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An deutschsprachigen Bühnen in Europa kündigt sich seit einigen Jahren ein Generationswechsel an: Zu den „Klassikern“ unter den Regisseuren wie Peter Stein (61 Jahre), Peter Zadek (72), Klaus Peymann (61) und Dieter Dorn (63) gesellen sich die Jüngeren[i] wie Thomas Ostermeier (30) und Sasha Waltz (36) als Kodirektoren der berühmten Berliner Schaubühne, Tom Kühnel (28) und Robert Schuster (29) an Frankfurts Theater am Turm, Andreas Kriegenburg (35) als Oberspielleiter am Wiener Burgtheater oder Stefan Bachmann (32) als Schauspielchef in Basel.[ii]
Doch hinter den
Kulissen verjüngte sich nicht nur die Besetzung der Chefsessel sondern auch die
Riege der gespielten Dramatiker. Was in England mit Sarah Kane[iii]
bereits ein viel zu frühes Ende nahm (*1972 ‡ 1999) und mit Mark Ravenhills Shopping and Fucking international
Furore machte,[iv] setzte sich
in Deutschland mit Dea Loher (*1964), Theresia Walser,[v]
Marius von Mayenburg,[vi]
Michael Roes,[vii] Albert
Ostermeier, Klaus Chatten, Oliver Bukowski, Kerstin Hensel[viii]
und mit der aus dem ehemaligen Jugoslawien stammenden Biljana Srbljanoviç[ix]
fort. Diese jungen Dramatiker bringen neue Stoffe aber auch experimentelle
Konzepte der Realisierung von Theateraufführungen mit sich.
Der aus
Magdeburg stammende Regisseur Andreas Kriegenburg, der bereits in München am
Residenztheater[x] und zuvor in
Hannover beachtliche Arbeit leistete, favorisiert zum Beispiel eine dynamische
Arbeitssituation von Autor, Dramaturg und Ensemble im Sinne eines „Theater
Neuen Typs“,[xi] welches er
in mehreren Inszenierungen besonders in Zusammenarbeit mit der gleichaltrigen
Dea Loher verwirklichte.
Dea Loher gehört zu den erfolgreichsten jungen Autorinnen, deren Stücke im In- und Ausland gespielt werden. Nach der Beendigung ihres Germanistik- und Philosophiestudiums[xii] an der LMU-München wollte sie eigentlich promovieren, doch eine Reise nach Brasilien inspirierte sie zu einer Auseinandersetzung mit der deutsch(-südamerikanischen) Nazi-Vergangenheit. Das Ergebnis war Dea Lohers erstes Theaterstück Olgas Raum. Zu einer Zeit, als sich ganz Deutschland im Freudentaumel über Maueröffnung und Wiedervereinigung zu befinden schien, setzte Loher ganz andere Akzente, indem sie Folter und KZ, düstere Vergangenheit und die Abgründe des Seelenlebens auf die Bühne brachte.
Als das Stück
1991 uraufgeführt wurde, hatte Dea Loher sich bereits in Berlin an der
Hochschule der Künste für den Studiengang „Szenisches Schreiben“ eingeschrieben
und die ersten Auszeichnungen als Jungautorin erhalten: Bereits 1990 bekam sie
den Dramatikerpreis der Hamburger Volksbühne, 1992 den Playwrights Award des
Royal Court Theatre in London, wo sie ebenfalls ein Stipendium wahrnahm, 1993
den Goethe-Preis des Goethe-Instituts sowie den Preis der Frankfurter
Autorenstiftung, 1995 die Fördergabe des Schiller-Gedächtnis-Preises von
Baden-Württemberg, 1997 den Jakob-Michael-Reinhold-Lenz-Preis der Stadt Jena
und für ihr dramatisches Gesamtwerk den Gerrit-Engelke-Preis der Stadt
Hannover.
Trotz
vielfacher Auszeichnungen aus der Fachwelt verfolgt sie das Feuilleton
verschiedener Tageszeitungen mit dem Vorwurf des Utopieverlustes und der
Schwarzmalerei, die im starken Kontrast zum gegenwärtigen Trend stehen.[xiii]
Über diesen Tadel fühlt sich Loher jedoch erhaben, indem sie sagt: „Eine Utopie
als unerfüllbaren Traum kann man gar nicht verlieren. Davon erzählen doch meine
Stücke dauernd, von dem Traum einer gerechteren, glücklichen Welt.“[xiv]
Den Wettlauf aufzunehmen mit der „unverbindlichen Zerstreuungsindustie“ (Khuon:
1998, 11) war ihre Sache nicht. Vielmehr will sie ihr etwas entgegensetzen und
der Gesellschaft so den Spiegel vorhalten: „Alles andere wäre verlogen.“
(Wille: 1998, 223). Als ernste und ernst zu nehmende Stimme in einer globalen
Unterhaltungsgesellschaft wird Dea Loher somit zu einer der wichtigsten
geistigen Ressourcen Europas.
Obwohl sie als
freie Schriftstellerin in Berlin lebt, hat Dea Loher in Hannover ihr Theater
und ihren Regisseur in Andreas Kriegenburg gefunden. Der gleichaltrige
Regisseur inszenierte dort die meisten ihrer Uraufführungen, so auch 1998/99 Adam Geist, welches ich im Folgenden
kurz vorstellen möchte.
Das Stück war ein Auftragswerk des Schauspiels Hannover und wurde als eines der besten Stücke der Spielzeit 1998/99 zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen. Dort, beim 23. Festival deutschsprachiger Gegenwartsdramatik in Mülheim, erhielt abschließend nicht Elfriede Jelineks favorisiertes Sportstück den mit 20.000 Mark dotierten „Stücke“-Preis, sondern Dea Loher für Adam Geist. Dies machte Loher lange nachdem die Fachwelt sie entdeckt hatte und lange nachdem ihre Stücke ins Englische, Italienische, Französische, Spanische, Finnische und Russische übersetzt wurden, auch in Deutschland einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.
Adam Geist besitzt Merkmale einer allegorischen Erzählung. Der Protagonist in Adam Geist[xv] ist als „Adam“ der erste und der letzte Mensch[xvi] und als „Geist“ Stellvertreter für die ständige Hybris des Menschen, den Glauben an seine geistige Überlegenheit, die Vernunft und den Intellekt, an seine Spitzenstellung in der Evolution und auf der Skala der Erkenntnis. Adam Geist wird dadurch zum (Zerr-) Spiegel der europäischen Befindlichkeit.
Bereits der
sprechende Name des Titel-Anti-Helden hat biblische Konnotationen. So
verwundert es auch nicht, dass seiner Initiation Leidensstationen entsprechen:
In 21 Bildern entfaltet sich Adams Genese mit vielen Anspielungen auf die
heilige Schrift.[xvii]
Doch der
Lebenslauf des Hilfsschülers folgt weder dem religiösen Vorbild Jesus noch der
Struktur eines klassischen Bildungsromans. Vielmehr wird der Weg Adams in die
Erwachsenenwelt ein Weg aus der Welt: Zu Beginn des Stücks ist der aus einem
kleinen österreichischen Ort nahe der bayrischen Grenze stammende
Klempnerlehrling siebzehn und am Ende der Parabel neunzehn Jahre alt. Mit dem
Tod seiner Mutter gerät er vom Pfad der Tugend ab, wird ein erfolgloser Dealer,
zum Vergewaltiger und Mörder. Die letzten Chancen, die ihm das Schicksal
bietet, z.B. als ordensgeschmückter Lebensretter bei der Feuerwehr wieder den
Anschluss an die Gesellschaft zu finden, verlieren sich, als Adam zur
Fremdenlegion geht, ins Skin-Milieu absinkt[xviii]
und als Söldner den jugoslawischen Bürgerkrieg kennen lernt. Hier kann er
einmal mehr Menschen retten,[xix]
indem er den vermeintlichen Freund erschießt, der einen Mord an Zivilisten
begehen will. Doch gleichgültig ob Adam tötet oder rettet, immer fühlt er sich getrieben
und weiter getrieben und verliert letztendlich den Kampf gegen die Einsamkeit
und um einen Ort in dieser Welt. Fast zwingend logisch erscheint am Ende seine
Resignation. Dem „Dieb, Stricher, Totschläger, Mörder“ (Loher: 1998, 72) bleibt
in seiner zunehmenden Verzweiflung und fortschreitenden Vereinsamung nur der
Selbstmord. Adam erhängt sich und macht dabei mit einer früheren Ankündigung
seines Freitods Ernst:
Das Leben möchte
ich abstreifen wie ei-
nen Schlaf.
Hinausschlüpfen in den Tod. -
Das Leben, das
mich so lange gefangen gehal-
ten hat in
Dunkelheit und Taubheit, zerbre-
chen, endlich.
(Loher: 1998, 27)
Alleingelassen in der Welt, der Vater unbekannt, die Mutter gestorben, fühlt sich der Jugendliche bereits von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Das Leben in einer nicht mehr nur als vater-, sondern nun auch als mutterlos empfundenen Gesellschaft wird problematisiert:
Kein Vater keine
Mutter keine Wohnung kei-
ne Arbeit kein
Geld
was bleibt mir
da noch übrig,
he (Loher: 1998,
16f.)
Die Tragik von Büchners Woyzeck wird in Adam Geist aktualisiert, unter anderem da Adam auf dem Friedhof einem Mädchen begegnet, deren Eltern Büchners Drama entstiegen zu sein scheinen. Sie ist die Tochter einer Hure, die von ihrem Mann umgebracht wurde.[xx] Adam begegnet in dem Mädchen seinem alter ego. Er versucht sie zu lieben, doch genauso destruktiv wie er seinem eigenen Leben gegenüber eingestellt ist,[xxi] wird seine Zuwendung zu dem Mädchen brutal und endet in Vergewaltigung und Mord:
Ohne daß ich es
wollte. Es ist einfach so pas-
siert, ohne daß
ich es aufhalten konnte. Da
hat mich etwas
getrieben und immer weiter-
getrieben - ich
weiß nicht was -
Wie es vorbei
war, bin ich erst langsam zu mir
selber gekommen.
Da wollte ich
mich umbringen. Das wäre das
Beste gewesen.
Da wäre ich zum Licht hinge-
flogen.
Aber ich habe es
nicht getan. (Loher: 1998, 119)
Von dem Schauplatz dieser Tat, vernarbt an Körper und Seele, führt ihn sein Weg an weitere Orte, wo er seine Sexualität und seine Aggressivität ausleben und der Versuchung von Gruppenidentitäten und Drogen nachgeben kann.
Auf diesem Weg
begegnet er vielen Personen, die Dea Loher als reine Funktionsträger auftreten
lässt: Selten werden ihnen Namen und Identitäten gegeben, zumeist sind es nur
Typen wie „das Mädchen“, „die Feuerwehrmänner“, „die Giftler“, „die Skins“,
etc. Sie werden Adam Geist mit Abenteuern konfrontieren, hinauf- oder
hinabziehen und sein Ende vorbereiten.
Loher schreckt
hier nicht vor Stereotypen zurück, um die Universalität und Kontinuität von
Verhaltensmustern aufzuzeigen. Frauen erscheinen zumeist in der Rolle einer
Prostituierten oder als Vision der Jungfrau Maria.[xxii]
Die Männer treten dem gegenüber hauptsächlich als Teil eines Kollektivs auf.
Das etwa 200
Personen umfassende Handlungspersonal repräsentiert die pluralistische Vielfalt
unserer Gesellschaft und Zeit, die Adam Geist keinen klaren Weg weisen kann.
Ihm selbst fehlt ebenso jede Bestimmung und Richtung, da sich die Entwertung
und das Chaos der Welt in der Leere seines Innern zu spiegeln scheinen:
ich habe meinen
Weg verloren
nein
wie kann ich
etwas verlieren, was ich nie ge-
habt habe
(Loher: 1998, 119)
Sein Weg führt ihn aus dem Haus seiner verstorbenen Mutter über Straßen- und Friedhofsszenen, besetzte Häuser, Irrenhaus und Gefängnis, über Frankreich und Jugoslawien bis in ein höhlenartiges Versteck in Österreich. Wegen dieser Reise durch Innen- und Außenräume und aufgrund dieses Sich-Fortbewegens kann Adam Geist lange verdrängen, dass ihm Heimat und Bestimmung im geographischen Sinne abhanden gekommen sind. Für ihn könnte es nur noch eine metaphysische neben der verlorenen Heimat geben. Diese metaphysische Heimat, dieser Hort der Geborgenheit wäre für ihn wie ein Ithaka. Doch diesen Ort findet Adam weder als Mensch in der physikalischen Welt, noch als Geist, als Denker in der Metaphysik, im Glauben, in der Religion. Letzteres verhindert bereits seine traumatische Kindheitserinnerung: Adam Geist verweist immer wieder mit Schrecken auf seine religiöse Erziehung,[xxiii] die ihm von seinen Verwandten zugedacht wurde[xxiv] und aufgrund derer seine Glaubensfähigkeit verkümmerte. Exemplarisch für diesen Verlust ist nicht nur seine Lebensgeschichte im Ganzen, sondern auch eines der Theaterbilder im Detail:
Die 18.
Leidensstation Adam Geists führt ihn zum Marienwallfahrtsort Medjugorje, zu
Pilgern, Kirchen und „Marienmystik“ (Loher: 1998, 111), wo Adam seine
Unfähigkeit zu glauben schmerzlich erkennen muss. Er bittet Madonna um ein
Zeichen und um die Möglichkeit der Rettung seiner Religiosität. Doch sein Gebet
bleibt unerhört:
Hilf mir
ich bitte dich
ich bitte dich
[...]
ich warte also
ich warte
was ist
sie [die Pilger]
bilden es sich ein
nicht
da trifft die
rechte Einbildung
auf den rechten
Moment
und schon ist
der Glaube gerettet
und der Himmel
bewiesen
warum dann nicht
ich
warum nicht ich
Aber ich bin
das Ebenbild
Gottes
wie jeder von
euch
und ich
verfluche dich (Loher: 1998, 115f.)
Das Schauwunder bleibt aus, ebenso wie jeder Hoffnungsschimmer. Doch Adam Geist lehnt die Erkenntnis, dass er weder Ziel noch Richtung in seinem Leben hat, lange ab. Vielmehr versucht er durch seinen Rausch des Erleben-wollens, Dabei-sein-wollens, durch seinen Drang, sich im Hier und Jetzt bemerkbar zu machen, seine Orientierungslosigkeit aufzuheben. Sein einziger Freund, der Indianer Karl Oberreitmeier, verkündete resigniert, „[d]aß der Mensch den Zustand der Welt nicht ändern kann, nicht um ein Weniges.“ (Loher: 1998, 62).
Dabei wirkt
Adam Geists Werdegang wie eine Antwort auf Adornos und Horkheimers Frage,
„warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand
einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt.“[xxv]
„Warum“ ist somit auch das erste Wort im Stück:
ADAM Warum -
TANTE Es war die
Sonne. Weil sie immer ewig in der Sonne sitzen mußte.
ADAM Warum -
TANTE Dann
bekommt es etwas Unvermeidliches. Gehört hat sie ja auf keinen.
ADAM Warum habt
ihr mir nichts gesagt.
Schweigen. (Loher: 1998, 9)
Das „Warum“ ohne Fragezeichen und die Tatsache, dass Licht bzw. Sonne im Fall von Adams Mutter den Tod durch Hautkrebs statt Erkenntnis bringen, deuten bereits ein ironisches Verhältnis zum Erkenntnisdrang, zur Vernunft und der Möglichkeit von Einsicht und Wissen an. Auch im Handlungsverlauf wird jedes aufklärerische Credo entwertet: Wie Odysseus seinerzeit seine Abenteuer erlebt, - „[e]r überläßt sich [Lockungen], die das Selbst aus der Bahn seiner Logik herausziehen. Er überläßt sich ihnen immer wieder aufs Neue, probiert es als unbelehrbar Lernender, ja zuweilen als töricht Neugieriger, wie ein Mime unersättlich seine Rollen ausprobiert“, (Horkheimer: 1987, 70f.) - so wird auch Adam Geist aus der Bahn geworfen.
Nach
erschöpfenden und frustrierenden Verstümmlungen Anderer und seiner selbst
resigniert der junge Mann. Adam sitzt am Ende des Stückes ermattet auf einer
Bank, neben sich ein loses Bündel - Hüllen, Häute, Uniformen, Masken, die er
während seiner Theater-Odyssee getragen hat.[xxvi]
Pausenlos hat Dea Loher ihren Protagonisten an einem neuen Dasein basteln
lassen. Es wechselten in schneller Folge Verkleidungen und ihre Kontexte,
wodurch sich das Schicksal von Adam Geist beschleunigte und verdichtete. Doch
keine Rolle brachte ihm die Erlösung von seinen Leiden, die Erfüllung, die
Ruhe, das Paradies.
So bleibt ihm
nur noch der Selbstmord: Adam stirbt und kann Geist / Seele / Wesen werden.
Doch mit ihm stirbt symbolisch die Menschheit, und mit ihr sterben auch viele
menschliche Ideale, allen voran die Religion, deren Existenz Adam bis zuletzt
erhoffte und doch negierte: Christus’ Leidensweg endete in der Auferstehung und
somit mit einem Neubeginn. So sinnierte bereits Adam: „Ist das Sterben jetzt
ein Aufwachen oder nicht. Ein Geborenwerden.“ (Loher: 1998, 28). Doch Adam
Geists Leidenszeit (Passionszeit) führt nicht zum Licht. Sein Abfall vom
Glauben macht dieses Schicksal unrealistisch.[xxvii]
Die Welt, aus der er sich verabschiedet, hat keinen Gott und keine Hoffnung auf
jenseitige oder diesseitige Wunder mehr:
KUNDE Was soll
das heißen. Zukunft. Willst
du mich
verscheißern. Zukunft. Hoffnung.
Bist Du auf dem
Religionstrip. (Loher: 1998, 21)
Das Stück begann da, wo die Passionsgeschichte aufhört - an einem offenen Grab - und endet mit der Negation jeder Möglichkeit von Erlösung und Auferstehung.
In lyrischen Monologen, chorischen Textpassagen und eindringlichen Dialogszenen schafft Dea Loher mit einer prägnanten und lakonischen Sprache einen Bilderbogen vom verzweifelt komischen und tragischen Lebenskampf Adams. „In ihrer knappen, präzisen Sprache verraten sich die Verhältnisse als das, was sie sind - lebensfeindlich, roh, widrig.“ (Löschner: 1997, 72).
In diesem
Reigen aus Macht, Ohnmacht und Unterdrückung werden die Kategorien von Täter
und Opfer ambivalent, die Frage der Schuld wird arbiträr: „Kein Engel, aber
auch kein Killer“, das dem Stück vorangestellte John-Updike Zitat, deutet
bereits an, dass wir mit Schuldzuweisungen und Schwarz-Weiß-Denken nicht weiter
kommen werden.[xxviii] Der
Dualismus von Adam und Geist im Wesen des Protagonisten besiegt die Dialektik
einer Logik von entweder / oder, indem er „das weitgefächerte Zugleich und
Nebenher der alternativen Ordnungen“ internalisiert. (Oberender: 1998, 86).
Alle Stücke von
Dea Loher handeln von derlei Grauzonen, Leviathan
erzählt von ihnen, genauso wie Tätowierung,[xxix]
Fremdes Haus genauso wie Blaubart und Manhattan Medea. „Schuld: ausgesprochen wird sie nie, aber um sie
kreisen alle Figuren, kreist alles Reden.“ (Börgerding: 1998, 30).
Eng verbunden
mit dem Schuldkomplex ist der traditionelle „Abschied von den Eltern“, der bei
Dea Loher zu einem Abschied vom traditionellen Selbstverständnis der Menschheit
und vom Vernunftsglauben wird. Mit letzterem rechnet Adams Abschiedsmonolog
des Stückes ab:
Da haben sie ein
Raumschiff gebaut
Voyager
und es
hinausgeschickt
in den Weltraum
im Jahr 2018
heißt es
wird es unser
Sonnensystem verlassen
keine Geräte an
Bord werden dann mehr
funktionieren
aber das Schiff
wird weiterfliegen
durch die
unendlichen Sterne
von denen wir
nicht einmal ein Bild haben
aber außen an
dem Raumschiff haben sie eine
Platte befestigt
eine
Schallplatte aus vergoldetem Kupfer
so daß sie
Millionen Jahre überleben kann
und da sind
Nachrichten drauf von unserem
Planeten
eine
Grußbotschaft vom Waldheim
was eine Schande
ist
und freundliche
Worte in 54 Sprachen
Töne von
Menschen Tieren Maschinen
das Rauschen des
Ozeans
das Lachen von
Kindern
ein Pianist wie
er Bach spielt
und das Singen
von Grillen
wenn es
vernünftige Lebewesen gibt
außerhalb des
Sonnensystems
dann erfahren
sie vielleicht von uns
fern in der
Zukunft
und sie werden
uns erkennen
und verglühen
werden wir
im Feuer ihrer
Vernunft
ob das ein Trost
ist
vielleicht
(Loher: 1998, 120f.)
Dem ersten Wort des Stücks „Warum“ steht das „vielleicht“ am Ende entwertend gegenüber. Die Suche nach Sinn kann nicht mehr mit Bestimmtheit beantwortet werden.[xxx] Es gibt nur noch Möglichkeiten und Facetten aber keine Wahrheit mehr. In postmoderner Manier hat sich auch Dea Loher von der ontologischen Möglichkeit „einer“ Realität distanziert. So ist Adam Geist ein Protagonist ohne jedes Telos doch mit viel Pathos.
Große Worte und Gefühle, alte Stoffe und klassische Motive aus Odysseus, Hamlet oder Woyzeck haben für Dea Loher ihre Universalität bewiesen, wenn es darum geht, anthropologische Grundkonstellationen zu problematisieren. Doch hier bleibt Dea Loher nicht stehen. Sie variiert Elemente vom antiken bis zum epischen Theater, mit neuen Einflüssen aus Kino und Fernsehen, aus Kunst und Literatur, wobei sie die vorhandenen Diskurse weiterschreibt. So ist Adam Geist eine Reminiszenz der Brecht’schen Baal-Figur genauso wie des Hauptdarstellers in dem englischen film noir-Streifen Naked.
Dea Lohers
Anleihen sind vielfältig und nicht auf ein Genre oder eine Epoche begrenzt:
„Die Chöre der Feuerwehrmänner, Giftler und Pilger, der türkische Chorführer
spielen mit antiken Stoffen und Formen und behaupten und unterlaufen klassische
Größe. [...], der Deal I und II spielt in der Einsamkeit der Baumwollfelder von
Koltès oder dem Dickicht der Städte
von Brecht. Das Kettensägenmassaker ist ein Zitat des Zitats von Rainald Goetz’
Krieg des Films The Texas Chainsaw Massacre, meint aber auch Schlingensiefs Deutsches Kettensägenmassaker, der
Indianer kommt als William Blake aus Dead
Man von Jim Jarmusch, der Bad Lieutenant von Abel Ferara wartet noch immer
auf seine Erlösung, die Heiligenfiguren weinen echte Tränen wie in Kusturicas The Time of the Gypsies. Bibelzitate,
Passionsanleihen, Katholizismen [...].“(Börgerding: 1998, 27).
Das alles ist
ein Spiel, in welchem der Leser / Theaterbesucher eine Überfülle an Diskursen
erkennen und nach Belieben für sich selbst weiterverfolgen kann. Während die
intertextuellen Anspielungen verhalten bleiben, provoziert Dea Loher
Erkenntnis auf diegetischer wie extra-diegetischer Ebene mit Hilfe ihrer Kunstsprache.
So ist die Sprache ihrer Figuren „unsentimental, brüchig, sie wirkt kalt; wie
die Verhältnisse, in denen sie gezwungen sind zu leben. Es ist zuallererst der
Duktus ihrer Sprache, der Rhythmus, das Stakkato der gehetzten Rede, die auch
den Leser außer Atem kommen lassen.“ (Löschner: 1997, 71).
So wird für Dea
Loher das Theater zur letzten Utopie, wo sich Stück und Zuschauer zu
gemeinsamer Erfahrung zusammenschließen, als Stätte, wo man sehen und
„wahr“nehmen muss, wo der Zug des Protagonisten ins Asoziale Erkenntnis
einklagt. Loher will die Zuschauer wachrütteln, aufregen, provozieren und vor
allem in die Eigenverantwortung zwingen: „Ich habe die Schnauze voll von dem
postmodernen Orientierungslosigkeitsgefasel, das die gesellschaftliche Funktion
des Theaters auf Null setzt, weil es wurscht ist, was gespielt wird.“ (Loher
in: Willmann: 1999, 34). Trotz ihrer formalen Nähe zum Postmodernismus[xxxi]
lehnt sie den Abschied von der Moral ab. Dea Loher hält an der sozialen
Verantwortung von Autor und Bühne fest und orientiert sich an Schillers Ideal
vom Theater als moralischer Anstalt.[xxxii]
In ihrer jüngsten Publikation Manhattan
Medea spielt sie deutlich auf Schillers Credo an: „Wenn keine Moral mehr
gelehrt wird, wenn keine Religion mehr Glauben findet, wenn kein Gesetz mehr
vorhanden ist, wird uns Medea noch anschauern, wenn sie die Treppen des
Palastes herunterwankt...“. (Schiller: 1958, V/823). Dea Loher verfolgt diesen
Ansatz mit ihren Tragikomödien und ihrer Vision vom Theater als Raum, wo sich
„demokratiekontrollierender Ort“ und „Spaßwert, wie ihn etwa Popkonzerte
haben“, (Kuhn: 1998, 22) zusammenfinden. „Beim Schreiben einen Anspruch
vertreten, Wirkungen erzielen, das ist das erklärte Ziel Dea Lohers. [...] die
Distanz dessen, der längst weiß, ist ihr fremd. Ihre Neugier ist echt, sie gilt
den Menschen und ihrem Jetzt und Hier. Wie Olga ihre Gefängniswände, beschreibt
Dea Loher die Wirklichkeit - ihre Geschichten ein Photoalbum: ,Nur wenn ich
mich ganz genau erinnere, werde ich die Zukunft erleben.‘“ (Loher in: Löschner:
1997, 73).
Das Theater der
1990er Jahre ist für Dea Loher der letzte Ort wahrer Einsicht und Größe, wo man
von steigender Gewaltbereitschaft, der Angst, dem täglichen Leben nicht
gewachsen zu sein, und einer neuen Armut, materiell und spirituell, geläutert
werden kann.
Büchner, Georg. Woyzeck. Ditzingen, 1986.
Loher, Dea. Olgas Raum /Tätowierung /Leviathan.
Frankfurt a.M.: Verlag der Autoren, 1994.
---. Fremdes Haus, Frankfurt a.M.: Verlag der
Autoren, 1996.
---. Adam Geist, Frankfurt a.M.: Verlag der
Autoren, 1998.
---. Blaubart - Hoffnung der Frauen /Manhattan
Medea. Zwei Stücke, Frankfurt a.M.: Verlag der Autoren, 1999.
Schiller, Friedrich.
„Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken? (Die Schaubühne als
moralische Anstalt betrachtet).“ Sämtliche
Werke. Fünfter Band. Erzählungen / Theoretische Schriften. München: C.
Hanser, 1958-59. Bd. 5. 818-831.
Michael Börgerding,
„Erzählen (Geschichte/n & Biographien)“ in: Theater der Zeit. Zeitschrift für Politik und Theater, Januar /
Februar 1998, S. 28-31.
Lesley Ferris, Acting Women. Images of Women in Theatre,
London 1990.
Helen Gilbert,
„Dressed to Kill. A Post-Colonial Reading of Costume and the Body in Australian
Theatre“, in: J. Ellen Gainor (ed.), Imperialism
and Theatre. Essays on World Theatre, Drama and Performance, London 1995;
S. 104-131.
Jens Groß und Ulrich
Khuon (Hrsg.), Dea Loher und das
Schauspiel Hannover, Prinzenstraße. Doppelheft 8, 1998.
Max Horkheimer,
Gesammelte Schriften, Band 5, Dialektik der Aufklärung und Schriften 1940-1950,
(Frankfurt a.M.: Fischer 1987).
Ulrich Khuon, „Das
Spiel des Schreibens und seine Anstöße“, in: Jens Groß und Ulrich Khuon
(Hrsg.), Dea Loher und das Schauspiel
Hannover, Prinzenstraße. Doppelheft 8, 1998; S.9-17.
Juliane Kuhn, „Nicht
Harmonisierung sondern Dissonanz“, in: Jens Groß und Ulrich Khuon (Hrsg.), Dea Loher und das Schauspiel Hannover,
Prinzenstraße. Doppelheft 8, 1998; S. 18-24.
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„Paradies und Das. Struktursplitter der ‚Wende‘ im Theater seit ’89“ in: Theater der Zeit. Zeitschrift für Politik und Theater, Mai / Juni 1996, S. 50-59.
Thomas Oberender,
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Willmann, Brigitta.
„Kalter Blick auf menschliche Tragödien“, in: Basler Sonntagszeitung, 18/01/1999; S.34.
[i] Das
junge Theater wird mit Lorbeeren aber auch Reden der Verdammnis bedacht, die
mit jeder „Wachablösung“ Hand in Hand zu gehen scheinen. Das erste Opfer der
Debatte um Segen und Schaden wurde der junge Bochumer Intendant Leander
Haußmann, der einst als jüngster Theaterchef Deutschlands gefeiert wurde und
der stellvertretend für die neue Generation zum Opferlamm wurde.
[ii] Dieser
Trend hat sich nicht zuletzt wegen der Wende bereits seit 1990 in
Ostdeutschland durchgesetzt, wo mit Sven Schlötke (Theaterhaus Jena), Arne
Retzlaff (Theater Junge Generation, Dresden), Martin Fischer (Kleist-Theater,
Frankfurt a d. Oder), Hans-Peter Frings (Freie Kammerspiele, Magdeburg)
allesamt Mittdreißiger in den Chefsesseln sitzen.
[iii] Sarah
Kanes berühmteste Stücke sind Blasted (dt. Zerbombt, 1995), Cleansed (dt. Gesäubert),
Phaedra’s Love (1996) und Crave.
Vgl. Nils Tabert (Hrsg.), Playspotting.
Die Londoner Theaterszene der 90er, Frankfurt 1998. „Nicht der Held der
Haupt- und Staatsaktionen erobert die Bühne, sondern die als Alptraum oder
Abschaum zu unrecht disqualifizierte Kreatur.“ Heike Müller-Merten, „Gibt es
eine Dramatik der 90er Jahre?“ in: Theater
der Zeit, März / April 1997, S. 31.
[iv] Mark
Ravenhill, Shopping and Fucking,
1998, wurde in New York, Montreal, Wien und an vielen deutschen Bühnen zu einem
britischen Erfolgsexport.
[v] Theresia
Walsers King Kongs Töchter und Die Heldin von Potsdam, sowie Kleine Zweifel /Das Restpaar
(Theaterbibliothek) erschienen 1997 im Verlag der Autoren.
[vi] Seine
Stücke zirkulieren bislang nur in Manuskript-Form, wie z.B. Papi ist tot und Feuergesicht, 1998.
[vii] Von
Michael Roes liegen zahlreiche Veröffentlichungen vor: Der Coup der Berdache, Berlin 1999; Durus Arabij - Arabische Lektionen, Eichborn 1998; Leeres Viertel. Rub’Al-Khali, Goldmann
1998; Der Narr des Königs, Eichborn
1997; Rub’ al-Kahli - Leeres Viertel, Eichborn 1997.
[viii] Kerstin
Hensels Ausflugszeit erschien 1988 und Grimma 1996 in Theater der Zeit.
Zeitschrift für Politik und Theater.
[ix] Sie
wurde mit ihren Theaterstücken Familiengeschichten
und Belgrader Trilogie in ganz Europa
bekannt. Letzteres Stück wurde in Theater
der Zeit. Zeitschrift für Politik und Theater, Mai / Juni 1998, S. 85-97,
abgedruckt.
[x] Mit
Dea Loher arbeitete er an einer Inszenierung des alten Blaubart-Stoffes. Erst
im Anschluß daran publizierte Dea Loher das Theaterstück Blaubart - Hoffnung der Frauen, Frankfurt a.M. 1999.
[xi] Derzeit
arbeiten ein gutes Dutzend gleichgesinnter Dramatiker um die Dreißig am
Netzwerk „Theater Neuen Typs“ (TNT), unter ihnen Daniel Call, Simone Schneider,
Moritz Rinke, Theresia Walser, Lutz Hübner, Thomas Oberender und Dea Loher. Sie
versuchen sich am Aufbau langfristiger Beziehungen zwischen Autor und Theater;
als Modelle gelten die Werkstatt mit Dea Loher am Staatsschauspiel Hannover und
die erfolgreichen Stücke-Schmieden am Londoner Royal Court Theatre, am
Debüt-Zentrum Moskau oder am Théâtre Gérard Philippe Paris.
[xii] Dea
Loher ist eindeutig von ihrem Philosophie- und Germanistikstudium geprägt
worden. Ihre Verweise auf Brecht oder Adorno sind nicht assoziativ sondern
systematisch und fundiert: Wie der junge Brecht, der Augsburger Anarchist, gibt
sich Loher antibürgerlich und provokativ, indem sie auf die Frage nach der
Vaterfigur Brecht diesen als „chauvinistisches Arschloch“ bezeichnet.
[xiii] Vgl.
die Unbeschwertheit und Blödelei der Unterhaltungsindustrie, die mit Helge
Schneider oder Guildo Horn, Harald Schmidt oder Thomas Gottschalk einen Ton
anschlägt, der die fernsehverwöhnten Zuschauer vor Dea Lohers Tiefe und
Anspruch zurückschrecken läßt. Auch auf der Bühne hatte sich der Trend zum
Unterhaltungstheater teilweise bereits durchgesetzt.
[xiv] Dea
Loher, in: „Schauspiel Adam Geist“, http://mannheim.
nationaltheater.de/startver.html; Frankfurter Allgemeine Zeitung; konsultiert
am 21/9/1998.
[xv] Dea
Loher, Adam Geist, Frankfurt a.M.
1998.
[xvi] „ZWILLINGE
lachen Den Adam will keiner. Der /
Adam ist nicht der erste, er ist der letzte.“ (Loher: 1998, 14).
[xvii] Adam
Geists Leidensweg erinnert an den Kreuzweg, wobei die 12 Stationen bis zu Jesus
Tod in Adam Geist spiegelverkehrt und
in Variationen als 21 Bilder erscheinen: 1. Jesus wird zum Tod verurteilt. 2.
Jesus nimmt das Kreuz auf sich. 3. Jesus stürzt das erste Mal. 4. Jesus
begegnet seiner Mutter. 5. Simon von Cyrene hilft Jesus beim Tragen des
Kreuzes. 6. Veronika reicht Jesus ein Schweißtuch, in das sich die Gesichtszüge
Jesu bleibend einprägen. 7. Jesus stürzt ein zweites Mal. 8. Jesus begegnet den
weinenden Frauen. 9. Jesus stürzt ein drittes Mal. 10. Jesus wird seiner
Kleider beraubt. 11. Jesus wird ans Kreuz genagelt. 12. Jesus stirbt am Kreuz.
Den letzten zwei Stationen von Jesus Leidensweg stehen bei Adam Geist nur noch Leere und Hoffnungslosigkeit gegenüber: 13.
Jesus wird vom Kreuz abgenommen und in den Schoß seiner weinenden Mutter
gelegt. 14. Jesus wird ins Grab gelegt.
[xviii] Wie
in Tankred Dorsts Stück Schattenlinie
wo ein jugendlicher Neonazi nicht politisch motiviert ist, so ist auch Adam
Geist den Skinheads weniger aus Gesinnung sondern vielmehr aus Einsamkeit zugetan
und „in Folge eines ‚energischen‘ Instinkts. Dem Jungen ‚ist egal‘, ob der
Schwarze, den er töten wird, die Schattenlinie ‚rechts oder links‘ überschreitet.
Seine Aggressionen erscheinen [...] politisch unspezifisch.“ (Oberender: 1996,
56).
[xix] „Chor
der Feuerwehrmänner [...] Das Weidachhaus / steht hell in Flammen Wir / fahren
noch die Drehleiter aus und rollen die Schläuche ab Da / ist der Adam schon
drin im Haus und wir / denken er sucht den Tod aber / er bringt die zwei Kinder
raus an / seine Brust gedrückt hustend“, (Loher: 1998, 56).
[xx] „MÄDCHEN
Mutter [...] Mein Vater hat sie erstochen und / das blutige Messer in einen See
geschmissen.“ (Loher, 1998; 30). Vgl. Büchner: „WOYZECK. [...] Marie? Ha,
Marie! Still! Alles still! Was bist Du so bleich, Marie? Was hast Du eine rote
Schnur um den Hals? [...] - Das Messer, das Messer! Hab ich’s? So! (Er läuft zum Wasser.) So, da hinunter! (Er wirft das Messer hinein.) Es taucht
in das dunkle Wasser wie ein Stein.“ (Büchner: 1986, 27).
[xxi] „INDIANER
Machst Du das öfter. Daß du einen / so provozierst.
ADAM Wenn er stärker ist wie ich.
INDIANER Wozu soll das gut sein.
ADAM Was geht dich das an.“ (Loher: 1998, 48).
[xxii] Als
„Archetypal Images of Women in Theatre“ gelten die folgenden Rollen: „The
penitent whore; The speechless heroine; The willful woman; The golden girl;
Women acting men“. (Ferris: 1990, vii).
[xxiii] Diese
Passagen und die Ansiedlung der Heimat von Adam
Geist in einer alpenländischen Kleinstadt mit spießigen Kleinbürgern haben
die Kritik dazu verleitet, dieses Theaterstück als autobiographisch zu
bezeichnen. Dea Loher schreibt in der Tat aus der Distanz gegen ihre eigene,
beengte, von Frömmigkeit erdrückte Kindheit und das konservative Klima des
Alpenraums. Schließlich wurde Dea Loher in Traunstein in Bayern geboren, in
dieser „spießigen, neurotisch-bürgerlichen, engstirnigen, katholischen
CSU-Welt, die es einem ermöglicht, den Rest seines Lebens davon zu zehren.“
(Dea Loher in: Löschner: 1997, 71).
[xxiv] Seine
Tante sagte an einem Ostertag z. B. zu ihm: „Die Kirchenfeste sind eine höhere
Verpflichtung, / den Geburtstag kann man vergessen.“ (Loher: 1998, 28).
[xxv] Max
Horkheimer und Theodor W. Adorno 1947 im Vorwort zur Dialektik der Aufklärung. (Horkheimer: 1987, 16).
[xxvi] Vgl.
„Dressed to Kill. A Post-Colonial Reading of Costume and the Body in Australian
Theatre“. (Gilbert: 1995, 104-131). Gilbert folgt Roland Barthes’ Analyse von
Kleidung als Zeichen: „[T]he empty garment, without heads and limbs ... is
death, not the neutral absence of the body, but the body mutilated,
decapitated. (Roland Barthes, The
Responsibility of Forms).“ (Gilbert: 1995, 104).
[xxvii] Im
Hintergrund der Menschheitstragödie steht laut der Bibel der Bruch mit Gott,
die Trennung des Menschengeschlechts vom Schöpfer, was unter den Begriff der
Erbsünde fällt: der Verlust der ursprünglichen Gottverbundenheit; das
Auf-sich-selbst-Gestelltsein der Menschheit. In Jesus Christus wurde der
Menschheit ein neuer Anfang geschenkt. Er ist der „zweite Adam“, wie Paulus
sagt. Er soll die Verbindung zwischen Gott und den Menschen wiederherstellen,
einen neuen und ewigen Bund stiften. Die drei Versuchungen, die das Evangelium
schildert, sind die drei Grundgefährdungen des Menschen: 1. die Versuchung des
Materialismus, des Haben-und-Genießenwollens (Steine zu Brot); 2. die
Versuchung der Eitelkeit, des Glänzenwollens (das Schauwunder); und 3. die
Versuchung zur Macht, zum Herrschenwollen. Adam ist allen diesen Versuchungen,
denen Christus widerstehen konnte, erlegen.
[xxviii] Dieser
Abschied von klaren Be- und Verurteilungen ist im deutschsprachigen Raum
insbesondere seit 1989 ein schmerzliches Phänomen. Die Prozesse gegen die
deutsch-deutschen Grenzer, gegen leitende Angestellte der ehemaligen DDR oder
die Prozeßflut zum Thema Enteignung und zur Wiedererlangung alten Grund und
Bodens haben in Deutschland zu einer Verunsicherung mit der Rechtsprechung
geführt, da man mit Formen von Schuld konfrontiert wurde, die das Maß einer
einfachen Differenzierung eindeutig überstiegen.
[xxix] Dieses
Theaterstück handelt auch von dem „Trauma einer immerwährenden und nicht zu
bewältigenden Stigmatisierung. Über die Abgründe an einem Ort, der in der
Gesellschaft noch immer zu großen Teilen (unter dem Signum privat) als
Tabu-Zone gilt.“ (Löschner: 1997, 72).
[xxx] Mit
dieser Sinndezentrierung geht in Lohers Schriftbild auch ein Abschied von jeder
Interpunktion einher.
[xxxi] Dea
Lohers Stücke sind nicht zuletzt wegen ihrer Pastichetechnik und ihrer
Intertextualität, dem Spiel mit Bezügen und dem Abschied von klaren Sinn- und
Schuldkategorien sowie dem Abschied von „einer“ Realität eindeutig in der
Tradition der Postmodernisten anzusiedeln.
[xxxii] „Die
Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet“ ist der bekannte Titel einer
Vorlesung, die der 25jährige Schiller 1784 in Weimar gehalten hat. Schiller sah
die Bühne als einen Ort, wo sich die Bildung des Verstandes und des Herzens mit
der edelsten Unterhaltung vereinigt. (Schiller: 1958, V/818-831).