichtung-fügen, ist schon daran ersichtlich, daß die konstruktivistische Literaturwissenschaft, namentlich in letzter Zeit etwa mit der Anthologie S. J. Schmidts (DER KOPF, DIE WELT, DIE KUNST), den Begriff der Humanwissenschaft mit dem einer realiter dehumanisierten Weltanschauung des Radialen Konstruktivismus zusammenbringen kann.

[xxviii] Mit Heidegger ist unter “repraesentatio” das Vermögen seit der Neuzeit bis ins 18. Jh. zu verstehen, “das Vorhandene als ein Entgegenstehendes vor sich [zu] bringen, auf sich, den Vorstellenden zu, [zu] beziehen und in diesen Bezug zu sich als den maßgeblichen Bereich zurück[zu]zwingen” (89). Heidegger rechnet dieser Zeitspanne in der Menschheitsgeschichte also die seinskonstitutive Leistung zu, daß durch den “vorstellend - herstellende[n] Menschen” (87) das Seiende der Welt erst hervortritt: Im Akt des Vorstellens wird das Seiende erst als solches verfügbar; d.h. durch Akte zweckgebundener und instrumentaler Rationalität kalkulierbar und gefügig gemacht. Diese Descartes’sche Seinsgewißheit, die mit Hegel idealistisch und mit Marx materialistisch systemaffirmativ dem Denken seinen technischen Handlungsvollzug beistellt (cf. Stepina, 1995, Abt. A, pass.; Abt. B, 145ff.), beginnt sich aber mit der Abkoppelung und Verselbstständigung der Technik dem Menschen zu entziehen und ihn zu beherrschen wie alsdenn zu repräsentieren; statt umgekehrt. Sowie auch Heidegger die Strukturen der Krise der Repräsentation am Vorabend des 19. Jhds. zu durchschauen vermag, bleibt er gegenüber einer emanzipatorischen Sicht ihrer für die heute Zeit denkwürdig blind: Dem Menschen des Heute (1938), so der Chefideologie nationalsozialistischer Ontologie (cf. Leske), wird eine-übermenschliche...-Forderung nach stoischer Aufgabe seiner verschrieben: Denn der Wahrheit des Seins wird der “Mensch dann übereignet, wenn er sich als Subjekt überwunden hat, und d.h., wenn er das Seiende nicht mehr als Objekt vorstellt” (110, Zus. 14). Dieses pseudohumanistische Ideal einer deutschen Götterdämmerung auf den nackten Boden historischer Tatsachen zurückgeführt, ist mahnendes Beispiel dafür, wohin das falsche Bewußtsein eines richtig konstatierten Sachverhaltes führen kann.

[xxix] “Es wäre falsch, in diesem allgemeinen Index der Erfahrung, den man als ‘Formalismus’ bezeichnen könnte, das Zeichen des Austrocknens, des Selterwerdens des Denkens zu sehen, das unfähig wäre, die Fülle der Inhalte zu erfassen. Es wäre ebenso falsch, ihn sofort an den Horizont eines neuen Denkens und eines neuen Wissens zu stellen” (459).

[xxx] Es sei hier nur auf die zahlreichen Aufsätze konstruktivistischer Literaturwissenschaft von S. J. Schmidt verwiesen, der alleine bis 1992 über 30 gezählte Schrifttümer zu diesem Thema produziert hat (cf. Schmidt 1992, 360ff.).

[xxxi] In diesem Abschnitt wird einem Text H. J. Sandkühlers gefolgt werden.

[xxxii] Cf. Schmidt 17. Sowie vor kurzem: M. Flacke, Verstehen als Konstruktion: Literaturwissenschaft und Radikaler Konstruktivismus.

[xxxiii] S. J. Schmidt, der Chefideologe unter den Konstruktivisten in der deutschen Literaturwissenschaft, verordnet der “Kunst der Moderne [...] Selbstbeschreibung [als] Selbstwahrnehmung, Auto-Aistheisis.” In der Konkreten Poesie-das wird an Gappmayr exemplifiziert-wird sodenn ihr “Gegenstand-Sprache-nicht argumentativ [Synonym S.s für repräsentativ; Vf.] benutzt, sondern präsentativ”, was zur Folge hat, daß “Wörter ohne Kontext [...] ihre Materialität aus[falten], die im Text- und Kommunikationskontext hinter Sinn und Bedeutung verschwindet” (1992, 248ff.)

[xxxiv] Bekanntlich haben sich ja Bense und Gomringer besonders auch in der Werbebranche mit ihren zum Quick-Gag mutierten konkreten Texten engagiert (cf. Kessler, l.c.). Schmidt hat sich erst vor kurzem mit diesem Thema in seinem Buch Die Geburt der schönen Bilder: Fernsehwerbung aus der Sicht der Kreativen freilich sofort auf den Zeitgeist verkürzt, auseinandergesetzt. Cf. auch: Schmidt, “Werbewirtschaft als soziales System.”

[xxxv] Es ist kennzeichnend für die Schmidtsche Literaturwissenschaft, daß die ineinander verzahnten Kampfbegriffe Systemtheorie, Radikaler Konstruktivismus und Konkrete Poesie keinen Platz mehr für eine undogmatische Sicht zum Textbegriff experimenteller Literatur an sich zulassen: Das Paradigma der Krisis von Repräsentation, aber auch von der Technokratie wie von der (Zweck-) Rationalität, aus welchen sich doch erst eine intersubjektive Konfrontation um literarische Interpretationen erschließen ließe, spielt in der schönen neuen Welt der Imagination, der Simulation und der Konstrukte des postmodernen Ego keine wesentliche Rolle mehr. Cf. paradigmatisch die Anthologie von S. J. Schmidt (Hg.), Literaturwissenschaft und Systemtheorie: Positionen, Kontroversen, Perspektiven, pass.

[xxxvi] Als solche können während des Bestehens der Gruppe genannt werden (keine Garantie auf Vollständigkeit): 1.) H. C. Artmann, “acht punkte proklamation”, [1953] (zuerst erschienen in Bayer, “hans carl artmann”; wieder abgedr. in: Rühm 21985, 9f. (dort erscheint, entgegen zu Bayer und Artmann [1969], der Text in Kleinschrift). 2.) Konrad Bayer: 1. “hans carl artmann und die wiener dichtergruppe”, [1964], hier zit. n. Bayer, Sämtliche Werke, 347ff. 2. “the vienna group”, [1964], hier zit. n. Bayer, Sämtliche Werke, 356f. 3.) Gerhard Rühm, “dialektdichtung.” [Wiener, O., “das coole manifest”, [1954] Verlustig. Cf. Rühm 21985, 13] 4.) Friedrich Achleitner, H. C. Artmann und Gerhard Rühm, o.T. [Theoretische Selbsterklärungen zu ihren Gedichten im Wiener Dialekt] zum Band hosn rosn baa: friedrich achleitner, h.c. artmann, gerhard rühm, 141 (Achleitner), 142 (Artmann), 143 (Rühm). 5.) Friedrich Achleitner, Gerhard Rühm, “materialien zu super record extra 100, böhlervokabular: text für das programmheft” [1961]. 6.) Als sprachphilosophische Traktakte in literarisierter Form können angesehen werden (cf. Bucher, 119ff.): K. Bayer und O. Wiener, “die folgen geistiger ausschweifung. Vortrag für zwei personen”, [1960/1964], in: Rühm 21985, 319ff. K. Bayer und O. Wiener, “starker toback. kleine fibel für den ratlosen” [1962] (zuerst erschienen in: dead language press, paris 1962 =Fiktion, denn eigentl. Wien 1962, Selbstverlag, wieder abgedr. in: Rühm 21985, 327ff.).

[xxxvii] Cf. Anm. 36, Pkte. 2, 6.

[xxxviii] Cf. Anm. 36, Pkte. 3, 4, 5. Als wichtigste theoretische Texte nach der Auflösung der Wiener Gruppe sind in diesem Kontext zu nennen: “vorwort”, (I) [über und in memoriam Konrad Bayer][1965], in: Bayer, SW I, 8ff. “vorwort”, [zur Wiener Gruppe] [1967], in: Rühm, die wiener gruppe 7ff. [Beitrag in:] “Die Wiener Gruppe. Eine Kontroverse”, 1968, “zur ‘wiener gruppe’ in den fünfziger jahren” 1980. “von der wiener gruppe”, 1992, (= erw. Fassung von: zu gemeinschaftsarbeiten der ‘wiener gruppe’, in: die wiener gruppe (Buchebner-Gesell.), 187ff.)

[xxxix] Cf. Anm. 36, Pkt. 6. Als Haupttexte von Wiener zur Wiener Gruppe gelten: “Einiges über Konrad Bayer. Schwarze Romantik und Surrealismus im Nachkriegswien”, sowie: “das ‘literarische cabaret’ der wiener gruppe”, und “Wittgensteins Einfluß auf die ‘Wiener Gruppe.’”

[xl] Hg. v. W. Schmidt-Dengler, J. Sonnleitner u. K. Zeyringer.

[xli] Zur Situation der Österreichischen Avantgardeliteratur nach den Nachkriegsjahren, cf. besonders die Pionierarbeit von A. Okopenko, “Die schwierigen Anfänge österreichischer Progressivliteratur nach 1945.” Gewähr der Stellung des Autors als Vertreter dieser Literatur wird ein Insiderwissen über Gruppierungen (5ff.) und ihre Bindungen an die wenigen Publikationsorgane wie “Plan” (1) und Nachfolgeorgan “Neue Wege” (2ff.) gegeben. Obwohl gerade die versuchte Formationsbestimmungen des Lektorats wie Arbeitskreises der Neuen Wege in “rechten” (Dienel et al.) und “linken Flügel” (Artmann et al.) wie Mitte (selbstverständlich: Okopenko et al.) (5f.) geradezu etwas schulmeisterliches an sich hat, während die Beschreibung der “vierten Formation, im Zentrum die Wiener Gruppe” (16), ein eher mangelhaftes Bild gibt (“Artmanns Gefährtin Erni Wobik” (15) als nominelles Mitglied der Gruppe zu beschreiben, entbehrt jeder Grundlage). Einen interessanten Einblick in die damaligen Publikationsbedingungen gibt H. Lunzer, “Der literarische Markt von 1945 bis 1955.” Einen generelle Analyse über diese Zeit, mit stärkerer Betonung der Wiener Gruppe, gibt R. Wischenbart mit seiner Arbeit: “Zur Auseinandersetzung um die Moderne. Literarischer ‘Nachholbedarf’ - Auflösung der Literatur.” Zu den spezifischen Publikationsbedingungen der Wiener Gruppe, cf. Rühm, “vorwort”, 21985, pass.

[xlii] So nannten etwa Bayer und Wiener als Herausgeber für eine ihrer Arbeiten, nämlich “starker toback” (cf. Anm. 36, Pkt. 6) die fiktionäre dead language press (angebl. Paris 1962), die aber in Wirklichkeit im Selbstverlag gedruckt wurde (ein Exemplar liegt an der Univ. Klagenfurt auf). Wie genau es die Kritiker mit der Quellenforschung nehmen, ist daran ersichtlich, daß die Koketterie selbstredend von Rühm im vorwort, Seite 33, übernommen wurde, sich so in der gesamten Sekundärliterarur auch wiederfindet (cf. paradigmatisch: Wischenbart 366. Zur damaligen Publikationslage im generellen, cf. Anm. 41).

[xliii] Cf. Anm. 38.

[xliv] Vielmehr ist das vorwort als eine Gegendarstellung zu Bayers “hans carl artmann und die wienergruppe” (Anm. 36, Pkt. 2.1) zu lesen. Dazu Rühm: “diese erste zusammenfassung der ‘wiener gruppe’, so begrüssenswert sie war, hat auch zu einigen missverständnissen bei rezensenten und literaturhistorikern anlass gegeben; einerseits durch kaum vermeidliche sujektive akzente, andererseits durch die verkürzung auf die zeit der zusammenarbeit mit h.c. artmann. [...] mehr als fünf seiten von bayers text befassen sich mit der zeit bis 1958, in einer knappen halben seite überfliegt er die letzten sechs jahre” (in: Bayer SW II, 345f.).

[xlv] Zu den theoretischen Arbeiten von Wiener, cf.: Haas, Sprachtheoretische Grundlagen der Konkreten Poesie, 49ff. (u.a. Analyse der Parallelen von O. Wiener undf. Mauthner). Paradigmatisch schreibt Wiener anläßlich des Streits um die Veröffentlichung des Buches die wiener gruppe von Rühm: “ich habe seinerzeit rühm davor gewarnt, mit gomringers konkreter poesie allzu enge verbindung einzugehen: ich wusste genau, dass man uns, da gomringer im gegensatz zu uns die mittel zur publikation hatte, vor allem in unserer schlecht informierten und klischees besonders schnell angefreundeten heimat als konkrete dichter abstempeln würde-obwohl die arbeiten der wiener gruppe weit über den relativ engen horizont der konkreten poesie hinausreichen [...]” (“Die Wiener Gruppe, Eine Kontroverse”, 241)

[xlvi] Eine rasch überlesene Passage im vorwort Rühms-“während für achleitner und mich diese neue verbindung bedeutung [zu Gomringer; Vf.] gewann, nahm wiener sie nur vorübergehend wahr, sie betraf ihn nur an der peripherie. bayer und erst recht artmann blieben davon unberührt, denn ihnen lag diese möglichkeit zu schreiben weniger und sie haben sie im strengen sinne nie praktiziert. allerdings betrachteten auch achleitner und ich uns nie aussschließlich als ‘konkrete dichter’, einfach auch aus einer scheu heraus, durch einen katalogisierenden begriff unser arbeitsfeld eingeschränkt zu sehen, denn prinzipiell ging es uns seit je um eine auseinandersetzung mit dem gesamten bereich der sprache, die in dieser grundsätzlichen form die einordnung in stilrichtungen oder ismen gegenstandslos macht” (Rühm 21985, 24)-wie die völlige Ignoranz um negative Konkrete Poesie, hat zu dieser Indifferenzposition geführt, wie, um hier nur einen Kritiker herauszunehmen (der Leser prüfe nur diese Position in fast allen Einführungswerken zur Experimentellen Literatur!, wie paradigmatisch etwa Weiss), sie z.B. bei Suchy auftaucht: “[D]en Terminus [Konkrete Poesie; Vf.] nahm man von Eugen Gomringer, ihm damit zustimmend [cf. vs. Anm. 47!; Vf.], auf.” In diesem Zusammenhang gilt es wirklich nur als Mythen-Hohn, wenn Suchy weiter schreibt: “Die ‘Einwirkung moderner Denkdisziplinen’ auf die Konkrete Poesie, von der Gomringer gesprochen hat, zeigt sich in ihrer besonders individuellen Ausgangswirkung bei Konrad Bayer und Oswald Wiener. [...] Bei ihren Experimenten mit der Sprache bezogen sie ihre eigene ein und überschritten mit dieser existentiellen und artistischen Konsequenz eigentlich schon die Grenzen des reinen Sprachexperiments. Bayer hat sosehr mit sich selber experimentiert, daß sein Selbstmord eine Folge davon war [cf. vs. Anm. 5!; Vf.]. [...] Während Bayer die Destruktion gegen sich selbst gerichtet hat, so richtete Oswald Wiener diese gegen die Sprache” (240f.).

[xlvii] “the vienna group”, 1964. Cf. Anm. 36, Pkt. 2.2. Dort heißt es u.a.: “our individual works, however, also began to manifest a common style; this was indeed the aim. Together we tackled the same themes [Sprachkritik und Prüfung der Bedingungen der Möglichkeit von Sprache; Vf.; Hervorh. Ders.] from different aspects or according to different principles, tested out formal possibilities, discovered new methods and applied them” (SW I, 356). Warum dieses Dokument weitgehend unrezipiert blieb, ist unklar; vielleicht deshalb, weil es in den Sämtlichen Werken vom Herausgeber Rühm, der doch jeden auch noch so fragmentarisch gebliebenen Text in den “anmerkungen” (313ff.) kommentierte, erstaunlicherweise unerwähnt bleibt (sogar die bibliographischen Daten fehlen!). Hingegen widmete Rühm Bayers Aufsatz “hans carl artmann”, entstanden im selben Jahr (cf. Anm. 36, Pkt. 2.1), aus Gründen entschiedener Ansichtsdifferenzen (cf. Anm. 44), gleich 3 Seiten Kommentars.

[xlviii] Cf. Anm. 59.

[xlix] Zum literarischen Prinzip der Montage, cf. Berger. (Exkurs zum Material- und Montagebegriff der Wiener Gruppe). Ein guter Überblick zu den diesbezüglichen Arbeiten der einzelnen Autoren ist bei Fischer und Jäger, 642ff., zu finden. Hier auch von Interesse das interessante Arbeitsprotokoll G. Steinwachs, die ihren Montagenroman marylinparis (1975) in Analogie zu Bayers Dichtungsverfahren setzt (Steinwachs 204ff.).

[l] Über das literarische cabaret der Gruppe, über das Wiener schon 1967 (allerdings mit stark anektodenhaften Zügen; cf. Anm. 39) abgehandelt hat, cf. bes. die bisher einzige Arbeit, die systemisch versucht hat, den Begriff des Szenischen innerhalb der Gruppentexte aufzusuchen, statt Wieners Beschreibungen literaturhistorisch zu kolorieren: A. Bucher, “Die szenischen Texte der Wiener Gruppe.” Eine gute Darstellung vom Happeningcharakter des literarischen cabarets als Vorgänger zum Wiener Aktionismus gibt neben Fischer und Jäger, 645ff., die v.a. sich mit dem Kabaret beschäftigen, bes. R. Engerth, “Der Wiener Aktionismus.”

[li] Cf. die Querverweise bei Vos, 1987, 263.

[lii] Cf. paradigmatisch die Kritik, wie in Anm. 60 wiedergegeben. Des weiteren die Bestandsaufnahme der Kritik bei Rühm wie den soziokulturellen Kontext dazu (“vorwort”, 29ff.). Während der Dichterlesung (für die auch Richard Eybner als Vortragender gewonnen werden konnte!) aus hosn rosn baa “mit den autoren im mozartsaal des konzerthauses [kam] es zu einem kleinen pfeifkonzert und rufen wie ‘in die gaskammer’, ‘kulturschande’ [...] übrigens wurde ich [Rühm] auf grund einiger gedichte in ‘hosn rosn baa’ (vier jahre nach erscheinen des buches) verdächtigt, der opernmörder zu sein (aufsehenerregender lustmord an einem ballettmädchen) und musste mich der kriminalpolizei einem verhör unterziehen (schlagzeile im ‘express’ morgenausgabe, mittwoch den 24. April 1963, ‘Opernmord: Wiener Mundartdichter muss wegen seiner Verse Alibi erbringen!’)” (30f.).

[liii] Es sei hier nur auf die Argumentationsbasis des wichtigsten Bayer-Interpreten im deutschsprachigen Raum, U. Janetzki (bes. Einleitung.), verwiesen.

[liv] Cf. Etwa Pabisch; Welzig.

[lv] Cf. dazu bes. Klugsberger, 83ff.

[lvi] Zu dem geradezu aufsehenerregenden Medienecho des Gedichtsbands, cf. neben Rühms “vorwort”, die Aufsätze: “Der Dichter H. C. Artmann” wie “Einführung zu H.C. Artmann” Wieland Schmied, der einer der Befürworter Artmanns von der ersten Stunde an war. Daß die Publizität des Bandes auch seltsame Blüten trieb, hat R. Rathei in seinem Artikel “Artmann und kein Ende” festgehalten: Tatsächlich gab es einen Epigonen namens Hans Gsöll, von dem ein Buch mit dem Titel mid an rodn blei veröffentlicht wurde; “ausgewählt und eingeleitet von h.c. artmann” (Rathei 24).

[lvii] Gerade Interpretationen, die hier nachzuweisen versuchen, daß etwa Rühm sich von Artmanns eher poetischer Sprachbearbeitung nach maritimen und altwiener Motiven i. S. eines Ablösungs- oder Reifeprozesses formalistisch wegentwickelt hätte (wie Fischer und Jäger, 629ff.), tun dem Dichter eine falsche Ehre an, zumal das Gesamt seiner Wiener Dialektdichtungen beide Strömungen-die surrealistisch - schwarz makabare wie die formalistische-zu gleichen Teilen aufweist.

[lviii] Zum literaturgeschichtlichen Hintergrund, cf. Rühm 21985, 29ff.

[lix] Auch hier beschränkt sich die Sekundärliteratur zumeist mit historischen Ausschmückungen von diesbezüglichen Passagen des Rühmschen “vorworts” (cf. Kerschbaumer); und manchmal nicht einmal das, sondern auf bloßes Plagiat, wie A. Treibers Aufsatz “‘nua ka schmoez ned...’ Zur Wiener Dialektdichtung der Avantgarde”, das leider nur allzudeutlich bestätigt.

[lx] Zu der Veröffentlichung des Bands erschien unter der Rubrik Neuerscheinungen in der renommierten Literaturzeitschrift Alpha (10/1959) folgende Rezension: “Mit diesem Band wird das Mißverständnis um die neue Dialektdichtung noch größer werden, die Verwirrung aber wird beginnen; denn H.C. Artmann hat sich in eine ihm nicht gemäße Gesellschaft begeben. [...nach Polemik an Achleitner folgt nun eine an Rühm; Vf.] Gerhard Rühm schreibt meistens makabre Sachen und scheint auf diese Weise sexuelle und Selbstmord-Komplexe abzureagieren; daß er dies im Dialekt tut, ist Zufall. Nur selten, in einigen Stücken, geling ihm die Verfremdung und die Verdichtung; dann spürt man auch die ‘Entdeckung des Dialekts’. In seinen Lautgedichten verzapft er tachistischen Unsinn. Schade um das schöne Papier” (Hawelka, o.S.). Kritiken wie diese gehen auf eine längere Geschichte zurück: Rühm hat als erster, anlässlich dessen, daß in der Zeitschrift Alpha im Jänner 1956 Dialektgedichte von H.C. Artmann, Ernst Klein und Gerhard Rühm zum ersten Mal einem größeren Publikum vorgestellt wurden (cf. Rühm 21985, 20ff.), den Begriff avantgardistischer Dialektliteratur in die deutschen Literaturgeschichte der Moderne selbstbewußt eingeführt und ihn von der traditionellen als Weiterentwicklung surrealistischer Positionen abgegrenzt (Rühm 21985, o.S. [letzte Seite]; cf. dazu: R. Bauer, 223f.). Das ist die Grundposition, die von Artmann eigentlich schon im Jahre 1954 gelegt wurde (cf. Bayer SW I, 351; cf. auch: Bauer, 221f.) und erst im Laufe der nächsten Jahre sich in Form negativer Konkreter Poesie, da besonders bei Achleitner und Rühm, eingefunden hat (cf. ihr theoretisches Kommentar in hosn rosn baa, 141 u. 143).Erst vor kurzem hat Gerhard Rühm Wiener Lieder und Chansons zum Besten gegeben (im Volkstheater Wien, 12. Nov. 1996). Besonders die von Rühm (erst) 1975 gedichteten und vertonten Dialektgedichte (wobei er zwei alte Gedichte aus den Jahren 1954 u. 1957 aufnahm; cf. Programmzettel, Rückseite) zeigten dem Zuschauer (-hörer) ein derartiges Sprachen- und Formenreichtum auf, das sich auf keinen Fall auf eine auch wie immer geartete Formel positiver konkreter Dichtung bringen ließe (cf. paradigmatisch die Argumentation von Weiss, Anm. 46.)

[lxi] Gomringers Aussage, daß sich gemäß-seiner!- Prinzipien Konkreter Poesie das Dialektgedicht “nur bei geringen sprachmengen meditativ entfalten” könne, wie daß “sich Konkrete Poesie auch beim dialekt vorwiegend an jeweils typische laute oder schreibweisen, die sie entweder als ideogramm oder als konstellation vorstellt” (127), hält, also einer selbstreferentiellen Textfunktion unterlägen, gilt für die via negativer Dialektik erarbeitete Konkrete Poesie in Form der Dialektgedichte der Wiener Gruppe nicht. Vielmehr hinterfrägt sie diese Funktion, und sehr wohl auch in der Fortentwicklung surrealistischer Motive der Repräsentationskrise mit einem-dem Gormringerschen konkreten Mechanismus seiner eintönigen Dialekttextualiserung bei weitem sprengenden-Sprach- und Formenreichtum, wie wir das besonders bei Artmann, Bayer (SW I, 95f.) und auch bei Rühm noch zu konstatieren haben. Es ist daher als äußerst fraglich zu bewerten, daß Gomringer,