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„Der Tod im Wald“: Baum- und Waldsymbolik in Brechts Baal

Aaron Kuchle

Wenn die Unversöhnbarkeit von Welt und Sinn, der Verlust der Transzendenz das Endergebnis bei den Realisten des 19. Jahrhunderts darstellen, sind sie für Bertolt Brecht die konstitutiven Voraussetzungen seines Schaffens. Während Dichter wie Annette von Droste-Hülshoff noch bewusst an der Tradition, an alten religiösen Vorstellungen festzuhalten suchen, erkennt Brecht die Ohnmacht traditioneller Begriffe und versucht in der ‚postmetaphysischen‘ Welt neue Wege zu finden, die es dem Individuum ermöglichen, als solches zu überleben. Um das Selbst als Ganzheit beziehungsweise Einheit in der modernen Welt noch realisieren zu können, braucht der moderne Mensch für Brecht einen neuen Raum, der den „Zumutungen und Entmutigungen“[i] der untergehenden bürgerlichen Welt entgegengesetzt ist. Nach Brecht zeigt sein eigenes Frühwerk „ohne Bedauern, wie die große Sintflut über die bürgerliche Welt hereinbricht,“[ii] was auch die Auflösung des bürgerlichen Selbst bedeutet.[iii] In dieser Hinsicht wird die offenbare Faszination, die Baum und Wald auf den jungen Brecht ausüben, verständlich und erklärlich. Viele seiner Jugendgedichte - darunter früheste überlieferte Gedichte aus der Gymnasialzeit wie „Der brennende Baum“ und „Das Lied vom Geierbaum“ - behandeln explizit das Thema des untergehenden Baumes, der deutlich einen anthropomorphischen Spiegel des modernen Selbst darstellt.

Indem die abendländische, bürgerliche Identität als in eine unwiderrufliche Krise geraten gesehen wird, sucht der junge Brecht sich als Individuum neu zu definieren. Sein erstes Stück Baal kann man in diesem Sinne als eine poetische Autobiographie bezeichnen. Das heißt: Mit dem vitalistisch-materialistischen Baal schafft Brecht eine Art Selbstporträt, in dem er „sich als Teilchen eines vegetativ-animalischen Kosmos [...] als bloße Kreatur“[iv] zu begreifen versucht, um den scheinbar unüberbrückbaren Dualismus von Welt und Sinn, Subjekt und Objekt in eine neue Einheit aufzulösen. Baal, das „mißratene Tier“,[v] spiegelt diesen Dualismus wider, indem er vom natürlichen Zyklus getrieben und ein höchst bewusster Mensch zugleich ist. Dementsprechend ist er aber als kein bloßer Anarchist zu sehen, sondern vielmehr als maskierter Idealist, der „in absynthenen Meeren [...] Immer das Land, wo es besser zu leben ist“,[vi] das heißt Utopie sucht. Brecht selbst sagt bei der Durchsicht seiner ersten Stücke: „Das Stück ‚Baal‘ mag denen, die nicht gelernt haben, dialektisch zu denken, allerhand Schwierigkeiten bereiten.“[vii] In Baal wird die geheime Dialektik des Stückes und der übergeordnete Sinn von Baals materialistischer Haltung vor allem durch die Baum- und Waldsymbolik vermittelt. Deshalb kann man von jeder Interpretation, die das zentrale baumsymbolische Moment des Stückes außer Betracht lässt und in Baal folglich nur einen regressiven, „durch und durch asozialen Genußmenschen“[viii] sieht, sagen, dass sie nicht unter die Oberfläche der Aussage Brechts gedrungen ist.

Im Gedicht „Morgendliche Rede an den Baum Griehn“,[ix] das ungefähr in derselben Zeit wie Baal entstanden ist, sieht man, wie das lyrische Ich durch den Anblick eines mit Entwurzelung bedrohten Baumes beunruhigt wird, indem es sich selbst als ent­wurzelten Menschen erkennt.

Griehn, ich muß Sie um Entschuldigung bitten.

Ich konnte heute nacht nicht einschlafen, weil der Sturm so laut war

Als ich hinaus sah, bemerkte ich, daß Sie schwankten

Wie ein besoffener Affe. Ich äußerte das.

Heute glänzt die gelbe Sonne in Ihren nackten Ästen.

Sie schütteln immer noch einige Zähren ab, Griehn.

Aber Sie wissen jetzt, was Sie wert sind.

Sie haben den bittersten Kampf Ihres Lebens gekämpft.

Es interessierten sich Geier für Sie.

Und ich weiß jetzt: einzig durch Ihre unerbitterliche

Nachgiebigkeit stehen Sie heute morgen noch gerade.

Angesichts Ihres Erfolgs meine ich heute:

Es war wohl keine Kleinigkeit, so hoch heraufzukommen

Zwischen den Mietskasernen, so hoch herauf, Griehn, daß

Der Sturm so zu Ihnen kann wie heute nacht.[x]

Unmittelbar am Anfang des Gedichts wird die fundamentale Ruhelosigkeit des modernen Menschen zum Thema: das lyrische Ich findet aufgrund des Sturmes beziehungsweise der chaotischen, sinnlosen und gleichzeitig gewaltigen Existenz keinen Schlaf. Beim Hinausschauen aus dem Fenster nimmt es einen Baum wahr, der gnadenlos vom Wind geschüttelt wird. Der Anblick des im Sturm schwankenden Baumes berührt und stört ihn, weil er sich selbst in ihm erkennt, das heißt er erkennt den Baum als sein eigenes Selbst. Das Baum-Selbst muss hoch zwischen die Häuser heraufkommen, um genug Licht zu empfangen, aber dadurch setzt es sich gleichzeitig dem Wind aus. Ganz allgemein könnte man das so interpretieren: aufgrund seines hoch entwickelten Bewusstseinsvermögens ist der moderne Mensch ständig mit völliger Entwurzelung vom Seinsgrund der Natur bedroht. Die Unverbindlichkeit oder Beweglichkeit, die der nach Einheit strebende Mensch bekämpft, verkörpert der alles verändernde Wind. Mit anderen Worten: die „Entwurzelungs­funktion“ des Windes entspricht gewissermaßen der Unter­scheidungs­funktion des Bewusstseins. Das Brechtsche Bild des sich durchsetzenden Baumes ist aber auch eine spezielle Art von Rebellions­erscheinung: die bürgerliche Gesellschaft lässt das Individuum nicht frei entfalten, verhindert seine Entwicklung, und aus diesem Grunde entsteht das Motiv des Baumsterbens beipielsweise schon bei dem jungen Brecht wie in „Das Lied vom Geierbaum“. Im frühen 20. Jahrhundert gewinnt das Durchsetzen der einzelnen Persönlichkeit darum ein besonderes Heldentum, weil das Selbst mit seiner ihn umgebenden sozialen Welt in einer viel größeren Spannung lebt. In diesem Fall stirbt der Baum jedoch nicht: es gelingt ihm, sich trotz des Windes und der Geier über die „Mietskasernen“ zu erheben. Damit triumphiert er über die Umstände, indem er sich selbst bejaht und verwirklicht. Bei dem frühen Brecht ist der Baum des Lebens noch immer Held, oder besser gesagt: dem Individuum ist der Sieg der Selbstentfaltung immer noch möglich.

Der Zustand der Entwurzelung ist für Brecht Kennzeichen des modernen Menschen schlechthin. Einerseits ist sie Ausdruck seiner totalen Freiheit als sich selbst bestimmendes, bewusstes Subjekt: wie Baal auf die Mahnung eines Pfarrers, „Die Welt ist nicht Ihr Zirkus.“ antwortet: „Was ist dann die Welt?“[xi] Aber eine solche freie, bindungslose, von allem entwurzelte Existenz, wie sie Baals Sich-Ausleben paradigmatisch darstellt, schließt andererseits die Möglich­keit jeglichen Gefühls von Ruhe oder Einheit mit der ihn umgebenden Welt und Gesellschaft aus. Dass Baal die negative Seite seiner Freiheit empfindet, zeigt sein größtenteils unwillkürlicher, spontaner Ekel vor der durch Menschenhand verursachten Ent­wurzelung der Bäume sowie dem Abschlagen der Wälder um des materiellen Profites willen.[xii] In der Szene „Gekalkte Häuser mit braunen Baumstämmen“ zum Beispiel fragt er den Landstreicher, ob die Ansicht der toten, entwurzelten Bäume ihn nicht „nieder­schlägt“.[xiii] Die Freiheit Baals setzt den „Sündenfall“ des mensch­lichen Bewusstseins - das heißt die Sonderung von Subjekt und Objekt, von Ich und Welt - voraus.

Baals Umgang mit Frauen, sein ausgiebiger Alkoholkonsum, auch seine dichterischen Produktionen repräsentieren Versuche, diesen Dualismus zu beseitigen und wieder - wie im Mutterschoß, „wo es stille war und man schlief und war da“[xiv] - zu einem Zustand der Einheit und Ungesondertheit zu gelangen. In dieser Hinsicht ist Nietzsches Vorstellung von den apollinischen und dionysischen Gegenpolen treffend; während Apollo einerseits „als das herrliche Götterbild des principii individuationis[xv] bezeichnet wird, repräsentiert das Dionysische andererseits das Zerbrechen des principii individuationis: „Unter dem Zauber des Dionysischen schließt sich nicht nur der Bund zwischen Mensch und Mensch wieder zusammen: auch die entfremdete, feindliche oder unterjochte Natur feiert wieder ihr Versöhnungsfest mit ihrem verlorenen Sohne, dem Menschen.“[xvi] Der dionysische Mensch versucht, das Bewusstsein gewissermaßen aus­zuschalten und dadurch die ursprüngliche Einheit von Ich und Welt in einem rauschhaften und glückseligen Zustand von Bewusst­losigkeit wiederzufinden.

Brechts Baal-Figur lässt sich in begrenztem Sinne als dionysisch interpretieren. Seine Bestialität ist weder bloß eine selbstsüchtige Haltung der Außenwelt gegenüber noch ausschließlich eine „erbarmungs­lose Demaskierung der bürgerlichen Scheinmoral[xvii], sondern vielmehr die Konsequenz des universellen, in jedem Menschen enthaltenen Verlangens nach Einheit, Verbindung, Versöhnung - kurzum, nach Glück. Brecht meinte in Bezug auf Baal: „Es ist unmöglich, das Glücksverlangen des Menschen ganz zu töten.“[xviii] Während Baal sich zwar als Tier verhält und versteht - „Man muß das Tier heraus­locken!“[xix] - bleibt er doch gleichzeitig ein hochintelligenter „geistiger Arbeiter“,[xx] ein äußerst bewusstes Individuum. Kein dionysischer Rausch, keine sexuelle Verbindung kann seine intellektbedingte Distanz völlig überbrücken. Baals Enttäuschung, die darin besteht, dass sein Bewusstsein ihn zwangsläufig zu Isolationsgefühlen führt, wird im Stück prägnant dargestellt, wenn er zornig fragt: „Warum kann man nicht mit den Pflanzen schlafen?“[xxi] Die Natur erscheint ihm folglich immer nur als Szenerie, als ein vom Bewusstsein unter­schiedenes Objekt, als Nicht-Ich. Solange er noch lebt und denkt, kann er nach jedem flüchtigen Augenblick der Ekstase am Ende nur disengagiert „hinsehen“, wie es im „Choral vom großen Baal“ heißt:

Und das große Weib Welt, das sich lachend gibt

Dem, der sich zermalmen läßt von ihren Knien

Gab ihm einige Ekstase, die er liebt

Aber Baal starb nicht: er sah nur hin.[xxii]

Gerade die Pflanzen und insbesondere die Bäume erscheinen Baal besonders neidens- und begehrenswert, da sie die ihm fehlenden Eigenschaften, das heißt Ruhe und Verwurzelung, am besten ver­körpern. Sein Wunsch, sich mit den Pflanzen zu vereinigen, bedeutet zugleich, dass er im gewissen Sinne selbst unbewusste Natur sein will.

Besonders wenn man den Baum aus der urbanen Umgebung entfernt und wieder in den Ursprungsort des Waldes zurückstellt, wirkt er nicht als Isolationssymbol wie im Gedicht „Morgendliche Rede an den Baum Griehn“ oder in Heyms „Der Baum“, sondern als Einheitssymbol. Demgemäß zieht der Wald den an Gottes- und Einheitsverlust leidenden Baal an. Sein paradoxes Verhältnis als moderner, höchstbewusster Mensch zu Wald und Baum wird besonders deutlich in der Geschichte des Bettlers in der Szene „Hölzerne Braune Diele“. Hinsichtlich der Zentralität dieser Geschichte lohnt es sich, sie genau anzuschauen:

Ich kannte einen Mann, der meinte auch, er sei gesund [...] Er stammte aus einem Wald und kam einmal wieder dort hin, denn er mußte sich etwas überlegen. Den Wald fand er sehr fremd und nicht mehr verwandt.[...] An einem Abend, um die Dämmer­ung, als er nicht mehr so allein war, ging er durch die große Stille zwischen die Bäume und stellte sich unter einen von ihnen, der sehr groß war.[...] Er lehnte sich an ihn, ganz nah, fühlte das Leben in ihm [...] und sagte: Du bist höher als ich und stehst fest und du kennst die Erde bis tief hinunter und sie hält dich. Ich kann nicht in die Tiefe und nichts hält mich. Auch mir ist die große Ruhe über den stillen Wipfeln im unendlichen Himmel unbekannt.[...] Der Wind ging. Durch den Baum lief ein Zittern, der Mann fühlte es. Da warf er sich zu Boden, umschlang die wilden und harten Wurzeln und weinte bitterlich. Aber er tat es mit vielen Bäumen.[xxiii]

Dieser aus dem Wald stammende Mann repräsentiert ohne Zweifel Baal selbst, was besonders wenn man Baals unbehagliche Reaktion auf die Geschichte berücksichtigt, die im Stück als eine Art Vorhersage fungiert, klar wird. Die Ursprünglichkeit des Waldes zieht Baal an, aber er ist ihm fremd geworden. Das heißt, Baal, als Repräsent­ant des modernen Menschen, ist auf Grund seines hoch entwickelten Bewusstseins nicht mehr fähig, den Wald als „verwandt“ zu erfahren, sich ihm zugehörig zu fühlen. Dennoch wird er von „der großen Stille“ zutiefst berührt, und er stellt sich sogar unter einen besonders großen Baum. Ebenso wie Baal die Ureinheit im Wald sucht, aber daran nicht partizipieren kann, versucht er sich dem „Lebensbaum“, der gewissermaßen sein verlorenes, unbewusstes Selbst verkörpert, anzunähern, doch wird er sich dabei nur schärfer der Unterschiede zwischen Mann und Baum bewusst. Der Mensch genießt in seiner Beweglichkeit eine negative Freiheit, die zwar als Schutzmittel dient, aber auch zur Entfremdung und Ruhelosigkeit führt. Der Baum andererseits steht fest und kennt „die große Ruhe über den stillen Wipfeln im unendlichen Himmel“, und ist also eine Verkörperung göttlicher Partizipation sowie einer vollkommen in sich ruhenden Individualität. Mit dem Sündenfall des Bewusstwerdens beziehungs­weise der Individuation wird auch die ursprüngliche Gott-Partizip­ation verloren; nach diesem Verlust von Transzendenz fehlt dem Leben Sinn und Zweck. Der große Baum, der hoch in die Ruhe des Himmels strebt, erinnert Baal also auf dunkle Weise an die ihm vom Bewusstsein geraubte religiöse Sicherheit. Sehr einsichtig beobachtet Ernst Jünger: „Noch heute, in der entgötterten Welt, fasst uns ein Bangen, wenn wir im Walde das Kommen und Gehen des Windes hören [...] Da wacht, noch tiefer berührt als durch den Klang der Orgel, ein Altes und längst Vergessenes in uns auf.“[xxiv] In dem Augen­blick, als der Baum im Wind zittert, spürt die baalsche Figur auf schmerzlichste Weise die Diskrepanz zwischen dem entwurzelten Menschen und dem verwurzelten Baum und versucht verzweifelt, die wilden und harten Wurzeln umschlingend und bitterlich weinend, diese Diskrepanz zu zerstören. Es wird jedoch gezeigt, dass das Erlöschen des Bewusstseins und das Wiedergewinnen der Ureinheit sich paradoxerweise nur im Prozess des Sterbens, der völligen Auflösung des Individuums vollziehen können.

Dass Baal seine eigene Identität in der Geschichte des Bettlers wahrnimmt, zeigt er eindeutig mit seinem Gedicht „Der Tod im Wald“.[xxv]

Und ein Mann starb im ewigen Wald

Wo ihn Sturm und Strom umbrauste.

Starb wie ein Tier in Wurzeln eingekrallt

Schaute hoch in die Wipfel, wo über dem Wald

Sturm seit Tagen ohne Aufhörn sauste.

Und es standen einige um ihn

Und sie sagten, daß er stiller werde:

Komm, wir tragen dich jetzt heim, Gefährte!

Aber er stieß sie mit seinen Knien

Spuckte aus und sagte: Und wohin?

Denn er hatte weder Heim noch Erde.(...)

Und sie ritten stumm aus dem Dickicht.

Und sie sahn noch nach dem Baume hin

Unter den sie eingegraben ihn

Dem das Sterben allzu bitter schien:

Der Baum war oben voll Licht.

Und sie bekreuzten ihr junges Gesicht

Und sie ritten schnell in die Prärien.

Erst mit dem tierischen Untergehen im ewigen Wald scheint der moderne, entwurzelte, an metaphysischer Obdachlosigkeit leidende Mensch wieder richtig in die Heimat zurückzukehren. „Mit sich selbst im Tod vereint“, nun, da der Mann in den Wurzeln eines großen Baumes begraben ist, hat der Sturm aufgehört, und die Krone des Baumes, unter dem sein Körper ruht, ist voller Licht, was man als Anspielung auf das Weltenbaumsymbol deuten kann. Idealist ist Brecht dem Anschein nach nicht, denn das Stück enthält keinen Hinweis darauf, dass das durch das Bewusstsein verlorene Paradies durch das Bewusstsein selbst wiederherzustellen ist. Um aber urteilen zu können, ob sich ein höherer Sinn oder lauter Nihilismus hinter Baals Materialismus verbirgt, bedarf es der Erkenntnis der Signifikanz des Waldes als Zufluchtsort und Gegenwelt zu der Zivilisation.

Es wäre eine falsche Auslegung des Stückes, Baals innere Sehnsucht nach Wiedervereinigung oder seine äußere antibürgerliche Handlung bloß als bewusste Zielsetzung zu erklären. Baal ist sich zwar der Schwierigkeit seiner Rolle als moderner, „aus Himmel und Hölle vertriebener“[xxvi] Mensch einigermaßen bewusst, doch sein tiefes inneres Verlangen nach dem Ursprung, das seine Handlung wie auch seine Dichtung sehr stark prägt, entspringt einer unbewussten Schicht seines Selbst. Er flieht nicht willkürlich in den Wald, sondern er wird instinktiv dahingetrieben. Mit anderen Worten: In gewissem Sinne ist Baals Verhalten durchaus eine Reaktion auf die bürgerliche Ordnung der Zeit, aber diese Reaktion - wie die Spontaneität vieler seiner Reaktionen zeigt - hat unbewusste Voraussetzungen und ist insofern unwillkürlich. So ist zum Beispiel in der oben genannten Szene „Gekalkte Häuser mit braunen Baumstämmen“ Baals spontaner Ekel vor den entwurzelten Bäumen offensichtlich Symptom für eine ihm nicht ganz erklärliche Beunruhigung. Die Frage, die sich daraus ergibt, kann man so formulieren: Wenn das baalsche Verlangen nach einem unbewussten, mit der Welt versöhnten Naturleben im Wald sich zugleich (1) als Ausdruck eines im Unbewussten entstandenen Verhaltensprinzips und (2) als Reaktion oder asoziale Gegenhaltung manifestiert, worauf genau soll sein Verhalten eigentlich reagieren? Die Frage nach der Entstehung der Ursprungssehnsucht Baals sowie die nach dem Grund, warum der Wald für ihn Zufluchtsort geworden ist, gehören folglich eng zusammen.

Einen interessanten Ansatz zu dieser Schlüsselfrage bietet uns C.G. Jungs Theorie der psychologischen Kompensation an. Kenn­zeichnend für die abendländische Welt ist die Betonung des Männ­lichen zuungunsten des Weiblichen; die sozialpolitische Folge davon ist eine vorwiegend patriarchalische Ordnung, wie sie in der bürgerlichen Gesellschaft zur Zeit Brechts bestand. Nach Jung ist diese „welthistorische Wandlung des Bewußtseins [...] kompensiert zunächst durch das Chthonisch-Weibliche des Unbewußten“.[xxvii] Wenn zum Beispiel der Verstand oder die „geistige Seite“ einer patriarchal­ischen Gesellschaft überbetont wird, wendet sich der diese Überbetonung kompensierende Baal mit einer Verteidigung des Körper­lichen, des Materiellen dagegen:

ZWEITER FUHRMANN So einen Schädel müßte man haben!

BAAL Machen Sie sich nichts daraus! Dazu gehört auch ein Hinterteil und das übrige... [xxviii]

Jungs Begriff von Kompensation war schon unter anderen von Nietzsche vorweggenommen, und zwar anhand des Baumsymbols. In „Vom Baum am Berge“ aus dem ersten Buch von „Also sprach Zarathustra“ erklärt der Prophet einem Jüngling, der an einem Baum gelehnt sitzt: „...es ist mit dem Menschen wie mit dem Baume. Je mehr er hinauf in die Höhe und Helle will, umso stärker streben seine Wurzeln erdwärts, abwärts, in’s Dunkle, Tiefe, - in’s Böse.“[xxix] Man könnte „in die Materie“ hinzufügen. Baals instinktives, „chthon­isches“ Verhalten hat also eine ausgleichende Funktion; er stellt die notwendige Reaktion des Unbewussten auf das Bewusstsein dar, dem die männliche Einseitigkeit der vorhandenen patriarchalischen Ordnung entspringt.

In Hinblick auf Baals kompensierende Rolle wird daher eine gründliche Differenzierung erforderlich: es kommt nicht nur darauf an, dass Baal vor allem das Glück sucht, was als eine jedem Menschen inhärente Tendenz gilt, sondern es kommt vielmehr darauf an, wo er sie sucht. Die bürgerliche Welt und folglich das Stadtleben können ihn nicht befriedigen, darum verlässt er die Stadt und zieht in den Wald ein, der das Weiblich-Mütterliche symbolisiert, wie auch die Materie. „The symbolism of the tree, trunk, pillar, and stake“, schreibt Erich Neumann in seiner Analyse des Mutter-Archetyps, „is also determined by the nature of wood, the hyle, which is not only a product of growth but also of matter, the materia, from which all things arise, and as such possesses an elementary character.“[xxx] Baals Sehnsucht nach dem Wald-Ursprung gewinnt so eine viel tiefere Bedeutung, die auch etymologisch belegbar ist, da Materie und Mutter eine gemeinsame etymologische Herkunft teilen. Das Streben nach dem Ursprung gleicht dem Streben nach dem Urstoff:

In a patriarchate...the mater character of the symbol materia is devalued; matter is regarded as something of small value in contrast to the ideal-which is assigned to the male-paternal side. Similarly, the symbol hyle is not revered as the foundation of the world of growth but, as, for example, in all gnosticizing religions from Christianity to Islam, becomes inert, negatively demonized “matter”, as opposed to the divine spirit aspect of the male nous.[xxxi]

Dem menschlichen Bewusstsein entsteht die Trennung nicht nur von Ich und Welt, sondern auch von Geist und Materie, Männlichem und Weiblichem. Der Wald als Einheitssymbol repräsentiert den vorgeschichtlichen Ursprungsort, der dem Bewusstsein und derartigen Unterscheidungen vorangeht. Dementsprechend war der Baum bei den Alchemisten Symbol der Vereinigung der Gegensätze: „...es ist daher weiter nicht erstaunlich, daß das Unbewußte des heutigen Menschen, der sich in seiner Welt nicht mehr zu Hause fühlt [...], wieder auf das Symbol des in dieser Welt wurzelnden und zum Himmelspol emporwachsenden Weltbaumes, welcher auch der Mensch ist, zurückgreift.“[xxxii]

So ist Baals Materialismus keine unverantwortliche Verherrlichung nihilistischer Zügellosigkeit, sondern stellt das Bestreben dar, als Dichter die gefährliche Einseitigkeit der Zeit zu problematisieren und auch zu kompensieren; er ist ein Versuch, nach dem Seinsgrund des Möglichen zu greifen. Der baalsche Materialismus ist also der naiven, positivistischen Linie desselben im Grunde unverwandt. Demgemäß ruft die Gestalt des Baumes, die die Gegen­pole von Himmel und Erde, Geist und Materie, Ich und Welt in ein Ganzes vereint, ein religiöses Gefühl hervor: „Seht euch den Himmel an zwischen den Bäumen, der jetzt dunkel wird. Ist das nichts? Dann habt ihr keine Religion im Leibe!“[xxxiii] Jüngers „Altes und längst Vergessenes“ gleicht Brechts „Heimweh ohne Erinnerung“[xxxiv]; für beide symbolisieren Baum und Wald das, was jeglicher Sonderung vorangeht und folglich dem Verstand unfassbar bleiben muss. Im Tod im Wald, in der Sich-Auflösung in die Materie, ist implizit das „Werde“- mit dem „Stirb“-Prinzip schon symbolisch enthalten. Das menschliche Selbst überdauert den Untergang.

Anmerkungen


 



[i] Bertolt Brecht, „Bei Durchsicht meiner ersten Stücke,“ In: Frühe Stücke (Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1973) 9.

[ii] Brecht, Frühe Stücke 14.

[iii] Der Kommentar Hugo von Hofmannsthals zu Baal im Rahmen seines Vorspiels zu demselben Stück (1926) sind in diesem Zusammenhang sehr aufschlußreich: „Ich würde so weit gehen, zu behaupten, daß alle die ominösen Vorgänge in Europa, denen wir seit zwölf Jahren beiwohnen, nichts sind als eine sehr umständliche Art, den lebensmüden Begriff des europäischen Individuums in das Grab zu legen, das er sich selbst geschaufelt hat.“ Zitiert nach: Jan Knopf, Brecht Handbuch: Theater (Stuttgart: Metzler, 1980) 15.

[iv] Friedrich Gaede, „Bertolt Brecht,“ Expressionismus als Literatur, Hrsg. v. W. Rothe (Bern: Francke, 1969) 597.

[v] Friedrich Nietzsche, Werke. Kritische Gesamtausgabe, Hrg. v. G. Colli u. M. Montinari, 6.Abt., 3.Bd. (Berlin: de Gruyter, 1969) 178.

[vi] Brecht, Frühe Stücke 75.

[vii] Brecht, Frühe Stücke 9.

[viii] Klaus-Detlev Müller (Hrg.), Bertolt Brecht. Epoche - Werk - Wirkung (München: Beck, 1985) 95.

[ix] Vgl. oben S.32.

[x] Bertolt Brecht, Hauspostille (Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt, 1969) 24.

[xi] Brecht, Frühe Stücke 49.

[xii] Vgl. z.B. die erste Szene, in der Baals negative Haltung gegenüber bürgerlicher Gesellschaft und dem Holzfallen zusammenfallen. Baal: „Es schwimmen Zimthölzer für Sie, Mech? Abgeschlagene Wälder?“ (Brecht, Frühe Stücke 23.)

[xiii] Brecht, Frühe Stücke 41.

[xiv] Brecht, Frühe Stücke 74.

[xv] Friedrich Nietzsche, Werke. Kritische Gesamtausgabe, Hrg. v. G. Colli u. M. Montinari, 3.Abt., 1.Bd. (Berlin: de Gruyter, 1972) 28.

[xvi] Nietzsche, Werke, 3.Abt., 1.Bd. 29.

[xvii] Dieter Schmidt, Baal und der junge Brecht (Stuttgart: Metzler, 1966) 108.

[xviii] Brecht, Frühe Stücke 10.

[xix] Brecht, Frühe Stücke 32.

[xx] Brecht, Frühe Stücke 55.

[xxi] Brecht, Frühe Stücke 43.

[xxii] Brecht, Frühe Stücke 17.

[xxiii] Brecht, Frühe Stücke 61-62.

[xxiv] Ernst Jünger, Werke, Bd.8 (Stuttgart: Klett, 1979) 291.

[xxv] Brecht, Frühe Stücke 70-71.

[xxvi] Brecht, Frühe Stücke 74.

[xxvii] C.G. Jung, Gesammelte Werke, Bd. 12 (Olten: Walter, 1972) 39.

[xxviii] Brecht, Frühe Stücke 30.

[xxix] F. Nietzsche, Werke. Kritische Gesamtausgabe, Hrg. von G.Colli und M.Montinari, 6.Abt, 1.Bd. (Berlin: de Gruyter, 1968) 47.

[xxx] Erich Neumann, The Great Mother. An Analysis of the Archetype (New Jersey: Princeton, 1963) 50.

[xxxi] Neumann 50-51.

[xxxii] Jung, Gesammelte Werke, Bd.9 122-123.

[xxxiii] Brecht, Frühe Stücke 55.

[xxxiv] Brecht, Frühe Stücke 75.


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