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„Ich bin
weniger daran interessiert, wie sich die Menschen bewegen als was sie bewegt.“
Dieser schon fast legendäre Satz der „Mutter Courage“[i]
des deutschen Tanztheaters, Pina Bausch, kann sicherlich in leicht
abgewandelter Form ebenso für die „Bilderstürmerin“[ii]
der deutschsprachigen Literatur, Elfriede Jelinek gelten. Für Bausch umfaßt der
Satz in prägnanten Worten das Mark ihrer Arbeit. Es ist sicher unumstritten,
daß sie in den gut 25 Jahren ihres Schaffens als leitende Choreographin des
Tanztheaters Wuppertal die Welt des modernen Tanzes entscheidend beeinflußt,
wenn nicht gar vollkommen verändert hat. Umstritten dagegen ist vielleicht
ihre Arbeit an sich, die immer wieder viele Kritiker auf den Plan gerufen hat,
die ein zuwenig an Tanz und zuviel an Theater festgestellt haben wollten.
In dieser
Arbeit möchte ich näher auf Bauschs Besonderheiten eingehen und zeigen, daß sie
als Choreographin weibliche ‚Stimme‘ laut werden läßt. Diese bewegt sich zwar
nicht im normativen Rahmen von Sprache, fällt aber trotzdem, oder gerade
deshalb unter den Begriff der ‚Stimme‘. Die Argumente deutscher und
französischer feministischer Literatur - und Philosophiewissenschaftlerinnen,
Sigrid Weigel, Silvia Bovenschen und Luce Irigaray illuminieren diesen Ansatz,
da sie insbesondere für das Weibliche sich nicht auf die Sprache als einzige
Form der Subjektskonstitution beschränken. Zudem leisten diese Beiträge auch
wertvolle Hilfestellungen dabei einen Kontext zu kreieren, in dem sich
verschiedene „Texte“ nebeneinander lesen lassen, nicht zuletzt auch, da gerade
diese Theoretikerinnen ihre Thesen etwa zeitgleich mit den hier besprochenen
Werken veröffentlicht und diskutiert haben.
Für Jelinek,
die vieles mit Bausch gemeinsam hat, müßte vielleicht das ‚als‘ des obigen Zitates
durch ein ‚und‘ ersetzt werden, denn sie scheint in der Tat an Beidem, dem
‚Wie‘ und ‚Was‘ Menschen bewegt interessiert zu sein - sogar mehr noch, ihre
eigene Sprache bewegt ebenfalls. Vor allem ihr Roman Lust, der Gegenstand dieser kurzen Abhandlung sein soll, war
bereits im Vorfeld seines Erscheinens der Mittelpunkt einiger Bewegungen
gewesen. In diesem „experimentellem Sprachkunstwerk“ (Doll 11) läßt Jelinek
ein Klischee nach dem anderen heraufziehen, nur um es im selben Augenblick
wieder herunter zu machen. Ich möchte zeigen wie Jelinek sich weiblicher
Sprache bedient, die sich als selbstkonstituierendes Subjekt versteht und als
‚Eigenes‘ gegenüber dem Männlichen auftritt. Abschließend möchte ich zeigen, daß, neben den unübersehbaren Unterschieden
im Metier (Tanz - Sprache) es unter den vorgenannten Voraussetzungen wichtige
Parallelen zwischen Bausch und Jelinek gibt, wo die eine ihre Stimme mit ihrem
Körper und ihrer Gestik erhebt, bedient sich die andere der eigenen Sprache.
Bevor ich in
die Untersuchungen der Werke einsteige, halte ich es für notwendig, den
Hintergrund zu etablieren, vor dem diese Analysen erfolgen sollen. Die folgende
Überlegung soll dabei als Hilfestellung und Leitfaden dienen. Die
Literaturwissenschaft, vor allem die feministische, beschäftigt sich schon seit
langem intensiv mit dem Problem des ‚weiblichen‘ Schreibens. Immer wieder wurde
die Frage gestellt, ob es überhaupt so etwas wie ‚weibliche‘ Literatur gäbe und
wenn, wie sich diese von der ‚männlichen‘ unterscheiden würde.
Hauptansatzpunkt
für die, zumindest teilweise, Beantwortung dieser Frage ist die bis dato fast
ausschließlich durch männliche und patriarchalische Deutungen geprägte
Literaturwissenschaft und Philosophiegeschichte.[iii]
Die längste Zeit war es Frauen eigentlich nicht möglich innerhalb dieser
Disziplinen eine eigene Stimme zu erheben. Vielmehr waren sie zu schieren
Objekten innerhalb der patriarchalischen Gesellschaftsordnung degradiert.
Seit den frühen siebziger Jahren erheben Frauen ihre Stimme und Ansprüche auf
eine eigene Sichtweise der Dinge.
In
verschiedenen Artikeln, besonders deutscher Literaturwissenschaftlerinnen von
Anfang der achtziger Jahre, wird der Status Quo der Frauenliteratur und seiner
- traurigen - Entwicklung zum Thema gemacht und ausführlich kritisiert.[iv]
So fordert zum Beispiel Sigrid Weigel in ihrem Artikel „Der schielende Blick“:
Weil die so dürftige Überlieferung weiblicher Kultur nicht nur eine Folge geringerer kultureller Produktion von Frauen ist, sondern auch Ergebnis der männlichen Überlieferungsnormen und - verfahren, ist eine Aufarbeitung der weiblichen Geschichte notwendigerweise mit einer Kritik der bestehenden Literaturtheorie und - historie verbunden. (Weigel 83, 83)
In eine
ähnliche Richtung zielt Silvia Bovenschen mit ihrer Frage „Is there a feminine
Aesthetic?“[v]
Beide Autorinnen, und nicht nur sie, erhellen das Dunkel der Frauen-Geschichte,
indem sie eben deren Miß-Achtung ans Licht der Tatsachen holen. Sie zeigen an
vielen Beispielen der Literatur von Frauen aus vergangenen Jahrhunderten, wie
diese gegen Vorurteile ihrer männlichen Kollegen und Kritiker, manchmal gar
ihrer weiblichen Kollegen, anzukämpfen hatten.[vi]
Eine allgemeine Feststellung ist, daß die männliche, und hier deshalb
patriarchalische, Geschichtsschreibung keinen Raum gelassen hat für einen
weiblichen Standpunkt, während gleichzeitig die Entwicklung von Frauenliteratur
nie wirklich den Schritt aus männlichen Strukturen heraus getan hat. In anderen
Worten, Frauen haben die Welt, ihre Umgebung, die Literatur und sich selbst,
die allerlängste Zeit durch die „männliche Brille betrachtet“ (Weigel 83, 85).
Denn die westliche Geistesgeschichte wurde (und wird immer noch vornehmlich) von
Männern geschrieben, deren Einfluß sich natürlich nicht so ‚mir nichts, dir
nichts‘ umkehren läßt. Weigel betont in diesem Zusammenhang, daß Frauen bisher
in der Geschichte immer über den Mann definiert worden seien: „In der
männlichen Ordnung hat die Frau gelernt, sich selbst als untergeordnet,
uneigentlich und unvollkommen zu betrachten“ (Weigel 83, 84-85). Elisabeth Lenk
gebraucht an dieser Stelle das Bild des Spiegelbildes, das verloren gegangen
ist, denn „..the gaze of men does not reflect it back to woman“ (Lenk 57).[vii]
Vielmehr entsteht so „[I]hr Selbstbildnis […] im Zerrbild des Patriarchats“
(Weigel 83, 85).
Daran schließt
sich nun die Frage, die sich die feministische Geisteswissenschaft zu stellen
hat, an, nämlich, soll diese männliche, wenn auch einseitige, Darstellung der
Dinge wirklich umgekehrt werden? Anders formuliert, wollen wir dorthin, wo die
Männer schon sind.? Die Antwort scheint so simpel wie erstaunlich zu sein.
‚Nein‘, so Bovenschen (29), denn das wäre nur eine Umkehrung der Verhältnisse
nach patriarchalischem Muster. Damit nehmen die Literaturwissenschaftlerinnen
Bezug auf frühere feministische Ansätze, die den Unterschied der Geschlechter
negieren und Frauen mit Männern gleichstellen wollten. Das jedoch würde dazu
führen daß „women will at least turn out to be what men already are“
(Bovenschen 29).
Vielmehr
postulieren die Prophetinnen dieser jüngeren Frauenforschergeneration den
Unterschied der Geschlechter als, vielleicht den einzigen, Weg aus der Misere.
Es ist notwendig, so die einhellige Meinung, daß sich Frauen nicht als ‚das
andere‘[viii]
aber als ‚eigenes‘ Geschlecht verstehen und sich aus der männlichen Perspektive
befreien, um zu einer eigenen Schrift und Sprache - oder Stimme - zu finden.
Für Weigel und andere umfaßt dies nicht die Umkehrung patriarchalischer
Verhältnisse, so daß wiederum nur ein Geschlecht die Oberhand gewönne. Eher
impliziert diese Forderung den Wunsch, daß „die Frau nicht mehr in Abhängigkeit
vom Mann definiert wird, sondern sich autonom begreift und erlebt […]“ (Weigel
83, 112).
Jedoch sind
dieses nicht nur Themen, die sich in der deutschen feministischen Diskussion
finden lassen. Insbesondere in Weigels Artikel finden sich parallelen zu der
französischen feministischen Psychoanalytikerin und Philosophin Luce Irigaray,
die von Weigel auch zitiert und kritisiert wird. Irigaray[ix]
ist gleichfalls am Unterschied zwischen den Geschlechtern interessiert. Auch
für sie sind Frauen auch im Verlauf der gesamten Geistesgeschichte
ausschließlich über den Mann definiert worden, nämlich als das, was der Mann nicht ist. Irigaray begründet diese
Tatsache mit Freuds Theorie des ‚Penisneides‘. Frauen sind nicht Männer, da sie
einen Defekt haben, da ihnen das ‚entscheidende‘ männliche Geschlechtsorgan
fehlt und folglich sind sie auch dem Mann untergeordnet. Irigaray argumentiert
weiter, über den Weg der weiblichen Sexualität, daß es, um diese Sichtweise zu
brechen, nötig ist, daß ‚Frau‘ eine eigene Sichtweise entwickelt, um zu ihrer
eigenen Sprache - Stimme - zu finden. Nach Irigaray geschieht dies, indem die
Frau ‚das Andere‘ in sich selber entdeckt. Dieses Andere ist ihr von Natur aus
schon mitgegeben. Die Frau braucht ‚das Andere‘ nicht zu werden, ‚das Andere‘
des Mannes, da sie ‚das Andere‘ schon in sich selber ist. Dies aufgrund der
Form ihres Geschlechtsorgans, der Schamlippen, welche zwei Teile darstellen,
die durch ständige Berührung wiederum eine Einheit bilden. Sie sind nie
getrennt, sondern immer nah beieinander, so daß ‚das andere‘ immer in der Frau
ist. Anders als der Mann, unterwirft sie jedoch ‚das andere‘ in sich nicht.
Vielmehr läßt sie ihm Raum und die Möglichkeit „[…] of identifying herself with
none of them in particular, of never being simply one“ (Irigaray 31). Sie ist
ständig mit sich in Berührung und in Bewegung - weg von sich, nur um wieder zu
sich selber zurückzukehren, um sich dann wieder in eine andere Richtung
fortzubewegen.
Jedoch, um
diese Vielseitigkeit in sich selber zu entdecken, muß die Frau sich selber als
Subjekt begreifen. Ist sie doch bis hierhin immer nur Objekt in einer
patriarchalischen Gesellschaft gewesen. Dieses Subjekt - Werden erfolgt für
Irigaray über den Prozeß der Mimikry. Um das, was versteckt bleiben soll,
aufzudecken, müsse die Frau als (maskulines) Subjekt sprechen. Das heißt „[…] to resubmit herself - inasmuch
as she is on the side of the ‘perceptible,’ of ‘matter’ - to ‘ideas,’ in
particular to ideas about herself, that are elaborated in/by masculine logic“ (Irigaray 76). Aber diese „Enthüllung“
beinhaltet auch „that, if women are such good mimics, it is because they are
not simply resorbed in this function. They
remain elsewhere“ (76).
Ein
Hauptkritikpunkt Weigels an Irigaray ist, daß diese nicht genau genug zwischen
‚anderem‘ und ‚eigenem‘ Geschlecht unterscheidet und damit Gefahr liefe, daß
das „[…] ‚Weibliche‘ als „ewig Weibliches“ festgeschrieben würde. Als logische
Folge sieht sie die Entdeckung ‚weiblicher‘ Schreibweise bei männlichen
Autoren, da ja nun das Weibliche überall gefunden werden könne. Dieses kann
wiederum ihres Erachtens nach nicht im Sinne der Erfinderin, sprich der
feministischen Literaturforschung, sein. Ebenso bewertet Weigel auch die Rolle
des ‚Blickes‘ in einer anderen Weise. Wo der Blick bei Irigaray dem männlichen
zugeordnet wird, also dem Benennenden, Individuierenden, gehört die Geste zur
Frau. Weigel dagegen möchte gerade den Blick, die Wahrnehmung der Frau,
geschärft wissen, damit „sie ihren eigenen Blick, einen aktiven,
nicht-voyeuristischen Blick“ entwickelt (Weigel 83, 111). Sie führt dies weiter
aus:
Die sich selbst
verdoppelnde Frau […] braucht m.E. ein wachsames Auge, um die Sprache der
anderen Frau, die Beredsamkeit ihres Körpers, ihres Schweigens und ihrer Gesten
zu verstehen. (Weigel 83, 111)
Beide haben in gewisser Weise Recht. Einig sind sie sich über die Tatsache, daß ‚Gestik‘, oder „die Beredtsamkeit des Körpers“ (Weigel 83), der Körper, das Körperliche im Bereich der Frau liegen. Somit konstituiert sich für die Frau ‚Kommunikation‘ nicht nur aus (maskuliner) Sprache, ‚Stimme‘, sondern ihr stehen alle außerhalb dieser Norm liegenden Mittel zur Verfügung. Nicht zuletzt natürlich auch, weil sie ihre eigene Stimme finden muß.
Interessant ist
an dieser Stelle die scheinbare Differenz zwischen Weigel und Irigaray über
das, was Männlich ist und was sich die Frau zu Nutze machen soll. Weigel
fordert, daß sich die Frau den (männlichen) Blick zu Nutze machen solle, um auf
ihr eigenes Subjektwerden acht zu haben, während gerade der Blick bei Irigaray
dem männlichen System zugeordnet wird. Mir scheint dieser Unterschied - ob
Blick oder Sprache - doch eher unerheblich, im Hinblick auf die Tatsache, daß
für beide die Geste eindeutig zum Weiblichen gehört. Im Grunde bringt uns das
zurück zu der Frage, gibt es tatsächlich weibliches Schreiben (Sprache) und drückt
sich dies unter Umständen in der Abwesenheit von Sprache aus. Wie gestaltet es
sich in dem Bereich, indem Sprache von jeher abwesend war, zum Beispiel im
Tanz?
In leichter
Abwandlung ihres berühmten Zitates und unter Berücksichtigung des oben
angestellten Themas könnte man versucht sein, zu fragen, was bewegt Pina
Bauschs ‚Stimme‘, oder besser, was ist ihre ‚Stimme‘? An dieser Stelle soll ein
kurzer Einblick in Bauschs Biographie gegeben werden, um ihre Arbeit in einem
Zusammenhang sehen zu können.
Sie studierte
an der Folkwang Schule in Essen unter Kurt Jooss, dem revolutionär des
deutschen Tanzes und Begründer des Ausdrucktanzes. Nach ihre Ausbildung in
Deutschland arbeitet sie unter verschiedenen Choreographen in New York, bevor
sie sich selber Ende der sechziger Jahre der Choreographie zuwandte. 1973
gründete sie schließlich in Wuppertal, ganz in der Nähe von Essen, das
gleichnamige Tanztheater.
Um
herauszufinden, was so anders ist im Werk von Pina Bausch, ist es naheliegend
sie selber sprechen zu lassen: „…sondern was sie bewegt“. Im Gegensatz zur bis
dahin unter Choreographen weit verbreiteten Sichtweise, ist Bausch nicht so
sehr in dem ‚Wie‘ sondern mehr in dem ‚Was‘ der Bewegung interessiert. Als
logische Frage schließt sich an, was also bewegt die Tänzer des Tanztheaters?
Ständig
wiederkehrende Motive in Bauschs Choreographien sind Gegensatzpaare, wie sie
einem immer wieder im täglichen Tanz des Lebens begegnen: Liebe - Haß,
Zärtlichkeit - Gewalt, Partnersuche - Unterdrückung, Freude - Trauer, Sehnsucht
- Einsamkeit, Kindheit - Tod und unzählige andere.[x]
In der Regel beginnt sie ihre Arbeit an einem neuen Stück mit einer an alle
Tänzer gerichteten Frage, denn im Gegensatz zu ihren, meist männlichen,
Kollegen hat sie keine fest entwickelte Choreographie im Kopf. Sie ist vielmehr
daran interessiert herauszufinden, was die Tänzers des Ensembles zu sagen, oder
besser zu ‚bewegen‘, haben. Sie begibt sich auf eine Entdeckungsreise durch die
Erfahrungen der Menschen und fügt diese dann zu einer manchmal fast surrealen
Tour de force zusammen.
Bausch tut dies, indem sie die szenischen Bewegungsabläufe
(die meist in Notizen festgehalten werden) und fragmentarischen Gesten sammelt,
sie in ihre Bestandteile zerlegt, nur um sie in völlig anderer Form wieder
zusammenzufügen. Dazu ist es
hilfreich, sich diese Verfahren an konkreten Beispielen zu vergegenwärtigen. In
einer Probe[xi] zu dem
Stück „Walzer“ ist ein Paar zu sehen, das Zärtlichkeiten austauscht. Die Frau
und der Mann stehen einander dicht gegenüber und streicheln sich mit
ineinandergreifenden, aber synchronisierten, Bewegungen über die Köpfe, die
Haare, die Arme, die Schultern. Frau und Mann folgen dabei ihren eigenen
Bewegungen, keiner imitiert die Gesten des Anderen. Doch bleibt es nicht dabei.
Wenn das Ensemble die Szene gebührend nach - und durchgespielt hat, fügt die
Choreographin den eigentlichen Trick hinzu: Sie trennt die eben erst
zusammengeführten Paare wieder und reiht Frauen und Männer in einer langen
Reihe auf, indem sie sie gleichzeitig die zärtlichen Bewegungen ausführen läßt.
Nur gehen die Gesten jetzt ins Leere und erreichen scheinbar niemanden mehr.
Bausch hat hier
eine nur zu vertraute Geste der Zärtlichkeit genommen, sie in ihre Bestandteile
zerlegt und damit ‚das Andere‘ für jeden offensichtlich gemacht. Indem Bausch
das Vertraute nimmt, es auseinanderbricht und in Fragmenten wieder entstehen
läßt, legt sie ‚das Andere‘ in Demselben und Vertrauten offen dar, für jeden
sichtbar. Sie bedient sich hier meines Erachtens der ‚Technik‘ der ‚Mimikry‘,
wie sie Irigaray beschreibt.[xii]
Durch die Nachahmung der Geste, die in einer patriarchalischen Gesellschaft so
festgelegt wurde, und ihre gleichzeitige Brechung erreicht Bausch genau den
Effekt, den Irigaray für Notwendig erachtet. Sie unterhöhlt nämlich die
männlichen Symbole und erschafft sie so für eine weibliche Gestik, oder
Sprache, neu.
Zudem kreiert
Bausch noch die Illusion eines Spiegelbildes: Die Frauen stehen den Männern
gegenüber (so daß das Ensemble eine Reihe bildet) und jeder führt die vorher am
Partner exerzierten Bewegungen in einem (luft-) leeren Raum aus. Damit
beschwört Bausch das Bild der „sich selbst verdoppelnden“ Frau herauf, wie es
Elisabeth Lenk beschreibt, während sie gleichzeitig damit zu spielen scheint.
Die Frauen schauen in den Spiegel und sehen ‚das Andere‘, was in den Männern
zum Ausdruck gebracht ist, in sich selbst. Es ist hier dann weniger die Frau,
sondern „(wo)man will become the living mirror of woman in which she loses
herself in order to find herself again“ (Lenk 57). Die Frauen haben sich hier
im Anderen selbst verdoppelt.
Außerdem liegt
in dieser Selbst Verdoppelung der Frau die Bewegung, in welcher „she sets off in all directions
leaving ‘him’ unable to discern the coherence of any meaning [and] …When she
returns it is to set off again from elsewhere“ (Irigaray 29). Unterstrichen wird diese
Beobachtung noch dadurch, daß die Szene nicht völlig synchron spiegelbildlich
ist. Sie scheint eher dem „patriarchalischen Zerrbild“ zu gleichen von dem
Weigel spricht, denn die Bewegungen der Tänzer greifen ineinander und nicht
übereinander. Meiner Ansicht nach jedoch drückt dies die (beginnende)
Subjektivierung der Frau aus. Sie ist unabhängig vom Anderen, dem Mann, und
bewegt sich nach ihren eigenen Regeln.
Der Gedanke des
‚Anderen‘ und der Brechung des Vertrauten zieht sich durch Bauschs gesamtes
Werk. Alle ihre Stücke drehen sich, in irgendeiner Weise, um Gegensatzpaare,
das Andere: Liebe - Haß, Sehnsucht - Einsamkeit, Kindheit - Tod, Zärtlichkeit -
Gewalt. Meist sogar in einer einzigen Bewegung. So kann, zum Beispiel, ein
Paar, was sich gerade noch zärtlich berührt hat, im nächsten Augenblick
schlagen, um sich gleich darauf wieder sanft zu streicheln. In allem liegt der
Gedanke des Vertrauten, welches derart gestört wird, daß von dem (maskulinen)
Konzept nur noch Fragmente übrigbleiben, die dann die Frau als Subjekt
entstehen lassen.
Diese
Beobachtungen gelten auch in einem weiteren Sinne, wenn man einmal Bausch und
ihr Werk als Gesamtheit betrachtet. Denn Bausch selber verdoppelt sich in ihrem
Werk, dem Tanz, der Geste, die, Weigel und Irigaray zufolge, ‚Weiblich‘ ist.
Indem die Choreographin als Frau, eine übrigens bis heute noch hauptsächlich von
Männern okkupierte Domäne, nutzt, um ihre Gedanken in Bildern auf der Bühne
sichtbar zu machen, stellt sie sich quasi sich selber gegenüber und betrachtet
sich mit einem wachsamen Auge, sowie die „Beredtsamkeit der Körper“ (Weigel.
83, 111) auf der Bühne.
An dieser
Stelle stellt sich die Frage, hat Pina Bausch, oder eine Choreographin - oder
Tänzerin - eigentlich eine Stimme? Geht man davon aus, daß die Gestik als
Weibliches Mittel der Kommunikation dient, wie zuvor sowohl von Weigel als auch
von Irigaray argumentiert, ist der Körper - oder für eine Choreographin im
verstärkten Maße die anderen Körper - sehr wohl ihre Sprache, ihre Stimme, die
sie zu erheben vermag und mittels derer sie sich und die Frau als Subjekt
konstituiert. Sie kommuniziert außerhalb des maskulinen Systems und, in Bauschs
Fall, liegen auch ihre Inhalte außerhalb dieser Norm, ganz im Gegensatz zu
einiger ihrer männlichen Kollegen. Bausch hat sich in ihrem Werk verdoppelt und
stellt sich gleichzeitig, beziehungsweise die Geste, dem Blick der
Öffentlichkeit zur Verfügung. Damit durchdringt und bricht sie den (männlichen)
Blick, während sie das Auge der Frau zur Wachsamkeit herausfordert. Pina Bausch
hat ihre eigene Sprache gefunden, die sie bewegt und von der sie bewegt wird.
Auf den
ersten Blick hat Elfriede Jelinek sicher nicht viel mit Pina Bausch gemeinsam,
schon allein deshalb, weil sie sich eines anderen Metiers bedient. In Jelinek
haben wir tatsächlich eine weibliche Schriftstellerin und können so mit ‚gutem
Gewissen‘ der Frage nach der weiblichen Stimme in der Literatur nachgehen, da
sie sich eben der maskulinen, normativen Sprache bedient. Doch liegt darin auch
eine Gefahr, denn man kann mit Sicherheit nicht von normativer Sprache sprechen,
wenn man über Jelinek schreibt.
Unumstritten
ist Jelinek eine der umstrittensten Schriftstellerinnen der deutschsprachigen
Literatur. Seit ihren ersten Lyrikveröffentlichungen zum Ende der sechziger
Jahre bis hin zur Uraufführung ihres neuesten Theaterstückes Ein Sportstück haut sie mit gezielten
Axtschlägen in die Stämme der modernen Konsum und Patriarchatsgesellschaft.[xiii]
Und mit Erfolg, wenn man die Entrüstungsstürme als solchen nehmen will, die
vor allem ihrem schwer verdaulichen Prosawerk Lust gefolgt sind.
Vornehmlich
interessiert mich hier mit welcher „Axt“ Jelinek in diesem Roman „dreinhaut“
und was sich dadurch bewegt - oder drastischer gesagt, welche Normen und
Systeme dadurch umgehauen werden. Doch zuvor soll eine kurze Zusammenfassung des
Inhalts von Marlies Janz eingeschoben werden:
Die Geschichte
von Lust ist klischeehaft - eine
Seifenoper - wie alle ‚Geschichten‘ Jelineks. Herman, der Direktor einer
Papierfabrik in einem auch vom Ski - Tourismus heimgesuchten österreichischen
Alpental, meidet aus Angst vor Aids das Bordell und läßt seine Angetraute ihm
alle Huren ersetzen. Die alternde und trinkende Gerti, die sich in ihrer
‚Mutte-rliebe‘ ganz verausgabt an den gemeinsamen Sohn, der bereits eine
Miniaturausgabe des machtlüsternen Vaters ist, beginnt eine Affaire mit dem
Studenten Michael. Sie wird von seinen Sportsfreundinnen und - freunden und ihm
selbst sexuell mißbraucht und vergewaltigt. Gerti irrt zwischen Hermann, der
sie wieder in Besitz nimmt, und Michael, der sie verrät, hin und her, bis sie
zuletzt den vom Vater mit einem Schlafmittel betäubten Sohn erstickt in einem
Bach ‚abtreibt‘. (Janz 112)
Soweit der
Inhalt des Romans, der sich für Gerti zu einem realexistierenden Alp-en-traum
ohne Happy-End entwickelt. Jelinek treibt unterdessen mit dem Leser ihr eigenes
Spiel, welches ihn (oder sie) zuweilen in ähnliche Verwirrungen stürzt wie die
geplagte Gerti.
So greift die
Autorin tief in das Repertoire der deutschen Sprache und läßt alte, neue,
mögliche und unmögliche Redewendungen fröhliche ‚Urständ‘ feiern, die sie dann
für den gar nicht mehr so fröhlichen Leser zum Teil aufs Äußerste verdreht,
verfremdet und bricht.[xiv]
Zwar wird der Leser des öfteren zum Lachen herausgefordert, eben gerade
aufgrund der semantischen Verschiebungen, mit denen Jelinek spielt, allerdings
bleibt ihm - oder ihr - dasselbe im Halse stecken. Denn wo dem Betrachter
vielleicht noch zum Lachen zumute wäre, hat die Hauptfigur „[d]ie arme Gerti.
Die so zornig geprüft wird in der Schule des Lebens“ (Lust 199)[xv]
gar nichts mehr zu lachen:
Die Frau lacht
nervös, als sich der Mann, noch im Mantel, gezielt vor ihr entblößt. [...] Die
Frau lacht lauter und schlägt sich mit der Hand erschrocken auf den Mund. Ihr
werden Prügel angedroht. (Lust 16)
Nicht nur,
daß ihr durch die Mißhandlung des Mannes das Lachen vergeht, schlimmer noch,
sie straft sich selber durch eine gezielten Schlag auf den Ursprungsort der
eigenen Stimme.
Jelinek bedient
sich großzügig im Angebot sprachlicher Wendungen und Klischees, um gleich
darauf die Erwartungen des Lesers aufs erschütterndste zu enttäuschen. Häufig
finden sich in einer Passage gleich mehrere semantische Kombinationsmöglichkeiten.
So zieht sich nicht nur das sexuelle als Thema durch das gesamte Buch, sondern
auch Religiöses und Machtverhältnisse oder -kämpfe in der Familie und zwischen
den Geschlechtern.
Der Direktor will
jederzeit, auch während der Bürostunden, zu Hause anrufen können, um
festzustellen, ob an ihn gedacht ist. Er ist unausweichlich wie der Tod. Immer
bereit zu sein, ihr Herz herauszureißen, es auf die Zunge zu legen wie ein
Hostie und zu zeigen, daß auch der restliche Körper für den Herrn zubereitet
ist, das erwartet er von seiner Frau. Dafür führt er sie am Zaum und unterwirft
sie seiner Sehhilfe unter seinen Augenbrauen. (Lust 55)
Hier baut sich „hinter jeder sexuellen Metapher [...] eine soziale auf, die oft zusätzlich mit religiösen Metaphern blasphemisch ausgeschmückt wird“ (Doll 94, 154f). Religiös ist sie dort, wo sie den Mann mit dem ‚Herrn‘ vergleicht, der uneingeschränkte Hingabe von seiner Jüngerin verlangt und allgegenwärtig ist. Gleichzeitig, und obendrein sowieso in der religiösen Metapher impliziert, geht es um die soziale Macht zwischen den Geschlechtern, wenn ‚Er‘ ‚Sie‘ wie ein Pferd am „Zaum“zeug führt, bereit sie zu unterwerfen. Über allem schwebt die - im Buch allgegenwärtige - Metapher des Sexuellen: „Der Direktor will jederzeit [...], daß auch der restliche Körper für ihn zubereitet ist“ (Ebd.).
Aber nicht nur an dieser Stelle findet sich die Vermischung von verschiedenen Bildern, zumeist sexueller und religiöser Art. In einer weiteren überraschenden Wendung, billigt Jelinek der Frau eine göttliche Dreieinigkeit zu, jedoch auf der rein körperlich - sexuellen Ebene:
Der Besitzer, besser: Beisitzer seiner dreieinigen Wünsche gewöhnt sich so sehr an uns [...]. Das mit der Dreieinigkeit muß ich noch erklären: die Frau ist dreigeteilt. Greifen Sie oben, unten oder in der Mitte zu! (Lust 105)
Indem sie kurzerhand den Körper der Frau in drei Teile teilt, an denen sich der Mann nach belieben bedienen soll - so die Aufforderung der Erzählerin - degradiert Jelinek die Frau wieder zum puren Objekt des Mannes, beziehungsweise all derer, die diesen Vorgang beobachten.
Damit wären wir bei der Frage, was eigentlich treibt Jelinek hier, sowohl mit Gerti als auch mit dem/r LeserIn, der sich auf diese Achterbahnfahrt der Sprache einläßt. Bezüglich der Form lassen sich einige interessante Beobachtungen machen. Es fällt auf, daß Gerti, ohne Nachname, „das Heimchen am Herd“ (Lust 125) ist. Sie erscheint wie der wahrgewordene Alptraum einer Hausfrau, ohne Name, ohne Individualität, das Objekt schlechthin. In ihr finden wir die Thesen der feministischen Forschung auf erschreckende Weise bestätigt, daß Frauen sich in der Geschichte nur über den Mann definieren konnten. Gerti hat „gelernt, sich selbst als untergeordnet, uneigentlich und unvollkommen zu betrachten“ (Weigel 85). Auch der Mann, der Her(r)Mann, ist der Mann schlechthin, eine Person ohne Persönlichkeit, die nur dazu da ist, Gerti ordentlich zu mißhandeln und sich in ihr zu bedienen. Quasi nebenbei dreht Jelinek den Prozeß des Benennens herum, wenn sie ihren Charakteren zwar Vornamen gibt, diese aber gleichzeitig zu leeren Klischeehüllen verkommen läßt. Darin bedient sich die Autorin auch wieder eines männlichen Mittels und gibt ihm durch Brechung neue Bedeutung.
Gerti fungiert hier eindeutig als ‚das Andere‘ des Mannes, sowohl ihres Eigenen als auch des Studenten. Sie ist die fremde Kultur, die der Mann kolonisiert und zerstört hat. Insbesondere Michael, der Student, macht sie (wieder) zu einem „Naturwesen[...], deren einziger Naturwert in ihrer angeblichen Natürlichkeit besteh[t]“ (Weigel 87), wenn er und seine feine Clique Gerti am Skihang vergewaltigen (Lust 186ff). Jedoch kommt Gerti bei Jelinek nicht besser weg, nur weil sie eine Frau ist. In ihrer erschreckend demütigen Haltung ihrem Mann gegenüber und der selbsterniedrigenden Art in der sie sich Michael an den Hals wirft zeigt Gerti nicht viel Selbstreflexion, eher wirkt sie auf den Leser wie eine Komplizin der Männer - nur allzu bereit, diesen alltäglichen Wahnsinn über sich ergehen zu lassen.
Unterstrichen wird diese Beobachtung noch dadurch, daß auch die Erzählerin nicht eindeutig Partei zu ergreifen scheint. Wenn man hier überhaupt von einer ErzählerIn sprechen kann, denn sosehr das ‚Geschlecht‘ im Mittelpunkt der Erzählung steht, sowenig wird diese Frage für die Erzählende Figur geklärt. Vielmehr stellt sich das erzählende Ich immer im Wechsel einmal auf die Seite des Mannes, dann wieder auf die Seite der Frau. Dies geschieht in der Regel als ‚Ansprache‘ an den Leser:
Was, sie kann nicht? Stoßen wir ihr das Knie nach oben und treffen klatschend (Applaus, Applaus!) ihre weichen Futlappen, die sich gleich leise schmatzend öffnen werden, und wir Männer müssen sofort mit dem Maßkrug auf den Tisch hauen. (Lust 41)
Hier spricht das Ich den Leser an, wenn auch unter dem Deckmantel von Hermanns Perspektive. Problemlos schlägt sich das Ich auf die Seite Gertis:
Jaja, wir Frauen! Wir sind auch bei uns (nicht bei Trost). Um mehr aus unseren Männern zu machen, können wir sie nur vollstopfen. (Lust 223)
Dieser doch recht bemerkenswerte Perspektivenwechsel - ohne mit der gewählten Perspektive identisch zu werden - kann den Leser nicht unbeteiligt lassen und macht ihn, oder sie, in so manchem Fall zum Komplizen. Die Komplizenschaft als eine pervertierte Form der Gemeinschaft (Community) setzt nicht immer und notwendigerweise Freiwilligkeit voraus. Ähnlich wie vielleicht auch Gerti in diese verzwickte Situation geraten ist, so findet sich plötzlich auch der Leser in einem Dilemma wieder, daß er sich so sicher nicht freiwillig ausgesucht hätte.
In dem ‚Wie‘, der Form, des Romans finden sich deutliche Spuren des Mimikry, wie es Irigaray ausführt. Jelinek nimmt das Vertraute, sowohl aus der Sprache als auch aus konventionellen Bildern, und verdreht es gerade soviel, daß sich dem Betrachter die volle semantische Wahrheit enthüllt. Sie imitiert den Sprachgebrauch eines patriarchalischen Alltags, um ihn in seiner erschreckenden Absurdität zu entlarven. Jelinek befreit (sich) so von der „männlichen Brille“ (Weigel 85), die sie dem Leser von den Augen reißt, und eröffnet Möglichkeiten, das Zerrbild des Patriarchats wieder ‚zurecht‘ zurücken. Wo Jelinek mit der Axt dreinschlägt, trifft sie Klischees im Urwald der patriarchalischen Gesellschaft, die sie mühelos niederfällt, damit an den Leerstellen neue, unerwartete Sprache wachsen kann.
Was beiden, Bausch und Jelinek, gemeinsam ist, liegt im Grunde auf der Hand - oder im Blickfeld des Betrachters. Beide, sowohl Bausch als auch Jelinek, bedienen sich der Mimikry, das Vertraute darzustellen, es aber so zu verändern, verdrehen, zu brechen oder gar niederzufällen, daß das gegebene (patriarchalische) System unterhöhlt wird und gleichzeitig etwas Neues entsteht. Das Neue hier als ‚das Andere‘, daß Irigaray zufolge im Wesen der Frau vorhanden ist.
Bausch findet das Andere zum Einen in ihren Stücken dort, wo sie die Gegensatzpaare unserer Umgebung (Liebe - Haß, Sehnsucht - Einsamkeit, Zärtlichkeit - Gewalt) aufeinander treffen läßt, nur damit sie sich gegenseitig unterminieren und aufheben. Zum Anderen ist es das Andere auch in ihrem Werk überhaupt enthalten, wenn sie als weiblicher Choreograph, als Choreographin, ihren - und andere - Körper als ihre ‚Stimme‘ gebraucht, um neue Wirklichkeiten außerhalb der männlichen Sichtweise sichtbar zu machen.
Die Frage, ob man in Bauschs Fall von einer ‚Stimme‘ als solche sprechen kann, würde ich ohne zu zögern mit ‚ja‘ beantworten, insbesondere im Hinblick auf die Nuancierung zwischen Irigaray und Weigel. Beide argumentieren, daß die Geste ohne Zweifel in den Bereich des Weiblichen gehört. Irigaray zieht ihr Argument aus der Tatsache, daß das weibliche Geschlechtsorgan, da aus zwei Teilen bestehend, sich ständig selbst berühre, der Inbegriff und die Motivation jeglicher weiblicher Gestik sei. Für Weigel folgt die gleiche Schlußfolgerung aus dem traditionellen Ansatz, der der Frau diesen Bereich von jeher zuordnet. Weigel möchte ihn nur um das „wachsame Auge“ erweitert wissen.
Für Jelinek fällt die Anwendung des Begriffs der ‚Stimme‘ schon wesentlich leichter, bedient sie sich doch der geschriebenen Sprache. Jedoch ist es nicht so einfach, wie es vielleicht scheint, gilt doch das geschriebene Wort traditionell als das Metier des Mannes. An dieser Stelle hakt Jelinek - sozusagen mit ihrer Axt - ein. Mittels der Mimikry entlarvt auch sie die Scheinheiligkeit der Gesellschaft und setzt an eine eigene Stimme zu erheben. Zwar bekommt ihre weibliche Hauptfigur keine eigene Stimme, und ist auch mit Sicherheit keine weibliche Heldin. Aber gerade mit dieser Tatsache kreiert Jelinek eine weibliche Sprache, die nicht nur ein bloßes Zerrbild der männlichen Gesellschaft ist, sondern vielmehr eine eigene Sprache konstituiert - genau wie auch Bausch. Die eine in einer Stimme, die sich bewegt, die andere mit einer Stimme, die bewegt.
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[i] So bezeichnet der Tanzkritiker Jochen Schmidt Pina Bausch in: Jochen Schmidt. „Tanzen gegen die Angst“. Pina Bausch. Düsseldorf und München: Econ&List Taschenbuch Verlag. 21998.
[ii] So in Annette Doll. Mythos, Natur und Geschichte bei Elfriede Jelinek. Eine Untersuchung ihrer literarischen Intentionen. Stuttgart: M&P Verlag für Wiss. und Forschung: 1994.
[iii] Hierzu besonders die Artikelsammlung von Inge Stephan, Sigrid Weigel (Hrsg.). Die verborgene Frau. Sechs Beiträge zu einer feministischen Literaturwissenschaft. Berlin: Argument-Verlag, 1983. Stephan und Weigel gehen hier auf die verschiedensten Probleme der feministischen Literaturwissenschaft ein, so zum Beispiel das des Frauenbildes und der Frauenliteratur. In dieser Arbeit soll vor allem der Beitrag Sigrid Weigels „Der schielende Blick“ herangezogen werden und zur Klärung eventueller Problemstellungen beitragen.
[iv] Siehe hierzu besonders die beiden Bände aus „Literatur im historischen Prozeß“ Inge Stephan, Sigrid Weigel. Ebd. Sowie Diess. u.alt. Frauen Weiblichkeit Schrift. Berlin: Argument-Verlag, 1985. Außerdem zu diesem Themenkomplex: Gisela Ecker (Hrsg.). Feminist Aesthetics. Translated by Harriet Anderson. London: The Women’s Press Limited, 1985.
[v] So der Titel ihres Artikels in Gisela Eckers Buch Feminist Aesthetics, ebd., 23-50.
[vi] Hier sei besonders auf ein Beispiel aus Bovenschen. Ebd. S. 27 verwiesen, indem sie Franziska zu Reventlow anführt, die argumentierte, daß Frauen nur reproduzieren, aber nicht kreativ produzieren könnten.
[vii] Elisabeth Lenk. „The Self-reflecting Woman“. Ecker, ebd. S. 51-58.
[viii] Diesen Begriff benutzt Weigel in Anlehnung an Simone de Beauvoir Ausdruck „La Deuxième Sexe“.
[ix] Hierzu besonders Luce Irigaray. This Sex Which Is Not One. Trans. Catherine Porter. Ithaca, New York: Cornell University Press, 1985.
[x] Diese Wortpaare sind Notizen zu Proben aus dem Buch von Raimund Hoghe entnommen.
[xi] Diese Szenen sind dem Video Was tun Pina Bausch und ihre Tänzer in Wuppertal. Deutschland: NDR, 1983 entnommen. Obwohl diese Aufnahmen schon fast 20 Jahr zurückliegen so ist die Arbeitsweise doch typisch für Bausch und hat sich in den vergangenen Jahren nicht wesentlich verändert. (Siehe dazu Jochen Schmidt).
[xii] Siehe hierzu besonders Susan Kozel, „‘The Story is told as a history of the body.’ Strategies of Mimesis in the work of Irigaray and Bausch,“ Jane C. Desmond, (Hrsg.), Meaning in Motion. New Cultural Studies of Dance, Durham & London: Duke University Press, 1997, 101-109.
[xiii] Dies in Anlehnung an ein Zitat von Elfriede Jelinek „Ich schlage sozusagen mit der Axt drein“. Entnommen aus Corina Caduff, Ich gedeihe inmitten von Seuchen. Elfriede Jelinek - Theatertexte, Bern, Berlin, Frankfurt a.M., New York, Paris, Wien: Verlag Peter Lang, 1991.
[xiv] Zur Verwendung von Sprichwörtern im Roman siehe besonders Christina J. Wegel. „ „Der Aufbruch der Phrase zur Tat“: Sprichwörtliche Vergewaltigung und vergewaltigte Sprichwörter in Elfriede Jelineks Roman Lust“. Proverbium 16 (1999): 391-408.
[xv] Hier und im folgenden wird aus Elfriede Jelinek, Lust, Hamburg: Rowohlt, 1989, zitiert.