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Christoph Hein, die Rolle der Intellektuellen in der ehemaligen DDR und „Die russischen Briefe des Jägers Johann Seifert

Maria Krol

Kurz bevor und unmittelbar nach der Vollziehung der deutschen Vereinigung erschien in den westdeutschen Medien eine Reihe von Angriffen gerichtet gegen die ostdeutschen Intellektuellen, in denen diese der Mitverantwortung an der Korruption des gesellschaftlichen Systems und der Kollaboration mit der Regierung der DDR beschuldigt wurden. Das Festhalten der ostdeutschen Intellektuellen im Moment des Zerfalls der alten Strukturen der DDR an der Idee eines eigenständigen sozialistischen Staates im wahren Sinne des Wortes schätzte man im Westen als noch eine Täuschung der ostdeutschen Intellektuellen über ihren Staat ein.

Nachdem viele Einzelheiten nicht nur über die Schauprozesse der 50 er Jahre, sondern auch andere Vergehen der sozialistischen Machthaber offiziell bekannt wurden, stellte man den ostdeutschen Autoren die Frage: „Wo habt ihr alle bloß gelebt? Wie konntet ihr das alles mit ansehen und nicht reagieren? Warum habt ihr nicht pro­testiert gegen Bespitzelungen, Druckgenehmigungen, Publik­ations­verbote, Ausschluß aus dem Schriftstellerverband etc. Habt ihr euch da nicht zu taktierend, mutlos, vorsichtig verhalten?“ Christa Wolf setzt sich in ihrem Buch Im Dialog zum ersten Mal öffentlich mit dieser Frage auseinander. Sie sagt über Jankas Bericht von seinem Prozess und der Haftzeit, der unter dem Titel Schwierigkeiten mit der Wahrheit erschien: „er stelle sie alle vor einen bisher geleugneten, unterschlagenen, besonders düsteren Aspekt (ihrer) Realität.“[i]

Um es nochmals zu vergegenwärtigen: Walter Janka, Heinz Zöger, Gustav Just, Richard Wolf, Wolfgang Harich, Bernhard Steinberger und Manfred Hertwig bildeten eine Gruppe von oppositionellen Intellektuellen der DDR Mitte der 50er Jahre, deren Motte war: „Wir wollen auf den Positionen des Marxismus-Leninismus bleiben. Wir wollen aber weg vom Stalinismus.“ Die Harich-Gruppe forderte Wiederherstellung der Gedankenfreiheit, Abschaffung der politischen Geheimpolizei, Rechtssicherheit und eine allgemeine Demokratisierung. Die Opposition in der DDR wurde inspiriert durch die antistalinistischen Revolten in Polen und Ungarn. Die Ideen der Harich-Gruppe entsprachen den Wünschen und Vorstellungen vieler Intellektueller in der DDR. Dem SED-Apparat schien die Harich-Gruppe besonders gefährlich. Im März und Juli 1957 wurden ihre Mitglieder zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt.

1990 erscheint ein Buch von Gustav Just: Zeuge in eigener Sache, das die Memoiren des Verfassers über die Zeit seiner Verfolgung beinhaltet. (Das Buch ist unterteilt in vier Abschnitte: Tagebuch geschrieben unmittelbar unter dem Eindruck der Vorwürfe gegen Harich und Janka, noch vor der eigenen Verhaftung 1957, Tagebuch, geschrieben einige Zeit nach der Entlassung aus dem Zuchthaus, 1962, Kommentierung aus dem Jahre 1989.)

Das Vorwort zu dem Buch schrieb Christoph Hein, der Just einige Monate vor der Herausgabe des Buches vorgeschlagen hat, sein Manuskript in eigener Wohnung aufzubewahren. Hein sagt in dem Vorwort:

[Was Just] uns zu sagen hat, sind nicht allein Mitteilungen über die Vergangenheit und über den Staat, in dem wir lebten und leben. Wir werden etwas über unser jahre- und jahrzehntelanges Schweigen hören, über unseren Mut und unsere Feigheit, über unsere Fähigkeit, humanistisch, sozialistisch und christlich miteinander zu leben oder doch dem Druck der Intoleranz und des kleinen alltäglichen Verrats nachgegeben zu haben. [...] Denn Gustav Just und die anderen waren in all den vergangenen Jahren unsere Nachbarn. Wir kannten sie, und wir wußten, mehr oder weniger, von dem an ihnen verübten Unrecht. Der sich zu Wort meldende Zeuge in eigener Sache zeugt auch gegen uns, er zeugt von unserer Ohnmacht. Mit Erschrecken und Scham werden wir die Zeugenaussage anzuhören haben. Um unserer selbst willen sollten wir sein Zeugnis für unsere Zukunft nutzen, daß wir künftig mehr Mut und Kraft und Rückgart aufbringen, um nie wieder eine Deformation der Gesellschaft zuzulassen, um nie wieder zuzulassen, daß wir selbst deformiert werden.[ii]

Hein erinnert in dem Vorwort daran, dass Ende der 70er Jahre eine ähnliche Welle der staatlichen Repressionen gegen oppositionelle Intellektuellen (Biermann Affare und die darauf folgende Welle von Repressionen) von vielen nicht mehr stillschweigend hingenommen wurde.

Dass für Hein das Problem der moralischen Integrität der Intellektuellen gegenüber der politischen Macht nicht erst seit 1989 wichtig wurde, beweisen seine Werke und öffentliche Aussagen aus den 70-er und 80er Jahren. In seiner Rede auf dem X. Schriftstellerkongress der DDR im November 1987 ging er mutig und kompromisslos mit der Zensur in seinem Land ins Gericht: „Die Zensur der Verlage und Bücher, der Verleger und Autoren ist überlebt, nutzlos, paradox, menschenfeindlich, volksfeindlich, ungesetzlich und strafbar.“[iii] In seinem Buch, das unter dem programmatischen Titel Öffentlich arbeiten 1987 im Aufbau Verlag erschien, protestiert er gegen die restriktiven kulturpolitischen Maßnahmen in seinem Land. Die Sammlung ist ein Plädoyer für die kritische Kunst, mitunter eine Verteidigung und ein Kommentar seiner eigener Werke und eine Verhandlung ihrer Rechte gegen die politische Macht in der DDR.

In Heins Verständnis sind sowohl die Schriftsteller als auch die Historiker/Chronisten vor die gleiche Aufgabe gestellt, dem Leser ein wahrheitsgetreues Zeugnis von den beschriebenen Zuständen und Ereignissen zu bieten. In seiner Rede „Die fünfte Grundrechenart“ vor dem Ostberliner Schriftstellerverband (September 1989) deutet er auf die Auslassungen und Verfälschungen in der DDR Geschichtsschreibung: „Noch haben wir unsere eigene Geschichte, die unseres Landes und des Sozialismus und der mit uns verbundenen sozialistischen Staaten nicht ausreichend geschrieben. Und nicht ausreichend geschrieben heißt: nicht geschrieben, das sollen Literaten wie Geschichtsschreiber wissen.“[iv]Als wichtige Tugend des Historikers und des Schriftstellers betrachtet Hein in diesem Zusammenhang die Unparteilichkeit. Beide (Schriftsteller und Chronisten) sollen von den Machtkonstellationen unbeeinflusst bleiben; sie dürfen keine Partei ergreifen, dürfen ihr Schreiben nicht in den Dienst der Herrschenden stellen. Ungeachtet der Reaktion der Machthaber sollen sie alles aufzeichnen und die schonungslose Bloßstellung der wirklichen Zustände nicht scheuen. Sie dürfen nicht dem Aufbau oder der Erhaltung einer herrschenden Ideologie durch die Verschleierung oder Verklärung der Wirklichkeit dienen.

1980 erschien im Aufbau Verlag eine Sammlung Heins Geschichten unter dem Titel Die Einladung zum Lever Bourgeois. Den Rahmen der Sammlung bilden zwei Erzählungen „Die Einladung zum Lever Bourgeois,“ deren Handlung im absolutistischen Frankreich des Louis XIV, (1698) angesiedelt ist und „Die russischen Briefe des Jägers Johann Seifert,“ welche die Zeit der Restauration in Europa nach dem Wiener Kongress darstellt. Beide Geschichten zeigen Intellektuellen (den Dichter Jean Racine und den Naturwissenschaftler, Alexander von Humboldt), die sich mit der politischen Macht arrangieren, um sich in Ruhe eigener Arbeit widmen zu können. Das absolutistische Frankreich und Preußen der Restaurationszeit dienen hier als Folie, um die aktuellen Probleme der Gegenwart des Autors darzustellen- den Konflikt zwischen dem Geist und Macht in der DDR Ende der 70er Jahre, wie auch das Thema der Verantwortung der Intellektuellen für eine wahrhaftige geschichtliche Darstellung. In dem vorliegenden Artikel möchte ich auf die Geschichte „Die russischen Briefe des Jägers Johann Seifert“ eingehen.

Hein konfrontiert hier den Leser mit zwei Arten der geschichtlichen Überlieferung : einer „offiziellen,“ die lückenhaft ist und aus politischer Konformität unbequeme Tatsachen unterschlägt, und einer subjektiven, „inoffiziellen,“ welche dem Leser das offiziell Verschwiegene darbietet. Der Urheber der offiziellen Überlieferung in Heins Werk ist der Wissenschaftler Alexander von Humboldt (oder eigentlich in seinem Auftrag der Naturwissenschaftler Rose), der inoffiziellen Humboldts Kammerdiener, Johann Seifert.

Die Geschichte bietet eine Sammlung von fiktiven Briefen des Jägers Johann Seifert, der Alexander von Humboldt auf seiner Forschungsreise nach Russland begleitete. Die Briefe seien in Russland im Jahre 1829 verfasst und an Seiferts Frau Ludmila gerichtet, die zu dieser Zeit in Berlin weilte. Seiferts fiktive Briefe, liefern, wie der fiktive Herausgeber betont keine „geprüfte, wissen­schaftlich gesicherte Historie.“ Sie erfüllen aber, wie der Herausgeber erklärt, eine wichtige Funktion. Sie beschreiben nämlich gewisse Aspekte Humboldts russischer Expedition, die, nach Hein, in den damaligen offiziellen Darstellungen dieser Reise (vor allem ist hier an die vom Herausgeber erwähnte Reisebeschreibung von Rose zu denken) aus staatspolitischen Gründen ausgespart wurden. Man könnte sagen, dass sie eine Gegengeschichte zu den offiziellen Darstellungen, die von Humboldt Zeitgenossen verfasst wurden bilden. In meinem Verständnis sind die Briefe vergleichbar mit Anekdoten. So wie Anekdoten schildern sie eine authentische, allgemein bekannte Persönlichkeit, Alexander von Humboldt und ein historisch verbürgtes Ereignis, seine Forschungsexpedition nach Russland. Ähnlich wie die Anekdoten von Grimmelshausen, Hebel oder Brecht präsentieren sie die „große Politik“ dieser Zeit aus der Perspektive eines einfachen Menschen, in seiner Sprache und mit seinen Erfahrungskategorien.

Der fiktive Herausgeber der Briefe berichtet, dass eine lange Zeit vergeht, bevor sie ans Licht der Öffentlichkeit gelangen. Sie erreichen nicht einmal ihre Adressatin, weil sie Informationen enthalten, die aus Staatssicherheitsgründen nicht weitervermittelt (oder öffentlich gemacht) werden konnten. Sie werden jahrelang in Archiven der Petersburger Geheimpolizei, der Preußischen Staatspolizei und schließlich der Geheimpolizei des III. Reiches aufbewahrt . Erst 1946, nach dem Zerfall des III. Reiches, werden sie aufgedeckt, gelangen aber immer noch nicht ans Licht der Öffentlichkeit. Sie werden als unbedenklich und wertlos klassifiziert und man entdeckt sie erst dreißig Jahre später wieder. Man findet sie als Makulatur geklebt hinter der Tapete einer Wohnung in der Berliner Tieckstraße. Sie werden dann von einer Forschungsstelle übernommen. Es erwies sich also, merkt der Leser, dass Seiferts scheinbar belanglose Aufzeichnungen durchaus eine politische Relevanz für die russische und preußische Staatspolizei hatten, wohl deshalb, weil sie von einer Person verfasst wurden, die Humboldt sehr vertraut war, und weil sie sich, im Gegensatz zum wissenschaftlichen Bericht Roses, vorwiegend auf die private Person Humboldts, seine Kommentare, Beschreibung seiner Lebensphilosophie und seiner Anschauungen konzentrierten, und die wissenschaftlichen Forschungen nur ganz am Rande erwähnten.

Die biographischen Berichte über Humboldt bewerten die Sibirienreise des Naturforschers(12. April 1829 bis zum 28. Dezember 1829), die er auf Einladung des Zaren Nikolaus unternommen hatte mit vorwiegend negativen Kommentaren.[v] Hanno von Beck hebt die Tatsache hervor, dass Humboldt sich jeden kritischen Urteils bezüglich des russischen zaristischen Staates während und nach seiner Forschungsexpedition nach Russland enthalten hat, obwohl er früher Unabhängigkeitsbestrebungen in den latein­amerikanischen Staaten unterstützt und diesbezügliche poli­tische Essays nach seiner lateinamerikanischen Reise publiziert hatte. Während der Amerikareise machte er viele Beobachtungen, nicht nur naturwissenschaftlicher Art, er äußerte sich oft zur Lage der kolon­isierten Bevölkerungsschichten der lateinamerikanischen Länder und unterstützte ihre Freiheitsbestrebungen und Unabhängigkeitskriege. Infolgedessen wurde ihm später die Einreise nach Asien von der Britisch-Ostindischen Company verweigert, die wahrscheinlich befürchtete, Humboldt könne die Zustände in Indien in ähnlicher Weise wie die kolonialen Zustände in Lateinamerika schildern.

Die Reise nach Russland wurde zum größten Teil von Finanz­minister Cancrin und dem Zaren finanziell unterstützt. Alle Versuche sollten auf Staatskosten ausgeführt werden. Humboldt konnte die Reiseroute selbst bestimmen, aber nachdem sie einmal festgelegt wurde, durfte sie nicht mehr verändert werden. Damit konnte die Reise von Cancrin überwacht werden. Die Forschungsgruppe wurde auf der ganzen Strecke durch einen Pulk bewaffneter Kosaken eskortiert, was nicht nur die Reisenden vor jeder Störung schützen sollte, sondern zugleich auch jegliche unerwünschte Einblicke verhinderte. Als Humboldt im Brief an Cancrin seine Freude darüber ausdrückte, dass er das russische Volk während der Reise besser kennen lernen werde, gab man ihm zu verstehen, er dürfe sich nicht all­zu sehr für die Lage der armen Bevölkerungsschichten inter­essieren. Die russische Regierung kannte sie ohnehin und war nicht an Verbesserung ihrer Lage interessiert. Im Gegenteil, sie wollte vor allem verhindern, dass man solche Beschreibungen in Europa verbreitete. In seiner Antwort an Cancrin signalisierte Humboldt sein Einverständnis:

Es versteht sich von selbst, daß wir uns beide nur auf die todte Natur beschränken und alles vermeiden, was sich auf Menschen-Einrichtungen, Verhältnisse der untern Volksklassen bezieht: was Fremde, der Sprache unkundige, darüber in die Welt bringen, ist immer gewagt, unrichtig und bei einer so complizierten Maschine, als die Verhältnisse und einmal erworbenen Rechte der höheren Stände und die Pflichten der untern darbieten, aufreizend ohne auf irgendeine Weise zu nüzzen.[vi]

Humboldt verfasste kein Reisetagebuch über die Russlandexpedition. Er überließ den Reisebericht seinem Reisegefährten Gustav Rose. Humboldt verlangte aus politischen Gründen von Rose die Ver­nachlässigung des kritischen und persönlichen Elements, weil er die Gastfreundschaft des Zaren auch im nachinein nicht missbrauchen wollte.

Hein benutzt die oben angeführten biographischen Information­en über Humboldt als Ausgangspunkt für seine Geschichte. Sich in die Rolle des fiktiven Herausgebers der Briefe von Seiferts versetzend berichtet Hein dem Leser, dass die Briefe wichtige historische Zeugnisse seien, die weit gehende Aufschlüsse über gewisse ver­gangene Ereignisse und Verhältnisse bieten. Er betont zugleich, dass sogar zur Zeit ihrer Herausgabe (1977, M.K.), wo den Leser doch so viel Zeit von den beschriebenen Zuständen trennt, sie nur mit Zögern und Misstrauen veröffentlicht werden konnten. Dabei sei es doch bekannt, dass die staatlichen Strukturen und gesell­schaft­lichen Verhältnisse, die in ihnen beschrieben worden sind, als längst der Vergangenheit angehörend betrachtet werden sollten.

Diese letzte Festellung des fiktiven Herausgebers klingt jedoch immer weniger glaubwürdig, je mehr man sich in die Lektüre der Briefe vertieft. Die Schlussfolgerung zu der der Leser selber gelangt ist eher, dass man die Strukturen und Verhältnisse, die darin entblößt werden, auch in der Gegenwart wiedererkennen kann. Der Leser erkennt mit Hilfe des Autors, dass manche Zustände in Russland und Preußen des 19. Jh., die von Hein in Seiferts Briefen porträtiert wurden, auch in seiner Gegenwart weiterleben. Er merkt, dass gewisse Aspekte der für Preußen und Russland typischen politisch-ideologischen Praxis, auch in der DDR und der Sowjetunion mit Erfolg angewendet wurden. Ich denke hier vor allem an die Ein­schränkung der Freiheit der wissenschaftlichen Forschung, Bevor­mundung der Intellektuellen durch die politische Macht, Einschränk­ung der Bewegungsfreiheit für ausländische Touristen, Festlegung der erlaubten Reiserouten für sie, um unerwünschte Einblicke in das alltägliche Leben der Bevölkerung zu verhindern, sowie militärisch-strategisch wichtige Territorien und Objekte vor ihren Augen zu schützen (vor allem in der Sowjetunion), das Verbot, sich kritisch über staatliche Einrichtungen zu äußern, „Beschützen“ der Intellektuellen und Studenten in all diesen Staaten vor „freigeistigen“ Einflüssen aus dem Ausland, die ideologisch gefährlich sein könnten, Bespitzelung der Intellektuellen durch Agenten der Geheimpolizei, Bestechung der Leute aus der unmittelbaren Umgebung der Beobachteten, Kompromisse mit der Macht, zu denen viele Wissen­schaftler oder Künstler gezwungen wurden, um arbeiten zu können. Staaten wie die DDR und die Sowjetunion, für die Preußen und Russland geschichtliche Vorgänger waren, und die doch immer wieder offiziell proklamierten, einen totalen Bruch mit der re­aktionär­en Vergangenheit vollzogen zu haben, erwiesen sich bei diesem Vergleich in mancher Hinsicht als Erben nicht nur der progressiven Momente ihrer Vorgeschichte. Auch das Bild, das Humboldt von der Erziehung in den preußischen Schulen entwirft, erinnert plötzlich in manchem an die Erziehung zur politischen Gleichförmigkeit und Unmündigkeit in den Schulen der DDR, wo die Schüler mit politischen Phrasen gefüttert wurden. „[...] genudelt mit Merksprüchen auf Kosten einer Hertzens- und Character­Bildung“.[vii]

Hein porträtiert Humboldt in „Den russischen Briefen...“ als einen Mann, der sich in die Politik nicht einmischen wollte, um ruhig arbeiten zu können: „Die unheilvolle preussische Politik nehme er nicht wahr, zu der verworrenen Wirthschaft aeussere er sich nicht, um seiner Arbeith nachgehen zu können.“[viii] Daudet berichtet in seinem Buch, dass, obgleich Humboldt als Liberaler galt und ihn ein Geheimagent sogar als „extrem liberal oder eher jakobinisch“[ix] bezeichnete, er in den royalistischen Salons der Restaurationszeit stets ein gern gesehener Gast war. Ein Agent der Geheimpolizei meinte sogar, dass Humboldts Zwiespältigkeit „kaum ehrenhaft für einen Gelehrten sei.“[x] Wie man in der biographischen Darstellung von Beck nachlesen kann, war das Verhältnis zwischen dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. und Humboldt äußerlich gut. Der König prunkte gern mit Humboldt, vor allem Ausländern gegenüber. Er kannte seine politischen Ansichten, hielt sie aber für ungefährlich und machte sich über sie lustig. Er war überzeugt von Humboldts politischer Harmlosigkeit. Der König dachte, Humboldt rede nur liberal und glaubte, dass von seinem Kammerherren kein bedeut­samer politischer Einfluss ausgehen könne.[xi]

Hein zeigt in seiner Geschichte, dass Humboldt selbst sich dieser Situation bewusst ist, als er im Gespräch mit Seifert sagt: „Man werde ihm den Jakobiner in seiner PrivatCorrespondenz nicht veruebeln, solange er dem Hof seinen KatzBukkel nicht versagt.“[xii] Obwohl Humboldt sich seiner abhängigen Position am Hofe bewusst ist und diese Situation innerlich verabscheut, unternimmt er nichts, um sie zu ändern. Seifert berichtet in seinem Brief vom Kommentar Roses, über die abhängige Stellung von Humboldt:

Dieser pries seine theilnehmende Freundschaft, seine Güte und den edlen Ausdrukk vollendeter Humanität, gleichzeitig bedauerte er ihn jedoch, da es ihn zum eigenen Schaden allzusehr nach dem lauten und hohlen Glantze des Hofes ziehe. Es sei meinem Princen durch diesen fatalen Ehrgeitze unmöglich gemacht, im Stillen zu wirken und sich mit dem matt gläntzenden Lorbeer, den die geisthige Welth allein zu vergeben habe, zu begnügen. Darin aber, räumete er ein, sei er manchen Zeithgenossen ähnlich, die nicht die geringsten seien. Ein Göthe, ein Schelling, sie alle seien begehrlich, im Schatten der Macht zu sizzen, und es mag darin ein ihrem Thun Förderliches stekken. Der sich bescheidende Gaertner vermag Nüzzliches zu thun in den BlumenBeeten, doch um Berge zu modellieren, muss man sich in den MitthelPunkte der Welth stellen. Diese der umgreif­enden Thätigkeit notwendige Oeffentlichkeit, dieses Wirken auf dem MarktPlazze, bedingt die Nähe zum Kompromiß, zur Politik, zur hoeffischen Attitude.[xiii]

Im Werk von Hein versucht Humboldt in seiner Abschlussrede, in der er sich bei dem Zaren für die Ausstattung seiner russischen Reise bedankte, zwar etwas Ironie beizumischen, doch er hat nicht den Mut, den Zaren offen zu kritisieren. Stattdessen benutzt er die von sich selbst kritisierte Sklavensprache. Nur in einem vertraulichen Gespräch mit Seifert eröffnet Humboldt, was er wirklich von der Expedition hielt: „[...] seine russische Reise sei an so entwürdigende Prekautionen gebunden, dass ihn vor aller Welth allein der Umstand entschuldige, seit Jahrzehnten mit der Wissenschaft verheiratet zu sein.“[xiv]

Hein selbst erklärt auf folgende Weise in seinem Essay „Waldbruder Lenz“ den Terminus „Sklavensprache,“ der zum politischen Vokabular von Lenin und Brecht gehörte:

Der Terminus Sklavensprache gehört zum politischen Vokabular: Er benennt den sozialen Stand des Sprechenden als den eines Ohnmächtigen, Unter­drückten, Versklavten. Er verweist auf einen Code, mit dessen Hilfe sich gleichartig Entrechtete ver­ständigen und zu dessen Entschlüsselung die gleich­artige soziale Erfahrung Vorbedingung ist. Dadurch ist Sklavensprache aber auch eine - unausgesprochene - Übereinkunft mit den Herrschenden, ein Ab­kom­men der unterdrückten Sprachmächtigen, mit den Mächtigen. Die tatsächlichen Zwänge werden durch ein Benennen, das in den Grenzen des Unaus­gesproch­enen bleibt, verzaubert, beschönigt, schein­bar aufgehoben: Sklavensprache als nützliches Ventil für Herrschaft über Sklaven.[xv]

Heins Geschichte liefert ein gutes Beweis dafür, wie scharf der Autor den Mangel an politischer Integrität bei den Intellektuellen kritisiert und zugleich warnt, dass Kompromisse mit der politischen Macht zu Ein­geständnissen führen können, die bei einem Schriftsteller, His­toriker, und Wissenschaftler unverzeihlich sind.

In seiner Rede auf der Tagung des Bezirksverbandes Berlin des Schriftstellerverbandes der DDR, gehalten am 14. September 1989, betonte Hein (als wenn er die künftigen Ereignisse voraussehen würde):

Auch wir, auch der Verband, sollten den Staat zu dieser Öffentlichkeit und zu diesem Dialog drängen. Es ist eine Frage der Hygiene: Wir die Schriftsteller, die Mitglieder der Künstlerverbände und der Akademien, die Intellektuellen des Landes, wir werden eines Tages die Frage zu beantworten haben: „Wo wart ihr eigentlich damals? Wo zeigte sich Eure Haltung? Wo blieb Euer - und sei’s noch so ohnmächtiges - Wort?“ Und dann wird uns keine noch so kluge und geschickte Antwort vor der Scham schützen können, wenn wir heute noch immer schweigen.[xvi]

Man könnte als Schlusskommentar zur geschichtlichen Relevanz der in den Archiven der Geheimen Staatspolizei entdeckten Briefe Seiferts vielleicht noch hinzufügen, dass eine ähnliche Entdeckung der staatlichen Akten (diesmal nicht fiktiver) etwa zwölf Jahre nach der Publikation von Heins Werk auch viel geschichtlich Interessantes, nicht zuletzt über die Haltung mancher Intellektuellen in diesem Staat, offenbarte. Diesmal lag ein anderes staatliches System in Ruinen. Ich denke hier an die Öffnung der geheimen Akten der DDR-Staatspolizei, die nach der Vereinigung Deutschlands dem breiten Publikum zugänglich gemacht wurden und vieles über Geschichte, Strukturen und politisches Leben dieses Staates bekannt machten, was bis dahin in keinem der DDR-Geschichtsbücher verzeichnet war. Die Bemerkung des fiktiven Herausgebers Seiferts Briefe über den Wert seiner Publikation erwies sich auch diesmal als sehr zutreffend.

Es ist eine bekannte Erfahrung der Geschichts­wissen­schaft, daß nur die vollständige Dissolution eines umfängliches Gebildes, wie es ein Staat darstellt, uns zu unbestreitbaren Aussagen über seine Struktur berechtigt und den Begriff seiner Funktion offenbart: die blutgeborenen Testimonien der Historie. Ebenso ist es ein geläufiges Spezifikum des Präboreals, die endlich offenbarten Mysterien der Vorzeit nur mißtrauisch und zögernd öffentlich zu machen.[xvii]

Anmerkungen

 



[i] Zitiert nach Volker Hage. Kein schönes Thema weit und breit. Die Zeit, Nr. 11, 9. März 1990.

[ii] Christoph Hein. „... und andere“. Für Gustav Just. Als Kind habe ich Stalin gesehen. Berlin: Aufbau Verlag, 1990: 233.

[iii] Diskussionsgrundlage für die Arbeitsgruppe IV „Literatur und Wirkung“ auf dem X. Schriftstellerkongreß der DDR vom 24. bis 26. Nov. 1987 in Berlin. In: Christoph Hein. Als Kind habe ich Stalin gesehen, Berlin und Weimar: Aufbau Verlag, 77.

[iv] Christoph Hein. „Die fünfte Grundrechenart.“ Als Kind habe ich Stalin gesehen, 148.

[v] Vgl. Hanno Beck. Alexander von Humboldt. Wiesbaden: Franz Steiner Verlag, 1961.

[vi] A.v. Humboldt an Cancrin, Jekaterinburg (Swerdlowsk), 5./17. Juli 1829, Vgl. Hanno Beck, 280.

[vii] Christoph Hein. Die russischen Briefe des Jägers Johann Seifert. Nachtfahrt und früher Morgen, 52.

[viii] Nachtfahrt und früher Morgen, 30.

[ix] Ernest Daudet, La police politique. Chroniques les tempes de la restauration d’apres les rapports des agents secrets et les papiers du cabinet noir 1815-1820. Paris, 1912, 299.

[x] La police politique, 300.

[xi] Vgl. Hanno Beck. Alexander von Humboldt, 180.

[xii] Nachtfahrt und früher Morgen, 20.

[xiii] Nachtfahrt und früher Morgen, 31.

[xiv] Nachtfahrt und früher Morgen, 30.

[xv] Christoph Hein. „Waldbruder Lenz“. Öffentlich arbeiten, 70f/78.

[xvi] Christoph Hein. „Die fünfte Grundrechenart,“ Als Kind habe ich Stalin gesehen, 155.

[xvii] Nachtfahrt und früher Morgen, 9.


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