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Kurz bevor
und unmittelbar nach der Vollziehung der deutschen Vereinigung erschien in den
westdeutschen Medien eine Reihe von Angriffen gerichtet gegen die ostdeutschen
Intellektuellen, in denen diese der Mitverantwortung an der Korruption des
gesellschaftlichen Systems und der Kollaboration mit der Regierung der DDR
beschuldigt wurden. Das Festhalten der ostdeutschen Intellektuellen im Moment
des Zerfalls der alten Strukturen der DDR an der Idee eines eigenständigen
sozialistischen Staates im wahren Sinne des Wortes schätzte man im Westen als
noch eine Täuschung der ostdeutschen Intellektuellen über ihren Staat ein.
Nachdem viele
Einzelheiten nicht nur über die Schauprozesse der 50 er Jahre, sondern auch
andere Vergehen der sozialistischen Machthaber offiziell bekannt wurden,
stellte man den ostdeutschen Autoren die Frage: „Wo habt ihr alle bloß gelebt?
Wie konntet ihr das alles mit ansehen und nicht reagieren? Warum habt ihr nicht
protestiert gegen Bespitzelungen, Druckgenehmigungen, Publikationsverbote,
Ausschluß aus dem Schriftstellerverband etc. Habt ihr euch da nicht zu
taktierend, mutlos, vorsichtig verhalten?“ Christa Wolf setzt sich in ihrem
Buch Im Dialog zum ersten Mal
öffentlich mit dieser Frage auseinander. Sie sagt über Jankas Bericht von
seinem Prozess und der Haftzeit, der unter dem Titel Schwierigkeiten mit der Wahrheit erschien: „er stelle sie alle vor
einen bisher geleugneten, unterschlagenen, besonders düsteren Aspekt (ihrer)
Realität.“[i]
Um es nochmals
zu vergegenwärtigen: Walter Janka, Heinz Zöger, Gustav Just, Richard Wolf,
Wolfgang Harich, Bernhard Steinberger und Manfred Hertwig bildeten eine Gruppe
von oppositionellen Intellektuellen der DDR Mitte der 50er Jahre, deren Motte
war: „Wir wollen auf den Positionen des Marxismus-Leninismus bleiben. Wir
wollen aber weg vom Stalinismus.“ Die Harich-Gruppe forderte Wiederherstellung
der Gedankenfreiheit, Abschaffung der politischen Geheimpolizei,
Rechtssicherheit und eine allgemeine Demokratisierung. Die Opposition in der
DDR wurde inspiriert durch die antistalinistischen Revolten in Polen und
Ungarn. Die Ideen der Harich-Gruppe entsprachen den Wünschen und Vorstellungen
vieler Intellektueller in der DDR. Dem SED-Apparat schien die Harich-Gruppe
besonders gefährlich. Im März und Juli 1957 wurden ihre Mitglieder zu hohen
Zuchthausstrafen verurteilt.
1990 erscheint
ein Buch von Gustav Just: Zeuge in
eigener Sache, das die Memoiren des Verfassers über die Zeit seiner
Verfolgung beinhaltet. (Das Buch ist unterteilt in vier Abschnitte: Tagebuch
geschrieben unmittelbar unter dem Eindruck der Vorwürfe gegen Harich und Janka,
noch vor der eigenen Verhaftung 1957, Tagebuch, geschrieben einige Zeit nach
der Entlassung aus dem Zuchthaus, 1962, Kommentierung aus dem Jahre 1989.)
Das Vorwort zu
dem Buch schrieb Christoph Hein, der Just einige Monate vor der Herausgabe des
Buches vorgeschlagen hat, sein Manuskript in eigener Wohnung aufzubewahren.
Hein sagt in dem Vorwort:
[Was Just] uns zu
sagen hat, sind nicht allein Mitteilungen über die Vergangenheit und über den
Staat, in dem wir lebten und leben. Wir werden etwas über unser jahre- und
jahrzehntelanges Schweigen hören, über unseren Mut und unsere Feigheit, über
unsere Fähigkeit, humanistisch, sozialistisch und christlich miteinander zu
leben oder doch dem Druck der Intoleranz und des kleinen alltäglichen Verrats
nachgegeben zu haben. [...] Denn Gustav Just und die anderen waren in all den
vergangenen Jahren unsere Nachbarn. Wir kannten sie, und wir wußten, mehr oder
weniger, von dem an ihnen verübten Unrecht. Der sich zu Wort meldende Zeuge in
eigener Sache zeugt auch gegen uns, er zeugt von unserer Ohnmacht. Mit
Erschrecken und Scham werden wir die Zeugenaussage anzuhören haben. Um unserer
selbst willen sollten wir sein Zeugnis für unsere Zukunft nutzen, daß wir
künftig mehr Mut und Kraft und Rückgart aufbringen, um nie wieder eine
Deformation der Gesellschaft zuzulassen, um nie wieder zuzulassen, daß wir
selbst deformiert werden.[ii]
Hein
erinnert in dem Vorwort daran, dass Ende der 70er Jahre eine ähnliche Welle der
staatlichen Repressionen gegen oppositionelle Intellektuellen (Biermann Affare
und die darauf folgende Welle von Repressionen) von vielen nicht mehr
stillschweigend hingenommen wurde.
Dass für Hein
das Problem der moralischen Integrität der Intellektuellen gegenüber der
politischen Macht nicht erst seit 1989 wichtig wurde, beweisen seine Werke und
öffentliche Aussagen aus den 70-er und 80er Jahren. In seiner Rede auf dem X.
Schriftstellerkongress der DDR im November 1987 ging er mutig und kompromisslos
mit der Zensur in seinem Land ins Gericht: „Die Zensur der Verlage und Bücher,
der Verleger und Autoren ist überlebt, nutzlos, paradox, menschenfeindlich,
volksfeindlich, ungesetzlich und strafbar.“[iii]
In seinem Buch, das unter dem programmatischen Titel Öffentlich arbeiten 1987 im Aufbau Verlag erschien, protestiert er gegen die restriktiven
kulturpolitischen Maßnahmen in seinem Land. Die Sammlung ist ein Plädoyer für
die kritische Kunst, mitunter eine Verteidigung und ein Kommentar seiner
eigener Werke und eine Verhandlung ihrer Rechte gegen die politische Macht in
der DDR.
In Heins
Verständnis sind sowohl die Schriftsteller als auch die Historiker/Chronisten
vor die gleiche Aufgabe gestellt, dem Leser ein wahrheitsgetreues Zeugnis von
den beschriebenen Zuständen und Ereignissen zu bieten. In seiner Rede „Die
fünfte Grundrechenart“ vor dem Ostberliner Schriftstellerverband (September
1989) deutet er auf die Auslassungen und Verfälschungen in der DDR
Geschichtsschreibung: „Noch haben wir unsere eigene Geschichte, die unseres
Landes und des Sozialismus und der mit uns verbundenen sozialistischen Staaten
nicht ausreichend geschrieben. Und nicht ausreichend geschrieben heißt: nicht
geschrieben, das sollen Literaten wie Geschichtsschreiber wissen.“[iv]Als
wichtige Tugend des Historikers und des Schriftstellers betrachtet Hein in
diesem Zusammenhang die Unparteilichkeit. Beide (Schriftsteller und Chronisten)
sollen von den Machtkonstellationen unbeeinflusst bleiben; sie dürfen keine
Partei ergreifen, dürfen ihr Schreiben nicht in den Dienst der Herrschenden
stellen. Ungeachtet der Reaktion der Machthaber sollen sie alles aufzeichnen und
die schonungslose Bloßstellung der wirklichen Zustände nicht scheuen. Sie
dürfen nicht dem Aufbau oder der Erhaltung einer herrschenden Ideologie durch
die Verschleierung oder Verklärung der Wirklichkeit dienen.
1980 erschien
im Aufbau Verlag eine Sammlung Heins Geschichten unter dem Titel Die Einladung zum Lever Bourgeois. Den
Rahmen der Sammlung bilden zwei Erzählungen „Die Einladung zum Lever
Bourgeois,“ deren Handlung im absolutistischen Frankreich des Louis XIV, (1698)
angesiedelt ist und „Die russischen Briefe des Jägers Johann Seifert,“ welche
die Zeit der Restauration in Europa nach dem Wiener Kongress darstellt. Beide
Geschichten zeigen Intellektuellen (den Dichter Jean Racine und den
Naturwissenschaftler, Alexander von Humboldt), die sich mit der politischen
Macht arrangieren, um sich in Ruhe eigener Arbeit widmen zu können. Das
absolutistische Frankreich und Preußen der Restaurationszeit dienen hier als
Folie, um die aktuellen Probleme der Gegenwart des Autors darzustellen- den
Konflikt zwischen dem Geist und Macht in der DDR Ende der 70er Jahre, wie auch
das Thema der Verantwortung der Intellektuellen für eine wahrhaftige
geschichtliche Darstellung. In dem vorliegenden Artikel möchte ich auf die
Geschichte „Die russischen Briefe des Jägers Johann Seifert“ eingehen.
Hein
konfrontiert hier den Leser mit zwei Arten der geschichtlichen Überlieferung :
einer „offiziellen,“ die lückenhaft ist und aus politischer Konformität
unbequeme Tatsachen unterschlägt, und einer subjektiven, „inoffiziellen,“
welche dem Leser das offiziell Verschwiegene darbietet. Der Urheber der
offiziellen Überlieferung in Heins Werk ist der Wissenschaftler Alexander von
Humboldt (oder eigentlich in seinem Auftrag der Naturwissenschaftler Rose), der
inoffiziellen Humboldts Kammerdiener, Johann Seifert.
Die Geschichte
bietet eine Sammlung von fiktiven Briefen des Jägers Johann Seifert, der
Alexander von Humboldt auf seiner Forschungsreise nach Russland begleitete. Die
Briefe seien in Russland im Jahre 1829 verfasst und an Seiferts Frau Ludmila
gerichtet, die zu dieser Zeit in Berlin weilte. Seiferts fiktive Briefe,
liefern, wie der fiktive Herausgeber betont keine „geprüfte, wissenschaftlich
gesicherte Historie.“ Sie erfüllen aber, wie der Herausgeber erklärt, eine
wichtige Funktion. Sie beschreiben nämlich gewisse Aspekte Humboldts russischer
Expedition, die, nach Hein, in den damaligen offiziellen Darstellungen dieser
Reise (vor allem ist hier an die vom Herausgeber erwähnte Reisebeschreibung von
Rose zu denken) aus staatspolitischen Gründen ausgespart wurden. Man könnte
sagen, dass sie eine Gegengeschichte zu den offiziellen Darstellungen, die von
Humboldt Zeitgenossen verfasst wurden bilden. In meinem Verständnis sind die
Briefe vergleichbar mit Anekdoten. So wie Anekdoten schildern sie eine
authentische, allgemein bekannte Persönlichkeit, Alexander von Humboldt und ein
historisch verbürgtes Ereignis, seine Forschungsexpedition nach Russland.
Ähnlich wie die Anekdoten von Grimmelshausen, Hebel oder Brecht präsentieren
sie die „große Politik“ dieser Zeit aus der Perspektive eines einfachen
Menschen, in seiner Sprache und mit seinen Erfahrungskategorien.
Der fiktive
Herausgeber der Briefe berichtet, dass eine lange Zeit vergeht, bevor sie ans
Licht der Öffentlichkeit gelangen. Sie erreichen nicht einmal ihre Adressatin,
weil sie Informationen enthalten, die aus Staatssicherheitsgründen nicht
weitervermittelt (oder öffentlich gemacht) werden konnten. Sie werden jahrelang
in Archiven der Petersburger Geheimpolizei, der Preußischen Staatspolizei und
schließlich der Geheimpolizei des III. Reiches aufbewahrt . Erst 1946, nach dem
Zerfall des III. Reiches, werden sie aufgedeckt, gelangen aber immer noch nicht
ans Licht der Öffentlichkeit. Sie werden als unbedenklich und wertlos
klassifiziert und man entdeckt sie erst dreißig Jahre später wieder. Man findet
sie als Makulatur geklebt hinter der Tapete einer Wohnung in der Berliner
Tieckstraße. Sie werden dann von einer Forschungsstelle übernommen. Es erwies
sich also, merkt der Leser, dass Seiferts scheinbar belanglose Aufzeichnungen
durchaus eine politische Relevanz für die russische und preußische
Staatspolizei hatten, wohl deshalb, weil sie von einer Person verfasst wurden,
die Humboldt sehr vertraut war, und weil sie sich, im Gegensatz zum wissenschaftlichen
Bericht Roses, vorwiegend auf die private Person Humboldts, seine Kommentare,
Beschreibung seiner Lebensphilosophie und seiner Anschauungen konzentrierten,
und die wissenschaftlichen Forschungen nur ganz am Rande erwähnten.
Die
biographischen Berichte über Humboldt bewerten die Sibirienreise des
Naturforschers(12. April 1829 bis zum 28. Dezember 1829), die er auf Einladung
des Zaren Nikolaus unternommen hatte mit vorwiegend negativen Kommentaren.[v]
Hanno von Beck hebt die Tatsache hervor, dass Humboldt sich jeden kritischen
Urteils bezüglich des russischen zaristischen Staates während und nach seiner
Forschungsexpedition nach Russland enthalten hat, obwohl er früher
Unabhängigkeitsbestrebungen in den lateinamerikanischen Staaten unterstützt und
diesbezügliche politische Essays nach seiner lateinamerikanischen Reise
publiziert hatte. Während der Amerikareise machte er viele Beobachtungen, nicht
nur naturwissenschaftlicher Art, er äußerte sich oft zur Lage der kolonisierten
Bevölkerungsschichten der lateinamerikanischen Länder und unterstützte ihre
Freiheitsbestrebungen und Unabhängigkeitskriege. Infolgedessen wurde ihm später
die Einreise nach Asien von der Britisch-Ostindischen Company verweigert, die
wahrscheinlich befürchtete, Humboldt könne die Zustände in Indien in ähnlicher
Weise wie die kolonialen Zustände in Lateinamerika schildern.
Die Reise nach
Russland wurde zum größten Teil von Finanzminister Cancrin und dem Zaren
finanziell unterstützt. Alle Versuche sollten auf Staatskosten ausgeführt
werden. Humboldt konnte die Reiseroute selbst bestimmen, aber nachdem sie
einmal festgelegt wurde, durfte sie nicht mehr verändert werden. Damit konnte
die Reise von Cancrin überwacht werden. Die Forschungsgruppe wurde auf der
ganzen Strecke durch einen Pulk bewaffneter Kosaken eskortiert, was nicht nur
die Reisenden vor jeder Störung schützen sollte, sondern zugleich auch jegliche
unerwünschte Einblicke verhinderte. Als Humboldt im Brief an Cancrin seine
Freude darüber ausdrückte, dass er das russische Volk während der Reise besser
kennen lernen werde, gab man ihm zu verstehen, er dürfe sich nicht allzu sehr
für die Lage der armen Bevölkerungsschichten interessieren. Die russische
Regierung kannte sie ohnehin und war nicht an Verbesserung ihrer Lage
interessiert. Im Gegenteil, sie wollte vor allem verhindern, dass man solche
Beschreibungen in Europa verbreitete. In seiner Antwort an Cancrin
signalisierte Humboldt sein Einverständnis:
Es versteht sich
von selbst, daß wir uns beide nur auf die todte Natur beschränken und alles
vermeiden, was sich auf Menschen-Einrichtungen, Verhältnisse der untern
Volksklassen bezieht: was Fremde, der Sprache unkundige, darüber in die Welt
bringen, ist immer gewagt, unrichtig und bei einer so complizierten Maschine, als
die Verhältnisse und einmal erworbenen Rechte der höheren Stände und die
Pflichten der untern darbieten, aufreizend ohne auf irgendeine Weise zu nüzzen.[vi]
Humboldt
verfasste kein Reisetagebuch über die Russlandexpedition. Er überließ den
Reisebericht seinem Reisegefährten Gustav Rose. Humboldt verlangte aus
politischen Gründen von Rose die Vernachlässigung des kritischen und
persönlichen Elements, weil er die Gastfreundschaft des Zaren auch im nachinein
nicht missbrauchen wollte.
Hein benutzt
die oben angeführten biographischen Informationen über Humboldt als
Ausgangspunkt für seine Geschichte. Sich in die Rolle des fiktiven Herausgebers
der Briefe von Seiferts versetzend berichtet Hein dem Leser, dass die Briefe
wichtige historische Zeugnisse seien, die weit gehende Aufschlüsse über gewisse
vergangene Ereignisse und Verhältnisse bieten. Er betont zugleich, dass sogar
zur Zeit ihrer Herausgabe (1977, M.K.), wo den Leser doch so viel Zeit von den
beschriebenen Zuständen trennt, sie nur mit Zögern und Misstrauen
veröffentlicht werden konnten. Dabei sei es doch bekannt, dass die staatlichen
Strukturen und gesellschaftlichen Verhältnisse, die in ihnen beschrieben
worden sind, als längst der Vergangenheit angehörend betrachtet werden sollten.
Diese letzte Festellung
des fiktiven Herausgebers klingt jedoch immer weniger glaubwürdig, je mehr man
sich in die Lektüre der Briefe vertieft. Die Schlussfolgerung zu der der Leser
selber gelangt ist eher, dass man die Strukturen und Verhältnisse, die darin
entblößt werden, auch in der Gegenwart wiedererkennen kann. Der Leser erkennt
mit Hilfe des Autors, dass manche Zustände in Russland und Preußen des 19. Jh.,
die von Hein in Seiferts Briefen porträtiert wurden, auch in seiner Gegenwart
weiterleben. Er merkt, dass gewisse Aspekte der für Preußen und Russland
typischen politisch-ideologischen Praxis, auch in der DDR und der Sowjetunion
mit Erfolg angewendet wurden. Ich denke hier vor allem an die Einschränkung
der Freiheit der wissenschaftlichen Forschung, Bevormundung der
Intellektuellen durch die politische Macht, Einschränkung der
Bewegungsfreiheit für ausländische Touristen, Festlegung der erlaubten
Reiserouten für sie, um unerwünschte Einblicke in das alltägliche Leben der
Bevölkerung zu verhindern, sowie militärisch-strategisch wichtige Territorien
und Objekte vor ihren Augen zu schützen (vor allem in der Sowjetunion), das
Verbot, sich kritisch über staatliche Einrichtungen zu äußern, „Beschützen“ der
Intellektuellen und Studenten in all diesen Staaten vor „freigeistigen“
Einflüssen aus dem Ausland, die ideologisch gefährlich sein könnten,
Bespitzelung der Intellektuellen durch Agenten der Geheimpolizei, Bestechung
der Leute aus der unmittelbaren Umgebung der Beobachteten, Kompromisse mit der
Macht, zu denen viele Wissenschaftler oder Künstler gezwungen wurden, um
arbeiten zu können. Staaten wie die DDR und die Sowjetunion, für die Preußen
und Russland geschichtliche Vorgänger waren, und die doch immer wieder
offiziell proklamierten, einen totalen Bruch mit der reaktionären
Vergangenheit vollzogen zu haben, erwiesen sich bei diesem Vergleich in mancher
Hinsicht als Erben nicht nur der progressiven Momente ihrer Vorgeschichte. Auch
das Bild, das Humboldt von der Erziehung in den preußischen Schulen entwirft,
erinnert plötzlich in manchem an die Erziehung zur politischen Gleichförmigkeit
und Unmündigkeit in den Schulen der DDR, wo die Schüler mit politischen Phrasen
gefüttert wurden. „[...] genudelt mit Merksprüchen auf Kosten einer Hertzens-
und CharacterBildung“.[vii]
Hein
porträtiert Humboldt in „Den russischen Briefen...“ als einen Mann, der sich in die Politik nicht einmischen wollte,
um ruhig arbeiten zu können: „Die unheilvolle preussische Politik nehme er
nicht wahr, zu der verworrenen Wirthschaft aeussere er sich nicht, um seiner
Arbeith nachgehen zu können.“[viii] Daudet berichtet in seinem Buch, dass, obgleich
Humboldt als Liberaler galt und ihn ein Geheimagent sogar als „extrem liberal
oder eher jakobinisch“[ix]
bezeichnete, er in den royalistischen Salons der Restaurationszeit stets ein
gern gesehener Gast war. Ein Agent der Geheimpolizei meinte sogar, dass
Humboldts Zwiespältigkeit „kaum ehrenhaft für einen Gelehrten sei.“[x]
Wie man in der biographischen Darstellung von Beck nachlesen kann, war das
Verhältnis zwischen dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. und Humboldt
äußerlich gut. Der König prunkte gern mit Humboldt, vor allem Ausländern
gegenüber. Er kannte seine politischen Ansichten, hielt sie aber für
ungefährlich und machte sich über sie lustig. Er war überzeugt von Humboldts
politischer Harmlosigkeit. Der König dachte, Humboldt rede nur liberal und
glaubte, dass von seinem Kammerherren kein bedeutsamer politischer Einfluss
ausgehen könne.[xi]
Hein zeigt in
seiner Geschichte, dass Humboldt selbst sich dieser Situation bewusst ist, als
er im Gespräch mit Seifert sagt: „Man werde ihm den Jakobiner in seiner
PrivatCorrespondenz nicht veruebeln, solange er dem Hof seinen KatzBukkel nicht
versagt.“[xii] Obwohl Humboldt sich seiner abhängigen Position am
Hofe bewusst ist und diese Situation innerlich verabscheut, unternimmt er
nichts, um sie zu ändern. Seifert berichtet in seinem Brief vom Kommentar
Roses, über die abhängige Stellung von Humboldt:
Dieser pries
seine theilnehmende Freundschaft, seine Güte und den edlen Ausdrukk vollendeter
Humanität, gleichzeitig bedauerte er ihn jedoch, da es ihn zum eigenen Schaden
allzusehr nach dem lauten und hohlen Glantze des Hofes ziehe. Es sei meinem
Princen durch diesen fatalen Ehrgeitze unmöglich gemacht, im Stillen zu wirken und
sich mit dem matt gläntzenden Lorbeer, den die geisthige Welth allein zu
vergeben habe, zu begnügen. Darin aber, räumete er ein, sei er manchen
Zeithgenossen ähnlich, die nicht die geringsten seien. Ein Göthe, ein
Schelling, sie alle seien begehrlich, im Schatten der Macht zu sizzen, und es
mag darin ein ihrem Thun Förderliches stekken. Der sich bescheidende Gaertner
vermag Nüzzliches zu thun in den BlumenBeeten, doch um Berge zu modellieren,
muss man sich in den MitthelPunkte der Welth stellen. Diese der umgreifenden
Thätigkeit notwendige Oeffentlichkeit, dieses Wirken auf dem MarktPlazze,
bedingt die Nähe zum Kompromiß, zur Politik, zur hoeffischen Attitude.[xiii]
Im Werk von
Hein versucht Humboldt in seiner Abschlussrede, in der er sich bei dem Zaren
für die Ausstattung seiner russischen Reise bedankte, zwar etwas Ironie
beizumischen, doch er hat nicht den Mut, den Zaren offen zu kritisieren.
Stattdessen benutzt er die von sich selbst kritisierte Sklavensprache. Nur in
einem vertraulichen Gespräch mit Seifert eröffnet Humboldt, was er wirklich von
der Expedition hielt: „[...] seine russische Reise sei an so entwürdigende
Prekautionen gebunden, dass ihn vor aller Welth allein der Umstand
entschuldige, seit Jahrzehnten mit der Wissenschaft verheiratet zu sein.“[xiv]
Hein selbst
erklärt auf folgende Weise in seinem Essay „Waldbruder Lenz“ den Terminus
„Sklavensprache,“ der zum politischen Vokabular von Lenin und Brecht gehörte:
Der Terminus
Sklavensprache gehört zum politischen Vokabular: Er benennt den sozialen Stand
des Sprechenden als den eines Ohnmächtigen, Unterdrückten, Versklavten. Er
verweist auf einen Code, mit dessen Hilfe sich gleichartig Entrechtete verständigen
und zu dessen Entschlüsselung die gleichartige soziale Erfahrung Vorbedingung
ist. Dadurch ist Sklavensprache aber auch eine - unausgesprochene -
Übereinkunft mit den Herrschenden, ein Abkommen der unterdrückten
Sprachmächtigen, mit den Mächtigen. Die tatsächlichen Zwänge werden durch ein
Benennen, das in den Grenzen des Unausgesprochenen bleibt, verzaubert,
beschönigt, scheinbar aufgehoben: Sklavensprache als nützliches Ventil für
Herrschaft über Sklaven.[xv]
Heins
Geschichte liefert ein gutes Beweis dafür, wie scharf der Autor den Mangel an
politischer Integrität bei den Intellektuellen kritisiert und zugleich warnt,
dass Kompromisse mit der politischen Macht zu Eingeständnissen führen können,
die bei einem Schriftsteller, Historiker, und Wissenschaftler unverzeihlich
sind.
In seiner Rede
auf der Tagung des Bezirksverbandes Berlin des Schriftstellerverbandes der DDR,
gehalten am 14. September 1989, betonte Hein (als wenn er die künftigen
Ereignisse voraussehen würde):
Auch wir, auch
der Verband, sollten den Staat zu dieser Öffentlichkeit und zu diesem Dialog
drängen. Es ist eine Frage der Hygiene: Wir die Schriftsteller, die Mitglieder
der Künstlerverbände und der Akademien, die Intellektuellen des Landes, wir
werden eines Tages die Frage zu beantworten haben: „Wo wart ihr eigentlich
damals? Wo zeigte sich Eure Haltung? Wo blieb Euer - und sei’s noch so
ohnmächtiges - Wort?“ Und dann wird uns keine noch so kluge und geschickte
Antwort vor der Scham schützen können, wenn wir heute noch immer schweigen.[xvi]
Man könnte
als Schlusskommentar zur geschichtlichen Relevanz der in den Archiven der Geheimen
Staatspolizei entdeckten Briefe Seiferts vielleicht noch hinzufügen, dass eine
ähnliche Entdeckung der staatlichen Akten (diesmal nicht fiktiver) etwa zwölf
Jahre nach der Publikation von Heins Werk auch viel geschichtlich
Interessantes, nicht zuletzt über die Haltung mancher Intellektuellen in diesem
Staat, offenbarte. Diesmal lag ein anderes staatliches System in Ruinen. Ich
denke hier an die Öffnung der geheimen Akten der DDR-Staatspolizei, die nach
der Vereinigung Deutschlands dem breiten Publikum zugänglich gemacht wurden und
vieles über Geschichte, Strukturen und politisches Leben dieses Staates bekannt
machten, was bis dahin in keinem der DDR-Geschichtsbücher verzeichnet war. Die
Bemerkung des fiktiven Herausgebers Seiferts Briefe über den Wert seiner
Publikation erwies sich auch diesmal als sehr zutreffend.
Es ist eine
bekannte Erfahrung der Geschichtswissenschaft, daß nur die vollständige
Dissolution eines umfängliches Gebildes, wie es ein Staat darstellt, uns zu
unbestreitbaren Aussagen über seine Struktur berechtigt und den Begriff seiner
Funktion offenbart: die blutgeborenen Testimonien der Historie. Ebenso ist es
ein geläufiges Spezifikum des Präboreals, die endlich offenbarten Mysterien der
Vorzeit nur mißtrauisch und zögernd öffentlich zu machen.[xvii]
[i] Zitiert
nach Volker Hage. Kein schönes Thema weit und breit. Die Zeit, Nr. 11, 9. März 1990.
[ii] Christoph
Hein. „... und andere“. Für Gustav Just. Als Kind habe ich Stalin gesehen.
Berlin: Aufbau Verlag, 1990: 233.
[iii] Diskussionsgrundlage
für die Arbeitsgruppe IV „Literatur und Wirkung“ auf dem X.
Schriftstellerkongreß der DDR vom 24. bis 26. Nov. 1987 in Berlin. In:
Christoph Hein. Als Kind habe ich Stalin
gesehen, Berlin und Weimar: Aufbau Verlag, 77.
[iv] Christoph
Hein. „Die fünfte Grundrechenart.“ Als
Kind habe ich Stalin gesehen, 148.
[v] Vgl.
Hanno Beck. Alexander von Humboldt. Wiesbaden:
Franz Steiner Verlag, 1961.
[vi] A.v.
Humboldt an Cancrin, Jekaterinburg (Swerdlowsk), 5./17. Juli 1829, Vgl. Hanno
Beck, 280.
[vii] Christoph
Hein. Die russischen Briefe des Jägers Johann Seifert. Nachtfahrt und früher Morgen, 52.
[viii] Nachtfahrt
und früher Morgen, 30.
[ix] Ernest
Daudet, La police politique. Chroniques les tempes de la restauration d’apres
les rapports des agents secrets et les papiers du cabinet noir 1815-1820.
Paris, 1912, 299.
[x] La police politique, 300.
[xi] Vgl.
Hanno Beck. Alexander von Humboldt,
180.
[xii] Nachtfahrt und früher Morgen, 20.
[xiii] Nachtfahrt und früher Morgen, 31.
[xiv] Nachtfahrt und früher Morgen, 30.
[xv] Christoph
Hein. „Waldbruder Lenz“. Öffentlich
arbeiten, 70f/78.
[xvi] Christoph
Hein. „Die fünfte Grundrechenart,“ Als
Kind habe ich Stalin gesehen, 155.
[xvii] Nachtfahrt und früher Morgen, 9.