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In der zeitgenössischen Literaturwissenschaft wird die Wiener Gruppe „als ein Streit- und Vorzeigeobjekt in der Debatte um eine neue österreichische Literatur“[i] gehandelt. Daß die Dichtergruppe diesen hypertrophen Status heute erlangt hat, kristallisiert sich als das kompensatorische Resultat eines inadäquaten Methodendiskurses heraus: Die Auseinandersetzung mit der Wiener Gruppe, wie mit Konrad Bayer insbesondere, erfolgt anhand historisierender Rekurse auf Vorformen der experimentellen Literatur (1a) oder durch biographische Forschung (1b). Entgegen diesen beiden Tendenzen wird in dieser Arbeit die Anstrengung unternommen, das verstehenskonstitutive Paradigma der Präsentation für den Textbegriff experimenteller und konkreter Literatur aufzufinden und es in die methodologische Diskussion einzuführen: Nicht um die Sprache an sich im Medium der Repräsentation analog des traditionellen Realismus, sondern um eine Hinterfragung der Bedingung ihrer Möglichkeiten als Präsentation—anhand von Montage- und Inventionismustechnik—geht es (2). Die Leistungs-fähigkeit des Paradigmas der Präsentation wird dann abschließend auf das Textmaterial des Romans >>der sechste sinn<< von Konrad Bayer überprüft (3). Der Schlußteil (4) soll die hier erarbeiteten Forschungsergebnisse—allen voran: der Gruppe ging es in ihrer Sprachkritik, entgegen traditioneller Literatur mit ihrem Prinzip der Repräsentation, um die Präsentation von Sprache—resümieren.
Die Inkompatibilität literaturwissenschaftlicher Methodik in bezug auf die Einmaligkeit des Schaffens der Wiener Gruppe ist im historischen Rekurs auf Vorformen der experimentellen Literatur (a) wie andererseits durch biographische Forschung (b) gegeben.
Was die
Historisierung anbelangt, so haben sich von Anfang an die Vertreter der
experimentellen Nachkriegsliteratur dagegen verwahrt, ihre Dichtung in einen
geschichtlichen Bezugsrahmen setzen zu lassen, da dadurch das Eigene nicht
genug berücksichtigt werden würde. So hielt Gomringer schon 1960 fest, daß „es
. . . immer wieder interpreten von konkreten gedichten [gibt], die glauben, dem
gegenstand nur dadurch gerecht zu werden, dass sie ihn ausdeuten, so wie man
konventionelle dichtung ausdeutet, das heisst, sie stellen ihn in historisch-kausale
zusammenhänge.“[ii] Seine
Zeitdiagnose erweist sich heute als adäquat, wenn zudem bedacht wird, daß der
konservativen Literaturkritik die historisierende Methode dazu diente, die
kulturpolitisch nach dem Krieg immer noch geltende Dichotomie zwischen hoher
und niederer, zwischen artiger und entarteter Kunst zu festigen. Noch 1967
denunzierte etwa Friedrich in seinem Standardwerk >>Die Struktur der
modernen Lyrik<< Konkrete Poesie als „maschinell ausgeworfenen Wörter-
und Silbenschutt“, die „dank ihrer Sterilität“ in einer Analyse über ‘moderne’
Litertur „völlig außer Betracht bleiben“ [iii]
könne.
Nicht anders
wurde mit der Wiener Gruppe
verfahren: Was ihre einzelnen Mitgleider verband, war daß sie sich als
anarchistisches Gegengewicht zu dem damals herrschenden Strom von Hof- und
Heimatdichtern verstanden. Die literarische Öffentlichkeit im Nachkriegswien
wurde von jenen—Bayer nannte sie „musterschüler von kalkvater grillparzer“[iv],
Artmann „schmoezxön“[v]—dominiert.
Die Texte der Gruppe wurden kaum publiziert
(und selbst in posthumer Veröffentlichung denunziert)[vi],
ihre Auftritte boykottiert.[vii]
Die Aufnahme
der österreichischen Avantgardeliteratur nach 1945 durch die
Literaturwissenschaft und -kritik war der deutschen sehr ähnlich: Entweder
verwarf man sie als niedere, entartete Kunst oder verdächtigte sie des
Dadaismus- und Surrealismus- Plagiats.[viii]
Als Folge dessen hat sich die zeitgenössische Literatur- und Sprachwissenschaft
resignierend dazu entschlossen, „[d]ie Textformen“ experimenteller Literatur als
„Resultat der sprachexperimentellen Verfahren“ zu definieren, „für die es aber
eine wissenschaftsanaloge strenge Methodik nicht gibt“.[ix]
In der biographischen Forschung wurden Komponenten des
autorensoziologischen wie soziokulturellen Hintergrunds der Wiener
Gruppe nicht in bezug auf die Werkrezeption analysiert, sondern mit
überbelichtetem Pathos zum literarischen Mythos erhoben: In Zeitschriften wie
spezifischen Publikationen wird das literarische Gruppenwerk wie die Einzelleistungen
Konrad Bayers hinter der Folie exzentrischer Selbstdarstellung ‘interpretiert’
oder Autobiographisches der Gruppe durch gelegentliche Zitate aus der
Schatzkammer des eigenen Fachwissen über Avantgarde, Experimentelle Dichtung
und Konkrete Poesie bereichert.[x]
Der Nährboden für diese Haltung, welche aus einem kompensatorischen Rezeptionsbedürfnis entsprungen ist (während dem Bestehen der Gruppe gab es fast keine theoretischen Selbstverständigungstexte)[xi], wurde nicht zuletzt durch die ‘Hinterbliebenen’ der Wiener Gruppe angereichert: Esoterische Meinungen der ehemaligen Mitglieder über die Gruppe—wie über Bayer im besonderen, der nach seinem Freitod 1964 rasch zum Mythos avancierte—wurden besonders von Rühm und Wiener im Standartwerk >>Die Wiener Gruppe. Achleitner, Artmann, Bayer, Rühm, Wiener. Texte. Gemeinschaftsarbeiten. Aktionen.<< geschickt plaziert.[xii] Diese können aber nur von überaus fragwürdiger Autorität sein, da sie auf elitäre Selbstdarstellung, und nicht auf seriöse oral-history abzielen.
Mustergültig sei diese Behauptung an einem Zitat von Oswald Wiener nachgewiesen, der aus der Not der biographisch orientierten Literaturwissenschaft, die Texte der Gruppe angemessen inter-pretieren zu können, eine geniale Tugend des In-Eins-Fallen von Leben und Werk macht. Im Kontext zu Konrad Bayers Schaffen hält er—bis heute !—[xiii] daran fest, daß dieser „durch seine persönliche Anwesenheit und durch sein Gespräch weit stärker und folgenreicher gewirkt [hat] als durch seine Arbeit.“[xiv] Es ist klar, daß wenn man sich auf solche Aussagen stützt,[xv] objektive Kriterien einer Werkanalyse zugunsten subjektiver Ansprüche völlig aufgegeben werden.
Damit werden auch unseriösen ‘Rezensenten’ verschlossene Türen geöffnet: Anläßlich des Erscheinens der >>Sämtlichen Werke<< von Konrad Bayer (1985)[xvi] gab es eine Besprechung, die im ehrenbeleidigenden Stil Bayers Texte als „schlicht und einfach schlecht“, bezeichneten (sie kämen „kaum über das Niveau einer durchschnittlichen Maturazeitung“ hinaus) und sie „simpel als Ergebnis einer mehr oder minder b´soffenen Hetz“[xvii] verstanden wissen wollte.
Weder Historisierung noch (werkextrapolierende) Biographie
können die forschungsspezifischen Instrumentarien sein, mit der sich eine
werkimmanente Auseinandersetzung mit der Wiener
Gruppe wie mit Bayer im speziellen
erreichen lässt. Deshalb gilt es, ein verstehenskonstitutives Paradigma für den
Textbegriff experimen-teller Literatur (hier im speziellen: Konkreter Poesie)
zu definieren und es in den spezifischen Diskurs einzuführen.
Der genuine
Gedanke im Werk der Wiener Gruppe
läßt sich als Thematisierung von Sprachskepsis interpretieren: „von anfang an
war für [...] uns die sprache das >fremde<, das instrument, die
maschine.“[xviii] Nicht um
die Sprache an sich im Medium der Repräsentation, sondern um ihre
Präsentation—als Hinterfragung sprachlicher Bedingungen überhaupt—ist es der
Gruppe gegangen. Die Sprache wird dabei nicht, wie in Realismusdarstellungen
der traditionellen Literatur, als abbildgetreues Bild von Wirklichkeit re-
präsentiert, sondern dieses Bild wird anhand von Präsentations- oder
Materialisationsverfahren (Montage- und Inventionismustechnik) ad absurdum
geführt. Die Wiener Gruppe geht dabei
von einer philosophisch intendierten Sprachskepsis aus:[xix] Es wird hinterfragt, ob
die Sprache Begriffe wie Subjektivität und Individualität als reflexives
Wirklichkeitskonzept des Menschen re-präsentieren kann. Als Konsequenz dessen
erscheinen in ihren Arbeiten diese Begriffe als sprachliche Fiktionen.
Transportiert wurden diese sprachkritischen Aufgaben nach der Methode der Konkreten Poesie, die durch ihren Gehaltsvollzug Paradigmenfunktion innerhalb der experimentellen Literatur besitzt.[xx] Die Prämisse Konkreter Poesie ist die, daß Sprache in ihr nichts anderes darstellen oder zeigen soll, als sich selbst; d.h. ihr Material: Präsentation statt Repräsentation der Sprache. Gegenüber dem Repräsentationsprinzip des Realismus wird von Vertretern experimenteller Literatur „nicht auf die Darstellung, sondern auf die Form, die der Darstellung vorausgeht, auf den materialen Aspekt der Sprache und Schrift, auf ihre phonetischen, grafischen, rhythmischen Qualitäten“[xxi] das Interesse gelegt. Die gestalterische Konzeption des Textmaterials wird auf den Bedeutungsträger >Sprache< selbst zugeschnitten, und nicht auf die konventionalisierte Bedeutung von Sprache. Die Sprache wird so weniger als Mittel, denn vor allem als Material angesehen. Ihre Präsentationsformen sind dabei als Purgierungs- oder „Reduktions-, Reproduktions- und Kombinations-verfahren [anzusehen], aus denen die Konkretisierungsprozedur besteht: Reduktion auf Elemente, Reproduktion sprachlicher Versatzstücke (Vorformulierungen, Zitate) und Kombination der Elemente zu neuen Konstellationen.“[xxii] In der Konkreten Poesie geht es um eine Metasprache; d. h. um eine Sprache, die die Sprache reflektiert. In dieser Sprachreflexion wird eine Präsentation von Sprache und Sprachelementen erwirkt, deren Repräsentations-charakter methodisch durch einen Materialisationsprozeß abgebaut wird.
Indem die Wiener Gruppe Konkrete Poesie[xxiii] nicht nur als literarischen Stil, sondern als Methode an sich übernimmt (der Dichter tritt zugunsten einer Sprachregelmechanik zurück), sind ihre Werke in Lyrik, Dramatik und Epik nicht einer konventionellen Texttypologie einreihbar, sondern vielmehr als einander über-greifende Schwellformen zu verstehen.[xxiv] In extremen Ausformungen Konkreter Poesie wird Sprache nach mathematischen Berechnungen entworfen, um den Eindruck entstehen zu lassen, daß sie sich selbst—ohne wesentliches Zutun des Dichters (und das war eine ungeheure Provokation gegenüber den Heimatdichtern Österreichs, die sich als geniale Sprachschöpfer empfanden)—erzeuge: Der „methodische >inventionismus< wurde entwickelt. eine art systematisierung der alogischen begriffsfolgen des radikalen surrealismus . . . möglichst dissoziierte begriffsgruppen werden von einer arithmetischen reihe . . . permutativ geordnet. das sprachliche material sollte auf diese weise aus dem kausalen begriffszusammenhang in eine art semantischen schwebezustand gebracht werden, auf >mechanischem< wege überraschende wortfolgen und bilder erzeugen.“[xxv] Diese Methode wurde von der Gruppe, wie von Bayer insbesondere in seiner Lyrik angewandt.[xxvi] Neben dem methodischen Inventionismus wurde die Montage eingesetzt: Das experimentelle Sprachinstrument der Montage (bewußt in der Literatur zum ersten Mal von Athanasius Kircher und Hugo Ball eingeführt), hatte ebenso zum Ziel tendentiell die klassischen Gattungsgrenzen zwischen Lyrik, Dramatik und Epik aufheben zu wollen. Sie wurde von der Wiener Gruppe, ausgehend von montierten Texten aus alten Konversationslexika, zu „eine[r] bewußte[n] gemeinsame[n] auseinandersetzung mit dem material sprache überhaupt“[xxvii] verwendet. Sie ist bei Bayer nicht nur im Rahmen von formal angelegten Romanen (>>der kopf des vitus bering<<[xxviii], >>der sechste sinn<<), sondern auch in dramatischen Skizzen zu finden.[xxix] Dadurch, daß epische, lyrische und dramatische Texte von der Gruppe durch die Methoden des Inventionismus und der Montage überarbeitet wurden, ist eine klassische Einteilung in Gattungen nicht möglich.[xxx]
Diese beiden Methoden machen die Leistungsfähigkeit des Paradigmas der Präsentation aus und grenzen es damit deutlich vom Modus der Repräsentation des traditionellen Realismus ab. Das gilt auch für experimentelle Erzählungen in Prosa. Durch die sprachkritische Ausstellung von Erzählungen in Prosa wird präsentiert, daß die realistische Intention, eine Auseinandersetzung einer Person mit ihrer Umwelt zu re-präsentieren, ein in sich aporetisches Unterfangen darstellt: Unumstößliche Begriffe des Realismus wie Subjekt und Wirklichkeit werden auf ihre sprachliche Abbildungsfähigkeit hinterfragt und kritisiert, bis sie schließlich selbst als sprachliche Fiktionen ausgemacht werden. Das soll mustergültig anhand des Romans >>der sechste sinn<< von Konrad Bayer nachgewiesen werden.
>>der sechste sinn<< ist - wie sein Titel das schon andeutet - ein bewußtseinsphilosophischer ‘Roman’[xxxi] und trägt autobiographische Züge[xxxii]: Das Leben in und im Umkreis der Wiener Gruppe, also das Leben als Experiment und die Hinterfragung des eigenen Ichs als willentliches Sprach- und Handlungsindividuum, wird thematisiert. Das zentrale formale Thema des Sprachexperiments wird inhaltlich an einem negativen Realismuskonzept festgemacht: Die Sprache erscheint hier nicht, wie in konventionellen Realismusdarstellungen der traditionellen Literatur, als abbildgetreues Vexierbild von Wirklichkeit, sondern die Bedingungen der Möglichkeit dieses Bildes wird anhand der Montagetechnik selbst geprüft und desavouiert. Die Sprache ist für Bayer im Medium des Experiments zugleich methodischer Inhalt ihrer Form. „[E]ine[r] Form, von der die Philosophen noch manches lernen können”,[xxxiii] wie Ernst Bloch dies nach einer Lesung Bayers meinte. Die experimentelle Romanform des „sechsten sinns” ist gekennzeichnet durch die (post)moderne Thematisierung der Unmöglichkeit von Wirklichkeits- bzw. Wahrnehmungskonzepten; der Zerissenheit des Ichs in der Welt. Die Krisis des modernen Bewußtseins wird dabei bei Bayer außerordentlich plastisch, in hochartistischen Sprachbildern wider die (konventionalisierte) Sprache selbst, dargestellt. Die sprachkritisch-literarischen Reflexionen zu Begriffen der Subjektivität, Sprache und Wirklichkeit ist hier unmittelbar auf eigene autobiographische Erfahrungen angewandt, wobei selbst hier das Prinzip einer Dichtungsmaschine (korrespondierend dem Prinzip der Montage) nicht abgelegt wird, sondern nur auf die Bedingungen erzählerischer Form angewandt wird: Die Methodik Konkreter Poesie, die es in der Materialisation und Präsentation von Sprache bewirkt, Subjektivität als sprachliche Fiktion auszuweisen, wird auf den Rahmen eines Erzählmusters übertragen. Die Sprachmechanik früher Texte kehrt nicht als Regelprozeß wieder, aber ist in ihren Grundprinzipien auch im Bayer´schen Romankonzept nachzuverfolgen: Der Dichter tritt nun insofern wieder zugunsten eines methodischen Konstruktions-plans zurück, da die sprachlichen Konventionen im traditionellen Roman hier einer Dekonstruktion unterliegen. Es gibt im >>sechsten sinn<< keinen Ich-Erzähler, es gibt ferner keine Identifikation des Autors mit einer entwickelten Figur, außerdem sind die Figuren voneinander nicht klar getrennt—in ihnen sind keine Identifikationsakte von Subjekten vorzufinden. So heißt es bezeichnenderweise in einer Passage:
„plötzlich steht oppenheimer vor mir und sieht aus wie braunschweiger, der wie dobyhal aussieht und der sieht aus wie nina, die wie weintraub aussieht, der wie lipschitz aussieht, der wie mirjam aussieht und die sieht aus wie der mann an der barriere da, der meine eintrittskarte sehen will. »he, sie«, sagt der. verdammt.“[xxxiv]
Der für das menschliche Individuum identitätsstiftende
Begriff >Ich< ist für Bayer eine sprachliche Fiktion, auf dem sich nur
illusorische Kommunikationsakte begründen können. Das läßt sich an der ‘Konversation’ zweier
‘Haupt’personen des Romans, dobyhal und goldenberg, ablesen:
»wer bin ich?« schreit dobyhal. er ist betrunken. »aber
ich«, flüstert goldenberg, seine augen sind geschlossen und hinter den lidern
haben sich die pupillen in kleine graue aber singende vögel verwandelt, was
niemand beweisen kann, weil sie doch unsichtbar geworden sind, »das sind wir
doch alle«, setzt goldenberg fort und die lider tun sich auf und entblössen die
beiden vögel die jetzt wieder augen sind und zwar beide, »jeder nennt sich so,
jeder heisst so, ich, das bist du und er und sie und die andern und jeder und
vielleicht auch die steine und die blumen, was weiss ich was die denken, und
noch schlimmer: auch gehen und grün und für und und . .« aber dobyhal, der gar
nicht zugehört hat, schreit weiter: »was heisst ich, was soll das sein, ist das
meine zehen & ich oder mein bewusstsein und was ist dann mein
unterbewusstsein? vielleicht die bibliothek der geheimliteratur, die versteinte
mystik dieses ichs meines ichs, hallo was heisst das?«[xxxv]
Es ist nicht so, daß Bayer die Möglichkeit der Verständigung vollständig leugnen würde, was er allerdings bestreitet, ist daß Sprache das adäquate Medium sei, in dem sinnvoll über Subjektivität und Identität mit anderen reflektiert werden kann; was zuletzt nicht eine Kritik an der traditionellen Literatur ist.[xxxvi] Diese inhaltliche Kritik—die oben angesprochene Hinterfragung von Subjektivität u. a.—wird formal durch die Methode der Montage gefestigt. Sie suggeriert Simultanität zwischen den Textpassagen und kann somit den Leser unmöglich zwischen Anfang, Mitte und Ende des Romans differenzieren lassen. Ein Beispiel von vielen: Indem Bayer etwa die Aussage „wo leben und eigentum bedroht werden“ von Anfang bis Ende des Romans in inhaltlich völlig verschiedene Textpassagen permanent montiert und in ihrer Finalität unerheblich variiert („[da] hören alle unterscheidungen auf“, „verlieren sich die unterscheidungen“, „treten die unterschiede aus der seiten-dekoration“)[xxxvii], ist der Leser gezwungen, kontextuelle Analogien zu ziehen, die einer kausale Abfolge von Ereignissen wie einer logischen und temporären Stringenz des Erzählstrangstrangs aber entgegenarbeiten.[xxxviii]
In der Wiener Gruppe,
und wir haben dies anhand Konrad Bayer explizit nachzuweisen versucht, ist das
übergreifende Moment ihres Werkes die Arbeit mit dem Sprachmaterial an sich.
Wird diese nicht als Teil der gesamten literarischen Arbeiten und
sprach-philosophischen Reflexionen um das Phänomen der Präsentation von Sprache
begriffen, gehen historisch und biographisch bemühte Interpretationen nur allzu
leicht fehl. Alle Textbefunde der Gruppe, die zwingend in das Interpretationsfeld
des Paradigmas der Repräsentationskrise
traditioneller Literatur verweisen, das sich als Hinterfragung der Bedingungen
der Möglichkeit von Sprache statuiert, können dann nicht mehr adäquat behandelt
werden, sondern müssen mit den kompensatorischen Werkzeugen der Historisierung
oder des Biographismus Mythos begradigt werden.
Zeittafel zur
Wiener Gruppe
1951/52:
Gründungszeit der Wiener Gruppe (Namensgebung von D. Zeeman). Um H.C. Artmann
beginnt sich ein Dichterkreis zu formieren, der sich in der Ausweitung
literarischer Mittel unter Kritik bisheriger literarischer Formen übt. Seine
nominellen Mitglieder sind: Friedrich Achleitner (Architekt), H.C. Artmann
(Poet), Konrad Bayer (Dandy), Gerhard Rühm (Musiker), Oswald Wiener (autodidaktischer
Philosoph). 1953:
Artmann formuliert seine >>Acht-Punkte-Proklamation des poetischen
Acts<<, eine radikale Poetologie des anything goes, die im Kern davon
handelt, „dass man Dichter sein kann, ohne auch irgendjemals ein Wort
geschrieben oder gesprochen zu haben.“ (zit. n. Bayer 1964a, 348). Mit dieser
radikalen Eigendynamik der Gruppe beginnt sich ab 1954
- 1957: Ein neues formales Bewußtsein für Sprache zu entwickeln. Es geht
nicht mehr um die bloße Inhaltlichkeit von Sprache an sich, sondern um die
formale Thematisierung der Bedingungen der Möglichkeit von Sprache.
Stichwort: Präsentation (Materialisation, Verdinglichung) statt
Repräsentation (Abbildung) von Sprache. Gemeinsam mit dem Bildhauer Marc
Adrian wird ein formales Dichtungsprinzip, der „Methodische Inventionismus“
entwickelt, das syntaktisch nach einem Zufallsverfahren Wortreihen und
-ketten bildet. Im formalen Spiegel des Experiments—qua negative konkrete
Poesie—sind Dialektgedichte (etwa H.C. Artmann: >>Med ana schwoazzn
dintn<< (1958)), Montagen (etwa Artmann/Bayer: >>11
verbarien<<) und schließlich das Literarische Caberet (etwa
Achleitner/Bayer/Rühm/Wiener: >>die kinderoper<<) als
Werkkategorien zu nennen. 1957/58:
H.C. Artmann, der gemäß seiner tiefen Wurzeln in der poetischen
Inhaltlichkeit von Sprache die Zeit formaler Experimente immer schon als eine
vorübergehende angesehen haben musste, verlässt die Gruppe. Wieweit das
Bayer, der in diesem Punkt kritischer Schüler Artmanns war, irritiert haben
musste, ist daran abzulesen, daß in seinen Darstellungen über die Wiener
Gruppe (1964 a, b), zum Ärgernis Rühms (SW 1, 345 ff.), dem gemeinsamen Weg
mit Artmann die breitesten Passagen einräumt werden. In diesem Zeitraum,
besonders aber ab 1959-1962:
beginnen sich auch für Bayer schwerwiegende inhaltliche Differenzen mit der
Gruppe, die sich schon zu zersetzen beginnt, abzuzeichnen. Es gibt zwar noch
Gemeinschaftsarbeiten (u.a. die Operette >>schweissfuss<< von
Bayer/Rühm,), die beiden >>literarischen cabarets<< (1958/59);
aber es verliert sich schon die dichterische Substanz. Der nicht wirklich
ernst zunehmende Lob des Kalauers wird vom nunmehrigen Chefideologen der
Gruppe, Oswald Wiener, verpflichtend eingeführt. 1959/60:
Wegen Bayers kritischen „Sehnsucht“ nach „Realismus“ (Achleitner in Schlösser
1993, 17 ff.) - in seiner ironischen Selbstsicht: „wegen unsittlichen
lebenswandels“ (Bayer 1964a, 355) - wird dieser sogar kurzfristig von der
Gruppe ausgeschlossen. Am stringentesten lässt sich diese Sehnsucht an seinen
Romanen, besser: Romanprojekten, ablesen, die mit Skizzen, wie: >>das
zimmer des admirals<< oder >>der scharze prinz<< (beides in
SW) in diese Zeit fallen und die die thematische Nähe zu Artmann noch
dokumentieren. Als verwirklichte Romane (wieweit diese in der experimentellen
Literatur als solche überhaupt zu bezeichnen sind), die zudem eine lange
theoretische Reflexionsphase über Literatur in sich tragen - und somit alle
Register experimenteller Verfasstheit von Realismus(verfremdungen), ohne
jedoch in bloßen Formalismus abzusinken, in sich tragen (und gerade dies
lässt die Meisterschaft Bayers besonders gegenüber Rühm und Wiener immer
wieder erkennen), sind zu nennen: >>der stein der weisen<<
(1954-1962), >>der kopf des vitus bering<< (1958-1960; index
1963) und schließlich >>der sechste sinn<< (1960-1964) (alle in
SW). 1964:
Freitod Bayers, die Wiener Gruppe hört zu existieren auf. Ein Mythos um die
Wiener Gruppe, wie um Konrad Bayer insbesondere, beginnt sich zu entwickeln. Quellen:
Sigel: SW = Bayer, Konrad: Sämtliche Werke. 2 Bde [I, II]. Hrsg. v.
Gerhard Rühm. ÖBV-Klett-Cotta, Wien 1985.>>autobiographische skizze<< (SW
1, 7f.), >>hans carl artmann und die wiener dichtergruppe<< (in
SW 1, 3477ff.= 1964a) sowie >>the vienna group<<
(SW 1, 356ff.= 1964b).
F.
Achleitner, H. Schlösser, Ein ständiger Prozeß der Uminterpretation, Ein
Gespräch mit Friedrich Achleitner über die Wiener Gruppe, ihre Folgen und
ihre Traditionen, in: Lesezirkel, 63/1993, 17 ff. M.
Adrian: inventionen. Linz 1980 [m.
e. Nachwort von G. Rühm]. H.C.
Artmann: acht punkte proklamation [1953].
In: G. Rühm: Die Wiener Gruppe...,
op.cit.. H.C.
Artmann: med ana schwoazzn dintn.
gedichtar aus bradnsee. Salzburg 1958. K.
Bayer: hans carl artmann und die wiener dichtergruppe [1964a]. In: h.c. artmann,
ein lilienweißer brief aus lincolnshire, gedichte aus 21 jahren. Ffm. 1969. K. Bayer: the vienna group [1964b]. Zuerst erschienen in: Times Literary Supplement, 3. 9. 1964,
784. K. Bayer: Briefe
an Verleger. Hg. v. U. Janetki, In: Sondern 4. Zürich 1979. O.P. G.
Rühm: vorwort [1965 = 1985a]. In: Konrad
Bayer, SW 1. G.
Rühm: Die Wiener Gruppe. Achleitner,
Artmann, Bayer, Rühm, Wiener. Texte. Gemeinschaftsarbeiten. Aktionen.
Reinbeck b. Hamburg 1985[2]. G.
Rühm: vorwort [1967]. In: Ders. (Hg.),
Die Wiener Gruppe...,op.cit. G.
Rühm: zur >wiener gruppe< in den fünfziger jahren - mit bemerkungen zu
einigen frühen gemeinschaftsarbeiten.<< In: Vom >>Kahlschlag<< zu >>movens<<: über das
langsame Auftauchen experimenteller Schreibweise in der westdeutschen
Literatur der fünfziger Jahre. Hrsg.v. J. Drews. München 1980. O.
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* Diese Arbeit wurde durch ein Wissenschaftsstipendium des Magistrats der Stadt Wien, Magistratsabteilung 18 (Stadtentwicklung und Stadtplanung / Gruppe Wissenschaft), gefördert.
[i] G.
Steinlechner, “Ehrenwerte Rebellen? Die Wiener Gruppe als ein Streit- und
Vorzeigeobjekt in der Debatte um eine neue österreichische Literatur” 202.
[ii] E. Gombrich, “weshalb wir unsere dichtung >konkrete dichtung< nennen”, zur sache der konkreten I. konkrete poesie 31 ff und 34 f.
[iii] G. Friedrich, Die Struktur der modernen Lyrik 13.
[iv]
K. Bayer, Sämtliche Werke. Bd 1, 14.
[v] H.C. Artmann, med ana schwoazzn dintn. gedichtar aus bradnsee 95.
[vi] Wieweit die Wiener Gruppe—sogar nach ihrer Auflösung, verursacht durch den Selbstmord Bayers (1964)—als Störer des literarischen Hausfriedens in Österreich betrachtet wurden, gibt das Beispiel des in den Printmedien hofierten Skandals um die Veröffentlichung ihres Gesamtwerks im Jahre 1967: Die subventionierten Staatsdichter Fink wie Eisenreich sprechen der Gruppe das Recht ab, Literatur gemacht zu haben. Cf. dazu: “Die Wiener Gruppe, Eine Kontroverse,” Neues Forum XV.I (1968): 237 ff.
[vii] Nicht nur ihre aktionistischen Auftritte im Rahmen des „literarischen cabarets“, sondern sogar die - im konventionellen Rahmen gehaltenen—Lesungen wurden vom Publikum abgelehnt: Während der Dichterlesung aus hosn rosn baa „mit den autoren [d.s.: artmann, achleitner, rühm] im mozartsaal des konzerthauses [kam] es zu einem kleinen pfeifkonzert und rufen wie >in die gaskammer<, >kulturschande< . . . übrigens wurde ich [Rühm] auf grund einiger gedichte in >hosn rosn baa< (vier jahre nach erscheinen des buches) verdächtigt, der opernmörder zu sein (aufsehenerregender lustmord an einem ballettmädchen) und musste mich der kriminalpolizei einem verhör unterziehen (schlagzeile im >express< morgenausgabe, mittwoch den 24. April 1963, >Opernmord: Wiener Mundartdichter muss wegen seiner Verse Alibi erbringen!<).“ G. Rühm, Die Wiener Gruppe. Achleitner, Artmann, Bayer, Rühm, Wiener. Texte. Gemeinschaftsarbeiten. Aktionen 30 f.
[viii] Cf. A. Okopenko, “Die schwierigen Anfänge österreichischer Progressivliteratur nach 1945,” Neues Forum 2/75: 1 ff.
[ix] H. Kallweit, “Textgeschichte im Wechselverhältnis mit der Sprachgeschichte: 4.3. Sprachwandel als literarisches Thema: experimentelle Literatur der Gegenwart,” Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung II.1 660.
[x] Cf. den diesbezüglichen Literaturbericht bei U. Janetzki: Alphabet und Welt. Über Konrad Bayer 9 f.
[xi] Für das Fehlen theoretischer Selbstverständigungsschriften während des Bestehens der Wiener Gruppe hat sich in der Sekundärliteratur der Erklärungsversuch Hartungs (Experimentelle Literatur und Konkrete Poesie 75) durchgesetzt: „Im Vergleich zur deutschen und schweizer Linie des literarischen Experiments ist [bei der Wiener Gruppe; Vf.] die geringe Neigung zur Theoriebildung bemerkenswert. Das mag verschiedene Gründe haben: die Tendenz zur Provokation, die durch theoretische Vermittlung entschärft worden wäre; die direktere, sinnlichere Beziehung zum sprachlicheren Material, gefördert u.a. durch Beschäfti-gung mit nicht-literarischen Disziplinen wie Musik (Rühm) und Architektur (Achleitner); und nicht zuletzt die Tatsache, daß es für die theoretische Reflexion ein Ventil im Gruppengespräch gab.“
[xii] Erschienen 1967, hier zit. n.: Reinbeck b. Hamburg 1985[2]. Cf.: G. Rühm: vorwort, Die Wiener Gruppe. Achleitner, Artmann, Bayer, Rühm, Wiener. Texte. Gemeinschaftsarbeiten. Aktionen 7 ff. und O. Wiener, “das >literarische cabaret< der wiener gruppe,” 401 ff.
[xiii] Cf. A. Lütze, Konrad Bayer, Vita 67 (Interview mit O. Wiener aus dem Lahre 1993).
[xiv] O. Wiener, “Einiges über Konrad Bayer. Schwarze Romantik und Surrealismus im Nachkriegswien” Die Zeit 17. Febr. 1978: 39 f.: „Er [scil. Bayer] war auch nicht in erster Linie ein Schriftsteller (dessen Leben dazu dient, ein Werk zu begleiten oder zu illustrieren); das meiste, was in Form von Anregungen und Ideen von ihm ausgegegangen ist, erscheint in seinen Schriften nicht, oder jedenfalls nur so tastend, wie es sich in den damals möglichen Formulierungen unterbringen ließ. . . . Konrad hat durch seine persönliche Anwesenheit und durch sein Gespräch weit stärker und folgenreicher gewirkt als durch seine Arbeit, die man seither als >Avantgarde< in die Traditionen gestellt hat, wie man es tut, um den >Dichter< aus Klischees zu synthetisieren.“
[xv] Cf. L. Baier, der bezugnehmend auf den o. zit. Artikel Wieners meint, daß Rezensenten es schwer mit Bayer haben, da diese „nur ein Buch in der Hand haben“, wo hingegen „Oswald Wiener ein Bild im Kopf hat.“ Ders.: Der >ganze< Konrad Bayer ist nicht der ganze. >Das Gesamtwerk< in einem Band. In: FAZ 15. 4. 1978, 34.
[xvi] Sämtliche Werke. 2 Bde, ed. Gerhard Rühm (Wien: ÖBV-Klett-Cotta, 1985). Nachfolgend zitiert als: SW.
[xvii] hair [pseud.], “Die Wiener Gruppe und vor allem Konrad Bayer: Gruppenfleiß und Bastlergeist,” M - Das Magazin 7/8 (1985): 70.
[xviii] O. Wiener, “Wittgensteins Einfluß auf die Wiener Gruppe,” die wiener gruppe (1987) 58 f.
[xix] Die Wiener für die Gruppe v.a. durch Wittgenstein provoziert sah. Cf. Ders.: “Wittgensteins Einfluß auf die Wiener Gruppe,” die wiener gruppe. (1987) 46 ff. Cf. auch dazu: U. Janetzki, Alphabet und Welt. Über Konrad Bayer 27 ff.
[xx] K. Bayer, the vienna group (1964): „our individual works, however, also began to manifest a common style; this was indeed the aim. Together we tackled the same themes [Sprachkritik und Prüfung der Bedingungen der Möglichkeit von Sprache; Vf.; Hervorh. ders.] from different aspects or according to different principles, tested out formal possibilities, discovered new methods and applied them.“ Zit. n.: Konrad Bayer: SW, 1, 356. Cf. dazu: A. Berger, “Zur Sprachästhetik der Wiener Avantgarde,” die wiener gruppe (1987) 30 ff.
[xxi] B. Steiner, “Wortpuzzle im Sprachlabor. Experimentelle Literatur hat verstanden, wer etwas mit ihr anzufagen weiß,” Wiener Zeitung, Abt. Literatur 8.
[xxii] Th. Kopfermann, Theoretische Positionen zur konkreten Poesie, XI.
[xxiii] Spricht man von der Konkreten Poesie in bezug auf die Wiener Gruppe, dann ist es allerdings wichtig festzuhalten, daß sie sich ihrer als methodisches Instrumentarium und nicht als allumfassende Lebensphilosophie bediente. Interpreten wie V. Suchy proklamieren statt dessen eine Einheit von Werk und Leben: „Die >Einwirkung moderner Denkdisziplinen< auf die Konkrete Poesie, von der Gomringer gesprochen hat, zeigt sich in ihrer besonders individuellen Ausgangswirkung bei Konrad Bayer und Oswald Wiener. [...] Bei ihren Experimenten mit der Sprache bezogen sie ihre eigene ein und überschritten mit dieser existentiellen und artistischen Konsequenz eigentlich schon die Grenzen des reinen Sprachexperiments. Bayer hat sosehr mit sich selber experimentiert, daß sein Selbstmord eine Folge davon war. Während Bayer die Destruktion gegen sich selbst gerichtet hat, so richtete Oswald Wiener diese gegen die Sprache.“ Suchy, “Konkrete und experimentelle Poesie in Österreich,” Literatur und Literaturgeschichte in Österreich 229 ff. und 240 f.
[xxiv] K. Strasser hat diese Hypothese besonders in bezug auf Konrad Bayer schlüssig nachgewiesen (Experimentelle Literaturansätze im Nachkriegswien. Konrad Bayer als Beispiel 47): „[D]as >lyrische Ich<, das wesentliche Element der lyrischen Subjekt-Objekt-Korrelation . . . [, tritt bei Bayer; Vf.] in den Hintergrund. Der Dichter wird durch den Monteur oder gar durch die >dichtungsmaschine< ersetzt.“ Tatsächlich wird dadurch „der besondere sprachlogische Ort der Lyrik aufgehoben und die Worte können genausogut fortlaufend, als Epik, notiert werden.“ Dies ist besonders bei dem lyrisch-epischen Versuch >>der vogel singt - eine dichtungsmaschine in 571 bestandteilen<< (SW 2, 135 ff.) zum Tragen gekommen.
[xxv] G. Rühm in SW 1, 10; cf. auch ders. in SW 376 wie M. Adrian 1980, pass. Zum methodischen Inventionismus, cf. auch Bayer in SW 1, 350.
[xxvi] >>die tänzer trommeln und springen<<, >>mit einer lanze will er den goldschatz finden<<, >>der kutscher sitzt auf dem tanzmeister<<, >>mit einem schwert aus reinem crystall<<, >>balsader binsam<< (SW 1, 54 f.) und >>der neunertz specken klaster<<,>>die jakobinermütze<< (SW 1, 64 f.) (alle anderen in SW 1, 52 f.). Zu den bedeutenderen lyrischen Texten und Montagen, die außerhalb der Inventionen entstanden sind, gelten: >>die vögel (kinderlied)<< (SW 1, 57 ff.), >>die oberfläche der vögel<< (SW 1, 63), >>das wasser steigt<< (SW 1, 63), >>er, der tag<< (SW 1, 77).
[xxvii] Cf. bes. G. Rühm in SW 1,10 f.; ders. in SW 1, 376; K. Bayer in SW 1, 354.
[xxviii] SW, 2, 167 ff.
[xxix] Cf. etwa: >>der berg<< (SW 1, 223 ff.), >>der see (1)/(2)<< (ib., 232 ff.), >>17.Juni 1962<< (ib., 246 ff.) und >>herr tanaka<< (ib., 285 ff.).
[xxx] Cf.: K. Strasser, Experimentelle Literaturansätze im Nachkriegswien. Konrad Bayer als Beispiel pass.
[xxxi] Bayer hat gegenüber einem seiner Verleger Otto F. Walter “die bezeichnung roman” für den >>sechsten sinn<< ausdrücklich „als hilfsbezeichnung“ ausgewiesen. (Briefe an Verleger n. pag.)
[xxxii] Dazu Rühm: „>der sechste sinn< ist zum grossen teil autobiografisch. konrad bayer hat ältere und jüngere ereignisse und eindrücke mehr oder weniger frei verarbeitet und ineinander verwoben; von seinem berliner tagebuch 1962, >die klare zeit<, findet sich etwas wieder, auch träume wollte er einbauen (vielleicht geschah das schon in gewissen passagen). die figuren sind schlüsselfiguren (goldenberg ist zweifellos er selbst), wobei sich in einzelnen figuren mehrere freunde verdichten und umgekehrt bestimmte freunde in mehrere figuren aufgesplittert sind, die mitunter auch seine eigenen gedanken und erlebnisse widerspiegeln. das gilt vor allem für dobyhal, oppenheimer und braunschweiger. andere figuren sind eindeutiger. so ist in neuwerk (der in einem teil des skripts ursprünglich als »arkner« auftritt) unschwer h. c. artmann zu erkennen, wie etwa in dem »lied« von neuwerk und goldenberg, das an artmanns stück >aufbruch nach amsterdam< anklingt und auf gewisse praktiken der gemeinschaftsarbeit hinweist (alternierendes assoziieren); hinter markus kremser ist padhi frieberger, hinter silberstein gerhard lampersberg, hinter weintraub friedrich hundertwasser versteckt.“ Ders. in: SW, 2, 366.
[xxxiii] E. Bloch, “Diskussionsbeitrag nach Bayers Lesung vor der Gruppe 47 [1963],” Konrad Bayer - Symposion 83 ff.
[xxxiv] SW, 2, 255. Oder noch radikaler SW, 2, 293: „plötzlich war goldenberg verschwunden. mitten im gespräch, mitten im satz hatte er sich in nichts aufgelöst, war vor den augen dobyhals verschwunden. er war weg, er war nirgends, einfach nicht da. verhöhnt brach dobyhal in tränen aus. goldenberg hatte seinen körper mit verrutschter nase am sofa liegen lassen. zornig trat dobyhal nach diesem popanz, da schien der hampelmann mit seinen milchigen augen zu grinsen. als er die puppe schüttelte, begriff dobyhal langsam sehr langsam, was man mit ihm getan, und im gefühl seiner ohnmacht warf er die puppe vom sofa .........“
[xxxv] SW, 2, 288 f.
[xxxvi] Es gibt immer wieder Textpassagen im >>sechsten sinn<<, wo Bayer sich über realistische Heimatliteratur lustig macht, wie etwa in SW, 2, 239: „der vogel fliegt. Die kuh grast. Das sind die freuden der einsamkeit.“
[xxxvii] SW 2, 211 und pass.: „die bäuerin blieb ungerührt im stil der jahrhundert-wende, obwohl es gerade ein paar minuten vor der essenszeit war. ein vornehm wirkender junger mann beobachtet uns. er klirrt im salon. sie lächelt kaum merklich. wo leben und eigentum bedroht werden, da hören alle unterscheidungen auf. nina, die auf dem toilettetisch lag, hatte ringe unter den augen und war voller haare.“ [Herv. Vf.]
[xxxviii] Cf. dazu: SW, II, 263: „dabei fiel goldenberg von einer zeit in die andere und er nahm keinen schaden. »was ist zeit?« krenek lässt nicht locker. »die zeit ist mein ruhekissen<<, sagte goldenberg. »du liegst ja garnicht«, entgegnete krenek, ein denker. »na eben«, bestätigte goldenberg von einem bein auf das andere hüpfend und implodierte.“ „zeit? staunte goldenberg und einige tage später, nachdem er sich die sache überlegt hatte, meinte er, ist nur zerschneidung des ganzen und durch die sinne, fügte er hinzu, als sie wieder darüber sprachen.“ (Ibid. 266)